Jo Nesbø: Minnesota

Der neue Krimi des norwegischen Bestsellerautors Jo Nesbø spielt überraschenderweise in den USA, ausgerechnet in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota. Er spielt auch, nicht zufällig, kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2016, Hillary Clinton gegen Donald Trump. Zumindest auf der anderen Seite des Atlantiks konnte man sich da nicht wirklich vorstellen, dass die USA bald von einem Populisten regiert würden. In Minnesota wird deutlich, dass jemand wie Trump nicht aus dem Nichts gekommen ist.

So hochspannend und unterhaltsam dieser Krimi geschrieben ist, wohnt ihm ein scharfes Gesellschaftsbewusstsein inne, das guten Kriminalromanen wesentlich ist. Er spürt Stimmungen und Krisenphänomenen nach, die in den USA schon lange schwelten und sich politisch in dieser Wahl niederschlugen. Nie thesenhaft, sondern immer aus der dramaturgisch und psychologisch stimmigen und packenden Handlung erwachsend, geht es um Immigration, um Rassismus, um problematische Männlichkeitsbilder, um soziale Unterschiede und Ungerechtigkeiten. Und es geht vor allem um das Gewicht und den Einfluss der amerikanischen Waffenlobby, um das von außen betrachtet irrationale und gefährliche Klammern an das fragwürdige Bürgerrecht, Waffen zu tragen. An diesem in all seinen Dimensionen und Folgen sehr differenziert entfalteten Konflikt, der auch die anderen weiter oben genannten in sich trägt, entzündet sich die intrigenreiche Handlung. Und es entzünden sich an ihm die unterschwelligen Ängste der Figuren, die aus verschiedensten Bevölkerungsschichten kommen und alle eine komplexere Geschichte haben.

Komplexität bekommt der Roman nicht nur durch die Durchdringung von gesellschaftlichen und figurenpsychologischen Konfliktpotentialen, sondern stimmigerweise auch durch die raffiniert gestalteten Erzählebenen. Es gibt eine Rahmenhandlung, in der ein norwegischer Krimiautor, der zwar einen anderen Namen, aber ansonsten gewiss einige Gemeinsamkeiten mit Jo Nesbø selbst hat, sich auf eine Art True-Crime-Reise in die USA begibt, um einer Reihe außergewöhnlicher Mordfälle nachzugehen, die sich vor einigen Jahren dort ereignet haben. Inzwischen wurden sie von dem Verbrechen an George Floyd überschattet, das Jo Nesbø, indem er seinen fiktiven Autor in der Vergangenheit wühlen lässt, in einen unterschwelligen Zusammenhang mit der fiktiven Verbrechensserie setzt. Als würde sein Alter Ego, der, wie Nesbø selbst, Verwandtschaft in den USA unter den aus Norwegen dorthin Ausgewanderten hat, kriminalliterarische Ursachenforschung in Sachen sozialer Spaltung und Gewalt betreiben.

Dieser Ich-Erzähler der Rahmenhandlung verwandelt sich weitere Figurenperspektiven an, um die Binnenhandlung zu erzählen. Den meisten Erzählraum nimmt wohl die personal erzählte Geschichte des damaligen Ermittlers ein, Bob Oz, der seinerseits einen norwegischen Hintergrund hat. Bob Oz ist eine gebrochene Figur, wie man sie von Jo Nesbø kennt, vom Schicksal gezeichnet, lädiert, aber mit einem starken Charakter. Nach einem Schicksalsschlag lebt er von seiner Frau getrennt, er trinkt zu viel, hat ein Gewalt- und Wutproblem, und wird im Laufe der Handlung auch noch vom Polizeidienst suspendiert. Und er ist dem, den er verfolgt, ähnlicher als gedacht. Diese sich zunehmend konkretisierende Ahnung beschleicht während seiner trotzdem fortgeführten Ermittlungen nicht nur ihn, sondern auch uns Leser. Es wird schnell klar, dass die festgelegten Rollen von Täter und Opfer, Verfolger und Verfolgter in dieser Geschichte an Eindeutigkeit verlieren.

Und so ist es nur konsequent, dass der Ich-Erzähler der Rahmenhandlung, diesmal sogar in einer weiteren Ich-Perspektive, auch in die Haut des zweiten Protagonisten schlüpft, eines ungewöhnlichen und sehr wandlungsfähigen Serienmörders. Wobei sich die Metapher des In-die-Haut-Schlüpfens im Roman verlebendigt, der das Bild auf thrillertaugliche Weise wörtlich nimmt. In diesem Zusammenhang sei, ohne zu viel zu verraten, noch abschließend auf das Handwerk oder die Kunst der Taxidermie verwiesen, die in Minnesota eine wichtige Rolle spielt. Das Ausstopfen von Tieren, von geliebten Haustieren oder Jagdtrophäen, macht Jo Nesbø auf schillernd vielschichtige und beklemmende Weise zum Gegenstand der Handlung — und zur Metapher für den Schreibprozess, der sich einer vergleichbaren Technik des Häutens bedient, um die verschiedenen Schichten seiner Figuren und ihrer Lebenswelten aufzudecken.

Und so geht sein Roman — auf die Gefahr hin, diese Rezension jetzt mit einem etwas platten Bild zu beenden — wirklich unter die Haut.

Bibliographische Angaben
Jo Nesbø: Minnesota, Ullstein 2026
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
ISBN: 9783550203091

Bildquelle
Jo Nesbø, Minnesota
© 2026 Ullstein Buchverlage GmbH. Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner