bookmark_borderC. J. Cooke: Verderben. Einer stirbt. Wer lügt?

Ein aufwühlender Spannungsroman, der zugleich das psychologisch fein beobachtete Drama einer Familie erzählt. Man sollte sich nicht von dem etwas reißerischen deutschen Titel abschrecken lassen, sondern sich lieber vom Buchcover in die Hochgebirgsatmosphäre einstimmen lassen, vor deren Hintergrund die verhängnisvolle Handlung ihren Lauf nimmt…

Von den Gipfeln steigen Nebelschwaden auf und sinken wieder herab, als würden die Berge atmen. Für mich steht längst fest, dass es sich bei ihnen um lebende Wesen handelt und nicht einfach um Felsen. Und was uns vier angeht — wir sehen nicht mehr aus wie menschliche Wesen, sondern wie Aliens, die Gesichter hinter Sonnenbrillen und Tüchern und Helmgurten verschanzt. Das Ganze hat etwas Surreales.

Verderben, S. 254 (Kap. 39)

Helen und Michael sind ein durch und durch sympathisches und eigentlich wunderbar harmonierendes Paar. Ihre zwei Kinder, die siebenjährige Saskia und ihren älteren Bruder Reuben, mit dessen Autismus sie liebevoll und verantwortungsbewusst umgehen, lieben sie über alles. Doch ein unbewältigtes Trauma aus ihrer Jugend ruft immer noch Schuldgefühle und Verfolgungsängste hervor, die im Laufe der Erzählung fast schleichend ihre Schattenseiten zum Vorschein kommen lassen. Nach und nach erfährt man, was damals in den Bergen passiert ist, als Helen und Michael sich das erste Mal begegnet sind und Helens damaliger Freund Luke zu Tode kam.

Gleichzeitig hält einen die gegenwärtige Handlung in Atem, ein Familienurlaub endet abrupt mit einem schrecklichen Unfall, die kleine Saskia liegt im Koma und Michael verschwindet spurlos aus dem Krankenhaus.

Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive von Helen, Michael und Reuben, so dass die Autorin gut in das von Schuld und Verdrängung, aber auch von großer Verantwortung und Liebe geprägte Innenleben ihrer Figuren hineinleuchten kann. Insbesondere der Charakter des autistischen Reuben gelingt ihr meines Erachtens sehr glaubwürdig und differenziert.

Die Frage nach Schuld und Verantwortung, die der Roman in mehrfacher Hinsicht aufwirft, wird nicht eindeutig beantwortet, sondern in ihrer Komplexität gezeigt.

Bibliographische Angaben
C. J. Cooke: Verderben. Einer stirbt. Wer lügt?, Droemer Knaur 2020
ISBN: 9783426456637

Bildquelle
© 2020 Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG

bookmark_borderAnnika Widholm: Vertigo — Und dann wird alles dunkel

Vertigo heißt der erste Thriller der Schwedin Annika Widholm, und mit diesem im Kanon der Filmgeschichte verankerten Titel weckt sie natürlich eine große Erwartungshaltung bei ihren Lesern. Ich war jedenfalls sehr gespannt, wie — und ob überhaupt — hier eine der genialsten Spannungsintrigen, für die sogar ein eigener Kamera-Effekt geschaffen wurde, literarisch umgesetzt wird.

Und tatsächlich hat mich die Lektüre in einen schwindelerregenden Zustand versetzt. Der Autorin gelingt es, einen in Atem zu halten, bis zur letzten Seite bangt und rätselt man mit der Protagonistin mit, aus deren überzeugend erzählter Innenschau sich die mysteriöse Intrige entfaltet, die sich ständig auf der Grenze zwischen immer tiefer gehender psychologischer Studie und hochspannendem Kriminal- und Beziehungsroman bewegt.

Seit die junge Psychologiestudentin Clara bei ihrem um einiges älteren Freund eingezogen ist, in das Haus, das dieser zuvor mit seiner vor ungefähr einem Jahr durch einen U-Bahn-Sturz zu Tode gekommenen Ehefrau bewohnt hat, verliert sie immer häufiger ganz plötzlich das Bewusstsein und fällt… Dabei wird sie von Visionen heimgesucht, während derer sie ihren Körper zu verlassen scheint und Dinge tut, an deren Ablauf sie sich hinterher nicht zu erinnern vermag. In die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten schleicht sich Misstrauen ein, und auch dessen zwei Töchter verhalten sich feindselig gegenüber der unerwünschten Nachfolgerin ihrer Mutter. Außerdem erhärtet sich Claras Verdacht, von einem unbekannten jungen Mann verfolgt zu werden. Um ihrer buchstäblich Schwindel erregenden Verwirrung entgegenzuwirken, versucht sie, ihren Aussetzern durch psychologische Recherchen auf den Grund zu gehen und baut ihre Erlebnisse in die Abschlussarbeit ein, mit der sie schon eine ganze Weile kämpft. Doch dann verschwindet ihr Laptop nach einem weiteren Zusammenbruch…

Seltsame Ohnmachtsanfälle und beunruhigende Erinnerungslücken, die unheimliche Präsenz einer scheinbar verunglückten Frau, ein aufdringlicher Privatdetektiv und die Ahnung eines Verbrechens, das sich zu wiederholen droht: Was ist Wirklichkeit und was Wahnvorstellung einer traumatisierten Psyche, wer manipuliert hier wen und lauert die Gefahr wirklich dort, wo man sie vermutet oder ganz woanders?

Die Anklänge an Hitchcock, den Meister des „suspense“, sind im Text unübersehbar, man hat immer wieder Szenen natürlich aus seinem gleichnamigen Film „Vertigo“ vor Augen, aber auch Konstellationen, psychologische Elemente und v.a. die mysteriös-bedrohliche Atmosphäre aus „Rebecca“ oder „Die Vögel“ scheinen immer wieder auf.

Auch nach der Lektüre mag der Schwindel nicht völlig verfliegen, da sich die Autorin eines eindeutigen Schlusses verweigert und den Sprechstundentermin bei der Psychologiedozentin, die mit Claras in ihren Augen zu sehr ins wissenschaftlich Unfundierte, ja Esoterische abgleitendem Aufsatz hart ins Gericht geht, neben der in der Innenschau vom Leser ja ganz nah miterlebten Auflösung der Persönlichkeit der jungen Frau stehen lässt, so dass die beschriebene transzendente Erfahrung letztlich ohne rundum zufriedenstellende wissenschaftliche Erklärung bleibt. Aber geht es einem nicht nach Hitchcocks „Vögeln“ ebenso, lassen sie den Zuschauer nicht auch in der Schwebe zwischen beängstigendem Naturphänomen und der Ahnung eines irgendwie bedrohlichen Übersinnlichen, so dass der Film wie ein Wirklichkeit gewordener Alptraum erscheint, wie eine Metapher, die einer traumatisierten Psyche entsprungen ist?

Ein Vergleich mit dem, was Hitchcocks Vertigo-Effekt in der Filmgeschichte ausgelöst hat, wäre hier natürlich völlig fehl am Platz, doch die reflektierende Ebene, die durch den Psychologieaufsatz in die Erzählung eingearbeitet wird, indem hier nämlich versucht wird, dem Unterbewusstsein schreibend auf die Spur zu kommen, ist ein durchaus geschickter Kniff, um dem Plot Komplexität zu verleihen.

Wer keine Scheu davor hat, sich ins Grenzgebiet des Bewusstseins zu begeben, dem wird dieses großartige Thrillerdebüt einige Stunden hochspannender Unterhaltung bescheren!

Bibliographische Angaben
Annika Widholm: Vertigo — Und dann wird alles dunkel, Edition M (2020)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Ulla Ackermann
ISBN: 9782496701470

Bildquelle
Annika Widholm, Vertigo — Und dann wird alles dunkel
© 2020 Edition M bei Amazon Publishing

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