bookmark_borderAnnika Widholm: Vertigo — Und dann wird alles dunkel

Vertigo heißt der erste Thriller der Schwedin Annika Widholm, und mit diesem im Kanon der Filmgeschichte verankerten Titel weckt sie natürlich eine große Erwartungshaltung bei ihren Lesern. Ich war jedenfalls sehr gespannt, wie — und ob überhaupt — hier eine der genialsten Spannungsintrigen, für die sogar ein eigener Kamera-Effekt geschaffen wurde, literarisch umgesetzt wird.

Und tatsächlich hat mich die Lektüre in einen schwindelerregenden Zustand versetzt. Der Autorin gelingt es, einen in Atem zu halten, bis zur letzten Seite bangt und rätselt man mit der Protagonistin mit, aus deren überzeugend erzählter Innenschau sich die mysteriöse Intrige entfaltet, die sich ständig auf der Grenze zwischen immer tiefer gehender psychologischer Studie und hochspannendem Kriminal- und Beziehungsroman bewegt.

Seit die junge Psychologiestudentin Clara bei ihrem um einiges älteren Freund eingezogen ist, in das Haus, das dieser zuvor mit seiner vor ungefähr einem Jahr durch einen U-Bahn-Sturz zu Tode gekommenen Ehefrau bewohnt hat, verliert sie immer häufiger ganz plötzlich das Bewusstsein und fällt… Dabei wird sie von Visionen heimgesucht, während derer sie ihren Körper zu verlassen scheint und Dinge tut, an deren Ablauf sie sich hinterher nicht zu erinnern vermag. In die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten schleicht sich Misstrauen ein, und auch dessen zwei Töchter verhalten sich feindselig gegenüber der unerwünschten Nachfolgerin ihrer Mutter. Außerdem erhärtet sich Claras Verdacht, von einem unbekannten jungen Mann verfolgt zu werden. Um ihrer buchstäblich Schwindel erregenden Verwirrung entgegenzuwirken, versucht sie, ihren Aussetzern durch psychologische Recherchen auf den Grund zu gehen und baut ihre Erlebnisse in die Abschlussarbeit ein, mit der sie schon eine ganze Weile kämpft. Doch dann verschwindet ihr Laptop nach einem weiteren Zusammenbruch…

Seltsame Ohnmachtsanfälle und beunruhigende Erinnerungslücken, die unheimliche Präsenz einer scheinbar verunglückten Frau, ein aufdringlicher Privatdetektiv und die Ahnung eines Verbrechens, das sich zu wiederholen droht: Was ist Wirklichkeit und was Wahnvorstellung einer traumatisierten Psyche, wer manipuliert hier wen und lauert die Gefahr wirklich dort, wo man sie vermutet oder ganz woanders?

Die Anklänge an Hitchcock, den Meister des „suspense“, sind im Text unübersehbar, man hat immer wieder Szenen natürlich aus seinem gleichnamigen Film „Vertigo“ vor Augen, aber auch Konstellationen, psychologische Elemente und v.a. die mysteriös-bedrohliche Atmosphäre aus „Rebecca“ oder „Die Vögel“ scheinen immer wieder auf.

Auch nach der Lektüre mag der Schwindel nicht völlig verfliegen, da sich die Autorin eines eindeutigen Schlusses verweigert und den Sprechstundentermin bei der Psychologiedozentin, die mit Claras in ihren Augen zu sehr ins wissenschaftlich Unfundierte, ja Esoterische abgleitendem Aufsatz hart ins Gericht geht, neben der in der Innenschau vom Leser ja ganz nah miterlebten Auflösung der Persönlichkeit der jungen Frau stehen lässt, so dass die beschriebene transzendente Erfahrung letztlich ohne rundum zufriedenstellende wissenschaftliche Erklärung bleibt. Aber geht es einem nicht nach Hitchcocks „Vögeln“ ebenso, lassen sie den Zuschauer nicht auch in der Schwebe zwischen beängstigendem Naturphänomen und der Ahnung eines irgendwie bedrohlichen Übersinnlichen, so dass der Film wie ein Wirklichkeit gewordener Alptraum erscheint, wie eine Metapher, die einer traumatisierten Psyche entsprungen ist?

Ein Vergleich mit dem, was Hitchcocks Vertigo-Effekt in der Filmgeschichte ausgelöst hat, wäre hier natürlich völlig fehl am Platz, doch die reflektierende Ebene, die durch den Psychologieaufsatz in die Erzählung eingearbeitet wird, indem hier nämlich versucht wird, dem Unterbewusstsein schreibend auf die Spur zu kommen, ist ein durchaus geschickter Kniff, um dem Plot Komplexität zu verleihen.

Wer keine Scheu davor hat, sich ins Grenzgebiet des Bewusstseins zu begeben, dem wird dieses großartige Thrillerdebüt einige Stunden hochspannender Unterhaltung bescheren!

Bibliographische Angaben
Annika Widholm: Vertigo — Und dann wird alles dunkel, Edition M (2020)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Ulla Ackermann
ISBN: 9782496701470

Bildquelle
Annika Widholm, Vertigo — Und dann wird alles dunkel
© 2020 Edition M bei Amazon Publishing

bookmark_borderPeter Michalzik: Die Liebe in Gedanken

Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke

Eine wunderschöne Reflexion über die Vielschichtigkeit der Liebe und ihre Verbundenheit mit der Sprache der Poesie!

Michalziks Geschichte ist leidenschaftlicher Briefroman, fiktionalisierte Teilbiographie dreier berühmter Dichter des 20. Jahrhunderts und Essay über die Liebe, ihre Ausdrucksformen gestern und heute, über die Geschichte der 1920er Jahre in Europa und die Anfangszeit der Sowjetunion in einem.

Im Prinzip ist die ausschließlich in Briefform stattfindende Liebesgeschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke — wenngleich literaturhistorisch dokumentiert — eine (Re-)Konstruktion, die einer fixen Idee von Pasternak romaneske Gestalt verleiht. Denn der junge russische Dichter, der Zwetajewa und ihre schonungslose Art zu leben und zu dichten ebenso oder sogar noch heftiger verehrt wie sein großes Idol Rilke, initiiert beflügelt oder eher wahrhaft berauscht von der ihm schicksalsträchtig erscheinenden Gleichzeitigkeit einer anerkennenden Erwähnung seiner Dichtung in einem Brief des berühmten Rilke an seinen Vater und der ihm von Zwetajewa zugesandten Abschrift ihres „Endgedichts“, in dem er sich selbst als Adressaten des unglücklich liebenden lyrischen Ichs zu erkennen meint, einen Briefwechsel zu dritt, ähnlich einer ménage à trois. Das Projekt ist nur von kurzer Dauer, doch ruft es trotz oder gerade wegen der durch die Briefform garantierten körperlichen Trennung der drei schreibend Liebenden einen wahren Sturm der Gefühle — und davon kaum zu unterscheiden: der Poesie — hervor.

Michalzik kombiniert in seinem Text überlieferte Briefpassagen mit ihrer über die literaturwissenschaftliche Nachvollziehbarkeit hinausgehenden Einbettung nicht nur in den biographischen Kontext, sondern bis ins Innerste der Gedanken und Gefühle, tief in die Seelenzustände der Charaktere hinein. Das ist ungemein fesselnd zu lesen, denn durch die einfühlsame und sorgfältig vorrecherchierte Erzählung des Autors erwachen die Figuren der Literaturgeschichte zum Leben: Man ist mit im Raum, wenn Pasternak in seiner überfüllten Wohnung verzweifelt versucht, seine eigene Dichtung voranzubringen oder wenn er bewundernd und eifersüchtig Marina Zwetajewas per Briefboten gesandte Gedichtproben liest. Ebenso vermeint man, das Rauschen des Meeres im französischen Ferienort zu hören, das Zwetajewa die nötige äußere Ruhe zum Arbeiten schenkt, während sie innerlich aufgewühlt die leidenschaftlichsten Gedicht- und Briefzeilen verfasst. Auch den schwerkranken Rilke in seinem Schweizer Kurort hat man vor Augen, der dort von Ferne und über die Briefe doch ganz intim und nah, zugleich irritiert und fasziniert, in die turbulente Briefbeziehung Pasternaks und Zwetajewas hineingezogen wird.

Und so verzeiht man dem Autor auch die gelegentlichen Redundanzen, die seiner Herangehensweise an die Einfühlung in die Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren geschuldet sind. Michalzik versucht, den Figuren Schritt für Schritt näherzukommen, sie einzukreisen, sie von verschiedenen Perspektiven aus zu betrachten. Das ist durchaus unkonventionell, denn letztlich entzieht sich der Text damit einer eindeutigen Zuordnung zu einer klar definierten Textsorte: Handelt es sich um einen erweiterten Briefroman? Um eine literarische Biographie oder um eine biographisch-literaturwissenschaftliche Abhandlung? Ist der Text Fiktion oder Wissenschaft, Roman oder Essay?

Besonders spannend wird es, wenn der Text gleichzeitig sein eigener Kommentar ist. Dafür sorgen die essayistischen Diskurse, in denen die Handlung in einen historischen oder soziologischen Kontext eingeordnet wird und die z.B. die Textsorte „Brief“ im Zusammenhang mit den kommunikationstechnischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts erörtern oder — Anregungen der Soziologin Eva Illouz aufgreifend — den Wandel der (romantischen) Beziehungen beschreiben und damit den Bogen auch in unsere Zeit schlagen, die sich dem Medium Brief ebenso wie der poetischen Sprache der Liebe längst entfremdet zu haben scheint.

Die Sehnsucht ist uns jedoch noch nicht ganz fremd geworden, das merkt man, wenn man von dieser spannenden „Liebe in Gedanken“ in Bann geschlagen wird. Mag sie auch aus der Zeit gefallen sein — was Michalzik aus ihr gemacht hat, ist lebendige Literaturgeschichte vom Feinsten!

Bibliographische Angaben
Peter Michalzik: Die Liebe in Gedanken – Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke, Aufbau Verlag (2019)
ISBN: 9783351037673

Bildquelle
Peter Michalzik, Die Liebe in Gedanken – Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke
© 2019 Aufbau Verlag GmbH & Co KG, Berlin

bookmark_borderJérôme Ferrari: À son image

Mit seiner unvergleichlichen Sprache hat mich Jérôme Ferrari, den man in Deutschland vor allem durch seine Korsika-Trilogie kennt, auch in sein neues Buch tief, fast zu tief hineingezogen, man entkommt seiner Geschichte nicht unberührt, so wie die Figuren seines Romans der Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht unverletzt entkommen. Fasziniert und betroffen habe ich das Leben der jung verunglückten (Kriegs-)Fotografin Antonia im Rhythmus der Perspektiven und Zeiten zu einem virtuosen literarischen Gesamtkunstwerk fügenden Erzählerstimme miterlebt und mitreflektiert. Wäre der geschriebene Text eine Predigt, an den Lippen eines Priesters abzulesen, man würde an ihnen hängen bis zum letzten Wort, bis die Messe vorüber ist. Mit diesem Bild befindet man sich auch schon beinahe in dem poetisch-metaphysischen Raum, den Ferrari für seinen Roman geschaffen hat.

Antonia, die im Zentrum des Romans stehende junge Frau, verunglückt 2003 auf der Heimfahrt von Calvi, wo sie eine Hochzeit fotografiert hat, tödlich. Der Zufall oder das Schicksal hat sie kurz zuvor noch mit dem Kriegsveteranen Dragan zusammengeführt, den sie das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen hatte, als sie ihn für eine Reportage über den Jugoslawienkrieg fotografiert und begleitet hatte. Ihr Leichnam wird in ihrem Heimatdorf aufgebahrt, die zwölf Kapitel des Romans entsprechen Abschnitten aus der katholischen Totenmesse, die von ihrem Patenonkel gehalten wird, der zugleich die Rolle des Priesters, des liebenden und trauernden Verwandten sowie in großen Teilen auch die eines personalen Erzählers einnimmt, aus dessen Innenschau wir das meiste über Antonias Leben erfahren.

Die Lebensgeschichte Antonias verknüpft Ferrari aufs Engste mit einer Geschichte der Fotografie, indem er tiefgründige Reflexionen über das Wesen dieses Mediums und seine Funktion für die Geschichte des 20. Jahrhunderts in die Erzählung integriert. Das intime Band zwischen Fotografie und Tod zieht sich durch den gesamten Roman, so dass man immer wieder an Roland Barthes‘ berühmten Essay über die Fotografie, La Chambre claire (Die helle Kammer), erinnert wird, an seine Beschreibung von Bildern zum Tode Verurteilter und auch an seine Definition des geheimnisvollen „punctum“, des Zufälligen der Fotografie, das emotional, unbewusst und eben auch gewaltsam auf den Betrachter wirkt und ihn verwundet. Von daher ist es nur konsequent, wenn Ferrari in seinem Roman auch der Affinität der Fotografie zur Gewalt auf den Grund zu gehen versucht, ihre Funktion im Krieg, ihre Neigung zur Obszönität oder zur symbolischen Überfrachtung erforscht sowie ihrer oft nur dem Zufall zu verdankenden Bedeutung oder eben auch Bedeutungslosigkeit nachgeht.

Jedem Kapitel ist eine Bildunterschrift vorangestellt, jedoch ohne den Abdruck der zugehörigen Fotografien, die sich meist aus der Imagination des Autors speisen, der diese fiktiven Bilder mit großer Suggestionskraft aus der Erzählung der Geschichte hervorgehen lässt. Zum Teil handelt es sich auch um real existierende Fotografien, die Ferrari — so liest man im Nachwort — zu seiner Geschichte inspiriert haben, ebenso wie auch die fiktionalisierten historischen Figuren, deren Fotografen-Biographien er in die Erzählung einbaut. Auf diese Weise ist dem Roman eine Meta-Ebene eingeschrieben, die aber an keiner Stelle den Lesefluss oder die poetische Bildersprache unterbricht, vielmehr der Geschichte noch mehr Dichte und Tiefe verleiht. Denn so wie die korsische Biographie Antonias und ihrer Familie und Freunde, darunter viele Separatisten, auf der Makroebene die Geschichte des 20. Jahrhunderts, seiner Gewalt und seiner Kriege, widerspiegelt, wird die fotografische (Sinn-)Suche der jungen Frau auch in eine universelle Beziehung gesetzt zu den über das visuelle Medium aufgeworfenen Fragen nach dem Verhältnis von Ästhetik und Verantwortung, Idolatrie und Wahrhaftigkeit, Oberflächlichkeit und Obszönität.

Spannend ist in dieser Hinsicht auch die religiöse oder eher metaphysische Dimension, in der sich der Text bewegt, was schon durch den liturgischen Rahmen der Erzählsituation deutlich wird, und die sich immer wieder in den assoziativ sich hin und herbewegenden Gedanken und Erinnerungen des Priesters manifestiert. Der Priester selbst hat bezeichnenderweise als einzige der tragenden Figuren keinen Namen, er ist der Patenonkel Antonias, die er geliebt und gefördert hat und für deren Tod er kaum Trost finden kann. Immer wieder hadert er, muss um seinen Glauben kämpfen, der alles andere als selbstverständlich in sein Leben trat. In seiner Person sind deutliche Anklänge an Georges Bernanos auszumachen, fast scheint er eine Verkörperung von dessen Tagebuch schreibendem Landpfarrer zu sein. Die Schilderung seiner plötzlichen Berufung zum Priestertum hingegen erinnert an die zentrale Passage in Bernanos‘ Sous le Soleil de Satan (Die Sonne Satans), er fühlt sich, allein des Nachts auf dem kilometerlangen Heimweg ins Dorf, verfolgt von einer unheimlichen Gestalt, die aber unsichtbar bleibt:

Il a l’impression que quelqu’un le suit. Il se retourne de temps en temps pour scruter les ténèbres. Son cœur s’affole.

Es kommt ihm vor, als würde ihm jemand folgen. Er dreht sich von Zeit zu Zeit um und versucht, die Dunkelheit zu durchdringen. Sein Herz ist wahnsinnig vor Angst.

A son image, S. 101 (Kap. 6)

Tatsächlich ist seine Berufung untrennbar mit dem Tod verknüpft: In ebenjener Nacht, in der Antonias Onkel angst- und ahnungsvoll am Pfarramt vorüberläuft, stirbt der alte Priester. Und die Nachfolge ist mit Schmerz verbunden, der Berufene verlässt seine Freundin und deren Sohn —

il les abandonne tous les deux pour répondre à l’appel d’une voix qui a retenti dans la nuit

er lässt sie alle beide zurück, um dem Ruf einer Stimme zu folgen, die in der Nacht erklungen ist

A son image, S. 103 (Kap. 6)

— und er verlässt später auch seine Heimatgemeinde, um aufs französische Festland zu gehen, nachdem mehrere junge Männer in der Gewaltspirale des korsischen Separatismus zu Tode gekommen sind, obwohl sie sich in der Zwischenzeit vom militanten Kampf abgewendet hatten. Sie zu beerdigen übersteigt seine Kraft.

Die innerliche Zerrissenheit, mit der er sich unablässig auseinandersetzt, macht den Priester zu einer sehr sympathischen, aber zugleich auch tragischen Figur mit einer fast übergroßen Verantwortung, die er in seiner Totenmesse für Antonia anzunehmen versucht. Denn er war es, der Antonia einst die Kamera geschenkt, der sie zu ihrer Berufung hingeführt hatte, an der sie sich ein Leben lang verzweifelt abarbeiten würde. Ihre Suche nach Wahrheit, nach Wahrhaftigkeit ließ sie sich mitten hinein begeben in die Gewalt der Natur, der Menschen, des Krieges — bis sie durch ihre Erfahrung im Jugoslawienkrieg den Glauben nicht nur an Gott, sondern auch an die Fotografie verlor. Ihre Kriegsreportage, die ihr anfangs als langersehnte Erfüllung ihrer mühevollen, oft frustrierenden Fotografen- und Journalistenkarriere erschien, würde sie nie veröffentlichen:

Elle commence à penser qu’elle a vu quelque chose qu’il aurait été infiniment préférable pour elle de ne pas voir parce que maintenant, elle ne peut plus en détourner le regard.

Sie begreift allmählich, dass es für sie unendlich viel besser gewesen wäre, wenn sie das, was sie gesehen hat, nie gesehen hätte, denn jetzt kann sie den Blick davon nie mehr abwenden.

A son image, S. 178 (Kap. 10)

Sie zieht sich aus dem Journalismus zurück und macht von nun an nur noch harmlose Hochzeitsfotos. Ihr Scheitern ist verbunden mit der resignierten Feststellung, dass es nur zwei Arten von Bildern gibt: Entweder sie sind belanglos oder obszön, entweder haben sie zu wenig oder zu viel Bedeutung, entweder sind sie oberflächlich und für die Nachwelt nicht relevant oder aber sie treffen so mitten hinein, dass es pietätlos und grausam wäre, sie zu veröffentlichen.

Eine dritte Möglichkeit des Bildes deutet der Autor mehrmals an, wenngleich die Frage offen bleibt, ob sie letztlich ein unmögliches Unterfangen, eine Utopie darstellt: wenn es dem Bild nämlich gelingt, die Ebene des Todes durch die Ebene der Transzendenz zu durchbrechen, zu sublimieren, so wie im verwundeten Christus das Wunder der Auferstehung durchzuscheinen vermag. Übertragen auf die Fotografie wäre das perfekte Bild dann eines, das eine Offenheit in sich trägt auf etwas, das man nicht sehen und schon gar nicht fassen, sondern nur erahnen kann. Ein solches Bild ist dann aber eigentlich keine Kunst, da es nicht planbar, sondern dem Zufall der Geschichte ausgeliefert ist. Der besondere Moment der Geschichte und der auslösende Moment der Kamera müssen zusammenfallen. Es ist die Geschichte, die dem Bild ihre Bedeutung verleiht. Oder aber man betrachtet die Fotografie ganz einfach als Spur der Geschichte, als Spur eines Lebens:

leur enfance disparue avait pourtant déposé sur la pellicule une trace de sa réalité aussi tangible et immédiate que l’empreinte d’un pas dans un sol d’argile (…) comme si tous les instants du passé subsistaient simultanément, non dans l’éternité, mais dans une inconcevable permanence du présent

ihre verschwundene Kindheit hatte auf dem Film dennoch eine Spur ihrer Wirklichkeit hinterlassen, die ebenso berührbar und unmittelbar war wie der Abdruck eines Schrittes auf einem lehmigen Boden (…) als würden alle Augenblicke der Vergangenheit gleichzeitig fortbestehen, nicht in der Ewigkeit, sondern in einer unvorstellbaren Fortdauer der Gegenwart

A son image, S. 21 (Kap. 2)

Genau das hat schon die kleine Antonia so an den alten Familienfotografien fasziniert, und genau das macht in seiner Bescheidenheit und technischen Imperfektion auch den Reiz ihrer letzten Fotografie aus, auf der sie den Söldner Dragan am Strand von Calvi ablichtet.

Schließlich ist Antonias Geschichte auch als Versuch zu lesen, aus der beengenden und gewaltsamen korsischen Dorfgemeinschaft mit ihrem patriarchalischen Frauenbild auszubrechen. Antonias Leben scheint schon früh vorherbestimmt, lange Jahre ist sie reduziert auf ihre Rolle als „Frau von Pascal B.“, der als Anführer militanter korsischer Separatisten immer wieder im Gefängnis landet, bis sie sich schließlich von ihm löst, um frei zu sein. Sie führt von nun an ein bei weitem selbständigeres Leben als ihre Freundinnen, doch letztlich entkommt auch sie ihrer Herkunft nicht.

Was mir neben der wunderschönen Sprache und der unheimlich anregenden Auseinandersetzung mit dem Wesen des Bildes ganz besonders an diesem Roman gefällt, ist die feinfühlige Art, wie der Autor seine Figuren zeichnet. Er zeigt ihre Schwächen, ihre Ambivalenz und beschönigt nichts, doch verurteilt er sie auch nicht, sondern wagt einen Blick auf sie, der vom Anspruch getragen wird, den innerhalb des Textes die Figur des Priester für sich annimmt: den Nächsten zu lieben, auch wenn es schwer ist:

Si l’amour du prochain était chose aisée, il le sait bien, le Christ n’aurait certes pas pris la peine d’en faire le premier des devoirs.

Wenn die Liebe zum Nächsten eine leichte Aufgabe wäre, das weiß er wohl, hätte sich Christus sicher nicht die Mühe gemacht, sie zur ersten aller Pflichten zu machen.

A son image, S. 105 (Kap. 6)

Ferrari gelingt ein kritisches, aber mitfühlendes „Verstehen“ der Figuren und er zeigt, wie sie geprägt werden durch die Zeit, die Gesellschaft, das System, in dem sie leben. Er zeigt auch, wie manche versuchen auszubrechen und wie schwierig, wenn nicht gar unmöglich das ist, besonders, wenn man sich einmal der Gewalt verschrieben hat, deren Absurdität und schier unaufhaltsame Dynamik ein wiederkehrendes Thema des Autors ist.

Jérôme Ferrari: À son image, Actes Sud 2018
ISBN: 9782330109448

bookmark_borderSylvain Prudhomme: Légende

Ich muss gestehen, ich habe Sylvain Prudhommes Roman ursprünglich vor allem deshalb angefangen zu lesen, weil sein Name meinem französischen Lieblingsdichter Sully Prudhomme so wundersam ähnelt. Mit dem übrigens nobelpreisgekrönten Dichter aus dem 19. Jahrhundert hat der französische Gegenwartsautor Sylvain Prudhomme, Jahrgang 1979, dessen jüngster Roman Par les routes kürzlich mit dem Prix Femina ausgezeichnet wurde, nun wirklich nicht im Mindesten etwas zu tun. Trotzdem habe ich diesem klanglichen Zufall eine wunderschöne literarische Entdeckung zu verdanken.

In Légende, 2016 in Frankreich erschienen, erzählt Sylvain Prudhomme zurückhaltend, feinsinnig und zugleich unheimlich intensiv von einer kargen Landschaft in der südfranzösischen Provinz, und entfaltet ausgehend von diesem lokalen Mikrokosmos eine Geschichte, die letztlich weit über die französische Grenze hinaus- und tief in die Vergangenheit hineinführt.

Getragen und in Bewegung gebracht wird der Roman durch die Geschichte einer noch jungen Freundschaft. Die Familienväter Nel und Matt haben sich über ihre Kinder kennengelernt und durch ihre geteilte Liebe zur Natur einen Draht zueinander gefunden. Nel ist Fotograf und fängt die raue, schroffe Schönheit von La Crau, der Gegend östlich von Arles, in der er aufgewachsen ist, in zahlreichen Landschaftsaufnahmen ein. Auch der Engländer Matt ist dem visuellen Medium verbunden, er plant einen Film über seine südfranzösische Wahlheimat, den er ausgehend von Gesprächen mit ihren Bewohnern, und natürlich auch mit Nel, entwickeln möchte.

In vielen Gesprächen, die Nel bisweilen fast zu intim werden, so dass er sich phasenweise aus der Freundschaft zurückzieht, entsteht so die Geschichte einer vergangenen Epoche voller Intensität, Freiheit und jugendlicher Grenzüberschreitung, deren Kehrseite mit den Begriffen Aids, Drogen, Gewalt und Tod aufwartet. Der Übergang vom Heute ins Gestern, die Rekonstruktion einer Familiengeschichte, die immer wieder sehr persönliche und bilderreiche Einblicke in das Frankreich der achtziger Jahre gibt, gelingt dem Autor dabei auf ganz unauffällige und sehr stimmige Weise.

Man erfährt von Nels Cousins Fabien und Christian, die nicht nur auf den kleinen Nel damals faszinierend gewirkt haben müssen, da sie so frei und anders zu leben schienen als man es in der französischen Provinz kannte. Fabien ist der Intellektuelle, der Selbständige, der Freigeist, der als Kind allein mit seiner Großmutter in Frankreich lebt, während seine Eltern und sein jüngerer Bruder am anderen Ende der Welt Schmetterlinge fangen und klassifizieren. Doch dann erkrankt Fabien an der damals neuen tödlichen Krankheit Aids. Sein Bruder Christian ist auf andere Weise ebenso hungrig nach Leben wie Fabien, er kann seine Leidenschaft für das Abenteuer zeitweise in der Natur ausleben, indem er in die Fußstapfen seines Vaters tritt und in Afrika unbekannten Schmetterlingen nachjagt. Doch lässt sich sein Verlangen allein dadurch nicht stillen, immer wieder provoziert er, wird handgreiflich und verfällt schließlich den Drogen. Ohne auf irgendeine Weise moralisch zu argumentieren, zeichnet Prudhomme ein ambivalentes Bild jener Zeit, er zeigt auch die beängstigende Seite einer Autonomie, die nicht vor Verletzlichkeiten schützt. Beide Brüder werden fast zeitgleich und in sehr jungen Jahren vom Tod eingeholt, der ihr exzessiv aber auch poetisch geführtes Leben grausam beendet.

Fast zwangsläufig, wenngleich eher skeptisch blickt Nel gemeinsam mit Matt auch in die eigene, ganz in der Provinz verankerte Familiengeschichte zurück. Seine Vorfahren lebten als Schäfer und Schafzüchter in enger Verbundenheit mit der Natur ein anspruchsloses, nomadenhaftes Dasein. Sein Vater entschied sich bewusst gegen die Tradition, indem er die Tochter von Landwirten heiratete und von da an einen Bauernhof bewirtschaftete. Doch der Region blieb er treu, genauso wie auch sein Sohn Nel durch seine Landschaftsfotografie der Heimat wie schicksalhaft verbunden bleibt. So führt uns Prudhomme mit seiner Erzählung behutsam vor Augen, dass man seinen Wurzeln trotz neuer Lebensentwürfe nie ganz entkommt.

Die Gegend von La Crau, ob Heimat oder Wahlheimat, ist letztlich auch die eigentliche „Hauptfigur“, das Zentrum, in dem die Geschichten von Nel und Matt, Fabien und Christian zusammenlaufen. Durch den Titel und ebenso auf den ersten Seiten der Erzählung wird diese Landschaft geradezu mythisch aufgeladen. Die Legende von Herakles, der sich hier einst, so wird es von Aischylos in dem nur fragmentarisch erhaltenen Stück Der gelöste Prometheus überliefert, dank einem von Zeus gesandten Steinregen gegen die riesenhaften Liguren verteidigen konnte, wird hier gleichsam als Ursprungsmythos der Region heraufbeschworen (vgl. Valéry Raydon: Le mythe de la Crau).

In der deutschen Übersetzung wurde vielleicht gar nicht zu unrecht der Titel Legenden im Plural gewählt, werden im Text doch weitere Legenden ausgegraben, um die herum sich Geschichten spinnen, wie die der verstorbenen Brüder oder der alten Diskothek, die damals eine Art symbolischer Mittelpunkt für die Jugend von La Crau darstellte. Schließlich taucht der Begriff „légende“ auch im Sinne einer Bildunterschrift auf, als Klassifizierung der von Christian und Onkel André neu entdeckten Schmetterlingsarten und wird auf diese Weise zu einem Symbol des Exotischen, zum Gegenpol der südfranzösischen Steinwüste, die letztlich doch alle Figuren wieder zu sich „nach Hause“ holt.

Die Geschichte ist einfach so wunderschön erzählt, so unaufdringlich und sensibel für die feinen Töne, dass sie ihren ganz eigenen Zauber entfaltet und man bald dem rauen, zerklüfteten Charme der Landschaft und seiner Bewohner verfällt.

Sylvain Prudhomme: Légende, Gallimard Collection Folio (2018)
ISBN: 9782072765124

bookmark_borderKatya Balen: Mein Bruder und ich und das ganze Universum

Das auch erwachsenen Lesern unbedingt ans Herz zu legende Kinderbuch, mit dem Elfjährige fast noch ein wenig überfordert sein könnten, handelt von einer nicht einfachen Geschwisterbeziehung, unheimlich authentisch erzählt aus der Perspektive des einfühlsamen und sensiblen 10jährigen Frank, der die Liebe zu seinem kleinen Bruder Max, einem Autisten, zugleich als große Herausforderung und immer wieder auch als Zumutung empfindet. Denn manchmal möchte er einfach nur selbst ein kleiner Junge sein, der die Kindheit genießt, mit seinen Freunden Fußball spielt, in der Wildnis imaginäre Abenteuer erlebt, an Geheimcodes tüftelt und sich kreative Rückzugsorte schafft.

Behinderung, Krankheit, Tod, die Autorin mutet Frank und den jungen Lesern wahrlich Existentielles zu, und schreibt doch auf eine bewundernswert leichte und leicht machende Weise. So gelingt es ihr wunderbar, uns vorzuführen, wie sehr das Leben, die Welt, die Sterne, das Universum, und darin vor allem das menschliche Miteinander, ein Quell von Schönheit und Liebe sind.

Altersempfehlung
Laut Verlag ab 11 Jahren, persönlich empfohlen eher erst ab 12+

Bibliographische Angaben
Katya Balen: Mein Bruder und ich und das ganze Universum, CARLSEN (2019)
Aus dem Englischen von Annette von der Weppen
ISBN: 9783551557612

Bildquelle
Katya Balen, Mein Bruder und ich und das ganze Universum
© 2019 CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg

bookmark_borderSusan Kreller: Elektrische Fische

Was an diesem Buch sofort auffällt, ist seine wunderschöne Sprache! Wie behutsam und poetisch die Autorin erzählt, wie glaubhaft sie die Stimme der jungen Emma wiedergibt und wie aufmerksam auch die anderen Figuren charakterisiert werden. Allen voran erschüttert einen der stumme Schmerz der kleinen Schwester, die nach dem Umzug von Irland nach Norddeutschland zuerst keine deutschen, dann gar keine gesprochenen Worte mehr findet, um ihr Heimweh, ihre Einsamkeit auszudrücken. Aber auch die zarte, manchmal holprige und dadurch umso intimere, ehrlichere Freundschaftsgeschichte von Emma und Levin, der Emma, zunehmend widerstrebend, bei ihren heimlichen Planungen hilft, sich in ihr irische Heimat zurück zu flüchten, geht einem unter die Haut. Da sie beide sehr empathische Menschen sind, tragen sie jeder für sich auch innerhalb ihrer Familie das bisweilen erdrückende Gefühl einer Verantwortung mit sich: Emma für ihre verstummte Schwester und auch für ihre depressive Mutter, die sich in ihrer neuen alten Heimat nur schwer wieder zurechtfindet, Levin für seine an einer heftigen Form der Schizophrenie erkrankten Mutter, die immer wieder soziale Situationen sprengt und sich schließlich selbst in große Gefahr – und Emmas Fluchtpläne ins Wanken bringt.

Ein intelligenter und tief rührender Roman über das Verlieren und Wiederfinden von Heimat, die viel mit Vertrautheit und Vertrauen zu tun hat.

Ich weiß nicht, wie sich Aoifes Heimweh jetzt anfühlt. Sie scheint immer noch empört zu sein, weil unsere Mutter sie aus ihrem Leben genommen und in ein neues Leben gesetzt hat wie eine wehrlose Grünpflanze. Manchmal weint sie noch, aber ohne Ton, das kann sie wie ein Weltmeister. Immer wieder vergisst sie aber, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, die Traurigkeit klebt ihr morgens an den Wangen und glänzt so stark, dass sich die Sonne darin spiegelt und der ganze Tag, der noch vor ihr liegt und den meine Schwester irgendwie überstehen muss.

Elektrische Fische, S. 104 (Kap. 27)

Altersempfehlung
Ab 12 Jahren

Bibliographische Angaben
Susan Kreller: Elektrische Fische, CARLSEN (2019)
ISBN: 9783551584045

Bildquelle
Susan Kreller, Elektrische Fische
©  2019 CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg

bookmark_borderLara Prescott: Alles, was wir sind

Wer einen fesselnden und gut geschriebenen Unterhaltungsroman sucht, der kann sich sich mit Alles, was wir sind von Lara Prescott wunderbar von der in Aufruhr geratenen Welt des noch jungen Kalten Krieges mitreißen lassen und in den privaten und politischen Kosmos von Boris Pasternaks spätem Leben und Werk eintauchen.

Der Roman, dessen deutscher Titel in seiner Vagheit etwas unglücklich gewählt ist, das englische The secrets we kept trifft den Kern der Geschichte(n) da doch viel genauer, ist Literatur- und Spionagegeschichte in einem und erzählt, zum Großteil aus weiblicher Perspektive, die Geschichte – oder besser zwei Geschichten einer großen Liebe: Auf russischer Seite treten wir ein in die Welt von Olga, der langjährigen Geliebten Pasternaks, die für ihn das Lager in Sibirien durchsteht und sich unermüdlich als Literaturagentin für seinen großen, von der Zensur verbotenen Roman Doktor Schiwago einsetzt, bis sie irgendwann die Verhältnismäßigkeit von Pasternaks Einsatz für sein Lebenswerk und der unmittelbaren Bedrohung für ihr Leben und das ihrer Kinder in Frage stellt. Jenseits des Atlantiks treffen wir auf die junge Stenotypistin Irina, die auch aufgrund ihres biografischen Hintergrundes als amerikanische Geheimagentin ausgewählt wird, um Pasternaks verbotenes Buch heimlich in der Sowjetunion zu verbreiten. Die Kür ihrer Ausbildung erhält sie von der schillernden Agentin Sally, mit der sie bald mehr Geheimnisse verbinden als die Spionage. Doch ihre Liebe ist im Nachkriegsamerika kaum weniger gefährlich als Pasternaks zur intellektuellen Waffe verwandeltes Buch.

Durch die wechselnden Perspektiven kann die Autorin die verschiedenen widerstreitenden Gefühle, Ansichten und Handlungsmotivationen einfangen. Insbesondere die aus der ungewöhnlichen Wir-Perspektive der „Stenotypistinnen“ erzählten Kapitel vermitteln sehr deutlich den soziologischen und genderspezifischen Hintergrund, vor dem Olga, Irina und Sally jede auf ihre Weise als für ihre Überzeugungen einstehende starke und zugleich sensible Frauen erscheinen.

Bibliographische Angaben
Lara Prescott: Alles, was wir sind, Rütten & Loening (2019)
Übersetzt von Ulrike Seeberger
ISBN: 9783352009358

Bildquelle
Lara Prescott, Alles, was wir sind
© 2019 Rütten & Loening in der Aufbau Verlag GmbH & Co KG, Berlin

bookmark_borderHenrik Wergeland: Im wilden Paradies

Im Werk Henrik Wergelands (1808-1848) ist die Romantik wahrhaft eins mit der Moderne — das geht aus der schönen Auswahl der bei Wallstein erschienenen und von Heinrich Detering ins Deutsche übertragenen Texte des norwegischen Nationaldichters ganz deutlich hervor: Mal pointiert, mal nachdenklich, mal satirisch, mal introspektiv, zeugen sie von einer großen stilistischen Experimentierfreude und bringen eine Freiheit und Vielfalt der Form zum Ausdruck, die von streng komponierten Oden über Naturgedichte in freien Versen bis zum Prosagedicht reicht. Einiges erinnert an Baudelaire, etwa die ungewöhnliche Darstellung des Wahnsinns einer unmöglichen Liebe in der „Romanze des Schneeglöckchens“ oder die erotisch-hymnische Reflexion über einen Totenschädel, die im Lobpreis des knöchernen Skeletts mündet, von dessen „herrliche[r] Konstruktion aus Schönheitslinien, die nun ewig sind wie der Marmor“:

Welch fein geformte Hirnschale, die fortgerollt ist unters Laub! Sie muss einer jungen Schönheit gehört haben. (…) Wie töricht, die samtenen Rosenwangen der Geliebten zu besingen (…). Geh in das Wesen der Dinge! Fühl die Entzückung, Sterblicher, im Umarmen dieser Wirbelsäule: noch zierlicher ist sie als die Schlankheit der Jungfrau!

Auszug aus: Der Totenschädel, in der Übersetzung von H. Detering, S. 146-149

Einheit von Romantik und Moderne ist in Wergelands Biographie und Werk auch in dem Sinne zu verstehen, dass der Dichter sich sein Leben lang für einen noch im Entstehen befindlichen Nationalstaat Norwegen — das sich 1814 von Dänemark löste, die Unabhängigkeit von Schweden jedoch erst 1905 erreichte — einsetzte. Er kämpfte für ein demokratisches Heimatland, für die Gleichberechtigung der Juden, und er nutzte dafür auch intensiv den Journalismus, das aufstrebende Medium dieser Zeit. Auch in einige Gedichte hat die journalistische Meinungsäußerung Eingang gefunden, in denen er so manche dichtungstheoretische oder politische Debatten austrug.

Die zweisprachige Ausgabe ist mit knappen, aber sehr hilfreichen Kommentaren zu den einzelnen Texten im Anhang sowie mit einem Vorwort des Übersetzers versehen, das ich für sehr wertvoll halte, da es in den historischen und literarischen Entstehungskontext des Werks eines Autors einführt, der in Deutschland dem breiten Publikum weitgehend unbekannt sein dürfte. Auch mir als Literaturwissenschaftlerin und Lyrikliebhaberin, die Baudelaire, Heine, Ibsen, Rilke — all die Schriftsteller, die H. Detering in seinem Vorwort mit Wergeland in eine literarische Beziehung setzt — verehrt, war der Norweger Henrik Wergeland zuvor kein Begriff, zum Glück hat sich das jetzt geändert. Übrigens finde ich, dass das Nebeneinander von norwegischem Original und deutscher Übertragung, für die sich die Herausgeber entschieden haben, ein großer Gewinn auch für einen des Norwegischen unkundigen Leser ist; denn hat man sich einmal inhaltlich mit der wirklich schön zu lesenden und bis ins Detail durchdachten deutschen Übersetzung vertraut gemacht, erschließt sich einem darüber hinaus so manches im norwegischen Text einfach durch seinen poetischen Klang, der gerade bei Lyrik ja ein unverzichtbares Sinnelement ist.

Henrik Wergeland: Im wilden Paradies – Gedichte und Prosa
Aus dem Norwegischen übertragen, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Heinrich Detering
Wallstein (2019)
ISBN 9783835334984

bookmark_borderDavid Wagner: Der vergessliche Riese

Bei der Lektüre dieses auf wundersam unaufgeregte Weise so tief berührenden Buches musste ich immer wieder an ein Theaterstück von Eugène Ionesco, dem Meister des Absurden, denken: Wie in Le Roi se meurt (Der König stirbt) wird hier der schleichende und doch unaufhaltsame Prozess des Verschwindens einer ganzen Welt, eines ganzen Reiches auf ähnlich groteske und tragikomische Weise in Szene gesetzt. Hier ist es die Erinnerungswelt des an Alzheimer erkrankten Vaters, die sich mehr und mehr auflöst und eine Umkehrung der Hierarchien und Verantwortungen herbeiführt. Erschien der Vater seinen Kindern früher als Riese, zu dem sie aufschauten und der wie eine Garantie für Vertrauen und Vertrautheit mit der Welt schien, kümmern sich nun die Kinder, fast immer geduldig, sanft und ohne den Humor zu verlieren, um den Vater, dem eben diese Vertrautheit, beschleunigt durch die Krankheit, im Alter mehr und mehr verloren geht.

Seine Stimme ist die von früher, sie hat sich kaum verändert. Sie klingt noch immer so, als sage er nur kluge Sachen. Früher, im seltsamen Früher, wo liegt dieses geheimnisvolle Land, wusste er alles. Er war der Riese, auf den ich klettern konnte, er war der Größte.

Der vergessliche Riese, S. 81

David Wagner schildert in neun Kapiteln, zwischen denen größere zeitliche Abstände liegen, die den Fluss der über mehrere Jahre sich erstreckenden Erzählung jedoch kaum unterbrechen, da die Veränderungen so unmerklich sind, die fortschreitende Demenz seines Vaters, seine Besuche bei ihm, den mit dem Geschwistern heimlich geplanten Umzug ins Pflegeheim, die Ausflüge, die er mit ihm unternimmt, um mit wechselndem Erfolg der sich immer mehr verwirrenden Erinnerung Anknüpfungspunkte zu geben.

Für meinen Vater ist jeder unserer Besuche wie der erste nach langer Zeit. Ich fahre ihn durch seine Vergangenheit. Und durch meine eigene.

Der vergessliche Riese, S. 88

Die Dialogkunst des Autors ist faszinierend, im Grunde ist die ganze Erzählung ein einziger, immer wieder aufgegriffener und unermüdlicher Dialog mit dem Vater. Die Wortwechsel lesen sich unheimlich leicht, lassen einen immer wieder schmunzeln und mitunter stöhnen, und bestechen durch ihren Anschein absoluter Natürlichkeit und Authentizität. Dabei ist jeder Satz genau durchdacht, das ganze Buch auf subtile Weise durchkomponiert. Die fein nuancierten Wiederholungen sind ein Abbild des sich zersetzenden Erinnerungsvermögens des Vaters, der sich ohne es zu merken immer wieder in endlosen Gedankenschleifen verfängt, der in immer kürzeren Abständen die immer gleichen Fragen stellt.

Auch wenn die Beschäftigung mit dem Vater dadurch oft wie die absurde Arbeit des Sisyphus anmutet, der Stein, mühsam nach oben gebracht, sofort wieder den Anhang hinabrollt, fällt umso mehr die Ruhe und Geduld auf, die nicht nur der Erzähler, sondern auch seine Geschwister, auch seine junge Tochter im Umgang mit dem „vergesslichen Riesen“ aufbringen. Man könnte sagen, David Wagners Text, der in diesem Sinne fast existentialistisch zu nennen ist, lebt die Möglichkeit eines praktizierten Lebens mit der in der Figur des Vaters konzentrierten Absurdität des Daseins vor. Was die Angehörigen bei dieser Krankheit auch durchmachen müssen, welche Sorgen und Ängste, welche Gereiztheiten dabei ganz sicher auch an ihren Nerven zerren, scheint nur in ganz kurzen schockartigen Momenten auf, etwa, als der Vater vom Beifahrersitz aus bei voller Fahrt die Handbremse zieht. Eine dramatische Schilderung des Innenlebens sucht man vergebens, die Erzählung gibt Schmerz, Wut, Frust keinen Raum. Einblick in die Gefühlswelt erhält man nur vermittelt über die Dialoge.

Man erfährt in den Gesprächen wie beiläufig auch viel über das Leben des seit kurzem zum zweiten Mal verwitweten Vaters, über seine Familiengeschichte und vor allem über seine Liebe zur Musik, die anders als etwa seine in der Erinnerung verblassende berufliche Vergangenheit die Krankheit zu überdauern vermag. Darüber hinaus erzählt der Autor auch eine ganz persönliche Geschichte der Wiederannäherung von Vater und Sohn, vom fragilen und liebevollen Wiederaufbau einer Vater-Sohn-Beziehung, die durch die zweite Ehe des Vaters abgekühlt und über lange Jahre wenig gepflegt worden war, davon, wie sich in dieser für beide gänzlich neuen Lebenssituation zarte und innige neue Bande knüpfen lassen.

Trotzdem geht die Erzählung, das empfindet man beim Lesen immer wieder, über die individuelle Geschichte hinaus, indem sie einen unaufdringlich zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit inspiriert. Sie stellt die Frage in den Raum, was von einem Menschen bleibt, was Menschen über die Erinnerung hinaus miteinander verbindet und vom zutiefst menschlichen Sich-Klammern an die Erinnerung, die auch irgendwann dem Vergessen anheimfallen wird. Gerade in der Unaufgeregtheit der Erzählung kommt die Tragik der Absurdität auf stille Weise zum Vorschein, macht den Leser nachdenklich und weckt Empathie, ohne ihn zum Mitleid zu nötigen.

Bibliographische Angaben
David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt (2019)
ISBN 9783498073855

Bildquelle
David Wagner, Der vergessliche Riese
© 2019 Rowohlt Verlag

bookmark_borderMichael Römling: Pandolfo

Ein junger Mann, der durch ein gewaltsames Verbrechen sein Gedächtnis verliert, ein gewiefter Mailänder Seidenhändler, der ihn bei sich aufnimmt und sein Zwillingsbruder, ein genialer Tüftler, der vom Fliegen träumt — mit diesen drei Figuren im Zentrum einer intrigenreichen Handlung entwirft der Autor ein ebenso spannendes wie anspruchsvolles Panorama der faszinierenden Epoche der Renaissance. Ein historischer Roman, der seinesgleichen sucht!

Bibliographische Angaben
Michael Römling: Pandolfo, Rowohlt (2019)
ISBN 9783498093563

Bildquelle
Michael Römling, Pandolfo
© 2019 Rowohlt Verlag

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