bookmark_borderSiri Hustvedt: Ghost Stories — ein Buch der Erinnerung

Das erste Buch, das die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt nach dem Tod ihres Mannes, des amerikanischen Schriftstellers Paul Auster, geschrieben hat, scheint zunächst ganz in die Kategorie des Trauerbuches zu fallen, in dem sie ihre lange, ebenso romantische wie intellektuelle, und die in jüngerer Zeit vielleicht berühmteste, eheliche (Schriftsteller-)Beziehung verarbeitet, und es verwundert nicht, dass Paul A, der 2024 an Lungenkrebs gestorben ist, in diesen Ghost Stories als omnipräsente Hauptfigur herumspukt. Zumindest als eine davon.

Und es ist auch wirklich sehr berührend und erhellend, wie Hustvedt darin über Trauer schreibt. Mit Betroffenheits- und Ratgeberliteratur hat dieses Buch wenig zu tun. Schon in der Form ist es von großer Heterogenität. Hustvedt kombiniert Tagebucheinträge aus der Zeit der Krankheit ihres Mannes, E-Mails an Freunde, alte Liebesbriefe, die sie Paul geschrieben hat, und neuere Briefe, die dieser für seinen Enkel Miles verfasste, der wenige Monate vor seinem Tod geboren wurde, mit essayistischen Überlegungen über Krankheit, Tod, Trauer und (Weiter-)Leben. Durch eine solche Überlagerung und Kreuzung verschiedener Wahrnehmungs- und Zeitebenen macht Hustvedt in ihrem Buch auch die Heterogenität der Erinnerung selbst sichtbar.

In der Verbindung von emotionaler und intellektueller Tiefe, die ihren Text auszeichnet, fügt er sich im Übrigen gut in ihr bisheriges Werk, in dem Hustvedt immer wieder (Natur-)Wissenschaftliches und Literarisches zueinander in Beziehung setzt. Der titelgebenden Geistererscheinung von Paul etwa, die ihr nach seinem Tod im Zustand realitätserschütternder Trauer widerfahren ist, spürt sie unter Bezugnahme auf neurologische und psychologische Ansätze sowohl wissenschaftlich als auch literaturhistorisch und philosophisch nach, ohne dieses in der Trauerphase überraschend verbreitete Phänomen magischen Denkens esoterisch aufzuladen oder im Gegenteil als lächerliches Hirngespinst abzutun. Hier besteht sicher auch eine gewisse literarische und motivische Verwandtschaft von Hustvedts Text mit Joan Didions berühmtem Trauerbuch Das Jahr magischen Denkens, das 2005 erschienen ist und seinerseits die persönlichen Erlebnisse der Autorin mit medizinischen, psychoanalytischen und kulturtheoretischen Überlegungen verknüpft.

Was die Ghost Stories in meinen Augen zu einer besonders interessanten Lektüre macht, ist vor allem die Art, wie Hustvedt über die Schriftstellerbeziehung von Siri H und Paul A schreibt, in die sie intime Einblicke gewährt, die immer auch unter gesellschafts- und kulturpolitischem Aspekt in einen größeren Zusammenhang gestellt und als symptomatisch gelesen werden können. So denkt Hustvedt in diesem Kontext auch über Prominenz in der Literatur nach sowie über die unterschiedlichen Bewertungen von männlicher und weiblicher Autorschaft in der Öffentlichkeit. Man erfährt, wie sehr sich Siri und Paul intellektuell und literarisch beeinflusst haben, wie etwa einzelne Figuren vom Roman des einen zu dem des anderen wanderten, oder wie Paul philosophische Anekdoten, die Siri ihm erzählt hatte, fiktionalisierte und in seine Bücher integrierte. Die oft eher unbewusste kontinuierliche Intertextualität, die Siris und Pauls Werk verbindet, das macht Hustvedt in ihren Erinnerungen sehr deutlich, beruhte durchgehend auf Gegenseitigkeit, ging immer in beide Richtungen, so wie sich das Schriftstellerpaar, das sich sehr nahe gestanden haben muss, auch gegenseitig seine Manuskripte vorlas und einander jeweils der erste Lektor war.

Man kann beim Lesen durchaus ein bisschen neidisch werden auf diese intellektuell-erotische Verbindung zweier Menschen, die um drei Uhr nachts nach einer Party im Bett noch stundenlang angeregt über Wittgenstein reden, die einander ihren je eigenen Raum zum Schreiben ließen und doch in ständigem inspirierenden und mit Sicherheit sehr erfüllenden Austausch miteinander waren. Und gerade wenn man einige der Bücher der beiden kennt, ist es einfach spannend zu lesen, was Hustvedt von den Entstehungsgeschichten einzelner Werke erzählt. Vor allem machen diese Plaudereien aus dem Nähkästchen der New Yorker Schreibstube(n) nämlich ganz viel Lust auf die Texte beider Autoren. Ja, es ist auch ein poetologisches Buch, das Hustvedt mit den Ghost Stories ihren und Paul Austers Lesern vorlegt, doch ist es an keiner Stelle auch nur ansatzweise akademisch, sondern rundweg aus dem Leben gegriffen. Aus dem Leben der Beziehung der beiden Schriftsteller, die eine sehr tiefe gewesen sein muss und die durch die Erfahrung des Todes und damit des radikalen Wegbrechens des einen Partners aus der Beziehung auf die Geister-Ebene der schreibenden Erinnerung transzendiert wird — und die sich in jedem Satz der gegenwärtigen (auch politischen) Realität mitbewusst ist. Gestorben ist nicht nur Paul, so formuliert es Hustvedt einmal, sondern gestorben ist auch das „und“ aus der existentiellen Wortgruppe „Paul und Siri“. Romantischer kann man Verbundenheit kaum zum Ausdruck bringen.

Es ist schön in diesem Buch von einer guten Beziehung zu lesen. Von einer gänzlich unidealisierten guten Beziehung, die eine gewachsene ist, die Krisen mit einschließt und in und mit den Veränderungen lebt, die ein langes gemeinsames Leben zwangsläufig mit sich bringt. Eine dieser Krisen wird hier zum ersten Mal ganz erzählt, eine Geschichte, die Paul selbst nicht erzählen konnte, obwohl er in seine Romane viel Autobiographisches mit einfließen ließ. Aber manches ist zu überwältigend, zu intim, um es, auch in fiktionalisierter Gestalt, an die Öffentlichkeit zu bringen. Es ist die Geschichte von Paul Austers Sohn aus seiner ersten Ehe, der schwer drogenabhängig war und vor einigen Jahren den Tod seiner damals zehn Monate alten Tochter verantwortete und wenige Monate darauf selbst an einer Überdosis starb. Es ist ein tragischer Roman, den Hustvedt nun in ihre Ghost Stories integriert. Doch sie erzählt ihn, wie in Stellvertretung ihres Mannes, der darüber weder schreiben noch sprechen konnte, in einer sehr ehrlichen und antisensationellen Weise, die eine Gegengeschichte zu der reißerischen Geschichte darstellt, die damals im Medienrummel konstruiert wurde. Auf eine Weise, die, wie der ganze heterogene Text der Ghost Stories, berührt und die einen der Familie Hustvedt-Auster sehr nahekommen lässt, und die intime, aber nie entblößende Einblicke gibt.

So ist das Erinnerungsbuch, in dem Siri Hustvedt auf ihre Geschichte mit Paul Auster zurückblickt, sie abschließt und fortwirken lässt, viel mehr als ein Buch der Trauer. Es ist das sehr reflektierte und in lockeren und doch gut gestrickten, haltbaren Fäden gesponnene Buch einer Schriftstellerin, die im selben Atemzug Liebende ist, Familienmensch, Frau und Zeitgenossin, und die das Leben schreibend auf sehr anregende Weise in mehreren Ebenen zusammendenkt.

Bibliographische Angaben
Siri Hustvedt: Ghost Stories, Rowohlt 2026
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald
ISBN: 9783498007881

Bildquelle
Siri Hustvedt, Ghost Stories
© 2026 Rowohlt Verlag, Hamburg

bookmark_borderWisława Szymborska: Hundert Freuden

Du bist also da? Stracks aus dem eben noch durchlässigen Moment?
Das Netz hatte eine Masche, und du durch diese Masche?
Ich kann nicht genug darüber staunen und schweigen.
Höre,
wie schnell mir dein Herz schlägt.

(Szymborska: Hundert Freuden — Alle Fälle, S. 75)

Wenn man das Glück ergreift, sich in die Poesie der polnischen Dichterin Wisława Szymborska (1923-2012) zu versenken, kann man nicht genug darüber staunen, welcher sprachfeinen Vielfalt der Formen man darin begegnet, einer Vielfalt, die immer wieder überrascht, ohne ins Beliebige auszufransen, die einen gewissen Ton, einen Stil hält, den man in jedem ihrer Gedichte wiedererkennt. Mit leichtfüßigem, liebevollem Spott tanzt Szymborska über das fein gesponnene Seil des Daseins, während sie unermüdlich, als wäre sie die sprachakrobatische Schwester des Sisyphus, die Felsbrocken existentieller Fragen balanciert. Man staunt, darüber schweigen möchte man nicht.

Hinter ihren Gedichten scheint eine Person auf, die sich, übrigens 1996 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, selbst nicht zu wichtig nimmt, die, im Unterschied etwa zu den Avantgardisten der Zwischenkriegszeit, mit denen sie sprachlich durchaus Gemeinsamkeiten hat, auch die Posen des virtuos verschleierten Bedeutungshaften mit Vorliebe entzaubert, die, so intensiv man die Freude am Schreiben in ihren Gedichten spürt, sich nicht im Höhenflug der Künste vergisst, sondern mit humorvoller Skepsis und einem Blick, der das Alltägliche nicht aus den Augen verliert, ihre Grenzen auslotet, und auch das Autorendasein immer wieder selbstironisch auf die Schippe nimmt.

Kein Boxer zu sein, Poet zu sein,
verurteilt zu lebenslänglichem Tiefsinn,
aus Mangel an Muskulatur der Welt die künftige Schullektüre
vorzuführen, im günstigsten Fall.
O Muse, Pegasus,
Engel unter den Pferden.

(Szymborska, Hundert Freuden — Autorenabend, S. 154)

Egal ob Szymborska in ihren Gedichten die Musen anruft, in den Sternenhimmel schaut, einem Terroristen wenige Minuten vor der Tat über die Schulter blickt oder in Kleinanzeigen liest, stets formt sie daraus in subtiler, schlicht anmutender, aber hintergründiger Überlagerung mehrerer Sinn-Ebenen ein nachhallendes poetisches Gebilde. Kunstvoll überkreuzen sich darin die verschiedenen semantischen Bereiche, ergänzen sich, konfrontieren und widersprechen einander, eröffnen neue Sinn-Zusammenhänge und rufen starke Bilder in uns wach. Das ist auch der Grund, warum man diese Gedichte, mit einem stillschweigend amüsierten Lächeln auf den Lippen, immer wieder neu lesen kann und will. Bei jeder neuen Lektüre fällt einem eine andere Nuance auf, denn das, was die Dichterin in einem ihrer Gedichte als ein schweres Unterfangen bezeichnet, nämlich „die Welt bei ihrer Andersartigkeit zu ertappen“, ist genau das, was sie selbst, als „Sisyphus, verbannt in die Hölle der Poesie“ (Szymborska: Hundert Freuden — Rehabilitierung, S. 178), immer wieder von neuem versucht:

Denn sollte alles, was existiert,
nur auf eine Art existieren,
in schrecklicher Lage, denn ohne Ausweg aus sich,
ohne Veränderung und ohne Pause? Im demutsvollen
Von-bis?

(Szymborska: Hundert Freuden — Interview mit einem Kind, S. 93)

Szymborskas Gedichte, von denen die deutsche Ausgabe Hundert Freuden eine Auswahl aus ihrem Gesamtwerk von 1945 bis 1986 enthält, die von Karl Dedecius, der sich sein Leben lang um die Vermittlung der polnischen Literatur und Kultur in Deutschland bemühte, übertragen wurden, warten nicht nur mit einer Vielfalt der Formen, sondern auch der Stoffe auf. Sie kreisen jedoch immer wieder um die Fragen des Daseins und des Menschseins und lassen sich als philosophisch im ursprünglichen Sinne lesen. Das lyrische Ich stellt in ihnen auffällig viele Fragen, die nur scheinbar einfach zu beantworten sind und dem Staunen angesichts der Existenz und der Koexistenz der Menschen Ausdruck verleihen: Was ist der Mensch, wie soll er sich verhalten angesichts des Zufalls, der körperlichen Hinfälligkeit, der Gewalt? Szymborskas philosophisches Fragen hat immer auch einen ethischen Aspekt, ihrem Existentialismus wohnt die Frage nach der Verantwortung inne. Zu den — immer sehr sanften, nie aufdringlichen, aber umso eindringlicher wirkenden — „Fragen, dich ich mir stelle“, so der Titel eines ihrer Gedichte, gehört auch die Frage: „Ist denn von Mensch zu Mensch alles so selbstverständlich?“ (S. 194). An anderer Stelle formuliert sie in einem Prosagedicht à la Baudelaire, „Gleichnis“ genannt (S. 147), in Form eines kurzen Wortwechsels zwischen Fischern, die eine Flaschenpost mit einer Hilfsbotschaft gefunden haben, eine allzumenschliche und sehr entlarvende Szene von eben gar nicht so selbstverständlicher Zivilcourage. Es ist ein Appell daran, nicht wegzublicken, auch wenn das so viel bequemer ist und sich immer Ausreden finden lassen.

Das zwischenmenschliche Dasein ist aber nicht nur eine ethische Herausforderung, sondern auch eine sprachliche. In vielen Gedichten lotet Szymborska die Grenzen der Kommunikation aus; es nimmt nicht Wunder, dass der biblisch-mythologische Stoff der babylonischen Sprachverwirrung ein wiederkehrendes Motiv ist. In „Auf dem Turm Babel“ (S. 160) entwirft sie eine so komische wie traurige und doch poetisch schimmernde Alltagsszene des Aneinandervorbeiredens zwischen zwei früher wohl ineinander Verliebten, die geradezu einem Theaterstück des Absurden entsprungen sein könnte. Im sich direkt anschließenden Gedicht „Wasser“ (S. 161 f.) greift sie das babylonische Motiv erneut auf und bearbeitet es diesmal auf sprachphilosophische Weise. Von einem Regentropfen getroffen, sieht sich das lyrische Ich zu dem schier unmöglichen Unterfangen herausgefordert, Sein und Sprache in eins zu bringen, die Mannigfaltigkeit des Seins in ein objektives Sprachsystem zu binden: „Es gibt nicht Münder genug, um deine flüchtigen Namen auszusprechen, Wasser.“ (S. 161) Die Sprache, die das ganze Sein des Wassers abbildete, enthielte zugleich alle Selbstlaute auf einmal — und das Schweigen. Es müsste eine Sprache gefunden werden für das nicht Vorhandene, für den See, den es nicht gibt, für das Spiegelbild des Sterns im Wasser. Das Spiel mit den Grenzen der Sprache und die Idee ihrer Erweiterung durch eine auf den ersten Blick negative Kategorie wie das Schweigen taucht immer wieder in den Gedichten auf und wird geradezu zum poetischen Programm der Dichterin:

Ich lehre das Schweigen
in allen Sprachen
nach der Methode der Betrachtung
des Sternenhimmels,
der Kiefer des Sinanthropus,
der Heupferdchensprünge.
der Säuglingsnägel,
des Planktons,
der Schneeflocke.

(Szymborska: Hundert Freuden — Kleinanzeigen, S. 175)

In den Gedichten gehen Staunen und Bescheidenheit angesichts der Winzigkeit des Menschen im Kosmischen miteinander einher. In Szymborskas poetischem Kosmos existiert der Mensch unter unzähligen Sternen, nebst Gesteinen und Tieren. Und er existiert in einer Geschichte, die über seine eigene hinausgeht. Dieses evolutionäre Ins-Verhältnis-Setzen der menschlichen Existenz schließt ein Ernstnehmen menschlicher Nöte nicht aus, doch es holt das Staunen zurück und verrückt den Blick. Es verrückt ihn auf einen Körper, der hoffnungslos hinfällig und zugleich ein Wunderwerk des Daseins ist. In dem meisterhaften Gedicht „Der Akrobat“ führt sie uns diese an hauchdünnem Faden hängende Gleichzeitigkeit vor Augen. Die Begrenztheit des Menschen zeigt sich darin, dass er im Unterschied zu den Tieren keine Flügel hat,

ein Mangel, welcher ihn zwingt
zu schamhaften Höhenflügen auf ungefiederter
nackter Spannung.

(Szymborska: Hundert Freuden — Der Akrobat, S. 128)

Doch gerade weil er nicht fliegen kann, versucht es der Zirkuskünstler, der hier bildhaft für den Menschen an sich steht, trotzdem auf seine unperfekte Weise, „[m]ühsam leicht, / geduldig flink“ (S. 128). Und, so die Schlusspointe in diesem Gedicht, er ist

schöner als alles in diesem einen
in diesem einen, der übrigens schon verging, Moment.

(Szymborska: Hundert Freuden — Der Akrobat, S. 128)

Der Mensch ist in seiner Vergänglichkeit ein Wunder — im „Monolog für Kassandra“ ist von „Abschiedskörpern von Geburt an“ die Rede, am Leben gehalten von einem Flämmchen feuchter Hoffnung und einer Ahnungslosigkeit, die einzig vom Wissen um den Augenblick erhellt wird (S. 118) –, und er ist es in seiner Anstrengung, seinem Streben, das ihn schön macht statt fratzenhaft. Sisyphus ist keine Gestalt des Barock, ebenso wenig wie Szymborskas auf verspielte Weise subversive Art zu schreiben, die sie an einer Stelle selbst so formuliert:

Im Zickzack den Inhalt beschweren.
Das Ornament verspotten.

(Szymborska: Hundert Freuden — Fruchtbarkeitsfetisch aus dem Paläolithikum, S. 130)

In „Der Akrobat“ bildet sie das Stocken des Atems, während der Trapezkünstler über dem Abgrund schwebt, durch stockende Enjambements, die sie mithilfe von Wortwiederholungen herstellt, sprachlich nach. Man vermeint die gespannte Atmosphäre in der Manege hautnah zu spüren. Und ebenso den Atem des Akrobaten zu hören, der auf den Kraftakt des Künstlers bei seinem Kunststück verweist.

Genauso wichtig wie das Staunen ist für Szymborskas Poesie das Lachen, das gleichfalls philosophischer Natur ist. Im „Museum“ verkörpert es den humorvoll-bescheidenen Triumph des Seins über das bloße Objekt. Während ansonsten, wie es in der Institution des Museums exemplarisch vor Augen geführt wird, der hinfällige menschliche Körper den besser konservierbaren, doch letztlich sinnlos aufgehäuften, da ihrer Lebendigkeit entleerten, Objekten in der Zeit unterliegt, hört man zwischen den Zeilen plötzlich, wie auf subversive Weise „die Nadel der ägyptischen Lachfrau kichert.“ (S. 138)

Diese feinen, kitzelnden Nadelstiche vermag ein gutes Gedicht zu setzen und damit Möglichkeitsräume der Kunst zu eröffnen, die über die materielle Wirklichkeit hinausreichen. Szymborskas Gedichte sind, wiederum in sehr verspielter und subversiver Weise, kunstreflexiv. Es werden in ihnen viele Kunstformen, von der Malerei, über die bildende Kunst, die Musik bis zum Theater, integriert und kreativ neu gelesen und geformt. Genauso greift sie auf verschiedene Genres und Textgattungen wie Werbeprospekte, Kleinanzeigen, Interviews zurück, deren aus dem Alltag entwendete Form kein Hindernis für immer wieder überraschende poetische und philosophische Neuschöpfungen ist. Diese unermüdliche Formenerprobung und -variation ist lesbar als Ausdruck einer letztlich unerschöpflichen Neugier, das Verhältnis von Poesie und Wirklichkeit sprachlich auszuloten. Wie bereits weiter oben im Kontext des Babel-Motivs ausgeführt, ertastet sich das lyrische Ich mit dem Schweigen einen zusätzlichen Raum, dessen scheinbare Leere poetisch nachzuhallen vermag. Wie das Schweigen ist auch das Nichts eine nur scheinbar leere Kategorie, mit dem die Dichterin sprachphilosophisch und sprachgewitzt zu spielen beginnt. So führt sie vor, wie gerade der Blick auf das Ausgeblendete neue Erfahrungs- und Möglichkeitsräume erzeugt. Das Nicht-Sichtbare, in der lyrischen Tradition mit dem Einziehen einer metaphysischen Ebene nichts Unbekanntes, kann im Gedicht versprachlicht werden und einen Raum der Erinnerung schaffen. In „Das Gedächtnis hat endlich“ tritt das lyrische Ich glücklich in einen die Wirklichkeit überschreitenden Raum ein, in dem es die Stimmen der Toten zu hören vermag. Endlich hat es, in dieser bewusst transitiven Form, Mutter und Vater geträumt und in dieser Form die Wirklichkeit in Kunst überführt:

Ich träumte sie lange, lange und glücklich.
Ich wurde wach. Machte die Augen auf.
Berührte die Welt wie einen geschnitzten Rahmen.

(Szymborska: Hundert Freuden — Das Gedächtnis hat endlich, S. 108 f.)

Während sie sich in diesem Gedicht mit dem Motiv des Traums innerhalb eines bekannten topischen Rahmens bewegt, steigert Szymborska ihre Grenzüberschreitungen in anderen Gedichten, indem sie den Blick in Richtung des Nicht-Dargestellten, Nicht-Erzählten und schließlich in Richtung des Nichts selbst wandern lässt. Das Nichts bekommt auf diese Weise eine geradezu haptische Körperlichkeit, die gegen konventionelle Sichtweisen und Weltordnungen den Aufstand übt. In „Die Frauen von Rubens“, einer in Gedichtform gebrachten Gemäldebeschreibung, mit der die polnische Dichterin das aus der antiken Rhetorik stammende klassische Stilmittel der Ekphrasis augenzwinkernd neu interpretiert, schafft sie den aus der Überlieferung ausgeblendeten „mageren Schwestern“ der „kürbisrunden“ Rubens-Frauen einen Raum, der für sie in der Kunst-Welt des 17. Jahrhunderts, in der alles konvex ist, „sogar der Himmel“, nicht existierte:

Ihre mageren Schwestern waren früher wach,
bevor es dämmerte auf dem Bild.
Und niemand sah, wie sie gingen im Gänseschritt
über die unbemalte Seite der Leinwand.

(Szymborska: Hundert Freuden — Die Frauen von Rubens, S. 150)

In der „Mittelalterlichen Miniatur“ sind es die Armen und Hässlichen, die aus der zeittypischen realistischen Landschaft hinausgefallen sind und denen die Dichterin im Sinne einer nachträglichen poetischen Gerechtigkeit ihren Platz zurückgibt:

Wer aber traurig und geplagt ist,
ein Loch im Ärmel, ein Schielauge hat,
der ist hier am allerdeutlichsten nicht zu sehen.
[…]
Nicht einmal den klitzekleinsten Galgen
erspäht das falkenhafte Auge,
nicht eine Spur vom Schatten des Zweifels.

So ziehen sie denn goldigst dahin
in diesem hochfeudalen Realismus.

Derselbe hatte immerhin für das Gleichgewicht gesorgt:
die Hölle hielt er auf einem anderen Bildchen parat.

(Szymborska: Hundert Freuden — Mittelalterliche Miniatur, S. 57 f.)

Von großem nihilistischem Sprachwitz ist das Gedicht „Bahnhof“, in der eine Nicht-Ankunft geschildert wird, an anderer Stelle wird eine „nicht stattgehabte Expedition in den Himalaja“ zum nur scheinbar absurden Titel eines Gedichtes. Dass auch das Nichts mindestens eine Kehrseite hat, sich also nicht mit nur einer Art (nicht) zu existieren begnügt, dass sie es, ohne Hybris und Pathos, vielmehr mit Demut und Witz, aus seiner schrecklichen einseitigen Lage und damit das Dasein aus seiner Ausweglosigkeit herauszuholen versucht, all das steckt in diesem kleinen Aphorismus aus dem Gedicht mit dem programmatischen Titel „Das Nichts“:

Das Nichts hat sich unmgenichtet, auch für mich.
Es drehte sich tatsächlich auf die andere Seite.

(Szymborska: Hundert Freuden — Das Nichts, S.102)

Die in Hundert Freuden vereinten Gedichte sind allesamt kleine sprachliche Wunderwerke, die diese so urmenschliche Fähigkeit, sich zu wundern und zu staunen, aus ihren Lesern herauskitzeln. Sie führen uns die erstaunlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Grenzgängerin Poesie vor Augen und schärfen zugleich unser Bewusstsein für ihre Grenzen. Und sie verfeinern vielleicht auch unser Gespür für die Ambivalenz von Lachen und Schmerz, die der Komödie unserer Existenz innewohnt:

Er baute sich eine Geige aus Glas, um die Musik zu sehen. […] Als man ihm sagte, daß es ihn gar nicht gäbe, konnt‘ er vor Kummer nicht sterben und mußte geboren werden. So lebt er nun irgendwo, blinzelt und wächst.

(Szymborska: Hundert Freuden — Prolog einer Komödie, S. 156)

Bibliographische Angaben:
Wisława Szymborska: Hundert Freuden. Gedichte, Suhrkamp 1996/2026
Herausgegeben und aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Mit einem Vorwort von Elisabeth Borchers und einem Nachwort von Jerzy Kwiatkowski
ISBN: 9783518390894

Bildquelle:
Wisława Szymborska, Hundert Freuden
© 2026 Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin

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