Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern

Man spürt es auf jeder Seite, dass Anja Kampmann auch Lyrikerin ist. Eine lyrische Bewegung wohnt diesem historischen Roman inne, der die ersten Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, erzählt aus der Perspektive einer Hamburger Varietékünstlerin, bedrohlich nah an uns herantreten lässt. Man könnte den Text auch mit einem impressionistischen Gemälde vergleichen, das seinen Sinn verliert, das sich auflöst in unverständliche Fragmente, wenn man zu nah herantritt und das Ganze aus dem Blick verliert. Auch dieser Roman ist nicht in kleinen Häppchen konsumierbar, man liest ihn am besten am Stück. Was nicht heißt, dass man nicht an einzelnen Textfragmenten hängenbleiben darf, aber man muss schon dranbleiben, um eintauchen zu können in diese poetische, zärtliche und schroffe Bildersprache, in der lakonische Sätze in Plattdeutsch auf halluzinierende Metaphern treffen.

In fünf Teilen, die die Jahre 1933 bis 1937 umfassen, gibt der Roman Einblick in das Leben von Hedda Möller, einer aus prekären, von Gewalt und Armut geprägten Verhältnissen stammenden jungen Frau aus dem Hamburger Hafenmilieu. Sie ist, wie auch ihre beiden Brüder Jaan und Pauli und einige andere Protagonisten, eine fiktive Figur, bewegt sich aber in einer historischen Wirklichkeit und unter historischen Figuren, die die Autorin aus Archivrecherchen und mündlichen Zeitzeugenberichten rekonstruiert hat. In Heddas Welt trifft das Arbeitermilieu, das nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in starke Bedrängnis gerät, zusammen mit der erotisch aufgeladenen Glitzerwelt des Alkazar, eines international gefeierten Varietés, in der die Heldin als Akrobatin auftritt, das jedoch auch sehr bald vom Einfluss der „Braunen“ erfasst wird. Ihre zugleich so artifizielle wie lebensnahe Erzählstimme erhebt sich aus poetisierten dokumentarischen Passagen, die an Tagebucheinträge aus der NS-Zeit wie die Victor Klemperers erinnern:

Alle Straßen im Viertel müssen die neue Flagge raushängen, wer es nicht macht, wird gemeldet. Ein großer Hohn, ihr Erster Mai. Ich denke an den Hausmeister vom Gewerkschaftshaus, den sie vom Dach stießen, wie Einar stumm zwischen den Kostümen stand und weinte.
Jetzt sind da ihre Trommeln und Kinder, so alt wie Pauli, die mit leuchtenden Augen marschieren.

Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern, S. 155

Manchmal, in emotional besonders aufwühlenden Momenten, wechselt die Stimme für ein paar Vers-Zeilen gänzlich ins Lyrische, als wollte sich die Erzählerin selbst auffangen, wenn ihr die Wirklichkeit zu entgleiten droht. Auch in folgendem Textfragment, das wie eine Variation von Inger Christensens Alfabet anmutet, erscheint das Lyrische als eine Form der Wirklichkeitsbewältigung; als wollte sich Hedda ihrer selbst vergewissern in einer zunehmend beklemmenden Realität, als bäumte sich ihre Stimme dagegen auf, in dem alles übertönenden nationalsozialistischen Alptraum verlorenzugehen:

Das Wasser gibt es, ihre Waden gibt es, die hohen Stiefel. Märsche gibt es, Fackeln und Mädchen gibt es, Jubel gibt es, eine neue Symmetrie, neue Namen. Flugzeuge gibt es, die Junkers vom Führer, den Klumpfuß gibt es, Herrn Lametta. […] Die Rufe gibt es, die nicht verstummen. Uns gibt es, die Straßen gibt es, in denen der Jubel laut ist, da stehen Kuddel und all die anderen, ich kann sie sehen, mitten auf der geschmückten Straße stehen sie, ihr braucht sie nicht zu sehen, Gebrüll, der Schnäuzer kommt.

Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern, S. 189

Immer wieder wird die historische Realität, in der sich Hedda bewegt, surreal überblendet. Auf halluzinatorische Weise durchlebt sie Szenen auf dem Walfangschiff, mit dem ihr großer Bruder Jaan in die Antarktis unterwegs ist; als Harpunenschmied unterstützt er, der für das Leben auf See nicht gemacht ist, das neue Regime und geht, an die Hoffnung geklammert, nach dieser Expedition genug verdient zu haben, um zusammen mit seinen Geschwistern dem Regime zu entfliehen, diesen faulen und auch gefährlichen Kompromiss ein. Traum und Wirklichkeit überlagern sich in einer Wirklichkeit, die selbst zum Alptraum geworden ist. Heddas Ängste, ihre bisweilen auch tabletteninduzierten Räusche, ihre waghalsigen akrobatischen Auftritte im Varieté, all das sind Splitter einer Wahrnehmung, in der die apokalyptische Bedrängungslage für die Sündenböcke des neuen Regimes fühlbar wird. Zu diesen gehören neben den gerade in den Anfangsjahren erbittert verfolgten Kommunisten auch viele Frauen, besonders aus den ärmeren Schichten.

Man begleitet Hedda auch an den Hafen, wo sie, immer auf der Hut vor dem gewalttätigen Vater, ihren hinkenden und sprachlich zurückgebliebenen kleinen Bruder Pauli bei der Mutter abholt, die in der Fabrik arbeitet. Man begleitet Hedda in ihre Schlafstatt, die sie sich mit der Prostituierten Leni teilt, und zu ihrem reichen, alten Freier, dem „Grauen“, bei dem sie sich ab und zu richtig satt essen kann. Hedda ist eine Pícara, eine neue und weibliche Version des spanischen Helden der ersten pikaresken Romane, eine gesellschaftliche Außenseiterin, die sich, mit Anpassung und Verstellung und höchstem körperlichem Einsatz, durchs Leben kämpft. Deren Antrieb der Hunger ist, und die, als Frau, vor allem ihren Körper verdingt, um zu überleben und um das Überleben für ihren kleinen Bruder zu sichern. Indem Anja Kampmann eine Artistin, eine Körperkünstlerin, zur Protagonistin macht, löst sie den weiblichen Körper aber aus seiner einseitigen Objektivierung. Es ist ein Körper, der immer wieder bedroht, immer wieder degradiert wird, der verschiedensten Übergriffigkeiten ausgesetzt ist. Gleichzeitig ist es ein starker Körper. Aus eigener Kraft hat Hedda es zur Akrobatin im Alkazar geschafft. Sie hat einen Turnerinnenkörper, der hautnah über Kaimanen schwebt — die in dieser Geschichte nicht die eigentlich Gefährlichen sind –, der an seine Grenzen gehen kann, der Widerstand leistet. Doch nun kommen die neuen Machthaber und drohen das hart erkämpfte Überlebenskonstrukt der jungen Frau wieder zum Einsturz zu bringen. Hedda ist in einer durch und durch prekären Situation, dessen ist sie sich bewusst:

Wenn ich die Kontrolle verliere, dann stürze ich, und niemand fängt mich auf.

Anja Kampann: Die Wut ist ein heller Stern, S. 53

Der einzige Weg, den Hedda durch diese Nacht findet, ist die pikareske Verstellung. Um nicht gebrochen zu werden, verbiegt sie ihre Person wie ihren trainierten Körper am Trapez. Im Text zeigt sich das auch sprachlich im fließenden Wechsel der Pronomina (ich / sie / die Rita), die fließende Perspektivwechsel markieren:

Das träge weiße Fleisch, die Rita, die sich so gerne betrachten lässt, das alles macht mich verrückt. Aber sie lächelt so schön, niemand sieht mich.

Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern, S. 85

Wenn Hedda zur Rita wird, zum braven deutschen Mädel, versteckt sie ihre Wut, ihren Widerstand, passt sich an. Dass diese Depersonalisierung zwei Seiten hat, Überlebensstrategie und Symptom eines schier unaushaltbaren Schmerzes, macht der Roman in seiner ihm eigenen Bildersprache deutlich:

Dann sitze ich vor meinem großen Schminkspiegel und bürste mir die Locken, die sich nicht zähmen lassen, male den Mund an, der stumm sein soll. Und irgendwann kommt die Wut. Ich greife das Seil und tanze, unerreichbar, kalt und fern, über ihren kühlen Schnauzen. So groß ist die Nacht.

Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern, S. 120

Hedda kämpft weiter, für sich und für die, die ihr nahestehen. Es ist ein unsichtbarer Kampf, auch in historischer Hinsicht, den wie Hedda viele Frauen, von denen man heute nichts mehr weiß, geführt haben; sie bleiben namenlos, in „diese[r] Schwärze, die an uns saugt und uns umgibt“ (S. 87), weil ihre Geschichten nicht erzählt wurden. Einmal schaut Hedda ihrer Mutter nach, „ein kleiner Punkt vor einer Mietskaserne, an die sich niemand erinnern wird — auch das macht der Keiler, die Namen verschwinden, unsere Stimmen“ (S. 272).

Vom Verschwinden bedroht sind viele der Figuren in Anja Kampmanns Roman, bedroht von Inhaftierung, Repressalien, Gewalt. Arthur Wittkowski zum Beispiel, der von den Nazis verdrängte Begründer und Inhaber des Alkazar, der noch an seinen traumatischen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg leidet, eine historische Figur, die im Roman fiktionalisiert wird, oder Kuddel, Heddas Geliebter, der in einem der ersten KZ ermordet wird. Und all die, die als von der Norm abweichend, als minderwertig stigmatisiert wurden, wie Heddas kleiner Bruder Pauli oder wie die Varietékünstlerinnen und Prostituierten, denen Internierung und Zwangssterilisation drohte. In der Fiktion gibt Anja Kampmann diesen vergessenen Schicksalen eine Geschichte. Es sind Figuren, die einem sehr nahe gehen, auch wenn sie nur in kurzen Szenen skizziert werden, hingetupft wie einzelne kleine Sterne am riesigen Nachthimmel. Aber mit einer Wärme und Lebendigkeit, die sich der rauen Poesie des Textes verdankt.

Bibliographische Angaben
Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern, Hanser 2025
ISBN: 9783446281202

Bildquelle
Anja Kampmann, Die Wut ist ein heller Stern
© 2026 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

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