John Irving: Königin Esther

John Irving, der amerikanische Meistererzähler mit dem Faible für unangepasste, schräg-liebenswerte Gestalten, lässt uns in seinem neuen Roman, Königin Esther, in die Lebensgeschichte eines (künftigen) Schriftstellers eintauchen und entwirft mit dem ihm eigenen Sinn für existentiellen Humor ein wendungsreiches Erzählpanorama, das mehrere Generationen und Schauplätze, von New Hampshire bis Wien und Palästina, umspannt.

James, genannt Jimmy, Winslow, dessen Talente (zuerst) im Ringen und (später entdeckt) im Schreiben liegen, ist das Kind zweier Mütter, Honor und Esther. Esther, mit dem sprechenden Nachnamen „Nacht“, ist seine leibliche Mutter, verschwindet jedoch kurz nach der Geburt aus New Hampshire, um von nun an (vielleicht) für den israelischen Geheimdienst zu arbeiten. Ihre Geschichte ist die zweite Lebensgeschichte, die in diesem Roman erzählt, oder eher, allerdings in kräftigen, nachwirkenden Strichen, angedeutet wird. Sie bildet den existentiellen Hintergrund auch für Jimmys Geschichte, und das kann man durchaus auch im übertragenen Sinne lesen. Denn Esther ist, wie ihre biblische Namensvetterin, eine jüdische Waise, deren Mutter aus Wien nach Amerika geflohen war, jedoch auch dort ihrem Schicksal nicht entkommen konnte und von amerikanischen Antisemiten ermordet wurde. Die kleine Esther landet im Kinderheim eines gewissen Dr. Larch, den Irving-Leser aus dem früheren Roman Gottes Werk und Teufels Beitrag kennen. Das ist nicht die einzige intertextuelle Anspielung in Königin Esther; auch Motive, die in anderen Romanen eine Rolle spielen, wie Queerness oder die Bedeutung von Körpertätowierungen, tauchen hier wieder auf. Esther, die als junges Mädchen von den Winslows aufgenommen wird und als Kindermädchen und Ziehtochter in dieser kinderreichen und lesefreudigen Familie aufwächst, hat eine aufgeklärte Einstellung zu allem Religiösen, sieht es aber als die ihr tradierte Lebensaufgabe an, ihr mütterlicherseits vererbtes Jüdischsein nachzuholen. Sie geht als junge Frau nach Israel, damals noch Palästina, und führt von da an ein Leben als Pícara. Ihre Wohnorte wechselt sie wie Hemden — die sie schon als Mädchen lieber trug als Blusen, denn sie ist eine selbstbewusste junge Frau. So hat sie auch einen genauen Plan für ihr Leben, zu dem gehört, dass sie für ihre Ziehschwester und Freundin Honor, deren Kindermädchen sie einst war, ein Kind bekommt.

Die Geschichte der Winslows, Nachfahren englischer Einwanderer, deren letzter, wenn auch nicht leiblicher, Sprössling eben Jimmy Winslow ist, wird vor allem im ersten Teil des Romans detail- und fabulierfreudig erzählt. Jimmys Großeltern sind beide sehr belesene und äußerst religions- und ideologiekritische und philanthropische Menschen, sie haben vier Töchter, für die sie jeweils Waisen als Kindermädchen zu sich nehmen, dessen letztes, für die jüngste Winslow-Tochter Honor, Esther Nacht ist. Im mittleren Teil ist Jimmy ein junger Mann, der, auch auf den Spuren seiner leiblichen Mutter, zusammen mit anderen amerikanischen Studenten, nach Wien geht. Die Jahre sind wild und prägend, Jimmy taucht nicht nur in ein (aus Laienperspektive) doch etwas speziell wirkendes Ringermilieu ein, sondern überhaupt in das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Freuden und Gefahren. Bei der schönen Annelies, die in etwas mysteriösem Kontakt zu seiner leiblichen Mutter steht, bekommt er Nachhilfe in Deutsch. Er verliebt sich unerwidert-unsterblich in sie, ein Kind bekommt er etwas später jedoch auf erfrischend unangepasste Weise von einer ganz anderen jungen Frau. In der Wiener Zeit macht Jimmy auch die Erfahrung echter Freundschaft, die ihn bald mit seinen Mitbewohnern, der lesbischen Jolanda aus Holland und dem schüchternen Claude aus Frankreich, verbindet. All die Figuren, die Jimmys Weg kreuzen, sind auf ihre Weise besonders, es sind fast immer Außenseiterfiguren, meistens liebenswert, manchmal aber auch bösartig, und viele von ihnen, vor allem die sehr couragierten Frauenfiguren, unvergesslich.

Als Jimmy wieder nach New Hampshire zurückkehrt, ist er selbst Vater eines Kindes zweier Mütter geworden. Geburt und Tod vollenden diesen modernen Bildungsroman, in dem Toleranz und Zivilcourage, zusammen mit der unerschütterlichen Grundhaltung eines überzeugten Nonkonformismus und ohne an Blutbande gefesselt zu sein, von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Familie und Freundschaft bilden ein eng und bunt geknüpftes Patchwork der Solidarität. Am Sterbebett seines Großvaters, des Englischlehrers, der in seinem Enkel einst den Samen der Literatur zu säen verstand, welcher, als der Jüngling in die (Wiener) Welt hinauszieht, in der Konfrontation mit dem echten Leben zu keimen beginnt, fängt Jimmy an zu erzählen…

Auf nicht unironische Weise ist die Erziehung des Herzens in diesem Roman mit der Reifung des Schriftstellers verbunden. Überhaupt macht der Humor, den man wahrlich existentiell nennen kann, den zugleich beschwingten wie schmerzhaft treffenden Grundton des Buches aus. Ein letztes Beispiel: Jimmys Mutter Honor, die ihren Sohn über alles liebt, möchte um jeden Preis verhindern, dass er eines Tages in den Krieg ziehen muss. Sie stellt Jimmy vor die Alternative, eine Frau zu schwängern, um als Vater eines Kindes nicht eingezogen zu werden, oder sich während eines Ringkampfes die Kniescheibe zertrümmern zu lassen. Natürlich überspitzt John Irving hier das Verhalten seiner Figuren, dennoch handelt es sich nicht bloß um ein hyperbolisches Mittel, eine Figur zu charakterisieren und die Handlung in eine bestimmte Richtung zu treiben. Wahnsinnig ist nicht eigentlich die Mutter, die derart radikal über den Körper ihres Kindes verfügt, sondern die gewaltsame Welt, die durch die Kriegserfahrungen im 20. Jahrhundert nicht besser oder klüger geworden ist. Tatsächlich kündigt sich im Verlauf der im Mittelteil in den 1960er Jahren spielenden Handlung mit dem Vietnamkrieg schon bald ein neuer blutiger Krieg an. Der künftige Schriftsteller James stellt die Argumentation seiner Mutter übrigens nicht grundlegend infrage, sondern kommt zu dem Schluss, dass er ein versehrtes Knie weit lieber in Kauf nehmen würde als eine versehrte Hand.

Bibliographische Angaben
John Irving: Königin Esther, Diogenes 2025
Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg und Eva Regul
ISBN: 9783257073676

Bildquelle
John Irving, Königin Esther
© 2026 Diogenes Verlag AG, Zürich

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