David Szalay erzählt in seinem Roman, der im Deutschen diesen schönen nachdenklichen Titel bekommen hat, ein Leben in Schlaglichtern. Im englischen Original ist der Titel ganz kurz, ja, er klingt in seiner Kürze fast brutal: Flesh (Fleisch). Das homophone englische Wort „flash“ blitzt hier im Gleichklang mit auf, und wirklich kommt es einem vor, als würde man ein in einem dunklen Raum präsentiertes episches Gemälde an verschiedenen Stellen in Scheinwerferlicht tauchen. Zwischen diesen blitzlichtartigen Momentaufnahmen, als die man die einzelnen Kapitel bezeichnen könnte, bleibt einiges im Dunkeln, zeitliche Leerstellen, die auf psychologische und vielleicht sogar ontologische verweisen.
Was Szalays Roman so besonders macht, scheint sein Bestreben, Gegensätzliches zusammenzubringen, und zwar auf eine im selben Atemzug provozierende und ganz selbstverständliche Weise. In einem Interview im Deutschlandfunk hat der in London aufgewachsene kanadisch-britische Autor, der ungarische Wurzeln hat, einige Zeit in Budapest verbrachte und heute in Wien lebt, den interessanten Satz fallen lassen, dass er in diesem Buch Alltag und Drama vereinen wollte. Das charakterisiert den auf dieser Grenze zwischen so unterschiedlichen Polen balancierenden Text ziemlich gut, der auf bezwingende Weise auch die beiden in den unterschiedlichen Titeln anklingenden Tonarten des Nachdenklich-Melancholischen und des Fleischlich-Materiellen bespielt.
István, der Held oder Antiheld dieser Geschichte, wächst im ungarischen Plattenbau auf. Er lebt mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung, geht zur Schule, macht, im Vergleich zu seinen Schulkameraden eher spät, erste sexuelle Erfahrungen. Die reißen ihn und die Leser des Buches jedoch mit ziemlicher Wucht aus der Eintönigkeit eines perspektivlosen Alltags heraus. Die Affäre des unerfahrenen Teenagers mit der viel älteren verheirateten Nachbarin endet gewaltsam. Das Drama bricht in den Alltag ein, doch nicht weniger entsteht der Eindruck einer beängstigenden Alltäglichkeit des Dramas. Schon in diesen fast ursprungsmythischen Anfangsszenen des Buches stellt sich ein mulmiges Gefühl beim Lesen ein, das einen die weitere Handlung über nicht mehr loslassen wird. Szalay erzählt von sexueller Initiation, von Körpern und einem Begehren, das mit Wärme und Liebe kaum etwas zu tun hat. Seltsam teilnahmslos lässt István sich von seiner Nachbarin verführen, die er anfangs geradezu abstoßend findet und die später ihn abstößt, als er sich und ihr einreden möchte, er habe sich in sie verliebt. Dass Anziehung und Ablehnung rasch umschlagen können, ist vielleicht die zentrale Grunderfahrung, die István hier verinnerlicht.
Noch als sehr junger Mann kommt István tatsächlich der Liebe einmal sehr nahe, er verliebt sich in seinen Stiefcousine, doch aus der Liebe wird nichts, vieles bleibt ungesagt und die beiden verlieren sich aus den Augen. István dient als Soldat — die Gewalt des Krieges ist eine der unheimlich nachhallenden Leerstellen in Istváns in Schlaglichtern erzähltem Lebenslauf — und wird in einer eigentümlichen Mischung von Kontingenz und Begleiterscheinung der sexuellen Anziehungskraft, die von ihm ausgeht, nach oben getrieben, vom ungarischen Plattenbau bis in die Londoner High Society. Er lässt es, fast unberührt von seinem unwahrscheinlichen Aufstiegsglück, mit sich machen, mit dem geltungssüchtigen Aufstiegswillen eines Maupassant’schen Bel-Ami hat er nichts zu tun. Er gleicht vielmehr einem Spielball, der nicht völlig teilnahmslos ist, doch Gefühle und einen eigenen Willen kaum zu äußern vermag. Es wird rasch deutlich, dass István die Sprache fehlt, doch fehlt ihm auch jeglicher Wille? Man blinzelt beim Lesen dieses von außen betrachtet dramatischen Aufstiegs, dem ein nicht weniger dramatischer Abstieg folgt, verwundert und auch verwundet. So unberührt wie der Protagonist sich gebiert, bleibt man als Leser nämlich keinesfalls. Es tut schon auch weh, zu verfolgen, wie dieser Mensch, der so passiv durchs Leben geht, der auf existentialistische Weise in die Wirklichkeit hineingeworfen ist, sich ohne aufzubegehren in alles fügt.
Istváns Passivität wirkt so verstörend, weil er eben nicht ins Handeln kommt und, auf die Gefahr hin, sich der Absurdität des Lebens auszusetzen, Verantwortung für sein Leben übernimmt, wie das die moralische Folgerung des Existentialismus war. István ist kein Sisyphus, er muss keine Steine rollen, um der Kontingenz des Daseins zu begegnen. Hinzu kommt die Undurchsichtigkeit, die den Charakter des so gar nicht gesprächigen Protagonisten umgibt. In meiner Lektüre ist er dennoch kein Mann ganz ohne Eigenschaften, ohne jegliche Psychologie. Diese vermittelt sich nur indirekt, so dass der Text, der versteckte Hinweise bereithält, in seiner Literarizität seinen Protagonisten besser durchschaut, als dieser sich selbst. So werden in die Erzählung fast beiläufig Beispiele eingestreut, die nahelegen, dass István eben doch so etwas wie ein Gewissen hat und dass er nicht wie schwerelos existiert, sondern dass das Gewicht der Vergangenheit unbewusst in seine Gegenwart hineinwirkt. Mehrmals beweist er seinen Mut, ohne ihn als solchen zu begreifen, wenn er etwa einen Unbekannten im Londoner Nachtleben vor Schlägern rettet. Auch im Krieg, das erfährt man später, eilte er, vergeblich, doch ohne Rücksicht auf seine eigene Unversehrtheit, dem getroffenen Freund zu Hilfe. Dass er ihn nicht mehr retten konnte, legte sich von da an wie eine unverzeihliche Schuld auf ihn. Man ahnt, dass dieses von außen betrachtet ungerechtfertigte Schuldgefühl ein Substitut für ein anderes, in seine Vergangenheit zurückreichendes und nie verarbeitetes Trauma sein muss, für die gerade in ihrer Unausgesprochenheit mythisch aufgeladene Ursünde des Totschlags, den er als Jugendlicher begangen hatte.
Das alles wird im Roman nicht erklärt, es erschließt sich einem durch das Gesamtbild, das der Text von seinem Protagonisten und seinen Handlungen und Nicht-Handlungen gibt. Leerstellen und Grauzonen durchziehen das Buch und sorgen für ein beunruhigendes Flirren, eine Spannung, die sich im Charakter Istváns konzentriert. Diese Figur, die man so gern moralisch fassen möchte, was der Text, sich jeder übergriffigen Psychologisierung entziehend, jedoch nicht zulässt, ist zugleich höflich und gewaltsam, zurückhaltend und direkt. In das zeitgenössische Profil toxischer Männlichkeit passt István nicht wirklich hinein, auch wenn er es in vielerlei Hinsicht streift. Er verführt und wird verführt, er begibt sich, in vielen Schattierungen, hinein in das Spiel des Begehrens zwischen den Geschlechtern. Was auffällt, ist, dass er sich niemals ganz auf sein Gegenüber einlässt, denn dazu müsste er ein Stück von sich selbst preisgeben. So sind die geschlechtlichen Beziehungen vielleicht auch nur eine Variante zwischenmenschlicher Beziehungen überhaupt, die immer wieder an der Unmöglichkeit echter Kommunikation scheitern. Nicht nur István, auch die meisten anderen Figuren sagen in den entscheidenden Momenten nicht das, was sie eigentlich sagen wollen. Weil zwischen István und seinem Stiefsohn Thomas kein Gespräch zustande kommt, kulminiert der Konflikt in einem Gewaltausbruch. Mit seinem leiblichen Sohn Jacob hat István ein gutes Verhältnis, solange dieser noch klein ist; als er dann in die Schule kommt und gemobbt wird, versucht der überforderte István recht hilflos ein Gespräch, das zum Scheitern verurteilt ist und eine Kluft zwischen ihnen aufreißt. Selbst in den von Männlichkeitsthemen ungehemmten Mutter-Sohn-Beziehungen des Romans gibt es viel Ungesagtes von beiden Seiten.
Trotzdem beschwört der Roman die verbale Kommunikation nicht als unerreichtes oder unerreichbares Allheilmittel. Es deutet sich in manchen zarten Szenen zwischen den Figuren auch an, dass es Situationen gibt, in denen das Verständnis nicht über die Sprache läuft, in denen Sprache vielleicht gar nicht nötig ist, um miteinander in Beziehung zu treten, um, momenteweise zumindest, zueinander zu finden. Was nicht gesagt werden kann lotet auch diesen nicht weniger flirrenden, spannungsreichen, manchmal auch zärtlichen Raum der Möglichkeit zwischenmenschlicher Bindung aus.
Letztlich aber bleibt dieser Roman ein Text über die Einsamkeit. Er zeigt sehr deutlich, wie man im Leben zwangsläufig mit der Schwere von Schuld und Verlust konfrontiert wird, während man die Liebe, die ihrem Wesen nach von flüchtigerer Leichtigkeit ist, ungleich schwerer zu fassen bekommt. Es scheint also nur konsequent, dass der Antiheld István keine wirkliche Entwicklung durchläuft. Gegen Ende des Romans äußert er zwar zum ersten Mal ein deutliches Nein, als ihm von außen eine neue Richtung seines Lebens aufgedrängt wird. Doch ob dieses Nein Selbstermächtigung ist oder aber Selbstzerstörung, Auflehnung oder Resignation, das hält der Text sehr bewusst in der Schwebe.
Bibliographische Angaben
David Szalay: Was nicht gesagt werden kann, Claassen 2025
Aus dem Englischen übersetzt von Henning Ahrens
ISBN: 9783546101509
Bildquelle
David Szalay, Was nicht gesagt werden kann
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin