bookmark_borderJohn Irving: Königin Esther

John Irving, der amerikanische Meistererzähler mit dem Faible für unangepasste, schräg-liebenswerte Gestalten, lässt uns in seinem neuen Roman, Königin Esther, in die Lebensgeschichte eines (künftigen) Schriftstellers eintauchen und entwirft mit dem ihm eigenen Sinn für existentiellen Humor ein wendungsreiches Erzählpanorama, das mehrere Generationen und Schauplätze, von New Hampshire bis Wien und Palästina, umspannt.

James, genannt Jimmy, Winslow, dessen Talente (zuerst) im Ringen und (später entdeckt) im Schreiben liegen, ist das Kind zweier Mütter, Honor und Esther. Esther, mit dem sprechenden Nachnamen „Nacht“, ist seine leibliche Mutter, verschwindet jedoch kurz nach der Geburt aus New Hampshire, um von nun an (vielleicht) für den israelischen Geheimdienst zu arbeiten. Ihre Geschichte ist die zweite Lebensgeschichte, die in diesem Roman erzählt, oder eher, allerdings in kräftigen, nachwirkenden Strichen, angedeutet wird. Sie bildet den existentiellen Hintergrund auch für Jimmys Geschichte, und das kann man durchaus auch im übertragenen Sinne lesen. Denn Esther ist, wie ihre biblische Namensvetterin, eine jüdische Waise, deren Mutter aus Wien nach Amerika geflohen war, jedoch auch dort ihrem Schicksal nicht entkommen konnte und von amerikanischen Antisemiten ermordet wurde. Die kleine Esther landet im Kinderheim eines gewissen Dr. Larch, den Irving-Leser aus dem früheren Roman Gottes Werk und Teufels Beitrag kennen. Das ist nicht die einzige intertextuelle Anspielung in Königin Esther; auch Motive, die in anderen Romanen eine Rolle spielen, wie Queerness oder die Bedeutung von Körpertätowierungen, tauchen hier wieder auf. Esther, die als junges Mädchen von den Winslows aufgenommen wird und als Kindermädchen und Ziehtochter in dieser kinderreichen und lesefreudigen Familie aufwächst, hat eine aufgeklärte Einstellung zu allem Religiösen, sieht es aber als die ihr tradierte Lebensaufgabe an, ihr mütterlicherseits vererbtes Jüdischsein nachzuholen. Sie geht als junge Frau nach Israel, damals noch Palästina, und führt von da an ein Leben als Pícara. Ihre Wohnorte wechselt sie wie Hemden — die sie schon als Mädchen lieber trug als Blusen, denn sie ist eine selbstbewusste junge Frau. So hat sie auch einen genauen Plan für ihr Leben, zu dem gehört, dass sie für ihre Ziehschwester und Freundin Honor, deren Kindermädchen sie einst war, ein Kind bekommt.

Die Geschichte der Winslows, Nachfahren englischer Einwanderer, deren letzter, wenn auch nicht leiblicher, Sprössling eben Jimmy Winslow ist, wird vor allem im ersten Teil des Romans detail- und fabulierfreudig erzählt. Jimmys Großeltern sind beide sehr belesene und äußerst religions- und ideologiekritische und philanthropische Menschen, sie haben vier Töchter, für die sie jeweils Waisen als Kindermädchen zu sich nehmen, dessen letztes, für die jüngste Winslow-Tochter Honor, Esther Nacht ist. Im mittleren Teil ist Jimmy ein junger Mann, der, auch auf den Spuren seiner leiblichen Mutter, zusammen mit anderen amerikanischen Studenten, nach Wien geht. Die Jahre sind wild und prägend, Jimmy taucht nicht nur in ein (aus Laienperspektive) doch etwas speziell wirkendes Ringermilieu ein, sondern überhaupt in das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Freuden und Gefahren. Bei der schönen Annelies, die in etwas mysteriösem Kontakt zu seiner leiblichen Mutter steht, bekommt er Nachhilfe in Deutsch. Er verliebt sich unerwidert-unsterblich in sie, ein Kind bekommt er etwas später jedoch auf erfrischend unangepasste Weise von einer ganz anderen jungen Frau. In der Wiener Zeit macht Jimmy auch die Erfahrung echter Freundschaft, die ihn bald mit seinen Mitbewohnern, der lesbischen Jolanda aus Holland und dem schüchternen Claude aus Frankreich, verbindet. All die Figuren, die Jimmys Weg kreuzen, sind auf ihre Weise besonders, es sind fast immer Außenseiterfiguren, meistens liebenswert, manchmal aber auch bösartig, und viele von ihnen, vor allem die sehr couragierten Frauenfiguren, unvergesslich.

Als Jimmy wieder nach New Hampshire zurückkehrt, ist er selbst Vater eines Kindes zweier Mütter geworden. Geburt und Tod vollenden diesen modernen Bildungsroman, in dem Toleranz und Zivilcourage, zusammen mit der unerschütterlichen Grundhaltung eines überzeugten Nonkonformismus und ohne an Blutbande gefesselt zu sein, von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Familie und Freundschaft bilden ein eng und bunt geknüpftes Patchwork der Solidarität. Am Sterbebett seines Großvaters, des Englischlehrers, der in seinem Enkel einst den Samen der Literatur zu säen verstand, welcher, als der Jüngling in die (Wiener) Welt hinauszieht, in der Konfrontation mit dem echten Leben zu keimen beginnt, fängt Jimmy an zu erzählen…

Auf nicht unironische Weise ist die Erziehung des Herzens in diesem Roman mit der Reifung des Schriftstellers verbunden. Überhaupt macht der Humor, den man wahrlich existentiell nennen kann, den zugleich beschwingten wie schmerzhaft treffenden Grundton des Buches aus. Ein letztes Beispiel: Jimmys Mutter Honor, die ihren Sohn über alles liebt, möchte um jeden Preis verhindern, dass er eines Tages in den Krieg ziehen muss. Sie stellt Jimmy vor die Alternative, eine Frau zu schwängern, um als Vater eines Kindes nicht eingezogen zu werden, oder sich während eines Ringkampfes die Kniescheibe zertrümmern zu lassen. Natürlich überspitzt John Irving hier das Verhalten seiner Figuren, dennoch handelt es sich nicht bloß um ein hyperbolisches Mittel, eine Figur zu charakterisieren und die Handlung in eine bestimmte Richtung zu treiben. Wahnsinnig ist nicht eigentlich die Mutter, die derart radikal über den Körper ihres Kindes verfügt, sondern die gewaltsame Welt, die durch die Kriegserfahrungen im 20. Jahrhundert nicht besser oder klüger geworden ist. Tatsächlich kündigt sich im Verlauf der im Mittelteil in den 1960er Jahren spielenden Handlung mit dem Vietnamkrieg schon bald ein neuer blutiger Krieg an. Der künftige Schriftsteller James stellt die Argumentation seiner Mutter übrigens nicht grundlegend infrage, sondern kommt zu dem Schluss, dass er ein versehrtes Knie weit lieber in Kauf nehmen würde als eine versehrte Hand.

Bibliographische Angaben
John Irving: Königin Esther, Diogenes 2025
Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg und Eva Regul
ISBN: 9783257073676

Bildquelle
John Irving, Königin Esther
© 2026 Diogenes Verlag AG, Zürich

bookmark_borderLavie Tidhar: Adama

Literatur vermittelt Wirklichkeit auf einer anderen Ebene, als es journalistische Nachrichten und Geschichtsbücher tun. Dennoch kann sie, wenn sie die Balance zwischen emotionaler und reflexiver Kraft hält, das Bewusstsein für eben diese Wirklichkeit mit Klingen schärfen, die tiefer in uns dringen als so manche an uns abprallende Informations- und Bilderflut. Adama, das neue Buch des israelischen Schriftstellers Lavie Tidhar, das auf den ersten Platz der Jahres-Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur gewählt wurde, ist so ein Text. Adama ist ein historischer Thriller, hat mit klassischer Genreliteratur jedoch nichts zu tun, sondern ist einfach ein ungeheuer gut geschriebenes Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite den Verstand auf Hochspannung hält.

In fast jedem der 15 Teile des Buches, aus der Perspektive verschiedener, familiär miteinander verbundener Figuren in verschiedenen historischen Augenblicken erzählt, wird man mit einem neuen Verbrechen konfrontiert, das sich in ein die Generationen übergreifendes Gewaltpanorama einfügt. Die verschiedenen Handlungsfäden mit ihren verschiedenen Perspektiven bilden ein sich Seite für Seite verdichtendes und doch locker gesponnenes Netz, das, ohne auszuufern, die Geschichte des 20. Jahrhunderts umfasst und die Komplexität einer gewaltsamen Wirklichkeit in Gestalt eines stilistisch prägnant konstruierten Erzählgewebes darzustellen vermag. Verwirrende historische Gemengelagen und scheinbare gesellschaftspolitische Absurditäten werden in Adama auf diese literarische Weise ganz anders als in einem Sachbericht durchleuchtet.

Was einen sofort in den Roman hineinzieht, sind nämlich seine mit wenigen Strichen, in wenigen Szenen so menschlich gezeichneten Figuren, in deren Ambivalenz man geradezu hineinkatapultiert wird. Es ist ein intensives Lektüreerlebnis, wenn das Menschliche, das einen zu ihnen hinzieht, fast unmerklich von einer Grausamkeit unterwandert wird, wenn die Figuren von einer Gewaltspirale erfasst werden, die übermächtig scheint. Das Paradoxe wird möglich: Man kommt den Figuren in ihrem Existentialismus ganz nah, erfährt mit ihnen die Absurdität und Intensität des Lebens, man beginnt, jede einzelne von ihnen zu mögen, mit ihr und um sie zu bangen — man versteht sie, auch wenn man vor ihrer Gewalt zurückschreckt und ihr Verhalten ablehnt. Mit den Spannungsthemen Zusammenhalt und Verrat, Idealismus und Gewalt, Gemeinschaftsdenken und Existentialismus fühlt man sich an Don Winslows Mexiko-Trilogie erinnert, in der einem ans Herz wachsende und zugleich abstoßende Figuren in eine gewaltsame Umgebung hineingeworfen sind, in der es fast keine andere Chance gibt, als diese Gewalt zu verinnerlichen. Vielleicht hat Lavie Tidhar in Adama noch eine etwas poetischere Sprache gefunden, zwischen den Dialogen und der Gewalt gibt es immer wieder auch kurze Stellen mit Naturbeschreibungen, die einen in das Land Israel versetzen, eine Atmosphäre greifbar machen, ein Sehnen, ein Flirren in der Luft.

Zeitsprünge, auch innerhalb der Kapitel, verstärken die Wirkung der gewaltsam-verwirrenden Epoche, deren Porträt Adama ist. Zweiter Weltkrieg, Palästinakrieg, Sechstagekrieg, Yom-Kippur-Krieg sind der wechselnde Hintergrund, vor dem sich die Handlungen ereignen und deren chronologische Abfolge die gut belegte Wahrheit der Geschichtsbücher ist, die mit der Wahrnehmung der Protagonisten jedoch nicht zwangsläufig übereinstimmt. In a-chronologischen Sprüngen erzählt Lavie Tidhar in Adama die Entwicklung seiner aus vier Generationen stammenden Figuren von Kindern zu jungen Erwachsenen — viel älter werden die meisten von ihnen nicht. Gewalt hat eine zersplitternde Wirkung, im physischen wie im psychischen Sinne, und bringt ethische wie rationale Maßstäbe aus dem Lot. Auch die Einheit des Ortes, wie man im Theater sagen würde, wird gesprengt. Zwar konzentriert sich ein Großteil der Handlung auf Israel, doch führen immer wieder Erzählstränge nach Europa, auch nach Amerika. Ausgehend von der „heiligen Erde“ (adama) eines sich selbst versorgenden und verteidigenden Kibbuz, in dem die Fäden der Handlung immer wieder zusammenlaufen, verlieren sie sich doch immer wieder. Flieh- und Anziehungskräfte konkurrieren miteinander, für die einen ist der Kibbuz ein Ideal, ein sicherer Hafen, anderen ein Gefängnis oder ein uneinlösbares Versprechen. Wenn das Auseinandergesprengtwerden ein oder vielleicht das zentrale Motiv des Romans ist, ist ein Erzählen in Sprüngen nur folgerichtig. Unmöglich erweist es sich jedenfalls, die Geschichte eines Landes wie Israel, sei es historisch oder räumlich, isoliert zu betrachten, und alle Landes- und Zeitgrenzen erscheinen auf die eine oder andere Weise artifiziell.

Tod und Sterben sind in Adama omnipräsent. Es gibt mehrere Sterbeszenen, die Figuren sterben durch Krankheit, Unfall, Krieg und Verbrechen, sie erleiden Gewalt — und sie fügen sie auch anderen zu, aus den verschiedensten Motiven, von denen Selbstverteidigung und Rache nur zwei Beispiele sind. Das zu lesen ist hart, aber es ist nie sensationsheischend, nie pathetisch und auch nie gefühllos. Adama rüttelt einen wach, konfrontiert einen mit dem Unbequemen, lässt einen nachdenken über Gerechtigkeit, über Rache, Selbstjustiz, Trauma und über das richtige Leben, so wie auch die Figuren keine unreflektierten Sprösslinge eines gewaltsamen Milieus sind, sondern sich selbst viele Frage stellen:

Warum musste ausgerechnet er [Lior, der einen Unfall überlebt] der einzige Überlebende sein? Und warum hatten Yael und Israel nicht allein sterben können? Sie hatten nicht das Recht gehabt, ihm so etwas anzutun, zu sterben in seiner Gegenwart und ihn zu dem zu zwingen, was er getan hatte.

Lavie Tidhar: Adama, S. 349 (12 Das Ende der Straße – Ophek – Sinai, 1976)

Oder:

Was waren Opheks [der zum Auftragsmörder wird] Verbrechen im Vergleich zu dieser alten Grausamkeit, was war er anderes als eine Fortsetzung der Geschichte, eine Zeile einer Seite, die immer und immer wieder neu geschrieben wurde?

Lavie Tidhar: Adama, S. 361 (2 Das Ende der Straße – Ophek – Sinai, 1976)

So schwarz die Schatten von Gewalt und Krieg in Adama sind, ist es kein völlig düsteres Buch, was an der bereits erwähnten die Poesie streifenden Sprache ebenso liegt wie an den Figurenzeichnungen. Hinzu kommt, dass man wie nebenbei einiges über jüdisches Leben in und außerhalb Israels erfährt, über israelische Traditionen, Feste, und über das teils utopisch, teils überholt anmutende Leben in einem Kibbuz, von der sozialistischen Organisation der Arbeitsteilung bis zum gelebten Ideal einer jüdischen Gemeinschaft, die über biologische Familienbande hinausgeht, weshalb die Kinder schon im Säuglingsalter gemeinschaftlich statt nur von den Eltern betreut werden.

Für die einen ist der Kibbuz Trashim, wie er in Adama heißt, ein Zuhause, die anderen wollen ihm entfliehen, was allerdings nur selten gelingt. Die Verwurzelung in der jüdischen (Schicksals-)Gemeinschaft ist tief, so tief wie auch die Verwurzelung in der Vergangenheit, deren Bande fast unlösbar scheinen. Einige, wie Shosh, die Schwester der ältesten Protagonistin, Ruth, die ihrerseits die überzeugteste Verteidigerin des Kibbuz ist, wandert, nachdem sie den Nationalsozialismus und den Hunger und die Grausamkeit in verschiedenen Lagern überlebt, nach Jahren ihre Schwester in Israel wiedergefunden hat, im Kibbuz ein Kind bekommen und nicht nur einen Mann verloren hat, schließlich nach Amerika aus, von wo nur noch die ein oder andere Postkarte im Kibbuz bei ihrer Tochter eintrifft, die sie zurücklassen musste.

Shosh dachte an Anna Klug, wie sie in einem Keller in Landsberg in einer Blutlache lag. Sie dachte an die Lager. Die Welt hatte eine Waffe aus ihr gemacht, aber sie konnte sich immer noch entschließen, keine zu sein, dachte sie. Sie wollte Licht, Musik und hübsche Kleider und Dinge! Sie wollte Dinge. Sie wollte einen Mann, der ihr niemals Vorträge über das ‚Proletariat‘ hielt. Sie wollte ein Kind, das ihr gehörte, nicht dem Kibbuz.

Lavie Tidhar: Adama, S. 250 (6 Die Geier – Shosh – Kibbuz Trashim, 1952)

Shosh will der Gewaltspirale entkommen, in die sie sich hineingezogen fühlt, sie will ihre Träume leben, und so wie ihr ergeht es eigentlich allen der Protagonisten. Sie haben Hoffnungen, Sehnsüchte, die radikal gebrochen werden oder aber deren Verwirklichung unendlich Kraft kostet. Einige von ihnen verkaufen ihre Seele, lassen ein Stück von sich zurück, um sie zu erfüllen. Ihnen allen wird auf die eine oder andere Weise Gewalt angetan oder sie werden zum Zeugen von Gewalt. Nicht darüber sprechen zu können, stellt sich als ein intergenerationelles Trauma heraus, das bei einigen von ihnen dazu führt, dass sie selbst anderen Gewalt antun.

Lior wollte nicht Pilot werden. Er wusste nicht, was er werden wollte. Er wollte ausholen und jemandem weh tun. Er wollte jemandem Schmerzen zufügen als Ausgleich für den Schmerz, den er empfand und über den er nicht sprechen durfte. Man musste ein Mann sein. Das Land verlangte Opfer. Ruths Stimme, Ruths Worte. Und auf ihrem Regal lauter Bilder von toten Männern.

Lavie Tidhar: Adama, S. 332 (11 Yom Kippur – Lior – Kibbuz Trashim, 1973)

Die schon erwähnte Ruth aus der ersten Generation, von der erzählt wird, überlebt fast alle Protagonisten. Sie war schon vor dem Krieg nach Palästina ausgewandert und wurde Mitgründerin des Kibbuz Trashim, um dessen Fortbestand sie ihr Leben lang, auf zugleich bewundernswerte wie furchteinflößende Weise, auch mit Mitteln der Selbstjustiz, kämpft. Eine gewisse emotionale Verhärtung scheint ihr Preis für das Überleben zu sein.

Bis auf Ruth erlebt man die allermeisten Figuren als Kinder und als ganz junge Menschen. Das macht es so hart, ihre Schicksale beim Lesen mitzuerleben, mitzuerleben etwa, wie ein kleiner aufgeweckter Junge voller Fantasie, der seinen Lebenstraum, Zauberer zu werden, mit bemerkenswerter Konsequenz verfolgt, schließlich zum Auftragsmörder wird. Es macht die Lektüre gleichzeitig aber auch so schön, wenn sie uns sprachlich verlebendigt in ihren Sehnsüchten wie in ihren Schmerzen so nahe kommen.

Momentan wirkt es wie eine Utopie, aber hoffen wir, dass irgendwann in Israel keine Kinder mehr zu hebräischen Pirschern erzogen werden, sondern Zauberer werden können.

‚Der hebräische Pirscher!‘, sagte er. ‚Klein und gefährlich, er greift nur an, wenn er sich bedroht fühlt. Seid selbst der Skorpion. Habt Mut. Wir werden diesen Krieg gewinnen, so wie alle anderen auch. Ich selbst…‘ Er schweifte ab zu einer Geschichte über den Krieg 1948. Sie hatten sie alle schon hundertmal gehört. Und auch Skorpione hatten sie alle schon hunderte gesehen. Sie wussten, dass man nicht einfach Steine umdrehen durfte, man musste sehr vorsichtig sein.

Lavie Tidhar: Adama, S. 334 (11 Yom Kippur – Lior – Kibbuz Trashim, 1973)

Bibliographische Angaben
Lavie Tidhar: Adama, Suhrkamp 2025
ISBN: 9783518475164

Bildquelle
Lavie Tidhar, Adama
© 2026 Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin

bookmark_borderOmri Boehm: Israel — eine Utopie

Kaum eine internationale politische Situation scheint so verfahren wie die Lage von Israel und Palästina. Und jetzt fuhrwerkt auch noch der amerikanische Präsident in der ohnehin schon fragilen Konstellation herum und stiftet die israelische Regierung geradezu an, die vom Rest der Welt seit Jahrzehnten mühsam verfolgte Möglichkeit einer Zweistaatenlösung beiseite zu fegen und in Form offensiver Siedlungspolitik einen weiteren gewaltsamen Schritt in Richtung eines vergrößerten israelischen Staates zu gehen.

Omri Boehm, israelischer Jude, deutscher Staatsangehöriger und in den USA lehrender Philosoph, der über Kant promovierte, sieht in diesem scheinbar radikalen Bruch mit der bisher verfolgten Strategie zur israelisch-palästinensischen Konfliktlösung nicht nur die sich zuspitzende Gefahr der Eskalation, sondern im Gegenteil auch eine Chance des Denkens, das sich mit der längst nurmehr pro forma, aber als alternativlos proklamierten Zweistaatenlösung in seinen Augen in einer Sackgasse verirrt hatte, die längst keine realistische Option mehr versprach.

Für die Sache brennend und scharf analysierend, zugleich differenziert und ohne Überheblichkeit, entwirft Boehm auf der philosophischen Grundlage eines universalistischen und humanistischen Denkens seine kühnen Gedanken zu einem möglichen Ausweg aus dem Konflikt, zu einer Utopie, die aber seiner Ansicht nach ein deutlich realistischeres Potential hat als die gegenwärtige Politik, und die zudem nicht aus dem Nichts kommt, sondern an politische Ansätze des frühen Zionismus anknüpft, die heute in Vergessenheit geraten sind.

Sein schmales Buch ist eine radikale Analyse des israelischen Selbstverständnisses, das Boehm wahrlich auf Herz und Nieren prüft und das bei vielen Empörung auslösen dürfte, hinterfragt er doch sehr deutlich scheinbar fundamentale Selbstverständlichkeiten des sich in erster Linie als jüdisch verstehenden israelischen Staates. Schon im Vorwort warnt der Autor — und richtet sich dabei explizit auch an seine deutschen Leser — vor den Fallstricken, in denen man sich verfängt, wenn man Israels Politik aufgrund der Vergangenheit des Holocaust mit anderem Maße misst und seiner Meinung nach durchaus berechtigte Kritik vermeidet:

Er [Kant] und andere Aufklärer neigten dazu, couragiert für einen aufklärerischen Universalismus einzutreten, dann aber die Juden als ein diesem Universalismus fremdes Element und damit als das „Andere“ der Aufklärung zu denken. Das ist die Falle, von der ich spreche, und man sollte nicht ein zweites Mal hineintappen, indem man eine allgemeingültige Ethik formuliert, und dann die Juden als Ausnahme behandelt.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

Boehm plädiert für eine Rückkehr zu Kant — und macht das auch zum Ausgangspunkt seiner überzeugenden Argumentation; nicht zu Kant als Privatperson, der nicht frei war von antisemitischen Vorstellungen, sondern zu Kants Philosophie. Diese Rückkehr zur Vernunft steht im Übrigen nicht im Gegensatz zur religiösen Tradition, ist vielmehr auch eine Rückkehr zur hinterfragenden Kritik der frühen jüdischen Rabbiner, wie er betont. Mit Foucault spricht er hier auch von „parrhesia“, dem Mut zur Wahrheit, so dass sich der Kreis zum Aufklärer Kant wieder schließt.

Seine Forderungen erscheinen dennoch auf den ersten Blick fast skandalös: Anstelle der vom israelischen Staat praktizierten jüdischen Erinnerungspolitik verlangt er eine Politik des Vergessens — aber eben als Bedingung der Möglichkeit eines neuen, gemeinsamen Erinnerns aller in Israel lebenden Menschen, von Juden, Christen und Arabern. Denn das auf einem, wie er schreibt, sakralisierten Holocaust basierende ethnisch-jüdische Souveränitätsverständnis stehe einem Staat, in dem Juden und Palästinenser als israelische Staatsbürger friedlich zusammenleben könnten, im Weg. Und sei außerdem auch weder liberal noch demokratisch, führe vielmehr zu einem Ausschlussdenken, das die ohnehin explosive Lage in der Region weiter befeuert. Der Gewaltspirale zwischen Arabern und Juden, den Racheaktionen und Ressentiments ist schwer zu entkommen, aber mit einer gespaltenen Identitätspolitik, in der jeder nur seine eigene Erinnerung zulässt, geradezu unmöglich. Deshalb, so sein Plädoyer, sollte man die Erinnerung an den Holocaust entnationalisieren, und gemeinsam mit den Palästinensern auch der so genannten Nakba gedenken, der gewaltsamen Zwangsumsiedlung und Vertreibung unzähliger Araber im Zuge der Staatsgründung 1948.

Die Nakba ist für Boehm auch ein wesentliches Argument gegen eine Zweistaatenlösung, lässt sich doch kaum verhandeln, wo überhaupt die Grenze zwischen den zwei Staaten verlaufen sollte, wenn schon das Israel in den Grenzen von 1948 teilweise auf zerstörten arabischen Siedlungen errichtet ist. Boehm denkt daher lieber verschiedene binationale Ansätze weiter, die bei den frühen Zionisten durchaus zu finden waren. So beruft er sich mit der seiner Ansicht nach dringend notwendigen Unterscheidung zwischen Souveränität und Selbstbestimmung nicht nur auf die kritische Philosophin Hannah Arendt, sondern auch auf Politiker, die als einwandfreie Zionisten gelten, und arbeitet heraus, dass das israelische Selbstverständnis ein historisch gewachsenes ist, dass es sich gewandelt hat und daher auch weiter wandeln kann und muss.

Sie [die Gründerväter des Zionismus] glaubten, dass die Juden das Recht auf politische Selbstbestimmung, die autonome Verwaltung ihres eigenen Lebens und die Wiederbelebung der jüdischen Kultur und Bildung hatten. Sie glaubten aber nicht, dass dies in einem souveränen jüdischen Staat erfolgen solle.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

So kommt einem seine Forderung gar nicht mehr so radikal, seine Utopie gar nicht mehr ganz so utopisch vor, wenn er die israelische Staatsbürgerschaft für Araber, Christen und Juden verlangt, einen gemeinsamen israelischen Staat mit autonomen Regionen, für ihn eine absolut denkbare „Alternative zur Zweistaatenpolitik aus liberalzionistischer Perspektive“:

Als wahre israelische Patrioten müssen wir heute die bekannten zionistischen Tabus auf den Prüfstand stellen und den Mut haben, uns einen Umbau des Landes vorzustellen: vom jüdischen Staat in eine föderale, binationale Republik.

Omri Boehm, Israel — eine Utopie

Die Erde dreht sich immer weiter. Und es wird — neben denen, die sich in scheinbar unumkehrbaren Denkrichtungen verloren haben oder ihren Opportunismus auf Kosten der Gesellschaft durchdrücken — auch immer Menschen geben, die es wagen, auf humane Weise ihren Verstand zu gebrauchen. So manche Idee, die einem heute kühn und fast aussichtslos erscheint, ist ein paar Jahre später völlig selbstverständlich, man denke nur — auch wenn das ein ganz anderes Beispiel ist — an den Atomausstieg in Deutschland. Es wäre Omri Boehms Utopie von Herzen zu wünschen, dass sie sich in nicht allzu langer Zeit in einen politisch und gesellschaftlich verhandelbaren Weg aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt verwandelt, in einen Ausweg aus der Spirale von Feindschaft und Gewalt, so dass ein friedliches Zusammenleben für alle Menschen in dieser Region einer künftigen Generation zum gemeinsam erinnerten Selbstverständnis und zur Selbstverständlichkeit werden kann… Eine Utopie vielleicht, aber eine, die schon jetzt und heute zum Umdenken inspiriert, dazu, ein neues Denken zu wagen, wenn das bisherige an seine Grenzen gestoßen ist!

Bibliographische Angaben
Omri Boehm: Israel — eine Utopie, Propyläen 2020
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian
ISBN: 9783549100073

Bildquelle
Omri Boehm, Israel — eine Utopie
© 2020 Ullstein Buchverlage GmbH

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