bookmark_borderLavie Tidhar: Adama

Literatur vermittelt Wirklichkeit auf einer anderen Ebene, als es journalistische Nachrichten und Geschichtsbücher tun. Dennoch kann sie, wenn sie die Balance zwischen emotionaler und reflexiver Kraft hält, das Bewusstsein für eben diese Wirklichkeit mit Klingen schärfen, die tiefer in uns dringen als so manche an uns abprallende Informations- und Bilderflut. Adama, das neue Buch des israelischen Schriftstellers Lavie Tidhar, das auf den ersten Platz der Jahres-Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur gewählt wurde, ist so ein Text. Adama ist ein historischer Thriller, hat mit klassischer Genreliteratur jedoch nichts zu tun, sondern ist einfach ein ungeheuer gut geschriebenes Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite den Verstand auf Hochspannung hält.

In fast jedem der 15 Teile des Buches, aus der Perspektive verschiedener, familiär miteinander verbundener Figuren in verschiedenen historischen Augenblicken erzählt, wird man mit einem neuen Verbrechen konfrontiert, das sich in ein die Generationen übergreifendes Gewaltpanorama einfügt. Die verschiedenen Handlungsfäden mit ihren verschiedenen Perspektiven bilden ein sich Seite für Seite verdichtendes und doch locker gesponnenes Netz, das, ohne auszuufern, die Geschichte des 20. Jahrhunderts umfasst und die Komplexität einer gewaltsamen Wirklichkeit in Gestalt eines stilistisch prägnant konstruierten Erzählgewebes darzustellen vermag. Verwirrende historische Gemengelagen und scheinbare gesellschaftspolitische Absurditäten werden in Adama auf diese literarische Weise ganz anders als in einem Sachbericht durchleuchtet.

Was einen sofort in den Roman hineinzieht, sind nämlich seine mit wenigen Strichen, in wenigen Szenen so menschlich gezeichneten Figuren, in deren Ambivalenz man geradezu hineinkatapultiert wird. Es ist ein intensives Lektüreerlebnis, wenn das Menschliche, das einen zu ihnen hinzieht, fast unmerklich von einer Grausamkeit unterwandert wird, wenn die Figuren von einer Gewaltspirale erfasst werden, die übermächtig scheint. Das Paradoxe wird möglich: Man kommt den Figuren in ihrem Existentialismus ganz nah, erfährt mit ihnen die Absurdität und Intensität des Lebens, man beginnt, jede einzelne von ihnen zu mögen, mit ihr und um sie zu bangen — man versteht sie, auch wenn man vor ihrer Gewalt zurückschreckt und ihr Verhalten ablehnt. Mit den Spannungsthemen Zusammenhalt und Verrat, Idealismus und Gewalt, Gemeinschaftsdenken und Existentialismus fühlt man sich an Don Winslows Mexiko-Trilogie erinnert, in der einem ans Herz wachsende und zugleich abstoßende Figuren in eine gewaltsame Umgebung hineingeworfen sind, in der es fast keine andere Chance gibt, als diese Gewalt zu verinnerlichen. Vielleicht hat Lavie Tidhar in Adama noch eine etwas poetischere Sprache gefunden, zwischen den Dialogen und der Gewalt gibt es immer wieder auch kurze Stellen mit Naturbeschreibungen, die einen in das Land Israel versetzen, eine Atmosphäre greifbar machen, ein Sehnen, ein Flirren in der Luft.

Zeitsprünge, auch innerhalb der Kapitel, verstärken die Wirkung der gewaltsam-verwirrenden Epoche, deren Porträt Adama ist. Zweiter Weltkrieg, Palästinakrieg, Sechstagekrieg, Yom-Kippur-Krieg sind der wechselnde Hintergrund, vor dem sich die Handlungen ereignen und deren chronologische Abfolge die gut belegte Wahrheit der Geschichtsbücher ist, die mit der Wahrnehmung der Protagonisten jedoch nicht zwangsläufig übereinstimmt. In a-chronologischen Sprüngen erzählt Lavie Tidhar in Adama die Entwicklung seiner aus vier Generationen stammenden Figuren von Kindern zu jungen Erwachsenen — viel älter werden die meisten von ihnen nicht. Gewalt hat eine zersplitternde Wirkung, im physischen wie im psychischen Sinne, und bringt ethische wie rationale Maßstäbe aus dem Lot. Auch die Einheit des Ortes, wie man im Theater sagen würde, wird gesprengt. Zwar konzentriert sich ein Großteil der Handlung auf Israel, doch führen immer wieder Erzählstränge nach Europa, auch nach Amerika. Ausgehend von der „heiligen Erde“ (adama) eines sich selbst versorgenden und verteidigenden Kibbuz, in dem die Fäden der Handlung immer wieder zusammenlaufen, verlieren sie sich doch immer wieder. Flieh- und Anziehungskräfte konkurrieren miteinander, für die einen ist der Kibbuz ein Ideal, ein sicherer Hafen, anderen ein Gefängnis oder ein uneinlösbares Versprechen. Wenn das Auseinandergesprengtwerden ein oder vielleicht das zentrale Motiv des Romans ist, ist ein Erzählen in Sprüngen nur folgerichtig. Unmöglich erweist es sich jedenfalls, die Geschichte eines Landes wie Israel, sei es historisch oder räumlich, isoliert zu betrachten, und alle Landes- und Zeitgrenzen erscheinen auf die eine oder andere Weise artifiziell.

Tod und Sterben sind in Adama omnipräsent. Es gibt mehrere Sterbeszenen, die Figuren sterben durch Krankheit, Unfall, Krieg und Verbrechen, sie erleiden Gewalt — und sie fügen sie auch anderen zu, aus den verschiedensten Motiven, von denen Selbstverteidigung und Rache nur zwei Beispiele sind. Das zu lesen ist hart, aber es ist nie sensationsheischend, nie pathetisch und auch nie gefühllos. Adama rüttelt einen wach, konfrontiert einen mit dem Unbequemen, lässt einen nachdenken über Gerechtigkeit, über Rache, Selbstjustiz, Trauma und über das richtige Leben, so wie auch die Figuren keine unreflektierten Sprösslinge eines gewaltsamen Milieus sind, sondern sich selbst viele Frage stellen:

Warum musste ausgerechnet er [Lior, der einen Unfall überlebt] der einzige Überlebende sein? Und warum hatten Yael und Israel nicht allein sterben können? Sie hatten nicht das Recht gehabt, ihm so etwas anzutun, zu sterben in seiner Gegenwart und ihn zu dem zu zwingen, was er getan hatte.

Lavie Tidhar: Adama, S. 349 (12 Das Ende der Straße – Ophek – Sinai, 1976)

Oder:

Was waren Opheks [der zum Auftragsmörder wird] Verbrechen im Vergleich zu dieser alten Grausamkeit, was war er anderes als eine Fortsetzung der Geschichte, eine Zeile einer Seite, die immer und immer wieder neu geschrieben wurde?

Lavie Tidhar: Adama, S. 361 (2 Das Ende der Straße – Ophek – Sinai, 1976)

So schwarz die Schatten von Gewalt und Krieg in Adama sind, ist es kein völlig düsteres Buch, was an der bereits erwähnten die Poesie streifenden Sprache ebenso liegt wie an den Figurenzeichnungen. Hinzu kommt, dass man wie nebenbei einiges über jüdisches Leben in und außerhalb Israels erfährt, über israelische Traditionen, Feste, und über das teils utopisch, teils überholt anmutende Leben in einem Kibbuz, von der sozialistischen Organisation der Arbeitsteilung bis zum gelebten Ideal einer jüdischen Gemeinschaft, die über biologische Familienbande hinausgeht, weshalb die Kinder schon im Säuglingsalter gemeinschaftlich statt nur von den Eltern betreut werden.

Für die einen ist der Kibbuz Trashim, wie er in Adama heißt, ein Zuhause, die anderen wollen ihm entfliehen, was allerdings nur selten gelingt. Die Verwurzelung in der jüdischen (Schicksals-)Gemeinschaft ist tief, so tief wie auch die Verwurzelung in der Vergangenheit, deren Bande fast unlösbar scheinen. Einige, wie Shosh, die Schwester der ältesten Protagonistin, Ruth, die ihrerseits die überzeugteste Verteidigerin des Kibbuz ist, wandert, nachdem sie den Nationalsozialismus und den Hunger und die Grausamkeit in verschiedenen Lagern überlebt, nach Jahren ihre Schwester in Israel wiedergefunden hat, im Kibbuz ein Kind bekommen und nicht nur einen Mann verloren hat, schließlich nach Amerika aus, von wo nur noch die ein oder andere Postkarte im Kibbuz bei ihrer Tochter eintrifft, die sie zurücklassen musste.

Shosh dachte an Anna Klug, wie sie in einem Keller in Landsberg in einer Blutlache lag. Sie dachte an die Lager. Die Welt hatte eine Waffe aus ihr gemacht, aber sie konnte sich immer noch entschließen, keine zu sein, dachte sie. Sie wollte Licht, Musik und hübsche Kleider und Dinge! Sie wollte Dinge. Sie wollte einen Mann, der ihr niemals Vorträge über das ‚Proletariat‘ hielt. Sie wollte ein Kind, das ihr gehörte, nicht dem Kibbuz.

Lavie Tidhar: Adama, S. 250 (6 Die Geier – Shosh – Kibbuz Trashim, 1952)

Shosh will der Gewaltspirale entkommen, in die sie sich hineingezogen fühlt, sie will ihre Träume leben, und so wie ihr ergeht es eigentlich allen der Protagonisten. Sie haben Hoffnungen, Sehnsüchte, die radikal gebrochen werden oder aber deren Verwirklichung unendlich Kraft kostet. Einige von ihnen verkaufen ihre Seele, lassen ein Stück von sich zurück, um sie zu erfüllen. Ihnen allen wird auf die eine oder andere Weise Gewalt angetan oder sie werden zum Zeugen von Gewalt. Nicht darüber sprechen zu können, stellt sich als ein intergenerationelles Trauma heraus, das bei einigen von ihnen dazu führt, dass sie selbst anderen Gewalt antun.

Lior wollte nicht Pilot werden. Er wusste nicht, was er werden wollte. Er wollte ausholen und jemandem weh tun. Er wollte jemandem Schmerzen zufügen als Ausgleich für den Schmerz, den er empfand und über den er nicht sprechen durfte. Man musste ein Mann sein. Das Land verlangte Opfer. Ruths Stimme, Ruths Worte. Und auf ihrem Regal lauter Bilder von toten Männern.

Lavie Tidhar: Adama, S. 332 (11 Yom Kippur – Lior – Kibbuz Trashim, 1973)

Die schon erwähnte Ruth aus der ersten Generation, von der erzählt wird, überlebt fast alle Protagonisten. Sie war schon vor dem Krieg nach Palästina ausgewandert und wurde Mitgründerin des Kibbuz Trashim, um dessen Fortbestand sie ihr Leben lang, auf zugleich bewundernswerte wie furchteinflößende Weise, auch mit Mitteln der Selbstjustiz, kämpft. Eine gewisse emotionale Verhärtung scheint ihr Preis für das Überleben zu sein.

Bis auf Ruth erlebt man die allermeisten Figuren als Kinder und als ganz junge Menschen. Das macht es so hart, ihre Schicksale beim Lesen mitzuerleben, mitzuerleben etwa, wie ein kleiner aufgeweckter Junge voller Fantasie, der seinen Lebenstraum, Zauberer zu werden, mit bemerkenswerter Konsequenz verfolgt, schließlich zum Auftragsmörder wird. Es macht die Lektüre gleichzeitig aber auch so schön, wenn sie uns sprachlich verlebendigt in ihren Sehnsüchten wie in ihren Schmerzen so nahe kommen.

Momentan wirkt es wie eine Utopie, aber hoffen wir, dass irgendwann in Israel keine Kinder mehr zu hebräischen Pirschern erzogen werden, sondern Zauberer werden können.

‚Der hebräische Pirscher!‘, sagte er. ‚Klein und gefährlich, er greift nur an, wenn er sich bedroht fühlt. Seid selbst der Skorpion. Habt Mut. Wir werden diesen Krieg gewinnen, so wie alle anderen auch. Ich selbst…‘ Er schweifte ab zu einer Geschichte über den Krieg 1948. Sie hatten sie alle schon hundertmal gehört. Und auch Skorpione hatten sie alle schon hunderte gesehen. Sie wussten, dass man nicht einfach Steine umdrehen durfte, man musste sehr vorsichtig sein.

Lavie Tidhar: Adama, S. 334 (11 Yom Kippur – Lior – Kibbuz Trashim, 1973)

Bibliographische Angaben
Lavie Tidhar: Adama, Suhrkamp 2025
ISBN: 9783518475164

Bildquelle
Lavie Tidhar, Adama
© 2026 Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin

bookmark_borderJocelyne Saucier: A train perdu

Sanft melancholisch, nachdenklich und in einer geglückten Balance aus emotionaler Involviertheit und selbstironischer Distanz erzählt Jocelyne Saucier in A train perdu von den entlegenen Weiten, dichten Wäldern und stillgelegten Minen eines wenig bekannten Kanadas fern der Metropolen, von einem im Verschwinden begriffenen Schienennetz, das die abgelegenen Dörfer im nördlichen Ontario und Québec, einst blühende Bergarbeiterstädte, nur noch rudimentär miteinander verbindet, und von einer Frau, die dieser Gegend entstammt, die mit ihr verwachsen ist und sich am Ende ihres Lebens auf eine unumkehrbare Reise macht, mit der sie das Leben ganz unterschiedlicher Menschen aus der Region durcheinanderbringt.

Ausgangspunkt der Erzählung ist das Verschwinden, ist die Flucht, die Reise, die Mission der alten Gladys Comeau, die unangekündigt und zur großen Verwirrung und Bestürzung ihres Umfelds von heute auf morgen ihr Dorf mit dem auffälligen Namen Swastika verlässt, um — wie sich bald herausstellt todkrank — mit wechselnden Zügen quer durch das nördliche Kanada zu fahren. Ihre Route, die sich dem Zufall ergeben entlang dem teilweise schon außer Betrieb gesetzten Schienennetz entfaltet, mag von außen verwirrend erscheinen, und doch hat Gladys ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen, das der Ich-Erzähler und selbst ernannte Chronist dieser Geschichte allmählich zu verstehen und dem Leser zu vermitteln beginnt.

Mit der Spurensuche des Erzählers, die dieser zeitlich leicht versetzt aufnimmt, taucht man in die Lebenswelt der Region ein, eine in einem nicht mehr aufzuhaltenden Wandel begriffene, gleichwohl vergleichsweise noch immer entschleunigte Welt. Die ewige Verspätung der Züge macht hier niemandem etwas aus, viele der kleinen Dörfer sind noch immer nur mit der Eisenbahn erreichbar. Jocelyne Saucier führt uns zurück in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg und bis in die Gegenwart. A train perdu ist eine Reise in die Vergangenheit des Landes und seiner Bewohner, erzählt in vielen kurzen, einfühlsamen Porträts „gewöhnlicher“ Menschen. All die Streckenarbeiter, Waldarbeiter, Erzgräber, Fallensteller, die Einwanderer und die Eingeborenen, alle führten sie ein einfaches Leben, abgeschottet vom Rest der Welt; diese „petits sauvageons des bois“ (A train perdu, S. 67) konnten kein Englisch und erhielten ihre Bildung in den sogenannten „school trains“, Schulen auf Rädern, von Güterwägen gezogen, die zwischen 1926 und 1967 in den Wäldern Ontarios die einzige Möglichkeit für die Einwohner waren, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Gladys, die am Ende ihres Lebens wieder in die rollende Welt der Züge zurückkehrt, war in dieser Umgebung sozialisiert worden, ihre Eltern waren Lehrer in den „school trains“ gewesen. Später hatte Gladys Albert, einen stillen, melancholischen Jungen aus den Wäldern, geheiratet, den sie nur ein Jahr nach der Hochzeit bei einem Grubenunglück verlor. Das gemeinsame Kind, Lisana, lebt inzwischen, längst erwachsen und selbstmordgefährdet, wieder bei ihrer Mutter. Auch sie lässt Gladys zurück, als sie sich auf ihre letzte Reise macht, ihr großes, einst so fröhliches Kind, das studiert hat und dann mit Depressionen wieder in die Heimat zurückkehrte. Man lernt auch die Nachbarn von Gladys kennen, die sich nach ihrem Verschwinden Vorwürfe machen und alles auf den Kopf stellen, um die Flüchtige wieder einzufangen, die sich ihnen jedoch geschickt zu entziehen versteht. Unterstützt wird sie dabei von Jeanette, einer Frau, der Gladys auf ihrer Reise begegnet, auch sie eine, die den Zug als Heimat begreift.

Da die écriture in diesem fein gesponnenen Text ein großes Thema und gewissermaßen der rote Faden der Geschichte ist, der sich entrollt, Knoten bildet und wieder löst wie das nostalgische kanadische Schienenetz, möchte ich noch einmal auf den selbst ernannten Chronisten und sein Schreiben zurückkommen. Seine stilistische Neigung zu Dreierschritten, die sich durch die gesamte Erzählung ziehen und am Schluss in einer ins Transzendente gewendeten, lebensbejahenden Symbolik kulminieren, ist auffällig; sie sind weniger als Klimax denn als ein Sich-Annähern zu verstehen, was der Aufgabe entspricht, die sich der Ich-Erzähler gegeben hat und die ihm geradezu eine Philosophie geworden ist, eine Einstellung, mit der er sein Dasein und das der anderen zu begreifen und einzuordnen versucht:

Mais il n’y a que Gladys, il y a tous les autres qui m’ont hélé, harcelé, harnaché à cette quête ou enquête — je ne sais plus ce que c’est — que je dois maintenant relater.
J’ai à sonder, à élucider, à comprendre mes propres motivations.

Doch nicht nur Gladys, auch all die anderen haben mich zu dieser Untersuchung oder Selbstsuche — ich weiß selbst nicht mehr, was es ist — angehalten, gedrängt, angespornt, von der ich nun Zeugnis ablegen muss.
Ich muss nachforschen, aufklären, meine eigenen Motive verstehen.

Saucier, A train perdu, S. 12 f. (Übersetzung der Rezensentin)

Von diesen anderen sollten zwei hier Erwähnung finden, da sie dem Suchen und Schreiben des Chronisten jeweils eine neue Richtung geben: erstens ein Mann mit Schal am Bahngleis, der dort die Leute ausfragt und sich als französischer Autor aus Paris entpuppt, der nach Kanada gereist ist, um dem Dorf mit diesem ungewöhnlichen, historisch vorbelasteten Namen, Swastika, auf den Grund zu gehen und seine Geschichte ans Licht zu bringen; zweitens ein Biolehrer und Freund des Chronisten, den dieser im Stadtmuseum kennengelernt hat und der sich für die Geschichte der Gegend, insbesondere für das schreckliche Grubenunglück, dem auch Gladys Mann zum Opfer gefallen war, interessiert, und der außerdem ein großes Misstrauen gegen jede Form der Ausschmückung und der Fiktion hegt.

Die Vorgehensweise des Ich-Erzählers ist denn auch geprägt von genauem Beobachten, Zuhören und Nachfragen, es ist ein feines Erzählen mit vielen Zwischentönen, das mehrere, oft auf den ersten Blick undurchsichtige Ebenen der Wahrnehmung und der Handlungsmotivation zugleich aufscheinen lässt. So gelingt auch immer wieder ein Blick unter die Oberfläche, der, wenn nicht zwangsläufig einen Widerspruch, so doch ein komplementäres Bild zu dem, was von außen sichtbar ist, erkennen lässt. Denn in den Geschichten der Menschen klingt in erster Linie eine große Zufriedenheit und Bescheidenheit auf, eine liebevolle Verbundenheit mit der Region, die früher belebter, lebendiger schien, eine Nostalgie wird spürbar, aber keine lauten Klagen, vielmehr der Stolz auf die spärlichen Früchte eines mühsamen Lebens. Die écriture von Jocelyne Saucier transformiert diese berührende, gleichwohl nicht vor Lebensfluchten und -Lügen gefeite Haltung in ihrem Text in einen menschenfreundlichen Humor angesichts einer tiefen Melancholie, eines Glückes, das vergänglich ist, flüchtig, wie die vorbeigleitenden Eisenbahnen in den Weiten eines wenig bekannten Kanada.

A train perdu ist ein Werk in Bewegung, das sich langsam, aber unaufhörlich, dem poetischen Rattern der alten Zugräder gleich, entfaltet und den Leser immer wieder mit kleinen Verschiebungen und subtilen Veränderungen überrascht. Die Begegnung mit dem Text hat wie die in ihn eingebundenen Figuren zunächst eine Zufälligkeit, die an Kontur und Tiefe gewinnt, ohne je an Offenheit zu verlieren. Ein in all seiner Realitätsnähe und Menschlichkeit wahrhaft magisches Buch!

Bibliographische Angaben
Jocelyne Saucier: A train perdu, Les Editions XYZ 2020
ISBN: 9782897722470

Bildquelle
Jocelyne Saucier, A train perdu
© 2024 Editions XYZ, Montréal (Québec)

bookmark_borderAndreas Schäfer: Das Gartenzimmer

Dass Architektur und ihre Geschichte politische Symbolkraft entfalten können, war an den Diskussionen über das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss zu beobachten und zeigt sich auch gerade wieder am Beispiel einer angeregt geführten Debatte um das Berliner Olympiagelände, dessen Architektur und skulpturale Gestaltung in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreichen. Vor diesem Hintergrund erscheint Schäfers neuer Roman, in dem eine 1909, sozusagen am Wendepunkt der Jahrhunderte gebaute und von der düsteren Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägte Villa im Zentrum steht, in ganz aktuellem Licht.

Denn der Autor stellt in seinem Buch, freilich nicht theoretisch, sondern schön eingebunden in ein spannendes narratives Handlungsgefüge, die Frage nach der symbolischen Aufladung eines Gebäudes, nach den historischen Spuren, die sich in die Architektur einschreiben und ihr eine Bedeutung verleihen, die über ihren Entstehungskontext hinauszureichen und in einem bisweilen geradezu mythisch erscheinenden Wechselspiel mit der Biographie ihrer Bewohner zu stehen scheint. Schäfer wendet in seinem Roman die Frage stark ins Biographisch-Persönliche: Kann Architektur Menschenschicksale verändern oder ist ein Gebäude ein für sich genommen neutraler Ort, der von den Menschen aus ihrem jeweiligen Erfahrungshorizont heraus interpretiert und mit Bedeutung versehen wird?

Um diese Fragen zu verhandeln, spannt der Autor einen weiten Bogen über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, der von der Jahrhundertwende bis in unsere heutige Zeit reicht. Mit der Geschichte des Hauses, das durch seine teils noch im Jugendstil, teils aber schon in avantgardistischeren Formen ersonnene Form selbst eine Brücke von der Tradition in die Moderne schlägt, verbindet Schäfer mehrere Familiengeschichten. Jedoch ist der Roman alles andere als eine klassische Familiensaga. Vielmehr kreuzen sich über mehrere Jahrzehnte hinweg verschiedene Schicksale und Lebenswege in der so genannten „Taubert-Villa“, die tatsächlich als eigentlicher Protagonist im Zentrum steht. Der Autor zeigt in den geschilderten Episoden, in denen er sehr nah an die Gefühls- und Lebenswelt der Figuren herantritt, die er dennoch nur ausschnittsweise erfasst, wie die Villa auf ganz verschiedene Art und Weise zum Schicksal für die Menschen wird, die sich in ihre Geschichte verwickeln lassen. Zugleich entgeht der Autor der Versuchung des Mythischen, indem er immer wieder die Frage anstößt, wie viel die Menschen von ihrem subjektiven Horizont aus in das Gebäude hineininterpretieren oder auch, wie viel von der Geschichte des Hauses sie verdrängen.

„Legen wir die Bedeutung hinein, weil Taubert später berühmt wurde, oder wirkt das Haus von sich aus? Wissen färbt den Blick, das ist das Problem.“

Andreas Schäfer, Das Gartenzimmer

Diese nachdenkliche und für die Konstruktion des Romans zentrale Frage stellt zu Beginn des 21. Jahrhunderts der Journalist mit den zwei verschiedenfarbigen Augen, der etwas Erschütterndes über die Geschichte des Hauses erfahren hat, sein Wissen jedoch zunächst noch zurückhält, da er glaubt, dass die aktuelle Herrin des Hauses, die mit ihrem idealisierten Bild der Villa einiges in ihrem Privatleben zu kompensieren scheint, damit nur schwer zurechtkommen würde.

Etwa ein Jahrhundert zuvor setzt die Erzählung ein. Der junge und begabte Architekt Max Taubert bekommt die Chance, sein erstes Haus zu entwerfen: Für ein betuchtes, gebildetes Ehepaar, das in ihm ein wenig den eigenen verlorenen Sohn sieht, baut er in einem Berliner Villenviertel ein Haus, in dessen Architektur er all sein Herzblut hineinlegt. Von Anfang an gibt es neben Sympathie und Zutraulichkeit jedoch auch unterschwellige Misstöne in der Beziehung zwischen Architekt und Bauherren, die sich indirekt auch auf das Gebäude zu übertragen scheinen. Aus verschiedenen, auch ästhetischen Gründen — so gilt Taubert bald als Pionier der Moderne, der mit seiner neuen Architektur der Glasfronten und Flachdächer einen anderen Weg einschlägt, als er ihn mit seiner ersten Villa begonnen hatte — distanziert sich der Architekt mehr und mehr von seinem ersten Bau; und auch das Verhältnis zu den ersten Bewohnern der Villa kühlt sich ab: eine notwendige Abkapselung, nachdem er in den Entwurf dieses für ihn so bedeutsamen ersten Hauses zu viel von sich projiziert hatte? Ist ein Jahrhundertwerk überhaupt möglich, wenn Kunst und Seele nicht für einen Moment verschmelzen und den Künstler „wie von Zauberhand“ führen?

Erst nachdem Max gekündigt hatte, erst als er die versponnenen Vorstellungen der Rosens abgeschüttelt und seine Fantasie von allen Fesseln befreit hatte — erst als er sich erlaubte, die eigenen Wünsche im Haus zu verstecken, fanden die Räume, wie von Zauberhand geführt, zu ihrem Platz und ihrer Bestimmung. (…) doch inzwischen hatten die Rosens das Haus in Besitz genommen — ihre täglichen Wege und Gewohnheiten, ihr Gedanken und die Reste ihrer Gespräche hingen als Gespinst in der Luft –, und als Max die Galerie erreichte, war ihm, als beträte er verbotenes Gelände.

Andreas Schäfer, Das Gartenzimmer

Was im Laufe der verschiedenen Erzählstränge des Romans deutlich wird, ist auf jeden Fall, dass jeder eine eigene Sehnsucht mit dem Gebäude verbindet, seine eigenen Imaginationen in es hineinlegt, etwas Verlorenes, Ersehntes in ihm zu suchen scheint, das sich letztlich nicht erfüllen kann. Und umso größer ist dann auch die Enttäuschung, umso heftiger auch die Abneigung gegen die Villa, die Angst vor so etwas wie einem Fluch, der auf ihr zu lasten scheint.

Die Chronologie der Ereignisse ist nachvollziehbar dargestellt, die Kapitelüberschriften geben klar an, in welchem Zeitabschnitt man sich befindet, jedoch spielt der Autor mit dem Wechsel der zeitlichen Ebenen. Die Informationsvergabe hat etwas von einem Puzzle, das sich für den Leser erst nach und nach zusammensetzt und eine große Neugier nicht nur auf den Fortschritt der Handlung, sondern auch auf die Vorgeschichte erzeugt. Hier wird nicht jede Wissbegier befriedigt, stellenweise hätte man gern noch mehr von den Lebenswegen der einzelnen Personen erfahren. Doch die Andeutung ist hier auch ein Stilmittel, die das Spekulative, Mystische der Zuschreibungen, die das Haus erfährt, transponieren. Gerade die Zeit des Nationalsozialismus, in der die Villa ihre dunkelste Stunde hatte, erschließt sich dem Leser nur in vielen Anspielungen, die dann aber ein schockierendes Gesamtbild ergeben. Was sich im titelgebenden Gartenzimmer des Hauses abgespielt hat, soll aber an dieser Stelle nicht verraten werden.

Am Beispiel der Familie, die das Haus in unserer Gegenwart bezieht, illustriert Schäfer anschaulich das Konfliktpotenzial, das ein derart mit Historie aufgeladenes Gebäude in sich tragen kann, zumal sich im Falle der Lekebuschs, so der Name der neuen Bewohner, Öffentliches und Privates auf problematische Weise vermischen. Während Hannah Lekebusch sich in die öffentlichkeitswirksame Präsentation des bedeutsamen Kunstdenkmals hineinsteigert, sieht ihr Mann Frieder seine Privatsphäre gestört. Ihr Sohn Luis hat, wohl auch aus dem Grund, dass er die Spannungen zwischen seinen Eltern spürt, ein skeptisches Verhältnis zu der Villa. Als ihn der Journalist dann über das dunkle Kapitel des Gartenzimmers ins Vertrauen zieht, fühlt er sich bestätigt und reagiert seinerseits mit einer Abwehr, die zur Flucht wird. Und schließlich ist da noch Ana, die Tochter der brasilianischen Putzfrau, in die er sich verliebt.

Was mir an dem Buch ganz besonders gefallen hat, ist die sehr differenzierte und individuelle Ausleuchtung der sozialen Beziehungen und Hierarchien. Der Blick auf die Figuren ist kritisch, aber keinesfalls vernichtend, denn durch den Wechsel der Perspektiven entsteht eine Vielschichtigkeit und Offenheit, die den Figuren respektvoll gewährt wird. Auch das Verhältnis von Ethik und Ästhetik wird von vielen Seiten beleuchtet, und mit ihm die nie pauschal, sondern immer nur im Kontext zu beantwortende Frage nach der Verantwortung gegenüber der Geschichte.

Sully Prudhomme, der französische Dichter, der ebenfalls um die Jahrhundertwende seine wunderbare Lyrik verfasste, hat auch ein Gedicht über den Zauber alter Häuser geschrieben, in denen sich im Unterschied zu Neubauten etwas Seelenhaftes manifestiert, das mit der Geschichte bzw. den Geschichten, die sich darin abgespielt haben, mit der Zeitlichkeit, zu tun hat. So vergleicht er gleich in der ersten Strophe alte Häuser mit Witwen, die sich weinend erinnern, und endet mit dem Bild eines brennenden Hauses, in dem mit dem alten Putz und den Balken zugleich Seelen mit zu verbrennen scheinen… Etwas von dem mystischen Zauber schwebt trotz aller Aufklärungsarbeit auch in Schäfers Gartenzimmer, und das macht den Roman umso schöner zu lesen!

Bibliographische Angaben
Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer, DuMont 2020
ISBN: 9783832170264

Bildquelle
Andreas Schäfer, Das Gartenzimmer
© 2020 DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Köln

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