bookmark_borderPier Vittorio Tondelli: Getrennte Räume

Vielleicht liegt es am Nachholbedarf, dass einige der leidenschaftlichsten Liebesgeschichten der jüngeren europäischen Literatur von schwulen Protagonisten erzählt und erlebt werden. Vielleicht wirkt die Erzählung einer Liebesleidenschaft, die heutzutage fast ganz in die Genreliteratur ausgewandert ist, in der homosexuellen Konstellation weniger klischeebeladen und glaubhafter, weil eine so lange verfemte, verheimlichte, tabuisierte Konstellation per naturam einen Bruch in die romantische Traditionslinie einschreibt? Eine andere, freilich Haken um gesellschaftliche Tabus schlagende Linie bringt im 20. Jahrhundert großartige Werke mit leidenschaftlich liebenden Protagonisten hervor. Man mag an André Gides L’Immoraliste denken, an Thomas Manns Tod in Venedig, an James Baldwins‘ Giovannis Zimmer. Bei Marcel Proust ist die homosexuelle Neigung als ebenso verbreitete wie abseitige Leidenschaft literarisch omnipräsent. Es gibt also durchaus literarisch glänzende Vorläufer, an die ein Gegenwartsautor wie zum Beispiel Tomasz Jedrowski motivisch anknüpfen kann; sein Roman einer homosexuellen Liebe im sozialistischen Polen, Im Wasser sind wir schwerelos, spielt in den 1980er Jahren, in denen wiederum der schon 1991 mit nur sechsunddreißig Jahren an Aids verstorbene Pier Vittorio Tondelli seine Romane, darunter auch Getrennte Räume, geschrieben hat; deren homosexuelle Figuren unterlagen, im Unterschied zu Jedrowskis im Jahr 2020 im englischen Original erschienenem Text, zu seinen Lebzeiten noch einer Zensur.

Unzensiert können wir Tondellis Roman Getrennte Räume, der in Italien zum ersten Mal 1989 veröffentlicht wurde, in einer für die deutsche Neuauflage aktualisierten Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel nun lesen und uns in die Geschichte einer Liebe hineinziehen lassen, die in der Konfrontation mit Tod und Vergänglichkeit ihre überwältigende Kraft entfaltet. Die zwei Protagonisten dieser Liebesleidenschaft sind Leo, ein italienischer Schriftsteller Ende 30, und der um einiges jüngere und in der Erzählgegenwart bereits verstorbene Geliebte Thomas, ein deutscher Musiker. An ihn, an die Anfänge ihrer Liebe, an die Höhen und Tiefen ihrer Beziehung, an die elende Krankheit des Geliebten, den er vor seinem Tod noch einmal im Krankenhaus besuchte, dessen Dahinsiechen er jedoch nicht bis zum Ende begleiten konnte, aber auch an Szenen aus seiner eigenen Kindheit und Jugend, erinnert sich Leo, der Trauernde und Schreibende, der für seine Trauer erst eine Sprache finden muss.

Aus Leos Perspektive, für die Tondelli auf einen personalen Erzähler zurückgreift, wird, in anfangs und stellenweise geradezu rauschhaften Erinnerungsbildern das Verlorene in die Gegenwart des Schreibenden und Lesenden heraufbeschworen. In einem Strom aus Worten werden Grenzerfahrungen geschildert, Grenzerfahrungen der Liebe und der Sinne, der Angst und des Drogenrausches. Dass diese schwindelerregenden Bilder eine große Wirkung entfalten, liegt am Gespür des Autors für das Tempo, das er zum richtigen Zeitpunkt zu steigern und wieder zu verlangsamen versteht. Nach rasanten Satzkaskaden, intensiven Gefühlen, Übewältigung kehrt wieder Ruhe ein, existentielles Erleben wechselt sich ab mit ruhigeren, stärker reflexiven Passagen. Grammatikalisch-stilistisch erreicht Tondelli das mit einem Wechsel vom wilden Präteritum des Erlebens in die nachdenklichere Stille des Präsentischen.

Der Text bleibt jedoch in jedem Modus fiktional, auch die Reflexionen über die Einsamkeit, das Getrenntsein von den anderen, haben nichts Essayistisches, sondern erwachsen ganz aus der Romanfigur heraus. Diese sieht sich nach dem Tod des Geliebten in eine große Rastlosigkeit und Einsamkeit hineingeworfen, eine Rastlosigkeit, die freilich schon zuvor sein kosmopolitisches Dasein zwischen den europäischen Metropolen charakterisierte. Einsamkeit und Rastlosigkeit nach Thomas‘ Tod sind jedoch anderer Natur, eine Einsamkeit ohne Fantasie, wird sie einmal genannt, und eine Rastlosigkeit, die auch eine des Denkens ist: Leo beginnt, sich und die Art der Beziehung, die er mit Thomas geführt hat, infrage zu stellen. Er erkennt, dass die Einsamkeit in Wahrheit schon ein Leben lang sein Begleiter war und ihren Schatten auch auf die Beziehung zu Thomas geworfen hat.

Er setzt sich gedanklich mit dem auseinander, was er im Nachhinein als Kernkonflikt ihrer Beziehung erkennt: das Verhältnis von Nähe und Distanz. Auf Betreiben von Leo hatte das Paar ein Konzept ausgearbeitet, um ihre Liebe am Brennen zu halten und Alltagskonflikten aus dem Weg zu gehen: das Konzept der titelgebenden getrennten Räume. Den Winter über sollten beide getrennt voneinander ihrer Arbeit nachgehen, den Sommer auf intensive Weise gemeinsam verbringen. In der Rückschau beschleicht Leo der Verdacht, dass er dieses Konzept auf Kosten seines Partners durchgesetzt hatte und Thomas mehr Nähe gewollt und gebraucht hätte. Und dass er selbst vor allem aus Angst gehandelt hatte, dass er aus einer letztlich egoistischen Vor-Sicht heraus das Bewusstsein der Trennung jederzeit aufrechterhalten wollte.

Den neuen Blick auf diesen romantischer Liebe nicht unbekannten Konflikt, das Feuer der Leidenschaft durch eine Ökonomie der Begrenzung zu schüren, erreicht Tondelli, indem er ihn aus der Perspektive einer nicht konventionalisierten Liebe erzählt. So gibt es für Leo und Thomas in der Gesellschaft keine oder kaum Vorbilder oder Modelle einer offen gelebten homosexuellen Beziehung jenseits bestimmter Milieus, keine Rollenbilder für ein alltägliches Zusammenleben zweier Männer. Am Sterbebett von Thomas etwa, an dem Leo nur kurz verweilt, um dann rasch wieder der offiziellen Familie Platz zu machen, gibt es keine anerkannte Rolle für ihn als liebenden Partner. Ist die Aufspaltung von verschiedenen Räumen des gesellschaftlichen Seins die Bedingung ihrer Liebe?

Da ein dauerhaftes Zusammenleben, sei es nun aus psychologischen oder soziologischen Gründen unmöglich scheint, treten Briefe an die Stelle der physischen Kommunikation. In diesen wollen sie eine ganz eigene Sprache für ihre Liebe finden, die die räumliche Trennung überwindet. Die Liebe, die im Moment ihres Kennenlernens ganz ohne Sprache auskam, verlagert sich in die Sprache. Doch ist Leos Hoffnung, auf diese Weise eine bisher unerzählte Geschichte selbst zu erzählen und zu schaffen, eine Illusion? Sie spiegelt jedenfalls das Schreiben des Autors selbst, der in diesem Roman eine Liebe in einer Offenheit erzählt, für die es im letzten Jahrhundert noch keine etablierten Erzählmuster gab.

Die Trennung, in ihrer radikalsten Form als Tod, erscheint in Tondellis Roman auch als Ausgangspunkt und geradezu als Bedingung für einen unverstellten Blick. An einer Stelle heißt es, Einsamkeit, Anderssein, Getrenntsein von den anderen sei die „tragfähigste Ader jener abgetrennten Wirklichkeit, die Kunst genannt wird“. Leo taucht nach Thomas‘ Tod in die Welt der Erinnerung ein, und er reist dafür auch in seine eigene Vergangenheit zurück. Für eine Weile kehrt er in sein Heimatdorf in der Emilia-Romagna zurück. Hier, auf dem Land, jenseits des rauschhaften und zugleich einsamen Großstadtlebens, öffnen sich ihm die Augen für eine Erkenntnis. In Rückblicken in seine Kindheit, seine Jugend, sein Studium begreift er, dass jede Außenseiterposition, die er eingenommen hat, in Wahrheit ein schmerzhafter Kraftakt für ihn war, weil sie wider seine Natur ging; eine Natur, die den meisten Menschen ja gemein ist, die sich lieber ins soziale Gefüge einordnen, als aus der Reihe zu tanzen und aufzufallen. Und er erkennt, dass diese Bevorzugung des Beobachtens, die auch in seiner Liebe, die gesellschaftlich aus der Reihe tanzte, an die Stelle des persönlichen Erlebens trat, auch eine Voraussetzung für seine Arbeit als Schriftsteller geworden ist.

Vergleicht man Tondellis Roman mit einem jüngst erschienenen Roman, der gleichfalls ein homosexuelles Liebespaar ins Zentrum des Geschehens rückt, Die Prozesse von Marius Goldhorn, so neigt man zu der Vermutung, dass die Zeit für die literarisierte romantische Liebe auch unter queeren Vorzeichen schon wieder vorbei ist. Vielleicht war sie auch nur ein vergebliches letztes Aufflackern einer Leidenschaft, die in Goldhorns in naher Zukunft spielendem Roman von allzu starken gesellschaftlichen und ökologischen Konflikten erstickt wird. Auch Die Prozesse sind ein Trauerbuch, einer der Partner stirbt, der andere geht, reisend, reflektierend, schreibend, damit um, doch der Ton ist ein ganz anderer als der mitreißende, sprachromantische von Tondelli. Bei Goldhorn hat die Illusionslosigkeit eine andere Dimension, so wie der Einzelne bei ihm nur noch im Kollektiv zu denken ist und das Politische jede Innerlichkeit überformt.

Bibliographische Angaben
Pier Vittorio Tondelli: Getrennte Räume, Gutkind Verlag 2025
Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel
ISBN: 9783989410343

Bildquelle
Pier Vittorio Tondelli, Getrennte Räume
© 2026 Gutkind Verlag GmbH, Berlin

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