bookmark_borderJulya Rabinowich: Mo & Moritz

Die in Russland gebürtige Wienerin Julya Rabinowich hat ein spannendes Jugendbuch geschrieben, in dem die erste Liebe zweier Heranwachsender zum Krimi wird. Ein Buch, das sich Romeo und Julia zum Referenztext erwählt, ebenso aber auch Taylor Swift ihren Zeitgeist mit hineintragen lässt. Und dem man verzeiht, dass seine Figuren auf den ersten Blick mit etwas schablonenhaften Attributen ausgestattet, ja aufgeladen sind, weil sie gleich einen ganzen Schwung an gewichtigen Gegenwartskonflikten unserer Gesellschaft abbilden sollen. Es geht in dieser dann überraschend zart erzählten Geschichte zweier Jungen unterschiedlicher Herkunft, die ihre Liebe füreinander entdecken und gleichzeitig verstecken müssen, um Homosexualität, um Flucht und Integration, um Antisemitismus, um vererbte und erlebte Traumata. Dass das alles nicht ins klischeebehaftete Drama kippt, verdankt sich der leichtfüßigen Erzählung, die das Heranwachsen mit all seinen Fragen und Nöten auf behutsame und immer wieder humorvolle Weise ernst nimmt.

Die Schablone ist natürlich Programm. Die Autorin konstruiert die Geschichte ausgehend von einer Symmetrie, die sich auch in den Namen der beiden Hauptfiguren zeigt. Beide werden Mo gerufen, mit Beginn ihrer gemeinsamen Geschichte nennt sich einer der beiden zur Unterscheidbarkeit dann mit seinem vollen Namen Moritz. Ebenso zeigt sich auch in der Handlung, dass die Brüche in den Symmetrien bedeutsam sind. Und dass sich umgekehrt auch hinter scheinbar unüberwindbaren Gegensätzen Symmetrien verbergen können. Im deren Zentrum stehen zwei Teenager, die sich bei einem wahrhaft ausgefallenen Ereignis, als welches zumindest allen Nicht-Wienern der Wiener Opernball erscheint, zum ersten Mal begegnen und ineinander verlieben. Der eine tritt dort recht souverän als Tanzpartner seiner Cousine auf, den anderen macht diese Glitzerwelt, in die er in seiner noch neuen Rolle als Friseurlehrling zum ersten Mal eintaucht, ziemlich nervös. Abgesehen von ihrem Namen könnten die sozialen und kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Jungen also kaum größer sein. Moritz kommt aus einer wohlsituierten jüdischen Familie, die seiner Homosexualität mit großer Selbstverständlichkeit begegnet. Mo wächst in einer muslimischen Familie auf, die nach gewaltsamen Kriegserfahrungen, Flucht und Einwanderung auf beengten Verhältnissen zusammenwohnt. Doch in diesen scheinbar gegensätzlichen Familiengeschichten verbirgt sich, wie es im Verlauf der Handlung allmählich zu Tage tritt, eine tief unter der Oberfläche lauernde und daher kaum greifbare, aber eben doch spürbare Symmetrie: die gestaltlose Symmetrie der tabuisierten Gewalt. In beiden Familien gibt es verschwiegene Traumata von Krieg und Verfolgung.

Da Mos personale Perspektive in der Erzählung vorwiegt, kommt uns seine Familie, die eingewanderte, für uns fremdere, sehr nahe. Man lernt auch seine Eltern und seine Geschwister kennen, sie werden einem, durch die Augen des Bruders, seine Liebe zu ihnen und seine Konflikte mit ihnen, vertraut. Durch den literarischen Perspektivwechsel fühlen wir uns ein in eine uns weniger oder kaum bekannte Lebens- und Erfahrungswelt, und auch in ein von außen sonst oft vorschnell verurteiltes, da fremdes und unverstandenes Verhalten und Handeln.

Wichtig für die Geschichte und ihre Erzählung ist aber auch der Schauplatz Wien, an dem sich diese unterschiedlichen Charaktere und Kulturen begegnen. Mit dem noblen Friseursalon, in dem sich Mo als Lehrling bewähren und lernen darf und in dem er Moritz wiedertrifft, spitzt die Wiener Autorin, die für ihre Figuren und Schauplätze beim Schreiben reale Vorlagen vor Augen hatte, das Ausgefallene, Eigenbrötlerische, Kuriose des Handlungsortes auf keineswegs klischeefreie und sehr charmante Weise noch zu, was ganz gewiss nicht wenig zu der humorvollen, Leichtes und Schweres, Stereotypes und Individuelles verschmelzenden Atmosphäre der Erzählung beiträgt. In diesem Salon gehen die Reichen und nicht unbedingt Schönen, aber Berühmten und Extravaganten der Wiener Gesellschaft ein und aus. Eine davon, eine ältere Dame, die Mo seit seiner ersten Begegnung mit ihr nur die „blaue Fee“ nennt, wird dem vor unlösbar scheinende Probleme gestellten Jugendlichen zur Vertrauten. Und auch der eigenwillige Saloninhaber, Herr Franz, stellt sich als sehr feiner Mensch heraus, der zu einer wichtigen Bezugsperson für Mo wird. Sie beide sind Personen, an denen der Heranwachsende sich reiben muss oder kann, die ihm Gutes wollen, ihn gerade deshalb aber auch fordern.

In eher ungewöhnlicher, sehr verschiedene Welten aufrufender Kulisse bedient der Roman doch das klassische Coming-of-age-Szenario, wie man es von einem Jugendbuch erwartet. Es geht um den Eintritt ins Erwachsenenleben mit all seinen Herausforderungen, darum, Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen, Mut zu zeigen, füreinander da zu sein. Und man fühlt und fiebert beim Lesen mit, beobachtet gespannt und letztlich beglückt die Entwicklung der Charaktere. Julya Rabinowich hat ihre Jugendlichen als starke Persönlichkeiten angelegt, die ihre Schwächen eingestehen und damit über sich hinauswachsen. So zeigt sie etwa auch, wie sie mit dem sehr unangenehmen Gefühl der Scham umzugehen lernen, das ja einerseits ein für Heranwachsende typisches Gefühl ist, in dieser Geschichte jedoch zugleich mit der Erfahrung von Diskriminierung verbunden ist.

Mo & Moritz ist eine lesenswerte Gegenwartsgeschichte, die ihren jungen Lesern die Einfühlung in das Nicht-Eigene und den Einblick in das Verbindende jenseits der Unterschiede ermöglicht, während sie sie mit einer spannenden Handlung in Atem hält, die auch noch Raum zum Schmunzeln lässt.

Bibliographische Angaben
Julya Rabinowich: Mo & Moritz, Hanser 2026
ISBN: 9783446287549

Bildquelle
Julya Rabinowich, Mo & Moritz
© 2026 Carl Hanser Verlag, München

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