bookmark_borderDagmar Fohl: Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt

„Wer ein Leben rettet, rettet die Welt.“ Diese Worte, die auch als Inspiration für den Titel des neuen Romans der Schriftstellerin und Historikerin Dagmar Fohl dienten, sind heute als Epitaph auf dem Grabstein des Portugiesen Aristides de Sousa Mendes zu lesen und erinnern an sein mutiges Engagement während eines der düstersten Kapitel der europäischen Geschichte. Der portugiesische Generalkonsul, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Bordeaux in Frankreich tätig war, rettete wohl etwa 30.000 Menschen das Leben, indem er denen, die sich auf der Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime befanden, unterschiedslos und bald auch gegen die ausdrücklichen Anordnungen des faschistischen Herrschers im eigenen Lande, António de Oliveira Salazar, Visa ausstellte und Berufsethos und Menschenwürde über den eigenen Vorteil und die eigene Sicherheit erhob. Doch obwohl Sousa Mendes das Ende des Zweiten Weltkrieges um einige Jahre überlebte, starb er einsam, verarmt und ohne von dem Regime, dessen autoritäre Herrschaft in Portugal noch bis zur Nelkenrevolution 1974 fortdauerte, rehabilitiert worden zu sein. Dies geschah auch unter demokratischen Vorzeichen erst in den späten 1980er und 1990er Jahren.

Die Autorin lässt in ihrer gut recherchierten Romanbiographie Sousa Mendes selbst in der Ich-Form sprechen und macht seine letzte Lebensphase zur Erzählsituation, aus der heraus ihr Protagonist auf sein Leben und seine Taten zurückblickt. Die chronologisch strukturierten Erinnerungen dieses zu diesem Zeitpunkt schwer kranken und gebrochenen Mannes sind zugleich Lebensbeichte und Testament. Und sie sind, neben (auto)biographischen Schilderungen und historischen Einordnungen von vielen Zweifeln und Reflexionen durchzogen, mit denen er bzw. in Wahrheit natürlich die Autorin sein Handeln von mehreren Seiten beleuchtet, seinen Beweggründen nachgeht und seine auch von Sorgen und Ängsten begleiteten Entscheidungsfindungen einer selbstkritischen Prüfung unterzieht. In dieser Form kann Dagmar Fohl einerseits die keineswegs selbstverständliche Menschlichkeit dieses Mannes würdigen und andererseits der Gefahr einer allzu unkritischen Heldengeschichte entgehen.

Indem die Autorin die Selbstanalyse in die subjektive Ich-Perspektive ihres Protagonisten verlagert, kann sie dessen Geschichte auch ohne äußere moralisch-ethische Bewertungen seines Verhaltens erzählen, das keineswegs zu jeder Zeit tadellos und vorbildlich war. Es gibt durchaus auch dunklere Seiten und einen inneren Zwiespalt in ihm. Das zeigt sich vor allem an Sousa Mendes‘ streng christlicher Lebensweise, die bei ihm einerseits mit einem bestimmten Menschenbild einhergeht, das ihn in seinem Handeln für die Verfolgten bestärkt, andererseits jedoch eine gewisse Bigotterie nicht ausschließt, wenn er trotz seiner kinderreichen Ehe mit einer liebenden, treuen und loyalen Frau an seiner Seite eine geheime Beziehung mit einer viel jüngeren französischen Geliebten führt. Sousa Mendes, der aus einem alten portugiesischen Adelsgeschlecht stammt und weitläufige Ländereien besitzt und noch einige Zeit monarchistische Ansichten vertritt, steht außerdem nicht von vornherein auf der Seite der Armen und Deklassierten. Umso eindrücklicher wirkt aber vielleicht auch sein Eintreten für die Flüchtlinge, die durch politische Willkür als Staaten- und Rechtslose ganz nach unten gedrängt wurden.

Ich will aufrichtig sein und nichts verschweigen. Auch ich besaß Ländereien. (…) Es gab immerhin eine Schule, und ich wies den Verwalter an, die Bauern gut zu behandeln. Aber was bedeutet das? Auch ein Teil meiner Einkünfte speiste sich aus der Arbeit der Bauern. Ich war niemals ein Landreformer, auch ich beließ alles, wie es war. Daran hatte selbst meine Tolstoi-Lektüre nichts geändert. Ich gab Almosen an die Armen, von denen ich lebte, und fühlte mich dabei als guter Mensch. (…)

Wie widersprüchlich kann ein Mensch sein? Der Mann, der ich hätte sein mögen, lehnte den Mann ab, der ich war, und doch lebten die beiden unzertrennlich zusammen.

Dagmar Fohl, Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt

Nachdem Sousa Mendes von den Vertretern des trotz vorgeblicher Neutralität mit den Nazis kollaborierenden Regimes nach Lissabon zurückbeordert worden war, dauerte es nicht lange, bis er seines Dienstes enthoben und angeklagt wurde. Es folgten viele verzweifelte und zunehmend bittere Jahre eines vergeblichen Kampfes gegen die Verarmung und für seine Rehabilitierung. Die Verstrickung des Regimes in den Krieg, ein persönliches Ressentiment Salazars gegen den befehlsverweigernden Aristokraten, das Fortdauern des Polizeistaates in Portugal — dagegen hatten Sousa Mendes, seine Familie und seine Freunde, keine Chance, dagegen prallte jedes seiner in vielen Briefen niedergeschriebenen ethischen Argumente gnadenlos ab. Trotzdem, so entnimmt man dem Zweifeln und Ringen des hadernden, leidenden Mannes, der fast am Ende seines Lebens und seiner Hoffnung angekommen ist, blieb ihm doch eine unerschütterliche Gewissheit. Sein sozialer Abstieg und seine politische Desillusionierung waren ein zweifellos hoher Preis, den zu zahlen er — auch auf Kosten seiner Familie — jedoch in seiner seelenforschenden Rückschau für sich als alternativlos (an)erkennt: Er musste so handeln, wenn er sich selbst und seine Menschlichkeit nicht verraten wollte.

Zwar zwingt die Ich-Form die Autorin bisweilen in ein selbst gewähltes Korsett, in dem manche Selbstbeschreibung etwas aufgesetzt und ungewollt eitel wirkt, etwa wenn sie Sousa Mendes selbst sein gutes Aussehen schildern lässt. Doch außer dieser kleinen Einschränkung wird hier ein menschliches Schicksal in seiner Zeit insgesamt glaubwürdig erzählt. Und vor allem auch mit viel historischem Hintergrundwissen, das einen sehr differenzierten Blick ermöglicht, der sich hinter den meist ganz einfachen und scheinbar locker herunterzulesenden Sätzen verbirgt. Man muss sich bewusst sein, dass diese Romanbiographie weniger handlungsreiche, schillernde Szenen bereithält als nachdenkliche Reflexionen, und sich darauf einlassen, dass das Romaneske an vielen Stellen von einem verständlich geschriebenen Geschichtsbuch verdrängt wird, das sich in die komplexeren Bereiche dieser historischen Epoche vorwagt und zeigt, wie sich auch andere Länder durch Kollaboration, Wegschauen oder Profitgier an den Verbrechen des Faschismus mitschuldig gemacht haben. Doch daran wird man, genauso wie auch an das vor diesem Hintergrund umso eindringlicher wirkende Beispiel von Sousa Mendes, noch lange, nachdem man das eher schmale Buch zuende gelesen hat, mit Erschütterung denken.

Bibliographische Angaben
Dagmar Fohl: Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt – Der portugiesische Oskar Schindler, Gmeiner (2020)
ISBN: 9783839227718

Bildquelle
Dagmar Fohl, Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt
© 2020 Gmeiner-Verlag GmbH, Meßkirch

bookmark_borderJulia Phillips: Das Verschwinden der Erde

Von der ersten Seite an lässt uns die Autorin lesend eine fremde Welt entdecken, die uns trotz der unzähligen Kilometer, die uns von ihr trennen, sofort auch unheimlich vertraut erscheint. Der Schauplatz der Geschichte ist Kamtschatka, diese Halbinsel ganz am asiatischen Rande Russlands, auf der es die faszinierendsten Naturformationen gibt, Vulkane, Geysire, schneebedeckte Steppen und wilde, exotische Tiere, Bären, Robben und Riesenseeadler. Doch indem auf psychologisch sehr stimmige Weise alles durch die Augen der Figuren gesehen, aus ihrem individuellen und eben auch zutiefst menschlichen Blick erzählt wird, wirkt außer der Landschaft nichts exotisch.

Die Amerikanerin Julia Phillips debütiert hier mit einem Roman, für den sie viele Jahre recherchiert hat, auch vor Ort, sie verbrachte einige Zeit in Kamtschatka, und das merkt man dem Buch an, das nicht nur fesselnd geschrieben ist, sondern auch ein differenziertes Porträt der Bevölkerung von Kamtschatka ist und sich mit seiner Geschichte auseinandersetzt.

Ausgangspunkt und erzählerischer Rahmen ist ein Kriminalfall: Zwei kleine russische Mädchen verschwinden bei einem Ferientagesausflug an den Strand von Petropawlowsk, zuletzt werden sie gesehen, als sie zu einem unbekannten Mann in den Wagen steigen. Doch obwohl sich dieser Entführungsfall wie ein roter Faden durch die Kapitel schlängelt, bezieht die geschickt konstruierte Geschichte ihre Spannung bei weitem nicht nur aus dem mutmaßlichen Verbrechen. Mindestens ebenso spannend ist das, was wir aus den einzelnen Kapiteln, in denen jeweils eine andere Figur im Vordergrund steht, vom Leben der Menschen in Kamtschatka erfahren, von ihren ganz persönlichen Schicksalen, ihren Ängsten und Sorgen, Hoffnungen und Plänen. In dreizehn Kapiteln, die mit Ausnahme des zusätzlich eingeschobenen Silvester-Kapitels von Monat zu Monat springen, erleben wir ein ganzes Jahr auf der Halbinsel: vom August, in dem die Mädchen verschwinden, bis zum Juli des folgenden Jahres. Und in jedem dieser Kapitel oder Monate erklingt eine neue Stimme, die auch eine neue Perspektive auf die Ereignisse und einige der bereits aufgetretenen Figuren wirft, die zur Freude des aufmerksamen Lesers immer wieder unerwartet in anderen Kontexten auftauchen.

So unterschiedlich das Alter, der Charakter, die persönliche Lebenssituation, die gesellschaftliche oder ethnische Herkunft der Figuren sind, eines ist allen diesen Stimmen doch gemeinsam: Es handelt ausschließlich um Frauen bzw. Mädchen, deren weibliche Perspektive die Autorin dank ihrer geschickten Erzählkonstruktion überzeugend in ihrer Vielfalt und Differenziertheit darstellen kann. In die komplexe Auseinandersetzung mit den verschiedenen Fremd- und Selbstbildern dieser Frauen lässt die Autorin auch die gesellschaftliche Position und die familiäre Verankerung mit hineinfließen, und ebenso die Geschichte des Landes, seinen keineswegs unproblematischen Übergang von der Sowjetzeit in die postsowjetische Gegenwart, sowie das auf einer kolonialen Unterdrückungsgeschichte und Vorurteilen beruhende Verhältnis von Indigenen, Russen und Einwanderern.

Ob es sich um eine aus einer indigenen Familie stammende junge Studentin handelt, die von ihrem russischen Freund aus der Ferne kontrolliert wird und sich eine Freiheit herausnimmt, die sie schier überwältigt; um eine Frau, die mit der von ihr erwarteten Rolle seit der Geburt ihres Kindes so überhaupt nicht klarkommt, die sich eingesperrt fühlt in ihrem Zuhause, in dem sie nurmehr Mutter oder Gastgeberin ist, und die sich in Lügen und Ausweichmanöver flüchtet, um ihrem Gefängnis momenteweise zu entkommen; oder um ein verzweifeltes junges Mädchen, dessen Beziehung zur besten Freundin in die Brüche geht, da deren Mutter der Meinung ist, sie sei als Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die beruflich viel unterwegs ist, kein Umgang für die eigene Tochter: Alle diese Geschichten, von denen eine jede ungemein aufrichtig und berührend erzählt ist, sind Variationen des Verschwindens, dem all diese Frauen in unterschiedlichsten Formen ausgesetzt sind und gegen das sie sich mit all ihrer Kraft aufzulehnen versuchen. Immer stehen die Figuren an einem Kipppunkt in ihrem Leben, an dem sie sich selbst, ihre Gefühle, ihr Verhalten, ihre Entscheidungen und Abhängigkeiten in Frage stellen, sie neu betrachten und bewerten, und das ist fast immer schmerzhaft, überwältigend, mutig, oft ungerecht, empörend und manchmal auch sehr traurig oder richtig tragisch.

Das Verhalten der Protagonistinnen wird im Übrigen durchaus ambivalent dargestellt, nicht immer denken und handeln sie so, wie man sich das wünschen würde, aber gerade dadurch gewinnen sie eine Eigenwilligkeit, die dazu beiträgt, sie aus einer einseitigen Opferrolle herauszuholen. Der erzählerische Akt wird dabei zu einem Akt der Selbstbehauptung, wie es besonders eindrücklich in der Rahmengeschichte der entführten Mädchen deutlich wird. Aljona, die ältere der beiden, erzählt ihrer Schwester Sofija vom titelgebenden Verschwinden der Erde, eine Legende, mit der sie die etwas nervige kleine Schwester beim Spielen am Strand erst erschrecken wollte und die sie nun etwas anders erzählt, um Sofija und sich selbst in der existentiellen Situation der Bedrohung Mut zu machen. So wird das Erzählen zur Überlebensstrategie, zum verzweifelten Protest gegen das Schweigen der Gewalt. Der Gewalt der Auslöschung, Unterdrückung oder Indifferenz, die viele verschiedene Gesichter hat und auf das Verhältnis von Frauen und Männern, Indigenen und Zuwanderern, aber auch von Mensch und Natur bezogen werden kann.

Ihr ausgeprägtes Stilgefühl lässt die Autorin intensive emotionale Momente erschaffen, ohne Pathos oder unehrlichen Kitsch aufkommen zu lassen. Immer konzentriert auf das Wesentliche, schreibt sie einfühlsam und kritisch, lebendig, realitätsnah und existenziell. Auch auf inhaltlicher Ebene gelingt es ihr, die Balance zu halten zwischen der literarischen Darstellung der Eigentümlichkeiten des Landes und seiner so vielfältigen Bevölkerung und der Individualität ihrer Figuren. So verknüpft sie die fiktiven Biographien mit der kolonialen und (post)sowjetischen Geschichte Kamtschatkas, um sie doch zugleich als ganz persönliche Schicksale zu gestalten, in die man sich als Leser wunderbar hineinfühlen kann. Und so wie ihre Protagonisten das, was ihnen in der Geschichte widerfährt, als existenziell erleben, so durchweht auch das ganze Buch der zugleich erdverbundene und befreiende Atem menschlicher Universalität.

Bibliographische Angaben
Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde, dtv 2021
Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda
ISBN: 9783423282581

Bildquelle
Julia Phillips, Das Verschwinden der Erde
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderSusan Sontag: Wie wir jetzt leben

Die große amerikanische Intellektuelle Susan Sontag kannte ich bisher so gut wie nur von den berühmten, geradezu ikonischen Fotografien, die es von ihr gibt. Fast schon paradox angesichts dessen, was die hochgeschätzte Essayistin über das Wesen der Fotografie und die moderne Bilderflut geschrieben hat. Anstatt mich daher aber in einer der neu erschienenen umfangreichen Biographien über sie in Interpretationen ihrer Persönlichkeit zu verlieren, habe ich mich von einem ebenfalls frisch erschienenen, ganz schmalen Band mit einer kleinen Auswahl an Kurzgeschichten aus ihrer Feder verlocken lassen, um mich dieser faszinierenden femme de lettres auf literarischem Wege anzunähern. Nach wenigen Stunden atemloser und beglückender Lektüre bin ich überzeugt, dass das der richtige Weg war.

Wie wir jetzt leben versammelt auf gut 100 Seiten nur fünf Texte, in neuer Übersetzung von Kathrin Razum, die den pointierten, flüssigen und von Text zu Text sehr wandelbaren Stil Sontags stilsicher ins Deutsche überträgt. Nur fünf eher kurze Texte, aber was für ein Genuss! Jeden einzelnen von ihnen habe ich sozusagen geistig inhaliert, stets kleine innere Juchzer ausstoßend über ein kühnes Formexperiment, einen überraschenden Blick auf eine Welt, der auch Jahre, Jahrzehnte später noch punktgenau und nicht minder schmerzlich ins Wesentliche trifft. Sontag nimmt auch in ihren literarischen Texten auf ihren eigenen gesellschaftlichen Kontext Bezug, doch auf eine existenzielle Weise, mit der sie die Zeit überbrückt und schreibend ins Herz und in den Geist von uns „jetzt lebenden“ Lesern dringt.

„Wie wir jetzt leben“ ist auch der Titel der ersten Kurzgeschichte des Bandes, in der sich die Autorin mit der Aidspandemie auseinandersetzt und sich dabei auf die Form des Diskurses über die Krankheit konzentriert. Das Schreiben über die gesellschaftlichen Implikationen von Krankheit kann man als eines der Lebensthemen von Susan Sontag bezeichnen, dem sie auch in essayistischer Form nachspürte, vor dem autobiographischen Hintergrund ihrer eigenen Krebserkrankung ebenso wie im Kontext der Entdeckung des sich weltweit ausbreitenden Aids-Virus. Hier lotet sie nun sprachlich virtuos in einem vielstimmigen Textkunstwerk auf literarischem Weg aus, wie man über die Krankheit spricht, über die Angst sich anzustecken und die schambehaftete Erleichterung, selbst nicht krank zu sein, sowie über den, der an ihr leidet, über sein seelisches und körperliches Auf und Ab, seine Stimmungen und Reaktionen. Dabei kommt jedoch der Erkrankte selbst nie zu Wort, bleibt auffällig abstrakt und unsichtbar, während sich die Stimmen der Besorgten, der Optimistischen, der Rücksichtsvollen, der sich Aufopfernden, der Distanzierten usw. geradezu überschlagen.

Überhaupt ist der Autorin an Sprache viel gelegen, deren Möglichkeiten und Grenzen sie in den hier versammelten Erzählungen immer wieder auslotet. So auch in dem formal experimentierfreudigen folgenden Text, in dem sie dem komplizierten Kommunizieren über das emotional oft so unmittelbare und zugleich mittelbare, weil zeitversetzte Medium Brief in vielfältigen Varianten nachgeht. Variationen über ein Bild aus der Oper Eugen Onegin, nämlich die Briefszene der Tatjana, wechseln sich ab mit erzählerischen Passagen oder Berichten über das Briefeschreiben in Grenzsituationen, wie aus einem abstürzenden Flugzeug oder im Gefängnis vor der unabwendbaren Hinrichtung. Es geht um ein geradezu existenzielles Schreiben im Kontext von Liebe und Tod, Verlassenwerden und nicht gelebten Möglichkeiten. Auch im dritten Text steht auf eine wiederum überraschend neue Art das Schreiben im Zentrum, diesmal als Frage nach dem Potential der Fiktion im Verhältnis zur Realität. Die eigentliche Geschichte ließe sich gewissermaßen auf einen einzigen Satz reduzieren, während ein reflektierender Kommentar sich raumgreifend in den Vordergrund drängt und ein im Grunde banales Alltagsereignis fiktional verdichtet.

In der vierten Geschichte tauchen wir in die Welt der Wirkmacht der Bilder ein und damit wiederum in ein Thema, mit dem sich Susan Sontag auch in essayistischer Form auseinandergesetzt hat. Die hier gewählte literarische Form ist die eines parabelhaften, teilweise auch augenzwinkernd komischen Gesprächs zwischen einem Vogel, der als unkender Unheilsbote auftritt, zugleich aber auch den sich in die luftigen Höhen der Freiheit schwingenden Künstler bzw. die Künstlerin Susan Sontag selbst verkörpert, und einem Vertreter der Gattung Mensch, namentlich einem Nachfahren Noahs. Dieser lebt mit seinen Artgenossen noch immer in einer Arche, die ihm ein Rückzugsort vor Katastrophen jeder Art zu sein scheint, während der Vogel ihn mit Bildern von einer bedrohlichen, gewaltsamen, krankenden Welt aus seiner lethargischen, verdrängenden Abwehrhaltung zu locken versucht. Erstaunlich und eigentlich sehr traurig, dass man keine Silbe an dieser Parabel ändern muss, um ihre Bedeutsamkeit für unsere Gegenwart zu erfassen, in der Kriegsgewalt und Zerstörung der Natur auch ebenso omnipräsent wie aus der Alltagswirklichkeit gerne verdrängt sind.

Schließlich gibt der fünfte und letzte, deutlich autobiographisch gefärbte Text mit dem Titel „Wallfahrt“ auch einen literarisierten Einblick in das Leben und die Persönlichkeit der Autorin. Wir erfahren von den Familienverhältnissen, Jugendfreundschaften und vor allem von der geistigen Reifung der ganz jungen Susan Sontag, die als Teenagerin zusammen mit einem Freund den von ihr verehrten Autor des Zauberberg Thomas Mann besucht, der zu dieser Zeit im südkalifornischen Exil lebt. Diese Wallfahrt wider Willen — Susan sträubt sich von vornherein dagegen, sich der gefürchteten Wirklichkeit des idealisierten Schriftstellers auszusetzen — hat in Sontags Nacherzählung auch eine große Komik, da ihr Besuch von einer geradezu panischen Scheu und Schamhaftigkeit dominiert wird, die ihre Schatten über den ehrwürdigen Wallfahrtsort in Pacific Palisades wirft. Über dieses früh erwachte Unbehagen angesichts der Kluft zwischen Werk und Autor hinaus entwirft Sontag hier auch ein spannendes Bild der künstlerischen Avantgarde im Amerika der 1940er Jahre, zeigt den prägenden Einfluss der Exilkünstler aus Europa und schildert mit ansteckender Begeisterung ihre Leidenschaft für die Musik Strawinskys oder Schönbergs, die sie damals in Kalifornien noch persönlich erlebte.

Für mich ist dieser kleine Band mit diesen fünf so unterschiedlichen literarischen Prosastücken eine wahre Entdeckung der Schriftstellerin Susan Sontag. Jeder dieser Texte gibt einen neuen Einblick in ihre Art zu schreiben und in ihre wache, scharfsinnige, aber auch stets offene, sich Widersprüchen und Zweifeln ausliefernde Art zu denken. Darüber hinaus bieten diese Texte eine inspirierende und wachrüttelnde Lektüre gerade auch für unsere turbulente Gegenwart. Es lohnt sich, in die darin aufgeworfenen Diskurse und Gedankenexperimente einzusteigen und sie weiterzudenken, sei es was den Umgang mit Krankheit in unserer Gesellschaft betrifft, die durch das Internet inzwischen ja noch viel immanentere Macht der Bilder oder unsere Neigung, gesellschaftliche Missstände oder sich anbahnende Katastrophen zu verdrängen.

Bibliographische Angaben
Susan Sontag: Wie wir jetzt leben, Hanser (2020)
Aus dem Englischen von Kathrin Razum
ISBN: 9783446267640

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