bookmark_borderSiri Hustvedt: Ghost Stories — ein Buch der Erinnerung

Das erste Buch, das die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt nach dem Tod ihres Mannes, des amerikanischen Schriftstellers Paul Auster, geschrieben hat, scheint zunächst ganz in die Kategorie des Trauerbuches zu fallen, in dem sie ihre lange, ebenso romantische wie intellektuelle, und die in jüngerer Zeit vielleicht berühmteste, eheliche (Schriftsteller-)Beziehung verarbeitet, und es verwundert nicht, dass Paul A, der 2024 an Lungenkrebs gestorben ist, in diesen Ghost Stories als omnipräsente Hauptfigur herumspukt. Zumindest als eine davon.

Und es ist auch wirklich sehr berührend und erhellend, wie Hustvedt darin über Trauer schreibt. Mit Betroffenheits- und Ratgeberliteratur hat dieses Buch wenig zu tun. Schon in der Form ist es von großer Heterogenität. Hustvedt kombiniert Tagebucheinträge aus der Zeit der Krankheit ihres Mannes, E-Mails an Freunde, alte Liebesbriefe, die sie Paul geschrieben hat, und neuere Briefe, die dieser für seinen Enkel Miles verfasste, der wenige Monate vor seinem Tod geboren wurde, mit essayistischen Überlegungen über Krankheit, Tod, Trauer und (Weiter-)Leben. Durch eine solche Überlagerung und Kreuzung verschiedener Wahrnehmungs- und Zeitebenen macht Hustvedt in ihrem Buch auch die Heterogenität der Erinnerung selbst sichtbar.

In der Verbindung von emotionaler und intellektueller Tiefe, die ihren Text auszeichnet, fügt er sich im Übrigen gut in ihr bisheriges Werk, in dem Hustvedt immer wieder (Natur-)Wissenschaftliches und Literarisches zueinander in Beziehung setzt. Der titelgebenden Geistererscheinung von Paul etwa, die ihr nach seinem Tod im Zustand realitätserschütternder Trauer widerfahren ist, spürt sie unter Bezugnahme auf neurologische und psychologische Ansätze sowohl wissenschaftlich als auch literaturhistorisch und philosophisch nach, ohne dieses in der Trauerphase überraschend verbreitete Phänomen magischen Denkens esoterisch aufzuladen oder im Gegenteil als lächerliches Hirngespinst abzutun. Hier besteht sicher auch eine gewisse literarische und motivische Verwandtschaft von Hustvedts Text mit Joan Didions berühmtem Trauerbuch Das Jahr magischen Denkens, das 2005 erschienen ist und seinerseits die persönlichen Erlebnisse der Autorin mit medizinischen, psychoanalytischen und kulturtheoretischen Überlegungen verknüpft.

Was die Ghost Stories in meinen Augen zu einer besonders interessanten Lektüre macht, ist vor allem die Art, wie Hustvedt über die Schriftstellerbeziehung von Siri H und Paul A schreibt, in die sie intime Einblicke gewährt, die immer auch unter gesellschafts- und kulturpolitischem Aspekt in einen größeren Zusammenhang gestellt und als symptomatisch gelesen werden können. So denkt Hustvedt in diesem Kontext auch über Prominenz in der Literatur nach sowie über die unterschiedlichen Bewertungen von männlicher und weiblicher Autorschaft in der Öffentlichkeit. Man erfährt, wie sehr sich Siri und Paul intellektuell und literarisch beeinflusst haben, wie etwa einzelne Figuren vom Roman des einen zu dem des anderen wanderten, oder wie Paul philosophische Anekdoten, die Siri ihm erzählt hatte, fiktionalisierte und in seine Bücher integrierte. Die oft eher unbewusste kontinuierliche Intertextualität, die Siris und Pauls Werk verbindet, das macht Hustvedt in ihren Erinnerungen sehr deutlich, beruhte durchgehend auf Gegenseitigkeit, ging immer in beide Richtungen, so wie sich das Schriftstellerpaar, das sich sehr nahe gestanden haben muss, auch gegenseitig seine Manuskripte vorlas und einander jeweils der erste Lektor war.

Man kann beim Lesen durchaus ein bisschen neidisch werden auf diese intellektuell-erotische Verbindung zweier Menschen, die um drei Uhr nachts nach einer Party im Bett noch stundenlang angeregt über Wittgenstein reden, die einander ihren je eigenen Raum zum Schreiben ließen und doch in ständigem inspirierenden und mit Sicherheit sehr erfüllenden Austausch miteinander waren. Und gerade wenn man einige der Bücher der beiden kennt, ist es einfach spannend zu lesen, was Hustvedt von den Entstehungsgeschichten einzelner Werke erzählt. Vor allem machen diese Plaudereien aus dem Nähkästchen der New Yorker Schreibstube(n) nämlich ganz viel Lust auf die Texte beider Autoren. Ja, es ist auch ein poetologisches Buch, das Hustvedt mit den Ghost Stories ihren und Paul Austers Lesern vorlegt, doch ist es an keiner Stelle auch nur ansatzweise akademisch, sondern rundweg aus dem Leben gegriffen. Aus dem Leben der Beziehung der beiden Schriftsteller, die eine sehr tiefe gewesen sein muss und die durch die Erfahrung des Todes und damit des radikalen Wegbrechens des einen Partners aus der Beziehung auf die Geister-Ebene der schreibenden Erinnerung transzendiert wird — und die sich in jedem Satz der gegenwärtigen (auch politischen) Realität mitbewusst ist. Gestorben ist nicht nur Paul, so formuliert es Hustvedt einmal, sondern gestorben ist auch das „und“ aus der existentiellen Wortgruppe „Paul und Siri“. Romantischer kann man Verbundenheit kaum zum Ausdruck bringen.

Es ist schön in diesem Buch von einer guten Beziehung zu lesen. Von einer gänzlich unidealisierten guten Beziehung, die eine gewachsene ist, die Krisen mit einschließt und in und mit den Veränderungen lebt, die ein langes gemeinsames Leben zwangsläufig mit sich bringt. Eine dieser Krisen wird hier zum ersten Mal ganz erzählt, eine Geschichte, die Paul selbst nicht erzählen konnte, obwohl er in seine Romane viel Autobiographisches mit einfließen ließ. Aber manches ist zu überwältigend, zu intim, um es, auch in fiktionalisierter Gestalt, an die Öffentlichkeit zu bringen. Es ist die Geschichte von Paul Austers Sohn aus seiner ersten Ehe, der schwer drogenabhängig war und vor einigen Jahren den Tod seiner damals zehn Monate alten Tochter verantwortete und wenige Monate darauf selbst an einer Überdosis starb. Es ist ein tragischer Roman, den Hustvedt nun in ihre Ghost Stories integriert. Doch sie erzählt ihn, wie in Stellvertretung ihres Mannes, der darüber weder schreiben noch sprechen konnte, in einer sehr ehrlichen und antisensationellen Weise, die eine Gegengeschichte zu der reißerischen Geschichte darstellt, die damals im Medienrummel konstruiert wurde. Auf eine Weise, die, wie der ganze heterogene Text der Ghost Stories, berührt und die einen der Familie Hustvedt-Auster sehr nahekommen lässt, und die intime, aber nie entblößende Einblicke gibt.

So ist das Erinnerungsbuch, in dem Siri Hustvedt auf ihre Geschichte mit Paul Auster zurückblickt, sie abschließt und fortwirken lässt, viel mehr als ein Buch der Trauer. Es ist das sehr reflektierte und in lockeren und doch gut gestrickten, haltbaren Fäden gesponnene Buch einer Schriftstellerin, die im selben Atemzug Liebende ist, Familienmensch, Frau und Zeitgenossin, und die das Leben schreibend auf sehr anregende Weise in mehreren Ebenen zusammendenkt.

Bibliographische Angaben
Siri Hustvedt: Ghost Stories, Rowohlt 2026
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald
ISBN: 9783498007881

Bildquelle
Siri Hustvedt, Ghost Stories
© 2026 Rowohlt Verlag, Hamburg

bookmark_borderGiuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere

Was für eine Gefahr von einer Welt ausgeht, in der nicht mehr gelesen wird! Dass der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten demonstrativ jede Lektüre verweigert, hält der Politikwissenschaftler und Journalist Giuliano da Empoli als symptomatisch für unsere Gegenwart, in der autokratische Figuren und Systeme weltweit wieder an Macht und Einfluss gewinnen. In seiner so kurzweiligen wie erschreckend illusionslosen politischen Gegenwartsanalyse, Die Stunde der Raubtiere, zeigt er, wie aufklärend es hingegen sein kann, zu lesen und wiederzulesen, für diesen Essay etwa besonders eingehend Kafka und Machiavelli.

Giuliano da Empoli ist nicht nur ein Theoretiker, sondern hat in seinem Leben, unter anderem als Berater des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi, schon einiges an praktischer politischer Erfahrung sammeln können. Daraus schöpft er auch in diesem neuen Buch, in dem er uns Leser in Momentaufnahmen in die Welt der sichtbaren und unsichtbaren Mächtigen eintauchen lässt. Anders als sein letztes Buch über einen Berater Putins, Der Magier im Kreml, das inzwischen, mit einem Drehbuch des Goncourt-Preisträgers Emmanuel Carrère, verfilmt wurde, ist Die Stunde der Raubtiere kein wenn auch noch so nah an der Wirklichkeit entlang geschriebener Roman, sondern ein mit politikwissenschaftlichen, gesellschaftsanalytischen und philosophischen Überlegungen verknüpfter Erfahrungsbericht, in denen der Autor in mehreren Kapiteln verschiedene Stationen seiner Reisen durch die Welt der Mächtigen Revue passieren lässt. Vom Weißen Haus über Saudi-Arabien bis ins Silicon Valley war er an Situationen beteiligt, hatte er Einblick in Gespräche, in Konferenzen, die er als augenöffnend erlebt hat. Doch die Analyse von Macht, der Einfluss von scheinbaren Nebenfiguren auf dem Spielbrett der Mächtigen spielen auch in diesem neuen Text eine zentrale Rolle.

Die Form des literarischen Essays ermöglicht dem Autor eine freie, subjektive Herangehensweise an seine politische Analyse, die trotzdem niemals willkürlich wirkt und die, von der kleinen Situation, dem fast übersehenen Detail ausgehend und es entfaltend, einen umfassenden Blick auf unsere Gegenwart anstrebt, so dass man stets einen roten Faden ausmachen kann, der sich in vielen Schleifen und Kräuselungen stringent durch den Text zieht. Die essayistische Überwindung von Form- und Zeitgrenzen lässt Giuliano da Empoli aus der jahrhundertelangen Literatur- und Kulturgeschichte ebenso wie aus der Gesellschaftstheorie schöpfen und mit Metaphern arbeiten wie der von der Blutrünstigkeit der Raubtiere, deren Stunde — wieder einmal — geschlagen hat. Kafkas Prozess liest der Essayist Da Empoli als Antizipationsroman einer von Künstlicher Intelligenz durchdrungenen Welt, und im Rückgriff auf Machiavellis Traktat Il Principe, den dieser zu Beginn des 16. Jahrhunderts verfasste, arbeitet er Merkmale und begünstigende Kontexte eines gewissen wiederkehrenden Machttypus heraus: Machiavelli hatte beim Schreiben die historische Figur des Cesare Borgia vor Augen, einen skrupellosen Machtpolitiker, der keine Grausamkeit scheute, um seine Ziele zu erreichen. So wie dieser in der chaotischen politischen Lage der italienischen Kleinstaaten mit seinen brutalen Methoden triumphieren konnte, taten es ihm im Verlauf der Geschichte immer wieder andere gleich, von instabilen Krisenzeiten emporgetragene „Borgianer“, wie sie Da Empoli nennt, die ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Vor-Sicht die Gunst der unruhigen Stunde nutzen, durch eine interruptive Methode gewaltsamen Vorpreschens vor unseren verwunderten, schockstarren Augen mehr oder weniger unbehelligt ihre Macht zu etablieren.

Wieder einmal hat die Stunde der Raubtiere geschlagen, das ist der Anlass dieses Essays, der uns die Gegenwart und die Perspektive auf die Zukunft als einen gefährlichen Abgrund vorführt. Doch zeigen sich diese Raubtiere heute in verwandelter Gestalt, mit anderen Fallstricken bewaffnet. In der zweiten Hälfte seines Essays geht Giuliano da Empoli daher auch ausführlich auf die — mit einiger Berechtigung in diese metaphorisch aufgeladene düstere Begrifflichkeit gehüllten — Tech-Lords ein, in denen er die perfidesten und einflussreichsten Borgianer der heutigen Zeit sieht, ebenso wie er in der Technik der Künstlichen Intelligenz aufgrund ihrer Undurchschaubarkeit die größte Gefahr einer gar nicht so fernen Zukunft sieht. So wie die smarten Brillen von Meta, die schon auf dem Markt sind, jedem, der sie trägt, eine eigene Realität vorspiegeln, koppeln wir uns durch eine solche unhinterfragte Anwendung von KI immer mehr von der gemeinsamen politischen Wirklichkeit ab, verwandeln uns von mitdenkenden Individuen zu manipulierbaren Datensätzen, an die wir jede Verantwortung abgeben und die dann in undurchsichtiger und völlig verantwortungsloser Weise die Geschicke der Welt bestimmen:

Niemand weiß, wer die Entscheidungen trifft, das wissen nicht einmal die Entwickler. Das Einzige, was zählt, ist das Ergebnis – der Erfolg […] – vollkommen gleichgültig, wie man ihn errungen hat. Intransparent, undemokratisch ist die Macht der KI und damit hochgefährlich.

Giuliano da Empoli, Die Stunde der Raubtiere

Es ist ein scharfer Blick, der den Analysen von Giuliano da Empoli hier zugrunde liegt, die in ihrer Hellsichtigkeit ganz schön düstere Aussichten offenbaren. Das gegenwärtige Auftrumpfen von Autokraten, die weltweit wie Pilze aus dem Boden schießen, die vom Chaos profitieren und es herrschaftstauglich machen, hat eine Eigendynamik bekommen, die kaum aufzuhalten ist, während das, was zuvor für Ordnung und Orientierung sorgte, unabhängige Institutionen, Menschenrechte, Diplomatie, wert- und machtlos werden, keine Rolle mehr spielen. Was zählt, ist die blinde Aktion, das schnelle, überraschende, rücksichtslose Handeln ohne jede Voraussicht. Überlegen, Planen, Denken, Wissen, fundierte Kenntnisse sind, wie da Empoli schreibt, hingegen „deren schlimmster Feind“. Denn Borgianer sind

Organismen mit besonders guter Anpassung an turbulente Phasen, in denen ein politisches System mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert wird und wo Unsicherheit und Gefahr nur mit Schnelligkeit und Gewalt zu begegnen ist.

Giuliano da Empoli, Die Stunde der Raubtiere

Da Empoli hat keinen Ratgeber geschrieben und hält keine bei dieser Analyse auch nur naiv wirkende Utopie bereit. Trotzdem kann, wer das Buch nicht durch smarte Brillengläser konsumiert, sondern es wirklich liest, kleine, unsicher flackernde Lichtblicke aufscheinen sehen, die einen Weg aus der brutalen Logik der Raubtiere weisen könnten. So hat der Essay auf jeden Fall ein aufklärerisches Anliegen — sapere aude –, indem er uns einige gedankliche Anreize gibt. Wir sollen erkennen, was die Raubtiere so mächtig macht, wovon sie sich nähren, und das ist neben dem Chaos eben gerade auch das Nicht-Wissen, das sich inmitten der digital erzeugten Informationsflut nach Lust und Laune ausbreiten kann.

Über die Berater von Donald Trump etwa, „eine außerordentlich gut an die gegenwärtige Situation angepasste Lebensform“, schreibt Da Empoli, dass sie — und nicht nur sie — sich nicht leise, wie es vereinzelt geschieht, sondern „laut und deutlich darüber entrüsten [sollten], dass er nie liest“. Hier und an vielen weiteren Stellen des Essays versteckt sich ein eindringlicher Appell an uns Leser, uns nicht vernebeln zu lassen, von den Hetzreden der Autokraten so wenig wie von den einlullenden virtuellen Realitäten der künstlichen Intelligenz. Und wie wichtig es ist, uns immer wieder bewusst zu machen, dass wir mehr sind als ein manipulierbarer Datensatz, dass wir eine menschliche Spezies sind, Individuen, die in einer gemeinsamen bedrohten Wirklichkeit leben. Deshalb: legere aude!

Bibliographische Angaben
Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere, C.H.Beck 2025
Aus dem Französischen von Michaela Meßner
ISBN: 9783406838217

Bildquelle
Giuliano da Empoli, Die Stunde der Raubtiere
© 2025 Verlag C.H.Beck GmbH & Co. KG, München

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