bookmark_borderPhilippe Lançon: Der Fetzen

Philippe Lançon hat das Attentat auf Charlie Hebdo mit einer schweren Verletzung überlebt. Dieses Überleben macht er zum Thema seiner Aufzeichnungen, deren bisweilen schockierende Offenheit dem Leser sehr nahe geht. Er schildert auf nachdenkliche und sehr feinsinnige Weise die zahlreichen Herausforderungen, vor die ihn die Wiedereingliederung in das „normale“ Leben stellt. Hilfe findet er bei Kafka und Proust, aber auch durch die vielen neuen Bande, die er mit Chirurgen und Personenschützern knüpft. Innen und außen spiegeln sich dabei, sein Gesicht besteht aus ebensolchen Fetzen wie sein neues Leben, das gewaltsam vom alten getrennt wurde. 

Bibliographische Angaben
Philippe Lançon: Der Fetzen, Tropen (2019)
Aus dem Französischen von Nicola Denis, Originaltitel: Le lambeau (Gallimard)
ISBN 9783608504231

Bildquelle
Philippe Lançon, Der Fetzen
© 2019 Tropen im Klett-Cotta Verlag, Stuttgart

bookmark_borderMirjam Pressler: Dunkles Gold

Gleich zwei Geschichten erzählt der Roman, verwoben durch die Neugier und das Talent eines jungen Mädchens. 1349 flieht die 15jährige Rachel vor den Pogromen aus ihrer Heimatstadt. Die gleichaltrige Laura, deren Geschichte in unserer Gegenwart spielt, weiß von ihrer Mutter, einer Kunsthistorikerin, alles über den Erfurter Schatz, den unbekannte Juden bei ihrer Vertreibung zurücklassen mussten. Als sie ihrem jüdischen Mitschüler Alexej näherkommt, wächst ihr Interesse für die Geschichte ihrer Stadt. In einer Graphic Novel haucht sie den vergessenen Figuren der Geschichte Leben ein und gibt Rachel und ihrem kleinen Bruder eine Biographie, die uns Leser zu fesseln und berühren vermag. Durch Einfühlung das Vergangene erlebbar machen und gegen das Vergessen anschreiben, das gelingt auch der Autorin Mirjam Pressler, die mit diesem ihrem letzten Roman zugleich ein persönliches Vermächtnis geschrieben hat, meisterhaft!

Ab 14 Jahren

Mirjam Pressler: Dunkles Gold, Beltz (2019)
ISBN 9783407812384

bookmark_borderAbubakar Adam Ibrahim: Wo wir stolpern und wo wir fallen

Mit seinem Roman „Wo wir stolpern und wo wir fallen“ erschafft der nigerianische Autor Abubakar Adam Ibrahim ein schillernd realistisches und äußerst vielschichtiges Bild seiner Heimat, das einen immer wieder „stolpern“ lässt. Ob über die zahlreich eingestreuten afrikanischen Weisheiten, über die Ausbrüche der sehr lebendig gezeichneten Charaktere und nicht zuletzt über die gesellschaftliche Grenzen sprengende Liebesgeschichte der Witwe Binta mit dem 30 Jahre jüngeren Gangster Reza. Als die alles andere als oberflächliche Liebe bekannt wird, kommt eine gefährliche Dynamik in Gang, in der unverarbeitete Traumata an die Oberfläche drängen…

Abubakar Adam Ibrahim: Wo wir stolpern und wo wir fallen, Residenz (2019)
Übersetzt von Susann Urban
ISBN 9783701717125

bookmark_borderStig Sæterbakken: Durch die Nacht

Karls Sohn hat Selbstmord begangen. Karl, der die Geschichte erzählt, wird von Schuldgefühlen gebeutelt und sucht nach einem Weg, mit seiner Trauer umzugehen. Offen und schonungslos, aber auch poetisch und mit großer erzählerischer Kraft nimmt er uns mit auf seine Reise „durch die Nacht“, die bisweilen surreale Züge annimmt und tiefen Einblick in seine traumatisierte Erinnerung gibt. Saeterbakken trifft genau den richtigen Ton, berührend und schockierend erzählt er von der Schönheit und der Verletzlichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen.

Bibliographische Angaben
Stig Sæterbakken: Durch die Nacht, DuMont (2019)
ISBN 9783832183653

Bildquelle

Stig Sæterbakken, Durch die Nacht
© 2019 DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Köln

bookmark_borderElena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens

Der zweite Teil der Neapeltetralogie

Elena Ferrante schreibt psychologisch so dicht, dass das Lektüreerlebnis jedesmal ein ganz besonders intensives ist. Im zweiten Band taucht man noch tiefer in die Seelen der beiden Mädchen ein, die nun zu jungen Frauen geworden sind. Ferrante erzählt von den Herausforderungen, die das Aufwachsen in einem ärmlichen Vorort Neapels in den 60er Jahren mit sich bringt, von Rivalitäten und Freundschaften, und verwebt sie sehr authentisch mit den widersprüchlichen Gefühlen, Gedanken und Sehnsüchten zweier junger Menschen, feinfühlig und eigensinnig, auf ihren verschlungenen Wegen ins Erwachsenenleben. Ein genialer Roman, der unter die Haut geht.

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens, Suhrkamp (2019)
ISBN 9783518469521

bookmark_borderAlain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände

Am liebsten hätte ich die wunderschöne Geschichte nach der letzten Seite sofort von vorn begonnen! Was für ein Zauber Sulzers Worten entspringt, mit denen er die für uns nachgeborene Leser so harmlos anmutenden Veränderungen, die in den geregelten Alltag des Schaufensterdekorateurs und Junggesellen Stettler einbrechen, in ein Schicksal verwandelt, das uns berührt: Kennen wir nicht auch das Gefühl, uns nicht mehr heimisch zu fühlen in einer sich rasch wandelnden Welt? Sulzer lässt seinen schrulligen und doch mit Würde gezeichneten Protagonisten über sich hinauswachsen und schreibt zugleich eine wunderschöne, traurige Liebesgeschichte.

Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände, Galiani-Berlin (2019)
ISBN 9783869711942

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