Zwei Kurzgeschichten, die zu weit voneinander entfernten Zeiten spielen, die eine 1796, die andere 2008, und die doch auf eine intime Weise miteinander verbunden sind: durch ein kleines Gemälde und durch ein Gefühl, eine Seelenregung oder Seelenbewegung, die man Sehnsucht nennen kann. Geschrieben hat sie der amerikanische Schriftsteller Ben Shattuck, der für seine Kurzgeschichten bereits ausgezeichnet wurde. Zwei andere seiner Storys wurden vor kurzem verfilmt: A History of Sound lief 2025 auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes und kommt im April in die deutschen Kinos.
Beide Geschichten, die wie ein erster und ein zweiter Teil die Geschichte der Sehnsucht bilden, werden jeweils aus der Ich-Perspektive eines jungen Mannes erzählt. Beide Ich-Erzähler erleben eine Art Initiationsreise in die Mysterien des menschlichen Daseins, es geht um Sehnsucht, ja, und mit ihr auch um Trauer, um Abschiede, um das Unerfüllte. Sie und mit ihnen wir Leser werden in diesen Geschichten zu Zeugen und Mitfühlenden, zu Rätselnden und Erahnenden.
Der Schauplatz ist zu beiden Zeiten derselbe, ein weiteres Bindeglied zwischen den Protagonisten, die ansonsten zwei Lebenswelten bewohnen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Beide Teile spielen auf Nantucket, einer Insel im Atlantik vor der Ostküste der USA, deren Bewohner im ausgehenden 18. Jahrhundert wie abgeschottet vom Rest der Welt zu leben scheinen. Der Erzähler Edwin lebt mit seiner Mutter auf einem Hof in der Marsch, züchtet wie seine Vorfahren Schafe und ist einem Mädchen auf der Insel versprochen. Man bestreitet sein Dasein im Einklang mit der Natur, im Rhythmus der Jahreszeiten, und ist ein gesegneter Mensch, wenn es einem gelingt, der Erde, von der man lebt, mehr zu geben, als man ihr nimmt. Doch die Bescheidenheit eines vorgezeichneten Lebens kann durch die Unwägbarkeiten von Krieg und Krankheit und gewisser Regungen der Seele auch auf einer isolierten Insel massiv gestört werden. Gleich zu Beginn der Erzählung wird der scheinbar vorhersehbare Lauf der Dinge in Erschütterung versetzt; in der Schilderung des jungen Mannes ist es die Erde selbst, die ihm auf grausame Weise den Vater nimmt, der, so interpretiert man es als Leser von heute, von den Traumata des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges zuerst in den Wahnsinn und dann in den Tod getrieben wurde. Ein Jahr danach ereignet sich eine weitere unerhörte Begebenheit, die, an der Oberfläche weniger brutal, von außen betrachtet fast belanglos scheint, den Ich-Erzähler mit seiner sensiblen Wahrnehmung jedoch nachhaltig erschüttert. Ein Mann im Alter seiner Mutter, ein Maler, taucht mit seiner deutlich jüngeren Braut unangekündigt auf der Insel auf und verbringt einen Abend und eine Nacht bei ihnen. Er scheint direkt der Vergangenheit der Mutter entsprungen, der er vor etlichen Jahren sehr nahe gewesen sein muss. Am Morgen sind die beiden Durchreisenden verschwunden, nur ein kleines Gemälde bleibt als Geste des Abschieds zurück.
Der Ich-Erzähler der zweiten Geschichte, die in der Gegenwart spielt, ist ein junger Kunststudent, der sich zum Malen auf die Insel zurückgezogen hat. Er wohnt für diese Zeit im Haus seiner Großmutter, das schon für den Verkauf vorbereitet wird. Bei Reparaturarbeiten, die er darin vornimmt, macht er einen merkwürdigen Fund. Um herauszufinden, was es mit dem seltsamen Gegenstand, der wie eine kuriose Antiquität anmutet, auf sich hat, bringt er ihn ins Museum der Insel. Auf diese Weise lernt er die Kuratorin kennen, eine schon ältere Dame, die Rätsel liebt. Das Rätsel seines merkwürdigen Fundes lüftet sie für ihn, zumindest teilweise, gibt ihm aber bei ihren Begegnungen so manch neues auf. Zunächst scheint es, als hätte sie auf ihn gewartet, auf einen jungen Maler, der das Werk ihres verstorbenen Mannes fortsetzen soll, der ebenfalls Maler war. Doch dann zieht sie sich auf einmal genauso unvermittelt, wie sie ihm Einblick in ihr Leben gewährte, wieder zurück, und zurück bleibt wieder ein kleines Gemälde: das, das vor 200 Jahren ein Mann für eine Frau, die er einmal geliebt hat, als Abschied hinterließ.
Es ist ein sehr suggestiver Stil, den Ben Shattuck in seinen Erzählungen entfaltet, die mit jedem Umblättern mehr zu funkeln beginnen, wie kleine Perlen, die aus ihren unscheinbaren Muschelhäusern herausblitzen. Und bald findet man den graubraunen Sand, der feinkörnig über die Schalen rieselt, für sich schon wunderschön, ohne die Muscheln ganz öffnen zu müssen, weil er ein Versprechen in sich trägt. Ebenso deuten sich innige Geschichten an, die sich hinter den zart porträtierten Figuren und der Naturlandschaft der Insel verbergen. Die Kunst ist nicht nur Gegenstand der Erzählungen, sondern hat sich auch ihrer Form eingeschrieben: Ben Shattuck wirft mit Worten den Blick eines Porträtmalers auf die Bewegungen der Seele, er gelangt unter die Oberflächen, indem er gerade diese mit einem feinen Gespür darzustellen versteht. Ein schwebender Zauber von Tiefe bleibt so nach dem Lesen zurück, ein Zauber der Intimität und des gleichzeitig gewahrten Rätsels.
Bibliographische Angaben
Ben Shattuck: Eine Geschichte der Sehnsucht, Hanser 2026
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
ISBN: 9783446286504
Bildquelle
Ben Shattuck, Eine Geschichte der Sehnsucht
© 2026 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München