bookmark_borderMichael Martens: Im Brand der Welten

Ivo  Andrić — Ein Europäisches Leben

Selten habe ich eine solch spannende, auf ausnahmslos jeder Seite fesselnde Biographie gelesen, die noch dazu in ihrer historischen Fundierung und quellenkritischen Differenziertheit absolut beeindruckend ist!

Dieses Buch soll weder ein Denkmal errichten noch ein Denkmal stürzen. Es ist der Versuch, sich einem Menschen und seiner Zeit zu nähern.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 465

So definiert der Autor Michael Martens, der als politischer Korrespondent selbst viele Jahre im (süd)osteuropäischen Ausland verbracht hat, sein rundum erreichtes biographisches Anliegen im Nachwort seines Buches, dessen erzählerische und wissensvermittelnde Leistung auf knapp 500 Seiten nie nachlässt. Dass dem Niederschreiben intensive Recherchen vorausgegangen sind — u.a. diplomatische Akten, Zeitzeugenberichte, Andrićs Notizbücher und natürlich sein umfangreiches literarisches Werk –, macht sich in der Qualität des Textes bemerkbar, der zugleich nie überfrachtet wirkt.

Natürlich sind das Leben und das zur Weltliteratur gehörende Werk des 1892 im heutigen Bosnien als katholischer Kroate — und formal sogar noch als osmanischer Staatsbürger — im Habsburgerreich geborenen Ivo Andrić, der 1961 den Literaturnobelpreis bekam und als jugoslawischer Spitzendiplomat Karriere machte, für sich schon ein schillernder Stoff. Doch Im Brand der Welten ist nicht nur die Biographie einer ohne jeden Zweifel spannenden intellektuellen Persönlichkeit, sondern ebenso die historische Biographie eines ganzen Jahrhunderts, des 20., und eines ganzen Kontinents, Europas.

In der Zeitspanne von 1892 bis 1975, in der Andrić gelebt hat, wurde Europa mehrfach grundlegend erschüttert, und Andrić, der im Laufe seines Lebens so unterschiedlichen historischen Figuren wie den Attentätern von Sarajevo, Hitler oder Picasso persönlich begegnete, stand als Zeit- und Augenzeuge oft mitten im turbulenten Weltgeschehen. Seine Biographie belegt anschaulich, dass die scheinbar randständige Region, aus der er stammte, in Wahrheit zum Kerngebiet der historischen Wendepunkte Europas im 20. Jahrhundert gehörte.

Kurz vor Andrićs Geburt war seine Heimat dem Habsburgerreich einverleibt worden, ohne jedoch die Spuren der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft auszulöschen, die die Region weiterhin prägten. Der Vater verschwindet früh, seine alleinerziehende Mutter vertraut das Kleinkind Onkel und Tante in Višegrad an, der Stadt, in der die berühmte Brücke über die Drina führt, um in einer der unter österreichisch-ungarischer Verwaltung neu entstandenen Fabriken das wenige Geld zum Leben zu erwirtschaften. Der Strukturwandel geht indes nur schleppend voran, das Kompetenzgerangel zwischen den konkurrierenden Monarchen blockiert viele Projekte wie den Eisenbahnbau, natürlich stets auf Kosten der Randregionen. Der junge Andrić, der fürs Gymnasium nach Sarajevo geht und später in Zagreb, Wien und Krakau studiert, empfindet eine tiefe Abneigung gegen die Herrschaft der Doppelmonarchie und engagiert sich — freilich mehr intellektuell — für ein von den Habsburgern unabhängiges vereintes Jugoslawien. Dafür tritt er auch der Bewegung „Mlada Bosna“ („Junges Bosnien“) bei, aus deren revolutionärsten Mitgliedern die späteren Attentäter des österreichischen Kronprinzen hervorgehen. Mit dem Attentat, das den Ersten Weltkrieg auslöst, hat Andrić selbst zwar nichts zu tun, trotzdem muss er — vielleicht verdächtig wegen eines frühen politischen Gedichts oder wegen seiner Jugendfreundschaft mit einem der Attentäter — für ein knappes Jahr ins Gefängnis.

Nach dem Krieg tritt Andrić in den Dienst des neuen Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen ein. In Belgrad bekommt er einen Posten im Außenministerium und wird bald darauf als Diplomat nach Rom gesandt. Dort verfolgt er Mussolinis Aufstieg aus nächster Nähe und verfasst, natürlich zunächst unter Pseudonym, einige faschismuskritische Essays, die zu den wenigen deutlich geäußerten politischen Stellungnahmen Andrićs gehören. Es folgen Stationen in Bukarest, Triest, Graz, wo er die für den diplomatischen Dienst verlangte Dissertation nachholt, Marseille und Madrid, wo er begeistert die Kunst und das Leben Goyas studiert und im kunstpoetischen Gespräch mit Goya niederschreibt. Nach Aufenthalten in Brüssel und Genf kehrt er nach Belgrad zurück, wo sich die großserbische Monarchie inzwischen in eine Diktatur verwandelt hat und sich von oppositionellen Unabhängigkeitskämpfern bedroht sieht. Tatsächlich wird König Aleksandar 1934 in Marseille ermordet. Andrićs Karriere ist davon nicht betroffen, vielmehr steigt er im Außenministerium weiter auf, bis er 1939 als außerordentlicher Gesandter in Hitlers Berlin kommt.

In Berlin muss Andrić aber mit vielen Menschen Umgang pflegen, die er verachtet — und dabei auch eine moralische Gratwanderung vollziehen. (…) Es überrascht nicht, dass der Schriftsteller Andrić in Berlin fast gänzlich hinter dem Diplomaten verschwindet.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 222

Doch alle diplomatischen Winkelzüge, von denen Andrić selbst im Übrigen mehr und mehr aufgrund der sich auch in Jugoslawien zuspitzenden Lage — es wird um Saloniki geschachert, serbische Offiziere putschen gegen Prinzregent Paul — ausgeschlossen wird, was ihm nach dem Krieg zugute kommen wird, können nicht verhindern, dass Hitler 1941 dem jugoslawischen Königreich den Krieg erklärt. Von 1941 bis 1944 hält sich Andrić zum Großteil im besetzten Belgrad auf. Hier entstehen nun in einem unermüdlichen Schaffensprozess seine großen Romane, die ihn später weltberühmt machen: Wesire und Konsuln, Die Brücke über die Drina und Das Fräulein. An Weltruhm denkt er beim Schreiben jedoch sicherlich nicht:

Die Arbeitswut ist eine Überlebensstrategie. (…) Andrić klammert sich an das Schreiben, um nicht zu verzweifeln. Sein Schreiben ist existenziell. Er schreibt ins Nichts hinein. Er weiß nicht, ob seine Manuskripte am nächsten Tag bei einem Bombenangriff verbrennen oder bei einer Razzia beschlagnahmt werden. Er ahnt nicht, ob nicht schon in der Nacht die Gestapo an seine Tür klopfen und ihn mitnehmen wird. Er weiß nicht einmal, ob es je wieder einen Staat geben wird, in dem er veröffentlichen kann. (…) Der Krieg ist zugleich die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Andrić seine großen Werke überhaupt schreiben kann.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 268

Trotz eingehender Schilderungen all der weltbewegenden historischen Ereignisse kommt der Schriftsteller Andrić in der Biogaphie nicht zu kurz; vielmehr geht Martens auch intensiv auf die charakteristischen Merkmale seiner Literatur ein, die u.a. von Essays über große epische Romane bis hin zur kürzeren Form der Erzählung reichen. Martens nennt Andrić einen „genaue(n) psychologische(n) Beobachter, der trotz der konservativen Form seiner Texte ein moderner Erzähler ist“ (S. 155), seine psychologischen Skizzen „meisterliche Portraits von Menschentypen, die jeder kennt“ (S. 277). Die unermüdliche Fleißarbeit des Schriftstellers, der Stunden, Tage, Wochen in Archiven verbringt, um Material zu sammeln, das er teilweise erst Jahrzehnte später literarisch verwendet, wird ebenso hervorgehoben wie sein Talent, das Gesammelte poetisch zu verdichten. Außerdem tauche bei Andrić, lange bevor daraus ein europäisches Konfliktthema wurde, die Frage auf, „ob Orient und Okzident, ob Europa und der Islam miteinander existieren können oder nicht“ (S. 279). Zugleich sei jedoch „Andrićs Bosnien eine literarische Privatlandschaft, ein mythisch überhöhter Kontinent“ (S. 280), weswegen weder die spätere Instrumentalisierung noch die Verdammung seines Werks der vielschichtigen und sich einseitigen Zuschreibungen entziehenden Literatur des Schriftstellers gerecht werde. Andrić habe unabhängig von religiösen Zugehörigkeiten „schlicht kein sonderlich positives Bild, wie Menschen, die Macht haben, mit jenen Menschen umgehen, die keine haben“. (S. 281) Im Übrigen hat Andrić selbst immer wieder betont, dass seine Texte, auch wenn sie in der Vergangenheit spielten, keine historischen Romane seien:

Die Vergangenheit zu beschreiben heißt nicht, vor der Gegenwart zu fliehen, sondern nur, einen bestimmten Blickwinkel der großen menschlichen Wirklichkeit zu beschreiben, welche die Vergangenheit und die Gegenwart und die Zukunft umfasst und alles, was in ihnen ist — menschliche Leben und Taten und ihre Träume und Gedanken.

Ivo Andrić, zit. nach Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 411

Der Zweite Weltkrieg ist verheerend, ganz besonders auch für Jugoslawien, wo die deutschen Besatzer sogenannte Sühnelager einrichten, in denen sie für jeden Getöteten aus ihren Reihen blutige Rache an ihren jugoslawischen Geiseln nehmen, wo die Shoa 60000 von 75000 Juden das Leben kostet und wo schließlich auch noch ein schrecklicher Bürgerkrieg ausbricht, in dem sich kroatische Ustaše („Aufständische“), serbische Tschetniks und kommunistische Partisanen gewaltsam bekämpfen:

(In Bosnien) ist die Hölle auf Erden entstanden, in der jeder jeden bekämpft. Das ist Teil der Strategie der Besatzer. (…) Im Schatten der von den Besatzern verübten Verbrechen bricht in Jugoslawien ein Bürgerkrieg aus, dem mehr als eine halbe Million Menschen zum Opfer fallen.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 239

Nach der deutschen Niederlage übernehmen die Partisanen unter Tito die Macht in Jugoslawien, Massenmorde finden statt und auch Andrić bangt um Leben und Freiheit, wird aber verschont und von nun an als literarisches Aushängeschild des kommunistischen Jugoslawiens in das neue Regime integriert. Andrić akzeptiert den Kommunismus, so wie er zuvor die serbische monarchische Diktatur akzeptiert hat, als „notwendiges Übel, das dem Jugoslawismus das Überleben sichert“ (S. 310). Er passt sich an, arrangiert sich und es vollzieht sich die verblüffende „Metamorphose des einstigen königlichen Gesandten Andrić zu Genosse Ivo“ (S. 311). 1961 erhält er den Nobelpreis, zu einem Zeitpunkt, als das gemäßigt auftretende kommunistische Jugoslawien international Anerkennung findet, zieht sich jedoch mit dem Alter mehr und mehr von seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen zurück. Mit seiner Frau Milica Babić, die er erst spät geheiratet hat, verbringt er bis zu ihrem Tod viel Zeit an der Küste in Herceg Novi, schreibt Erzählungen und stürzt sich, als sie stirbt, ein letztes Mal in die schriftstellerische Arbeit an zwei monumentalen Projekten, den „von lauter Migranten, Flüchtlingen, Entwurzelten“ (S. 402) bevölkerten Roman Omer Pascha Latas, über dessen historisches Vorbild der Biograph Martens übrigens einen vortrefflichen geschichtlichen Abriss gibt, sowie sein stilistisch modernstes Werk mit dem Titel Wegzeichen, „Anti-Tagebuch“ und „poetische Summe eines Lebens“ (S. 426).

Im Brand der Welten ist eine ungemein bereichernde und lebendig erzählte Geschichtsstunde, die einen das Europa des 20. Jahrhunderts aus einer weniger vertrauten Perspektive, nämlich der Südosteuropas, betrachten lässt. Historische Ereignisse, Zusammenhänge, Konflikte, die einem durchaus bekannt sind, werden hier noch einmal aus einem unbekannten und überaus erkenntnisreichen Blickwinkel heraus erzählt.

Ebenso faszinierend ist, wie behutsam sich Martens der immer wieder sich entziehenden Persönlichkeit Andrićs annähert, die man als Leser von Seite zu Seite besser kennenlernt, obwohl der Biograph sich jeder vorschnellen Einschätzung enthält und alle Gerüchte, Meinungen und Urteile über den Autor prüft, gegeneinander abwägt, revidiert, verfeinert. Es entsteht das Bild eines schwer greifbaren, da eher zurückgezogenen Charakters, der nach außen hin ein durchaus gefälliges, weltgewandtes Auftreten hatte und entsprechend große Anerkennung in seiner Funktion als Diplomat fand, die ihm allerdings auch als willkommene Fassade zu dienen schien, hinter der er seine persönlichen, intimen Gedanken und Gefühle verborgen halten konnte. Das schlug sich auch in seinem literarischen Werk nieder, aus dem er seine eigene Person genauso wie konkrete Anspielungen auf seine Gegenwart heraushalten wollte, was nicht zuletzt dazu beitrug, dass es bis heute zeitlose Gültigkeit besitzt und gut lesbar ist. So schreibt Martens über sein vielleicht persönlichstes, da auf lebenslangen Tagebucheinträgen beruhendes Werk Wegzeichen:

Die Genese der literarischen Miniaturen soll nicht erkennbar sein, Rückschlüsse auf ihre Entstehung, auf die Beziehungen zwischen seinen Gedanken und einzelnen Lebensetappen will Andrić nicht zulassen. Er will sich im Text auflösen.

Michael Martens: Im Brand der Welten, S. 426

Dieses extreme Streben nach Privatheit, nach einer Trennung von persönlicher Meinung und öffentlicher Anpassung, was freilich auch Andrićs Doppelrolle als Diplomat bzw. politischer Vertreter und Schriftsteller geschuldet war, deren Kombination ihm einen großen Spagat abverlangt haben musste, hatte zur Folge, dass Außen und Innen gerade in Bezug auf die politischen Regime, mit denen er sich immer wieder arrangierte, oftmals ziemlich weit auseinanderklafften. Martens schreibt von einem Zerfallen in einen „Nacht-Andrić und einen Tag-Andrić“ (S. 232). So ist es nicht erstaunlich, dass hier auch der Vorwurf des Opportunismus im Raum stehen bleibt, wenngleich Martens betont, dass Andrić konsequent das Schreiben über die Politik gestellt habe und seinem einzigen politischen Ideal, dem vereinten Jugoslawien, ein Leben lang treu blieb, auch wenn das bedeutete, so unterschiedliche Regime wie Monarchie und Kommunismus zu unterstützen.

Ein weiterer Vorwurf, den Martens diskutiert und entkräftet, ist der von Andrićs angeblicher Islamfeindlichkeit, der einer einseitigen Auslegung von seiner sich der Tagespolitik stets entziehenden Literatur entspringt, jedoch zu großen Missverständnissen und zu einer fatalen Instrumentalisierung im Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre führte.

Martens Biographie ist eine Bereicherung für jeden (literatur)geschichtlich interessierten Leser und eine inspirierende Motivation, in ein vielfältiges und geradezu klassisches literarisches Werk einzutauchen, das gemeinhin weit weniger bekannt ist als etwa die qualitativ vergleichbaren Texte französisch- oder englischsprachiger Autoren. Ich jedenfalls habe mir sofort die Erzählung Der verdammte Hof besorgt, in der Andrić mit mehrfach verschachtelten Erzählebenen spielt und einmal mehr den in die Vergangenheit zurückreichenden bosnischen und osmanischen Schauplatz nicht als folkloristische Kulisse, sondern als Ort zeitloser menschlicher Fragen und Konflikte verwendet, die sich in diesem Fall — die Erzählung wurde 1954 veröffentlicht — wohl auch, aber eben nicht ausschließlich, als versteckte Kritik am kommunistischen Regime lesen lassen. Und wessen Interesse für den „Nacht-Andrić“ nach der Lektüre geweckt wurde, der kann sich auf eine deutsche Textausgabe mit Auszügen aus den in schlaflosen Nächten gefüllten Notizbüchern freuen, die im Herbst unter dem Titel Insomnia — Nachtgedanken in der Übersetzung des Biographen erscheinen. Ich bin schon überaus gespannt!

Michael Martens: Im Brand der Welten — Ivo Andrić — Ein Europäisches Leben, Zsolnay (2019)
ISBN: 9783552059603

bookmark_borderEva García Sáenz: Die Herren der Zeit

Dass Kriminalplot und historischer Roman ein durchaus harmonisches und spannungsreiches literarisches Ensemble bilden können, hat zuletzt der Schwede Natt och Dag mit seinem Stockholmroman 1793 gezeigt, von dem kürzlich auch eine Fortsetzung (1794) erschienen ist (vgl. Rezension vom 22.5.2020). Die spanische Autorin Eva García Sáenz wagt sich für den Abschluss ihrer in der Stadt Vitoria spielenden Krimitrilogie, in deren Mittelpunkt der Profiler – und Ich-Erzähler – Unai Lopez de Ayala alias „Kraken“ steht, ebenfalls an eine – allerdings ganz anders geartete – Mischform von Historien- und Kriminalroman.

Die Stadt Vitoria und ihr baskisches Umland mit ihrer tief ins Mittelalter zurückreichenden Geschichte bildeten auch in den ersten beiden Teilen den geschichtsträchtigen und mit lokalen Mythen und Ritualen aufgeladenen, aber stets klar in der Gegenwart verankerten Schauplatz. Mit dem letzten Teil ist nun jedoch ein regelrechtes Hybrid entstanden, in dem zwei verschiedene zeitliche Ebenen parallel geführt werden, so dass man sich als Leser erst ein wenig irritiert, bald aber ziemlich gefesselt und am Schluss atemlos zwischen der tragischen Geschichte der Belagerung der Stadt am Übergang vom 12. ins 13. Jahrhundert und den laufenden Mordermittlungen im heutigen Vitoria hin und herlenken lässt. Es ist fast, als läse man zwei Bücher gleichzeitig, ein Eindruck, den die Autorin durch eine mise en abyme zusätzlich verstärkt: Im Zentrum der Gegenwartshandlung steht nämlich ein historischer Roman, der denselben Titel trägt wie Sáenz‘ Roman, „Die Herren der Zeit“, mit dessen Lektüre sich auch die Romanfiguren befassen und in dessen mysteriöser Entstehungsgeschichte Ayala den Schlüssel zu einer beunruhigenden Mordserie vermutet, die seine Stadt in Schrecken versetzt. Denn für die ziemlich grausamen mittelalterlichen Tötungsarten, die an den gegenwärtigen Opfern verübt werden, scheint sich der Mörder ziemlich genau an der Geschichte des historischen Romans zu orientieren. Oder ist das alles nur eine wilde Mutmaßung des auch familiär unter Druck stehenden Ayala, dem im Laufe der turbulenten, wahrhaft dramatischen Ermittlungen auf schmerzhafte Weise klar wird, dass er mit seinem unermüdlichen Einsatz gegen die brutalen Verbrechen, die seine Stadt immer wieder heimsuchen, Gefahren heraufbeschwört, die nicht nur ihn, sondern sein ganzes freundschaftliches und familiäres Umfeld bedrohen? Und was hat es eigentlich mit dem proteischen Adligen und Burgherren Ramiro Alvar auf sich, der eine traumatische Familiengeschichte zu verarbeiten hat und zurückgezogen in seinem Turm wohnt, von dem aus auch der anonyme Autor des Romans sein Manuskript versendet haben muss?

Auch wenn es die Autorin mit der wahrlich dichten Häufung höchst dramatischer Verwicklungen vielleicht etwas übertreibt und die Kriminalgeschichte eine zwar geschickt konstruierte, psychologisch jedoch nicht völlig überzeugende Auflösung hat, ist ihr für ihre Trilogie, deren eigenwillige Hauptfiguren einem ans Herz gewachsen sind, auf jeden Fall ein fulminanter Abschluss gelungen, der einige Stunden oder Tage höchst spannungsreichen Lesegenuss bereitet.

Bibliographische Angaben
Eva García Sáenz: Die Herren der Zeit, Fischer (2020)
Aus dem Spanischen von Alice Jakubeit
ISBN: 9783651025851

Bildquelle
Eva García Sáenz, Die Herren der Zeit
© 2020 Fischer Scherz in der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt / Main

bookmark_borderOliver Scherz: Ein Freund wie kein anderer — Im Tal der Wölfe

Die einfühlsam und in so gar nicht kindlicher, aber trotzdem für Kinder verständlicher und sehr schöner Prosa erzählte Geschichte der außergewöhnlichen Freundschaft von Erdhörnchen Habbi und Wolf Yaruk findet ihre Fortsetzung im „Tal der Wölfe“.

Nach dem Winterschlaf hofft Habbi, seinen Wolfsfreund wieder zu sehen. Tatsächlich wartet Yaruk schon auf ihn, doch irgendwie hat er sich verändert. Ein erwachsener Ernst hat sich in sein spielerisches Wesen geschlichen, und Habbi, der doch am liebsten möchte, dass alles ist wie früher, erfährt nach und nach, was in der Zeit seines Winterschlafs im Wolfsrudel alles passiert ist und dass sein Freund auf einmal eine Verantwortung innehat, die mit ihrer Freundschaft schwer vereinbar ist.

Zuerst aber verbringen die beiden einen ausgelassenen Tag des Wiedersehens, bis das plötzlich steigende Wasser im reißenden Bach, der Habbis Erdhörnchendorf vom Tal der Wölfe trennt, Habbi den Rückweg versperrt. Yaruk nimmt ihn kurzerhand mit zu seinem Rudel, und ein nicht ganz ungefährliches Abenteuer beginnt.

Die beiden Freunde machen die Erfahrung, dass Liebe, Freundschaft, Fürsorge, Familie, Verantwortung und Gewissen starke Kräfte sind, die aber bisweilen miteinander in Konflikt geraten können. Dann gilt es, eine Entscheidung zu treffen, und das ist alles andere als einfach! Doch wenn zwei sich gern haben, können sie vielleicht auch Grenzen überwinden…

Ein wunderschönes und auch spannendes Vorlesebuch, das natürlich ein gutes Ende hat und einen außerdem nicht zuletzt dank des angenehm unaufdringlichen, aufs Wesentliche reduzierten und zugleich sehr liebevollen Pinselstrichs der Illustratorin Barbara Scholz in eine bezaubernde Welt der Tiere und der Natur entführt.

Altersempfehlung
Ab 6 Jahren

Bibliographische Angaben

Oliver Scherz: Ein Freund wie kein anderer — Im Tal der Wölfe, Thienemann-Esslinger (2020)
ISBN: 9783522185288

Bildquelle
Oliver Scherz, Im Tal der Wölfe
© 2020 Thienemann-Esslinger Verlag

bookmark_borderMarion Messina: Faux départ

Der Debütroman der jungen Französin Marion Messina gilt als Roman über das Stigma der Armut, über die Klassengesellschaft, über die Spaltung der französischen Gesellschaft, und wird oft in einem Atemzug mit den Texten von Nicolas Mathieu, Edouard Louis oder Annie Ernaux genannt. Er ist aber auch der einzige mir bisher bekannte Roman, in dem — freilich nur als ein Aspekt eines viel umfangreicheren Gesellschaftspanoramas — ein akutes und immer größere Teile der Bevölkerung betreffendes soziales Problem auf sehr pointierte und eindringliche Weise geschildert wird: das eines außer Rand und Band geratenen Immobilienmarktes, an dem die sich zuspitzende soziale Ungleichheit eine geradezu symbolische Verdichtung erfährt, die jedoch auf einen leider sehr realen Zustand verweist:

Il n’y avait aucun contrôle, le marché immobilier parisien était le seul domaine de France parfaitement déréglementé, voire anarchique. Cette ville avait besoin de sa force de travail mais ne la voulait pas entre ses murs.

Es gab keinerlei Kontrolle, der Pariser Wohnungsmarkt war in Frankreich der einzige Bereich, der komplett dereguliert, ja anarchisch war. Diese Stadt brauchte ihre Arbeitskraft, aber wollte sie nicht innerhalb ihrer Mauern haben.

Faux départ, S. 139 (Übersetzung der Rezensentin)

Als Aurélie, die junge Antiheldin des Romans, ganz allein, ohne Partner, ohne Geld und ohne Beziehungen von Grenoble nach Paris geht, in der Hoffnung, dort ihr Studium fortsetzen und dank der Möglichkeiten der Hauptstadt endlich den sozialen Aufstieg vom Arbeiterkind zur akademisch gebildeten Angestellten meistern zu können, gerät sie in einen völlig entfesselten Wohnungsmarkt, der sich als kapitaler Wettkampf herausstellt, bei dem sie von vornherein chancenlos ist. Die Szene, in der Aurélie schildert, wie sie inmitten der sich auf wenigen Quadratmetern drängenden wohnungs- oder besser schlafplatzsuchenden Menschen Schlange steht, um eine winzige, heruntergekommene, völlig überteuerte Kammer ohne Sanitäreinrichtung zu besichtigen, bleibt einem in ihrem desillusionierten und entlarvenden Realismus noch lang im Gedächtnis. Letztlich bleibt Aurélie in ihrem Provisorium in der Jugendherberge, bis sie einen gut verdienenden Angestellten kennenlernt, mit dem sie weniger aus Liebe denn aus Not zusammenzieht.

Tatsächlich sind die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse, der Wunsch und die Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit, diese zu verlassen, in Faux départ Ausgangspunkt und treibende Kraft der Handlung. Doch meiner Ansicht nach lässt sich der in seiner Ernüchterung doch auch auf fast sanfte, melancholische Weise poetische Roman nicht auf dieses Thema beschränken. Vielmehr zeichnet sich dieser Text, der eben kein Sozialreport ist, durch eine höchst literarische Ambivalenz aus. So scheinen auch die Klassenkategorien einer gewissen Transformation unterworfen, durch die sie zwar nicht vollständig aufgehoben werden, jedoch im Kontext der wieder anders gearteten Machtstrukturen einer vernetzten, sexualisierten und durchökonomisierten Gesellschaft ihre Eindeutigkeit verlieren. Während Michel Houellebecq in Bezug auf die desillusionierende Schilderung einer konsumorientierten Sexualität oft als literarische Referenz Marion Messinas genannt wird, möchte ich hier auch die Theorien der Soziologin Eva Illouz ins Spiel bringen, die der ontologischen Haltlosigkeit als Folge prekär gewordener langfristiger romantischer Bindung auf den Grund geht, sowie die Studien der Philosophin Elizabeth Anderson über die modernen Irrwege des ökonomischen Liberalismus in Bezug auf Autonomie und Würde am Arbeitsplatz (vgl. Rezension vom 31.3.2020).

Erzählt wird die Geschichte, die trotz allem auch eine romantische Liebesgeschichte ist und in der — natürlich (post)modernisierten — Tradition einer Flaubert’schen Education sentimentale gelesen werden kann, in großen Teilen aus der Perspektive von Aurélie, die ihrem prekären Herkunftsmilieu über den Weg des Studiums zu entkommen hofft. Messina beschreibt aber auch die auf andere Weise holprige Suche nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit, auf der sich der aus Kolumbien stammende Alejandro, Aurélies große Liebe und großer Kummer, seit seiner Ankunft in Frankreich befindet. Stigmatisiert wird man selbst in einer so kosmopolitischen Stadt wie Paris nicht nur, wenn man sich den angesagten Style nicht leisten kann, sondern auch infolge einer ausländischen Herkunft. Gleichwohl dient die lateinamerikanische Identität Alejandros im Handlungsgefüge wohl hauptsächlich dazu, durch den Blick von außen — gleich Montesquieus Persischen Briefen — die Hybris zu entlarven, mit der eine privilegierte europäische Schicht nicht nur auf ihn blickt, den Ausländer mit Akzent, mit dem man sich ab und zu ganz gern als weltoffen schmückt, sondern auch auf die Mitglieder der Unterschicht, die man an ihren billigen, schlecht sitzenden Klamotten erkennt.

Aurélie ist in ärmlichen Verhältnissen in einem Vorort von Grenoble aufgewachsen, hat gerade ihr Abitur bestanden und ein Stipendium für ein Studium an einer renommierten Hochschule erworben — und erlebt die erste einer nicht enden wollenden Kette von Desillusionen, als sie begreift, dass sie ihr Stipendium nicht antreten kann, da ihre Eltern sich ihren Umzug in eine andere Stadt nicht leisten können. Kaum 18 geworden, zweifelt sie schon an allem:

Elle doutait de tout, à commencer par le destin émancipateur auquel elle s’était raccrochée pendant des années, prenant en horreur le mode de vie de ses parents, comme inscrit dans leurs gènes.

Sie zweifelte an allem, zuallererst an dem schicksalhaften Versprechen der Emanzipation, an das sie sich jahrelang geklammert hatte, während sie die Lebensweise ihrer Eltern, die ihnen gleichsam genetisch eingeprägt war, geradezu verabscheute.

Faux départ, S. 55 (Übersetzung der Rezensentin)

Die allseits verkündete Chancengleichheit erweist sich als „republikanischer Mythos“ (S. 54), Schule und Studium scheinen keinen Ausweg aus dem prekären Herkunftsmilieu zu bieten. Vielmehr gestaltet sich Aurélies Ankunft im Erwachsenenleben als unaufhörlicher Kampf um Beachtung, Geld und Liebe, in dem sie immer wieder unterzugehen droht. Sie fühlt sich einsam, nirgends zugehörig, macht unangenehme erste sexuelle Erfahrungen und als sie sich schließlich in den Kommilitonen Alejandro verliebt, den sie bezeichnenderweise nicht in der Vorlesung, sondern in ihrem Nebenjob als Putzhilfe kennenlernt, beschert ihr das zwar ein bisher ungekanntes Glücksgefühl, das jedoch überschattet wird von der Unverbindlichkeit ihrer Beziehung, auf der Alejandro besteht. Als Alejandro Grenoble verlässt, hält auch Aurélie nichts mehr in der Stadt, und sie geht nach Paris. In der Freiheit und Unbegrenztheit der Möglichkeiten, die das urbane Großstadtmilieu verspricht, potenzieren sich für Aurélie jedoch die Herausforderungen; ohne Wohnung, angewiesen auf einen schlecht bezahlten, ausbeuterischen Job als willkürlich herumkommandierte Messehostess, hat sie kaum Zeit für soziale Kontakte und an eine Fortsetzung ihres Studiums kann sie gar nicht erst denken. Der begrenzte soziale Aufstieg, auf den sie noch hoffen kann, gestaltet sich nicht nur äußerst mühevoll, sondern auch in einem Rahmen und unter Bedingungen, die es fraglich machen, inwieweit er überhaupt erstrebenswert ist:

Elle se sentait coincée entre un milieu ouvrier peu curieux, corvéable à merci, respectueux, soumis et craintif et une classe moyenne abêtie, déliquescente, qui semblait impatiente de liquider le peu de dignité sociale et intellectuelle dont elle aurait pu hériter.

Sie fühlte sich eingezwängt zwischen einem wenig neugierigen, der Fronarbeit ausgelieferten, respektbezeugenden, unterwürfigen und furchtsamen Arbeitermilieu einerseits, und einer verblödeten, dekadenten Mittelschicht andererseits, die es eilig zu haben schien, das Wenige an gesellschaftlichem und intellektuellem Ansehen, das sie hätte erben können, auszulöschen.

Faux départ, S. 116 (Übersetzung der Rezensentin)

Denn sie beobachtet, dass auch die mehr oder weniger nur für ihre Arbeit lebende Mittelschicht in Paris ein entfremdetes Dasein hat. Das Unbehagen, das die Autorin am Beispiel ihrer Protagonistin beschreibt, ist nicht nur ihrer Herkunft geschuldet, sondern auch Teil eines umfassenderen Lebensgefühls, das Generationen und soziale Schichten überschreitet und das in engem Zusammenhang mit der Technisierung, Sexualisierung und Ökonomisierung des ganzen Lebens steht, das auch Eva Illouz beschreibt (vgl. Rezension vom 25.2.2020). Bindungslosigkeit und Oberflächlichkeit als Folge von Akkumulation und Wahlfreiheit erstrecken sich dabei nicht nur auf zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch auf das Aurélie tief enttäuschende Bildungssystem und den stets zur Disposition stehenden Arbeitsplatz, der als Ort des Geldverdienens gleichwohl im Zentrum einer sich über Konsum und Lifestyle definierenden Gesellschaft steht. Auch Franck, der nicht mehr ganz junge und seines Single-Daseins überdrüssige Betriebswirt, mit dem Aurélie für eine Weile zusammenzieht, hat um den Preis von Einsamkeit und Burnout sein bisheriges Leben seiner beruflichen Karriere untergeordnet, um einen Lebensstandard zu erreichen, von dem Aurélie zwar nur träumen kann, der ihn in Paris jedoch nur um Haaresbreite vom Prekariat abgrenzt:

En province ils appartenaient à deux castes qui ne se fréquentaient pas, mais à Paris l’écart de niveau de vie entre classe moyenne et ouvriers disparaissait; il n’existait plus qu’une seule catégorie : les travailleurs pauvres.

Außerhalb von Paris gehörten sie zu zwei verschiedenen Kasten, die einander nicht begegneten, doch in Paris verschwand der Unterschied des Lebensstandards zwischen Mittelschicht und Arbeiterschicht; es gab nur noch eine einzige Kategorie: die arme arbeitende Schicht.

Faux départ, S. 174 (Übersetzung der Rezensentin)

Die Großstadt Paris ist in Faux départ gleichsam eine satirisch überspitzte Metapher für den urbanisierten Raum, an dem sich alles derart akkumuliert, dass sich die Wahlfreiheit in eine freiwillige Unterwerfung unter die ökonomischen Prinzipien verkehrt:

La vie en ville et ses temps de transports indécents limitaient singulièrement les aspirations à la lecture et aux séquences de repos. Le sexe, gage de plaisir immédiat et marqueur social, était devenu à lui seul un leitmotiv. Je baise donc je suis.

Das Leben in der Stadt und seine schamlosen Verkehrszeiten begrenzten die Sehnsucht nach Lektüre und einem Zur-Ruhe-Kommen auf einzigartige Weise. Der Sex war als Garantie unmittelbaren Genusses und als sozialer Marker ganz für sich allein zu einem Leitmotiv geworden. Ich ficke, also bin ich.

Faux départ, S. 167 (Übersetzung der Rezensentin)

Die Durchdringung von Sex, Konsum und urbanem Leben ist ein Motiv, dem Messina in ihrem Roman häufig nachspürt, mitunter in Sätzen, die tatsächlich sehr der Houellebecq’schen Sprache verwandt sind:

On n’avait jamais autant parlé de cul de manière libérée mais elle ne voyait que des célibataires decomplexés, obligés de consacrer une part non négligeable de leur revenu dans des sorties en quête du partenaire de débauche d’un soir ou d’un mois, délai maximal toléré.

Nie hatte man so viel und auf so befreite Weise über Sex gesprochen, und doch sah sie nur lauter Singles ohne Hemmungen, die sich verpflichtet fühlten, einen nicht geringen Teil ihres Einkommens fürs Weggehen aufzuwenden, auf der Suche nach einem Sexpartner für einen Abend oder — das war die maximal tolerierte Frist — für einen Monat.

Faux départ, S. 153 f. (Übersetzung der Rezensentin)

Im Schriftbild wird eine Eigenheit deutlich, die sich durch Messinas gesamten Text zieht, nämlich die Sichtbarmachung aktueller Diskurse und populärer Ausdrucksweisen durch Kursivdruck. Die Autorin entlarvt und ironisiert auf diese Weise verbreitete Labels begrifflicher Pauschalisierung, die zugleich viel über das Lebensgefühl unserer Gesellschaft verraten. Darüber hinaus legen diese auf eine metatextuelle Ebene verweisenden Markierungen die sich stets selbst hinterfragende Suche der Autorin nach einer Benennung immer fluiderer sozialer Beziehungen offen, die ja auch ihre Geschichte und die Sorgen ihrer Figuren bewegt.

Ähnlich wie Houellebecq beschreibt die Autorin die Wünsche und Nöte einer sexualisierten Gesellschaft und zeigt mit ihren verunsicherten und unzufriedenen Protagonisten die Kehrseite der scheinbaren Wahl-Freiheit auf: So hingezogen Alejandro sich zu Aurélie fühlt, die gerade durch ihre Unauffälligkeit und ihren Mangel an Selbstinszenierung unter all den jungen Frauen heraussticht, hat er Angst, eine Bindung zuzulassen. Getrieben von dem irrealen und doch allseits idealisierten Wunsch, alle Möglichkeiten auszukosten, verspürt er letztlich nur Leere, Einsamkeit, Melancholie und ein nicht näher bestimmbares Ungenügen: eine Art postmodernen „ennui“. Aurélie hingegen fühlt sich hoffnungslos überfordert im allgegenwärtigen Inszenierungswettbewerb, in dem sie aufgrund ihrer prekären Herkunft und auch aufgrund ihres fast aus der Zeit gefallenen romantischen Charakters von vornherein unterlegen ist.

Les femmes, elles, seraient toujours prêtes à mourir pour un homme qu’elles penseraient être unique (…); les hommes considéraient les femmes comme à leur disposition, elles devraient lutter pour être plus désirables que leurs congénères, se faire toujours plus belles, plus minces, plus toniques. Au contraire du règne animal, ce n’était pas à l’élément masculin de se battre pour conquérir la femelle qui assurerait la perpétuation de l’espèce, mais à la femelle de se battre pour avoir l’honneur de se faire pénétrer dans le cadre d’un rapport sexuel stérile. Ce retournement de la situation permettait à des acteurs du marché d’enregistrer des bénéfices records pour des biens et services marchands dévolus à la seule modification constante du corps féminin (…).

Die Frauen würden immer bereit sein, für einen Mann zu sterben, den sie für einzigartig hielten (…); die Männer hielten die Frauen für jederzeit verfügbar, sie — die Frauen — sollten darum kämpfen, begehrenswerter als ihre Geschlechtsgenossinnen zu sein, immer noch schöner, schlanker, anregender zu werden. Im Unterschied zum Tierreich war es nicht Aufgabe des Männchens zu kämpfen, um das Weibchen zu erobern, das das Fortleben der Art sicherstellte, sondern es war Aufgabe des Weibchens um die Ehre zu kämpfen, im Rahmen einer sterilen sexuellen Beziehung penetriert zu werden. Eine solche Umkehrung der Situation ermöglichte den Playern auf dem ökonomischen Markt, Rekordgewinne für ökonomische Güter und Dienstleistungen einzustreichen, die einzig der fortwährenden Anpassung des weiblichen Körpers dienten.

Faux départ, S. 147 (Übersetzung der Rezensentin)

Geradezu erfrischend liest sich hier der satirisch überspitzte weibliche Gegenblick zu Houellebecqs männlicher Perspektive, der einen an Eva Illouz‘ Feststellung erinnert, dass in der vernetzten Welt der Wahlfreiheit weiterhin gewisse Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen bestehen. Unabhängig vom Geschlecht tun sich auch bei Marion Messina die Figuren am schwersten, die sich nach Liebe und Bindung sehnen; die zitierte Passage macht deutlich, wie der beständige Konkurrenzkampf, in dem man sich bei der Suche nach einer romantischen Beziehung behaupten muss, an den Kräften und auch am Geldbeutel der Beteiligten nagt. Indem Messina jedoch eine weibliche Perspektive ins Zentrum rückt, kann sie vielleicht sogar noch besser die Kehrseite der allseits postulierten sexuellen Autonomie einfangen. Folgendes Zitat unterstreicht die Ambivalenz von Freiheit und Emanzipation, die dem ganzen Roman innewohnt:

…elle se réjouissait de pouvoir se soustraire aux convenances auxquelles elle aurait pourtant tant voulu se soumettre…

…sie freute sich, sich den Konventionen zu entziehen, denen sie sich doch so gern unterworfen hätte…

Faux départ, S. 80 (Übersetzung der Rezensentin)

Hervorheben muss man auch, dass sich Aurélie, gleichwohl in zweierlei Hinsicht scheinbar in der Situation des Opfers, als romantisch empfindende Frau und als Sprössling der Unterschicht, nicht eindeutig auf diese Rolle beschränken lässt. Zwar ist sie in der Beziehung mit Alejandro diejenige, die mehr liebt und mehr unter der Unverbindlichkeit der Beziehung leidet, doch darf man nicht übersehen, dass sie sich gleich zweimal aus freien Stücken für diese auf wackligen Füßen stehende Beziehung entscheidet. In der späteren Beziehung zu Franck ist sie sich der Machtverhältnisse absolut bewusst; hier nutzt sie ihr eigenes Kapital als junge attraktive Frau, die sich selbst im Austausch für eine gewisse Stabilität und den Komfort einer Wohnung einem Mann hingibt, der wiederum sein bisheriges emotionales Leben dem Beruf „geopfert“ hat. Schließlich verlässt sie Franck und entscheidet sich gegen eine Beziehung, in der sie keine emotionale Erfüllung findet.

Ausbeuterisch erscheinen fast eher die makroökonomischen Strukturen, der sich die meisten Menschen freilich allzu bereitwillig fügen. Messina erwähnt die „Gelbwesten“ mit keiner Silbe, ebenso wenig treten irgendwelche Rechts- oder Linkspopulisten auf; doch umso eindringlicher gelingt es ihr, am persönlichen und berührenden Schicksal zweier junger Menschen zu illustrieren, inwiefern sich hinter sozialen Ungleichheiten Machtstrukturen verbergen, die über eine stigmatisierte Klasse hinausreichen. Im Gedächtnis haften bleiben in diesem Kontext auch Aurélies Bewerbungsgespräch und die Beschreibungen ihres Arbeitsalltags als Messehostess. Die Einstellungsprozedur ist so aufwendig, als handelte es sich um einen hochkarätigen Posten, wo doch die Entlohnung und damit der Wert der Arbeitskraft hier in keinem Verhältnis etwa zur verlangten Ausbildung stehen; die ständige Verfügbarkeit und der mobile Einsatz an weit entlegenen Orten der Großstadt stehen im Kontrast zur niedrigen Bezahlung, die Aurélie nicht einmal für Essen, Kleidung und Wohnung ausreicht. Dennoch ist die Konkurrenz selbst im niedrig entlohnten und doch so benötigten Dienstleistungssektor riesig.

Avant les gens allaient à la messe, maintenant ils vont au travail, exécuter des gestes, des rituels, prononcer toujours les mêmes phrases. Ils en sortent épuisés et rassurés. (…) Rien n’angoisse plus que le chômage.

Früher gingen die Menschen in die Kirche, jetzt gehen sie in die Arbeit und führen bestimmte Gesten und Rituale aus, sprechen immer wieder dieselben Sätze. Um dann erschöpft und beruhigt nach Hause zu gehen. (…) Nichts macht mehr Angst als die Arbeitslosigkeit.

Faux départ, S. 194 f. (Übersetzung der Rezensentin)

Am Ende des Romans ist Aurélie gerade mal 20 Jahre alt, hat aber bereits so viele desillusionierende Erfahrungen gemacht, dass sie nun eine Entscheidung trifft, die vielleicht zum ersten Mal so frei ist, wie es eben geht.

Bibliographische Angaben
Marion Messina: Faux départ, J’ai lu (2018)
ISBN: 9782290164907

Zur deutschen Ausgabe im Carl Hanser Verlag:



Bildquelle
Marion Messina, Fehlstart
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
© 2020 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

bookmark_borderEdna O’Brien: Das Mädchen

Die irische Schriftstellerin Edna O’Brien, die in ihren mit Preisen ausgezeichneten Romanen immer wieder Mädchen und jungen Frauen eine Stimme gibt, fühlt sich in ihrem neuesten Roman in das tragisch-mythische und zugleich auf schrecklichen realen Begebenheiten beruhende Schicksal eines fiktiven nigerianischen Schulmädchens ein, das von der islamistischen Sekte Boko Haram entführt wird.

Verschleppt ins Lager der Milizionäre, das tief im Urwald verborgen liegt, wird das junge Mädchen, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird, zum Opfer brutalster männlicher Gewalt und macht schier Unerträgliches durch. Sie wird versklavt, erniedrigt, vergewaltigt, und bringt dennoch fast übermenschliche Kräfte auf, als sich die Gelegenheit ergibt, mit ihrer kleinen Tochter aus der Gefangenschaft zu fliehen.

In der Flucht durch den Wald setzt sich der Überlebenskampf des Mädchens fort, das den symbolisch aufgeladenen Namen der Muttergottes, Maryam, trägt. Die gemeinsam mit ihr und dem Baby geflüchtete Freundin stirbt an einem Schlangenbiss. Trauma, Schock, Hunger, Fieber führen die mit der Mutterrolle überforderte Maryam ins Delirium. Sie wird von muslimischen Nomadenfrauen gefunden und liebevoll umsorgt, doch als der Gemeinschaft deswegen Gewalt angedroht wird, müssen Maryam und ihr Baby weiterziehen. Doch auch als sie endlich die Großstadt erreicht, medizinisch versorgt wird und ihre Mutter wiedersieht, ist der Kampf noch lang nicht zuende. Als „Dschihadi-Ehefrau“ und „Buschfrau“ ebenso geschmäht wie bemitleidet trägt sie das Stigma des Gewaltopfers. Während sich die Regierung mit ihrer „Rettung“ schmückt, wird ihr das Baby weggenommen, und bei ihrer Mutter findet sie ebensowenig Trost wie in ihrem von Angst und Tod erschütterten Dorf. Erst als Maryam wirklich jede Hoffnung verloren hat, deutet sich ein Rettungsschimmer an…

Die Autorin, die für ihre Geschichte intensiv vor Ort recherchiert hat und auf sehr lebendige Weise viele weitere Lebens- und Leidensgeschichten, aber auch nigerianische Mythen, Feste und Rituale, in ihren Text integriert, führt ihre Ich-Erzählerin und damit auch ihre Leser immer wieder an die Grenze des Erträglichen. Doch steht im Zentrum der Geschichte trotz allem nicht die Gewalt, sondern der Widerstand gegen sie und die Menschlichkeit. So wird die blutjunge Marienfigur Maryam, in der sich die tatsächlichen Gewalterfahrungen vieler nigerianischer Mädchen symbolisch verdichten, im Raum der Fiktion zu einer Legende, mit der sich ihre Opferrolle überwinden lässt.

Ein aufwühlendes und sehr authentisches Buch, das uns im weit entfernten Europa ein von Gewalt und Konflikten erschüttertes, aber auch an Traditionen und Geschichten reiches Land ein Stück näherbringt.

Bibliographische Angaben
Edna O’Brien: Das Mädchen, Hoffmann und Campe (2020)
Aus dem Englischen von Kathrin Razum
ISBN: 9783455008265

Bildquelle
Edna O’Brien, Das Mädchen
© 2020 Hoffmann und Campe Verlag GmbH, Hamburg

bookmark_borderElizabeth Anderson: Private Regierung

Ich finde, auch in Deutschland reden wir zu wenig und zu undurchsichtig über unsere Arbeit, weshalb willkürliche Ungleichheiten der Entlohnung ebenso wie eine unverhältnismäßige Ungleichheit der sozialen Hierarchien am Arbeitsplatz, in Form belastender oder gar entwürdigender Einschränkungen von Respekt, Status und Autonomie der Arbeitnehmer zur Steigerung des unternehmerischen Profits, oft unhinterfragt hingenommen werden. Die amerikanische Philosophin Elizabeth Anderson bricht in ihren 2014-15 in Princeton gehaltenen Tanner Lectures, die inzwischen in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienen sind, ein unausgesprochenes Tabu: Sie entlarvt die in Persönlichkeitsrechte hineinreichende private, d.h. nicht öffentlich diskutierte, sondern rechenschaftsfreie Herrschaft der Arbeitgeber über ihre Arbeitnehmer in privaten Unternehmen als anstößig und vielfach ungerechtfertigt und unterzieht die allseits akzeptierte Legitimierung solcher quasi diktatorisch agierenden „privaten Regierungen“ inmitten demokratischer Staaten durch die mit der modernen Lebens- und Arbeitswelt nicht mehr in Einklang zu bringende liberalistische Idee des freien Marktes einer grundlegenden Ideologiekritik.

Zentrales Anliegen der Philosophin ist es denn auch, die heute aus dem Blick geratene Frage nach Formen privater Herrschaft und Unterdrückung am Arbeitsplatz wieder zum Thema der politischen Theorie zu machen und einen öffentlichen Diskurs darüber anzustoßen, wie auf Kosten zahlloser Lohnarbeiter — und ganz besonders der Arbeitnehmer aus dem Niedriglohnsektor — eine kleine Schar privater Geschäftsmänner von einem „symbiotische[n] Verhältnis zwischen Libertarismus und Autoritarismus“ profitieren, „das unsere politischen Diskurse […] wie Mehltau überzieht“ (Anderson, S. 11) und mit der ursprünglichen Idee des Liberalismus nichts mehr zu tun hat.

Denn das Ideal einer freien Marktwirtschaft, so stellt Anderson es in einem historischen Rückblick heraus, war zu Beginn ein Anliegen der Linken und untrennbar mit egalitären sozialen Zielen verbunden. So ging es den frühen Fürsprechern des Liberalismus im 17. Jahrhundert, den Levellers, um die Befreiung der Menschen aus patriarchalen Formen der Unterwerfung und um den Abbau von Monopolen in allen Lebensbereichen der Gesellschaft zugunsten der sozialen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Individuen. Adam Smith knüpfte mit seiner ökonomischen Vision an diese Ideen an und hatte ebenfalls vor allem Kleinbauern und Kleinunternehmer im Blick, in deren durch den Liberalismus garantierten wirtschaftlichen Unabhängigkeit er die beste Voraussetzung für eine human und freiheitlich gestaltete zukünftige Gesellschaft sah. Doch die Vordenker des Liberalismus konnten nicht ahnen, dass sich die Markt- und Arbeitsverhältnisse mit der Industriellen Revolution grundlegend verändern würden. Anderson hebt hervor, welch radikaler Einschnitt mit der Ausbreitung der großen Fabrik- und Industriebetriebe für die sozialen Hierarchien zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verbunden war. Die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung bestand von nun an aus abhängigen Lohnarbeitern und war weit entfernt vom Ideal der wirtschaftlichen Selbständigkeit eines Handwerkers oder Kleinbauern. In einer solchen Situation bedeutet ein von staatlichen Eingriffen freier Markt jedoch nicht mehr Gleichheit und Freiheit, sondern im Gegenteil Konzentration einer mit Macht verbundenen unternehmerischen Autonomie in den Händen einzelner einflussreicher Großbetriebe und damit die Etablierung eines nicht öffentlichen Raums privat regierter Arbeitsplätze:

Wenn der Großteil der Bevölkerung selbständig ist, ist ein Plädoyer gegen staatliche Einmischung eine völlig andere Aussage, als sie es heute wäre.

Anderson: Private Regierung, S. 66

Während Anderson ihren Blick hauptsächlich auf die große Zahl der Angestellten und Lohnarbeiter richtet, erstrecken sich die Formen privater Herrschaft meines Erachtens in vielen Fällen auch auf scheinbar unabhängige Soloselbständige oder Kleinunternehmen, die — gerade zur Aufrechterhaltung ihrer wirtschaftlichen Selbständigkeit — bisweilen gezwungen sind, hierarchische Ungleichheiten und Autonomieverluste in Kauf zu nehmen, etwa wenn sie Aufträge auch um den Preis einer diktatorischen Behandlung durch die auftraggebenden Konzerne annehmen müssen. Dies liegt nicht zuletzt an der Entstehung neuer Monopole — große Finanzhäuser oder Konzerne wie Google, Amazon oder Netflix –, die nicht etwa unter staatlicher Herrschaft stehen, sondern in einem zu wenig regulierten ökonomischen Freiraum gedeihen können und den freien und gleichen Wettbewerb verzerren. In einem Artikel in der ZEIT vom 26.3.2020 spricht genau in diesem Sinn der Finanzexperte und ehemalige Abgeordnete der Grünen, Gerhard Schick, von einer Transformation der sozialen Marktwirtschaft in eine „Machtwirtschaft“, in der nicht das beste Produkt gewinnt, sondern eine kleine wirtschaftliche Machtelite, die dem Staat die Regeln diktiert und über die einflussreichsten Lobbys und größten Geldakkumulationen verfügt. Wirklich frei und selbständig wirtschaften können heute nur die wenigsten, allen gleich ist nur die Marktwertabhängigkeit, die neue Privilegien schafft. Denn wie Anderson schreibt, liegt ein Denkfehler des mit der Industriellen Revolution einhergehenden neuen Liberalismus darin, dass auch die Arbeitskraft selbst, also der Mensch, als Ware betrachtet wird anstatt als autonomes Subjekt. So kommt letztlich nur eine kleine Schar Privilegierter in den Genuss der Vorteile des freien Marktes, die einst für die große Mehrheit angedacht waren:

Während Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen an der Spitze der Unternehmenshierarchie eine solche Freiheit ebenso besitzen wie eine Handvoll Topathleten, Mediengrößen und Starakademiker, [wird in der vielfach geäußerten Verteidigung privater Regierung die Tatsache ignoriert], dass die große Mehrheit der Arbeitnehmer, die nicht durch Gewerkschaften vertreten wird, die Bedingungen für die Autorität des Arbeitgebers überhaupt nicht aushandelt.

Anderson: Private Regierung, S. 106

Anderson zufolge ist der reine Arbeitsvertrag, der den freien Ein- und Austritt aus dem Arbeitsverhältnis garantiert, alles andere als ausreichend, um die Möglichkeit des Machtmissbrauchs in der privaten Regierung des Arbeitgebers zu minimieren. Auch der Zeitraum dazwischen muss mit einer rechtlichen Infrastruktur versehen werden. Anderson ist grundsätzlich dafür, hier die Rolle des Staates zum Schutz der Arbeitnehmer zu stärken, hält darüber hinaus aufgrund der vielfältigen, ganz unterschiedlich strukturierten Arbeitsplätze aber auch interne Regelungen, etwa in Form von Mitspracherechten der Arbeitnehmer, für unverzichtbar.

In einiger Hinsicht sind die europäischen Länder hier weiter als Amerika, dessen Arbeitsverhältnisse den Ausgangspunkt von Andersons Kritik darstellen. Doch auch wenn die Autorin sogar gewisse in Deutschland praktizierte Formen der Mitsprache in Betrieben als Vorbild anführt, lassen sich auch hier Strukturen der Ungleichheit am Arbeitsplatz ausmachen, die unnötig Stress und Unzufriedenheit hervorrufen. Viele Arbeitnehmer leiden unter willkürlichen Arbeitszeiten, kurzfristigen und familieninkompatiblen Einsatzplänen, unter der unterschwelligen Stigmatisierung von kurzen Wortwechseln mit Kollegen oder Toilettengängen als „Zeitdiebstahl“, unter mangelnder Anerkennung, Leistungsdruck auf Kosten der (psychischen) Gesundheit oder unter einer Überstrapazierung der vertraglich oft bewusst unbestimmt gehaltenen Arbeitsbereiche, die es dem Arbeitgeber ermöglicht, sein Personal in nicht weiter zu rechtfertigenden „ökonomischen Notlagen“ willkürlich zu Aufgaben zu zwingen, die nichts mit der Qualifikation des Arbeitnehmers zu tun haben. Gerade in nicht hochqualifizierten Berufen wie Einzelhandel oder Pflege ist ein Verschleiß von menschlichen Arbeitskräften alles andere als unüblich. Öffentlicher Redebedarf ist also auf jeden Fall angebracht, in Deutschland ebenso wie in Amerika.

Ich lege keine Blaupause für eine bessere Verfassung der Regierung am Arbeitsplatz vor. Vielmehr schlage ich einen Rahmen für das Reden über den Arbeitsplatz vor, in dem wir artikulieren können, wie die Arbeitnehmerinteressen von der Macht beeinträchtigt werden, die Arbeitgeber über die Beschäftigten ausüben, und wie alternative Verfassungen für die Regierung am Arbeitsplatz angelegt sein könnten, um den Interessen der Beschäftigten aufgeschlossener und ihrer Würde und Autonomie respektvoller zu begegnen.

Anderson: Private Regierung, S. 30

Private Regierung ist ein wichtiges Buch. Denn das Bedürfnis nach mehr Mitsprache und Autonomie am Arbeitsplatz ist unumstritten vorhanden; dass es bisher zu wenig firmeninternen Diskurs darüber gibt, liegt sicher auch an der das Schlaglicht auf die ungleichen sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz werfenden Angst vor Entlassung. Und gerade deshalb ist ein öffentlicher Diskurs, den die einflussreiche Philosophin Elizabeth Anderson mit ihren Vorlesungen in Amerika angestoßen hat, so wichtig und sollte unbedingt auch hier Gehör finden.

Elizabeth Anderson: Private Regierung — Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen (und warum wir nicht darüber reden), Suhrkamp (2019)
ISBN: 9783518587270

–> Zur Neuauflage 2020 in der Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft

bookmark_borderHelena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica

Absolut zu Recht hat dieses stilistisch und emotional überzeugende Buch über die jüdische Fotografin Gerda Taro 2018 den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, bekommen! Und dabei ist das Thema kein spezifisch italienisches, sondern ein gesamteuropäisches, es ist eine Geschichte von Exil und Widerstand, von Berufung und Leidenschaft, von Eifersucht und Freundschaft, die in Berlin und Leipzig spielt, in Budapest, Rom, Paris, Madrid und die bis über den Ozean nach Nord- und Südamerika reicht.

Die Autorin Helena Janeczek, Tochter polnischer Juden, deren traumatische Geschichte sie in ihrem autobiographischen Roman „Lezioni di tenebra“ bereits literarisch verarbeitet hat, ging zum Studium von Deutschland nach Italien, wo sie heute immer noch lebt und arbeitet, und schreibt auch ihre Bücher nicht auf Deutsch, in der Sprache ihrer Kindheit, und ebensowenig in der Sprache ihrer Eltern, die sie zu wenig beherrscht, sondern auf Italienisch. Auch in ihrem neuen Roman, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist, geht es um den Einfluss der Geschichte auf das Leben der Protagonisten, um Menschen, die auf ihre persönliche Weise Widerstand leisten und den Wirrnissen der Geschichte mit Überzeugung und Courage, mit unbekümmertem Freiheitsdrang, mit Solidarität und Freundschaft entgegentreten.

Im Zentrum der in drei aufeinanderfolgenden Teilen aus verschiedenen Perspektiven erzählten Handlung steht das „Mädchen mit der Leica“, Gerda Pohorylle, die sich als Fotografin Gerda Taro nannte und für ihren ungarischen Freund und Kollegen André Friedmann das mondäne Pseudonym Robert Capa erfand und die in der künstlerisch beflügelnden Atmosphäre des Paris der Zwischenkriegszeit mit (späteren) Berühmtheiten wie Cartier-Bresson oder Fred und Lilo Stein zusammenarbeitete. Ihr früher gewaltsamer Tod an der Front im spanischen Bürgerkrieg, den sie fotografisch dokumentierte, machte sie für ihre Zeitgenossen, und vor allem für ihre Freunde und Kollegen, die sich im Roman an die Zeit mit ihr erinnern, zu einem fast mythischen Geschöpf, dessen eigensinnige Lebensfreude und selbstbewusste Zielstrebigkeit Männer wie Frauen faszinierte und mitunter vor den Kopf stieß.

Dass die Autorin auf eine Innenschau Gerdas verzichtet und sich der einst schillernden Persönlichkeit der in Vergessenheit geratenen Fotografin, deren Werk lange Zeit ihrem Freund Capa zugeschrieben wurde, über die Reflexionen und szenischen Erinnerungen ihrer Freunde annähert, macht den auf biographischem und historischem Material basierenden Roman authentisch, glaubhaft und lebensnah. Tatsächlich fängt sie Charakterzüge, Stimmungen und Milieus über die im Rückblick erinnerten und reflektierten Szenen literarisch ein wie fotografische Schnappschüsse, in denen sich ein bestimmtes Wesensmerkmal, eine Beziehung oder ein biographischer Wendepunkt kristallisieren, die ein Schlaglicht auf die Ereignisse und die in ihnen handelnden Figuren werfen, ohne sie zu determinieren und als einzig gültige Wahrheit zu deklarieren. Die bleibt letztlich offen, und doch ist man nicht nur Gerda, sondern auch ihren Freunden und Zeitgenossen für die Zeit der Lektüre so nah gekommen, wie es eben literarisch geht.

Bibliographische Angaben
Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica, Berlin Verlag (2020)
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
ISBN: 9783827013989

Bildquelle

Helena Janeczek, Das Mädchen mit der Leica
© 2020 Berlin Verlag in der Piper Verlag Gmbh, München

bookmark_borderDein ist mein ganzes Herz — Ein Franz-Lehár-Lesebuch

Bald ist es wieder soweit, und die Apfelblüten leuchten in der silbernen Frühlingssonne, ein orphisch-chinesischer Jüngling, dessen Liebe die Saiten in der erwartungsvollen Dämmerung zum Klingen bringt, hat ein paar dieser rosaweißen Frühlingsjuwelen gepflückt und legt in zartem Tenor einen Kranz daraus seiner Liebsten vors Fenster, und eine melancholische Weise erklingt… Am 30. April werde ich mein ganz persönliches Lieblingslied von Franz Lehár auflegen und mit seiner unvergleichlich schönen Musik lächelnd seines Geburtstags gedenken!

Auch der Böhlau Verlag feiert Franz Lehár. Zum 150. Geburtstag des Komponisten ist dort ein Sammelband mit dem Titel „Dein ist mein ganzes Herz“ erschienen, herausgegeben von Heide Stockinger und Kai-Uwe Garrels. Der Untertitel – „Ein Franz-Lehár-Lesebuch“ – legt nahe, welche Zielgruppe die Herausgeber mit dem etwa 200seitigen, mit historischen Fotografien und Karikaturen illustrierten und mit einer umfangreichen biographischen Übersicht ausgestatteten Buch im Blick haben: Es richtet sich nicht an Musikwissenschaftler und Spezialisten, sondern an eine musik- und vielleicht noch besser musiktheaterinteressierte Leserschaft, die in den „bezaubernden Kosmos“ (Geleitwort), den Lehár mit seiner Musik geschaffen hat, eintauchen will, die sich für den Mythos begeistern, der den Schöpfer des Welthits der „Lustigen Witwe“ immer noch umgibt, und die neugierig ist auf historische Hintergründe und biographische Anekdoten. Entsprechend dem Anliegen des Verlags, der sich als Wissenschaftsverlag bezeichnet, aber darüber hinaus auch einem breiteren Publikum Sachthemen näherbringen möchte, ergibt sich aus dieser neuesten populärwissenschaftlichen Publikation zu Franz Lehár insgesamt ein facettenreiches Bild des Komponisten, seines Schaffens und seiner Zeit. Jedoch werden sich völlig „lehárferne“ Leser ohne Kenntnis seiner Musik und seines geradezu mythischen Stellenwerts in der „Silbernen Ära“ der Operette wohl eher schwerer tun, dem weniger der Chronologie denn persönlichen Vorlieben folgenden Enthusiasmus der Artikelschreiber zu folgen. Also doch eher ein Buch für Fans, die sich in dieses Lesebuch in ebensolcher Muße vertiefen können, wie sie auch einer Lehár-Aufnahme an der heimischen Stereoanlage lauschen würden… und die es bei der Lektüre dann über kurz oder lang in den Füßen juckt, zu Lehárs berühmter Villa in Ischl zu pilgern oder zu einem Konzert im Garten seines barocken Schlössls in Wien, das übrigens einstmals im Besitz von Emanuel Schikaneder war.

Geschrieben wurden die Aufsätze dieses Lesebuchs von einer Hand voll Kulturschaffender aus Österreich, die alle einen beruflichen oder persönlichen Bezug zu Franz Lehár oder zur Operette haben; fast scheinen die Fäden des Sammelbandes alle im Lehár Festival Bad Ischl zusammenzulaufen, und so macht Michael Lakner, der die Festspiele dort viele Jahre lang prägte, durchaus auch mal nicht ganz uneitel Werbung in eigener Sache. Was dem ehemaligen Intendanten von Ischl besonders am Herzen liegt, nämlich die Aufführung auch unbekannterer Werke des Komponisten, ist auch eines der Anliegen des vorliegenden Sammelbandes, der zum Beispiel eine Begegnung mit Lehárs „italienischer Operette“, „La danza delle libellule“, enthält; hier erinnert sich Eduard Barth mit sehr persönlichen Eindrücken an eine Aufführung in Triest 1982, um anschließend dem Leser informatives Hintergrundwissen darüber an die Hand zu geben, wie aus Lehárs eher unpopulärem „Sterngucker“ im neuen Arrangement des umtriebigen Impresarios Carlo Lombardo ein Überraschungserfolg als italienischer „Libellentanz“ beschieden wurde.

Dabei war Lehár, so erfährt man in diesem Lesebuch an mehreren Stellen, Änderungen an seinen Stücken, sofern er sie nicht selbst vornahm, eher abgeneigt. Vor diesem Hintergrund gibt auch die sich endlos hinziehende (und letztlich Stückwerk gebliebene) „Arisierung“ seiner frühen, „jüdischen“ Operette „Der Rastelbinder“ — aus der Feder des jüdischen Librettisten Vicor Léon, mit der jüdischen Hauptfigur Pfefferkorn, der in der Uraufführung auch vom jüdischen Tenor Louis Treumann gesungen wurde –Aufschluss über das berufliche und persönliche Dilemma, in dem sich der Komponist, dessen Ehefrau Sophie selbst Jüdin war, seit Beginn der Naziherrschaft befand. Wolfgang Dosch verteidigt Lehár in seinem Aufsatz gegen den mitunter erhobenen und angesichts der Begeisterung Hitlers für die „Lustige Witwe“ und der Ohnmacht des Komponisten gegenüber dem Schicksal seines Librettisten Fritz Löhner-Beda, der im KZ zu Tode geprügelt wurde, nicht völlig abwegigen Vorwurf, ein Mitläufer oder Sympathisant der Nazis gewesen zu sein. Doch zahlreiche jüdische Stimmen sprechen für den Komponisten, ebenso wie die langjährige Zusammenarbeit Lehárs mit dem Kabarettisten Rudolf Weys, der mit der Neufassung des „Rastelbinder“ betraut wurde, ebenfalls eine jüdische Frau hatte und gerade dank dieser Zusammenarbeit mit dem berühmten Komponisten einigen Schikanen der Nazis entkam.

Schön ist es, dass den zum Großteil jüdischen Librettisten in diesem Lehár-Lesebuch auch eine gebührende Würdigung zuteil wird. So erfährt man etwa von dem damals viel gebuchten Duo Leo Stein und Béla Jenbach, die „eine regelrechte ‚Operettenlibrettofirma‘ betrieben“ (Michael Lakner) und schon einmal in einen an heutige Arbeitsverhältnisse erinnernden Abgabestress gerieten, etwa als sie 1920 gleichzeitig an der „Blauen Mazur“ für Lehár und dem „Hollandweibchen“ für seinen Konkurrenten Emmerich Kálmán arbeiteten. Und dabei war Meister Lehár es doch gewohnt, das fertige Libretto vor sich liegen zu haben, bevor er sich an die Vertonung machte! Auch der große Einsatz der Librettisten Fritz Löhner-Beda und Ludwig Herzer für das ihnen besonders am Herzen liegende Stück „Friederike“ kommt in Heide Stockingers spannendem und in die Tiefe gehendem Aufsatz zur Sprache, in dem sie schildert, wie die beiden Librettisten auf die für eine Operette durchaus ungewöhnliche Idee des Goethe-Stoffes kamen, wie intensiv sie sich mit Goethes „Dichtung und Wahrheit“ und seinen „Sesenheimer Liedern“ auseinandersetzten und wie sie den anfangs skeptischen Lehár mit ihrer Begeisterung für den Stoff anstecken konnten. Für die Transformation des biographischen Materials, das der große Goethe seinerseits ja in seinen Erinnerungen bereits literarisiert hatte, in eine bühnenwirksame musiktheatralische Fassung nahmen sich die Librettisten natürlich auch die Freiheit heraus, die „Wahrheit“ ein wenig anzupassen:

Weder hat Friederike auf ihren Goethe verzichtet, um ihm nicht seine Karriere zu verbauen (…) – die Berufung nach Weimar, im Singspiel Anlass für Friederikes „Opfer“, kam ja erst Jahre später. Noch hat Goethe, wie im Singspiel ausgeführt, bei der Tanzveranstaltung in Straßburg Ringe für sich und Friederike bereit. Unterwerfung der Protagonistinnen unter männliche Lebensentwürfe wie in der „Friederike“ und zum Beispiel auch in Lehárs Operetten „Paganini“ und „Zarewitsch“ müssen als Dokument der Zeit begriffen werden, was weiblichen Operettenfreunden heutzutage mitunter schwerfällt…“

Heide Stockinger im Franz-Lehár-Lesebuch

Ungeachtet manch beißender Kritik, die sich an der Verwandlung Goethes in eine Operettenfigur entzündete, war das Publikum damals tief beeindruckt von den wunderschönen Melodien, die Lehár zu den von Löhner-Beda behutsam-poetisch in Liedtexte umgearbeiteten Goethe-Gedichten schrieb. Das innige Duett „All mein Fühlen, all mein Sehnen“ lehnt sich an Goethes „Willkommen und Abschied“ an, so mancher, der die 6. Strophe von Goethes „Mailied“ liest, hört sie innerlich in der berühmt gewordenen Interpretation des Lehár-Goethes Richard Tauber („Oh Mädchen, Mädchen, / Wie lieb‘ ich dich“) und Lehárs „Röslein auf der Heiden“ kann, so das Urteil einer hingerissenen Heide Stockinger, sogar mit der bekannten Schubert-Melodie mithalten.

Überhaupt wird die enge Zusammenarbeit und Freundschaft des Komponisten mit dem Tenor Richard Tauber, dem Lehár ab seinem „Paganini“ die Musik sozusagen auf den Leib schrieb, in dem Sammelband ausführlich hervorgehoben. Als „Tauber-Lieder“ haben viele der wunderschönen Operettenarien Lehárs einen geradezu mythischen Zauber entwickelt, der die Beliebtheit des Komponisten und des Interpreten gleichermaßen steigerte.

Inwieweit der mit Lehár im Bad Ischler Sommer 1928 die „Tauber-Lieder“ komponierende Richard Tauber auch seinen Anteil an der musikalischen Gestaltung der Sesenheimer Liebesgeschichte und der Innigkeit der „Goethe-Lieder“ hat, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Nicht nur das Mitkomponieren von Liedern für Lehár, auch seine Bühnenpräsenz, schauspielerische Begabung, seine wie für die Operette geschaffene Stimme (die aber auch für lyrische Gesangspartien in Opern „wie geschaffen war“) und nicht zuletzt seine umgänglich humorvolle Wesensart beförderten Lehárs Kreativität während der Spätblüte der Silbernen Operettenära in einem kaum groß genug einzuschätzenden Maß. Was wäre aus dem „Meister“, der die Lebensmitte bereits überschritten hatte, geworden, hätte es „den Tauber“ nicht gegeben?

Heide Stockinger im Franz-Lehár-Lesebuch

Lassen wir zum Abschluss noch Richard Tauber selbst zu Worte kommen, von dessen Erinnerungen aus dem Londoner Exil an die künstlerische Hoch-Zeit mit Lehár in diesem Lesebuch einige ausführliche und überaus lesenswerte Auszüge abgedruckt sind:

Viele hunderte Male habe ich von der Bühne herab, wenn „Franzl“ am Dirigierpult saß, ihm seine mir gewidmeten „Lieder“ zugesungen, und er wird wissen, dass ich immer mit meinem ganzen Herzen dabei war. Wie oft sah ich um seine Lippen einen ironisch lachenden Zug, wenn ich oben auf der Bühne meinem musikalischen Übermut freien Lauf ließ, wenn das Publikum die Wiederholung seiner Schlager mit den Füßen zu erkämpfen anfing und ich vom Falsett zum Fortissimo und wieder Piano überging und einige musikalische Husarenstückchen einschob, bis ich wieder Anschluss an Lehár fand. In solchen Augenblicken bestand jedoch zwischen uns beiden immer innerer Kontakt. Ich wusste, dass der feine Musiker da unten am Pult wissen wird, wie ich es meine.

Richard Tauber in seinen Londoner Erinnerungen, abgedruckt im Franz-Lehár-Lesebuch

Dein ist mein ganzes Herz — Ein Franz-Lehár-Lesebuch, herausgegeben von Heide Stockinger und Kai-Uwe-Garrels, Böhlau 2020
ISBN: 9783205209638

bookmark_borderAlfred Kolleritsch: Die Nacht des Sehens

Taucht mit ein in die „Nacht des Sehens“, in diese Sammlung wunderschöner Gedichte von schlichter Anmut und großer Poesie, in denen man sich verlieren und immer wieder augenblicksweise finden kann, an der Schwelle von Schatten und Licht, auf der sich alle Texte fragend, suchend, hoffend, (ver)zweifelnd bewegen. Aus dem Titel sprechen bereits die Melancholie und die große poetische Spannung, die diesen schmalen, edlen Gedichtband aus der Feder des österreichischen Schriftstellers Alfred Kolleritsch auszeichnen. Kolleritsch schreibt schon sein Leben lang Gedichte und auch Prosa, promovierte einst über die Philosophie Martin Heideggers und ist auch bekannt als Herausgeber der Grazer Literaturzeitschrift „manuskripte“ und früher Förderer von Talenten wie Ernst Jandl und Peter Handke, mit dem ihn eine enge (Brief-)Freundschaft verbindet.

Mit seinem jüngst im Wallstein Verlag erschienenen neuesten Gedichtband „Nacht des Sehens“ schöpft er eine Poesie des Widerspruchs, wie ich es nennen würde, die unter die Haut geht und zugleich sehr nachdenklich ist.

Wer ersetzt das Wunder
und macht die Nacht des Sehens
zum Tage?

(…)

Das ist das Spiel.

Es spricht mit uns,
dunkel und licht zugleich,
Unvergängliches ohne Dauer.

Die Nacht des Sehens, S. 46f.

Kolleritschs Gedichte sprechen eine Sprache des Verschwindens, des Sich-Entziehens, des Widerspruchs, der auch als Widersprechen, als Protest, als Aufbäumen gegen eben jenes Verschwinden gemeint ist. Sie gliedern sich in zwei Teile, denen jeweils ein melancholisch-poetischer Vers wie ein Motto vorangestellt ist: „Die Melodien vollenden die Begegnung“ und „Sag mir etwas, das nicht verschwindet“.

Die auffällig kurzen Texte haben mich mit ihrer klaren, melodischen Sprache und ihren ahnungsvoll poetischen Bildern, die nicht überfrachtet sind, sondern von tiefer, aufrichtiger und noch lange nachklingender Poesie, sofort in ihren Bann geschlagen. Sie verwehren sich eines eindeutigen Lesens, doch trotz ihrer Vielsinnigkeit und manchmal auch Rätselhaftigkeit, die zum Immer-Wieder-Lesen ermuntern, fühlt man sich sofort vertraut mit der suchenden, findenden und wieder verwerfenden Bildersprache, die aus dem Dunkel ans Licht drängt, die hofft und bangt, trauert und wehmütig ist, die in den Schmerz des Abschieds dringt — aber all das eben nicht dramatisch oder pathetisch, sondern zart und schonungslos, sich öffnend und hinterfragend.

Immer wieder musste ich beim Lesen an Motive aus Paul Eluards surrealistischer Poesie denken, besonders an seinen Gedichtband „Capitale de la douleur“. Die Nacht assoziiert Eluard dort mit Schlaf und Tod, der Tod wird surrealistisch aufgewertet als Erfüllungsraum, als Raum der Kreativität, in dem sich die Distanz zum Tag, zum Licht, zur Frau überwinden lässt. Die surrealistische Nacht beinhaltet ein schöpferisches Sehen, der Widerspruch wird aufgelöst, indem der Blick umgekehrt wird, sich nun von der inneren Welt auf die äußere richtet. Erkenntnis und intensives Erleben erheben sich auch aus Alfred Kolleritschs metaphorischer Nacht, die gleichwohl den schmerzhaften Widerspruch nicht auflösen will:

Erleuchtet aus dem Entschwinden
bewegt uns die Erfahrung,
sie ereignet den „höchsten Augenblick“
den unvergleichbaren,
den Untergang,
als Beginn des Schönen,
verdammt außerhalb der Sprache.

Die Nacht des Sehens, S. 49

Auch der kunstvolle Umgang mit einem im philosophischen Sinne elementaren Wortschatz, die aufs Wesentliche konzentrierte Sprache, die höchste Verdichtung durch wechselnde Bezüge und durch die Überlagerung verschiedener Bildbereiche erlangt, lassen sich nicht nur bei Eluard, sondern genauso in der Lyrik Kolleritschs finden:

er mähte die Blumen fort
und löschte das Abendlicht,
er vergrub es in der Mulde

Die Nacht des Sehens, S. 23

Das Licht lässt sich freilich nicht vergraben, wohl aber die Blumen, doch begräbt der von seiner Liebe Verlassene hier nicht auch seine hell leuchtende Hoffnung? Immer wieder eröffnen solche poetischen Verschiebungen den Blick auf das Unerwartete und lenken ihn in eine neue Richtung. Die Sprache entwickelt auf diese Weise ein gewisses Eigenleben, das sich auch über die Grenzen der einzelnen Gedichte hinweg fortsetzt, denn im Kontext entfalten die Verse wieder neue Bedeutungen, und alle gemeinsam formen sie einen verschlungenen, Zickzacklinien folgenden Pfad. Michael Krüger spricht im Nachwort auch von „Gegenwegen“, die Kolleritsch in seiner Lyrik einschlägt.

Im Unterschied zum Surrealismus ist es in Kolleritschs „Nacht des Sehens“ weniger das Freud’sche Unterbewusstsein, das an die Oberfläche geholt wird, als vielmehr das Sein und das Dasein des Menschen an sich. Es sind zutiefst philosophische Fragen, um die Kolleritschs Verse kreisen; es geht um eine existenzielle Suche, in deren Zentrum der Tod als Schmerz und als Herausforderung steht. Und immer wieder drückt sich dabei der Zwiespalt aus, das Hin- und Hergerissen-Sein — „sie stürmt fort, um dazubleiben“ (S. 9) — und die Vergänglichkeit, auch der Worte:

Sag mir etwas,
das nicht verschwindet.
Was war,
ist weggeraten.
Auf der Hand klebt der Gedanke
den Flügelschlag
eines Vogels lang.

Die Nacht des Sehens, S. 69

In den Gedichten wird danach gerungen, angesichts des großen Widerspruchs des Daseins eine Sprache zu finden, es wird nach Worten gesucht für das „unfassbar Gewordene“ (S. 8). Die Nacht zeigt sich auch als letzter Schrei vor dem Verstummen. Doch des Dichters Sprache vermag es trotz aller Zweifel, Gegensätzliches zusammenzubringen, um aus dem Widerspruch den Augenblick der Poesie freizusetzen!

Sie schrieb sich in das Tal ein,
verletzte die Luft mit ihrer Sprache,
riss sich los in die Not.

Es entstanden die zerbrechlichen Reste des Sagens.
Sie versprach den Wiesen den Weg,
schuf sich die Spur durch das Geröll,
das andere Schweigen zu finden.

Die Nacht des Sehens, S. 61

Schönheit und Schmerz des Daseins offenbaren sich auch in der Begegnung mit dem Anderen. Die Personalpronomen wechseln, wir treffen auf ein Er, auf eine Sie im dunklen Kleid, ein Sie im Plural, ein Wir. Eine Umarmung kann dabei ins Gewaltsame kippen oder aber das Paar wie einen poetischen Klang zusammenbringen :

Im Gesang verschwinden,
im Geflecht der Töne,
Mann und Frau.

Das Gefühlte hoch im Klang
schweißt zusammen,
keines verliert sich
in Ängsten des Verschwindens.
Die Melodien vollenden
die Berührung

Die Nacht des Sehens, S. 12

Was sich dem Verschwinden widersetzt, sind auf jeden Fall die Gedichte und mit ihnen das Gefühl, die Reflexion und das Gedächtnis, das Tod und Gewalt, Natur und Schönheit, Schmerz und Lust in sich vereint. Sie berühren einen wie ein sanft herabsegelndes Herbstblatt, das einen nur zart anzustupsen scheint, aber eine umso innigere Melancholie entwickelt, die weiter in einem klingt, eine Begegnung voll Melodie, schmerzhaft und schön.

Alfred Kolleritsch: Die Nacht des Sehens, Wallstein (2020)
Mit einer Nachbemerkung von Michael Krüger
ISBN: 9783835336728

bookmark_borderAntonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts

Sich auf Antonio Scuratis monumentales Projekt einer dreiteiligen fiktionalisierten Geschichte des italienischen Faschismus und seines Protagonisten Benito Mussolini einzulassen, bedeutet ein Leseerlebnis, das zugleich Faszination und Schock hervorruft, darüber hinaus aber auch einige wertvolle historische, politische und menschliche Erkenntnisse im Geist des Lesers zurücklässt, der nach der an gewaltsamen Szenen nicht sparenden Lektüre noch einige Zeit weiterarbeitet, um das Gelesene, das keineswegs reißerisch, aber eben in seinem historisch bezeugten Realismus umso erschreckender ist, zu verdauen und einzuordnen.

Schon dieser erste Teil, der die Zeit von 1919-1925 behandelt, also die ersten Jahre des durchaus wechselvollen Aufstiegs des Faschismus, umfasst in der deutschen Übersetzung stolze 830 Seiten, für die der Schriftsteller und Historiker Antonio Scurati, der an der Universität in Mailand das Forschungszentrum für Kriegs- und Gewaltsprachen koordiniert, umfangreiches historisches Material zusammengetragen, gesichtet und ausgewertet hat. Davon zeugt das seitenlange Personenverzeichnis, das all die im Text vorkommenden Zeitgenossen Mussolinis auflistet, all die politischen Akteure, neben den Faschisten auch die Sozialisten und Kommunisten, die Liberalen, die Konservativen, sowie die wichtigen Privatpersonen, Unternehmer und Künstler; davon zeugen auch die auf die Ereignisse in den jeweils vorangehenden Kapiteln Bezug nehmenden Quellenauszüge — geheime Telegramme, Auszüge aus Zeitungsartikeln, parteipolitische Reden oder Direktiven, private Briefe usw. –, die in Kombination mit dem Erzähltext, der die wechselnden Perspektiven der fiktionalisierten historischen Figuren — am häufigsten Mussolini selbst — einnimmt, ein differenziertes und spannungsreiches Bild der Zeit und der Gesellschaft hervorbringen.

Spannung und Konfliktpotential erhält der in unaufhaltsamer Chronologie voranschreitende Roman, indem er die Dynamik des gar nicht so reibungslosen, aber letztlich nicht zu bremsenden Aufstiegs des faschistischen Duce nachzeichnet, der ein ebenso großer Taktierer wie Frauenheld war, die Geliebten wie die politischen Verbündeten nach Bedarf auswechselte, die schmutzige Seite der Gewalt zwar verachtete, aber sich zunutze machte, den ein unbändiger Wille, voranzukommen, leitete, der zugleich aber immer wieder auch seine schwachen, verzweifelten, wütenden Momente hatte, die nur seine engsten Vertrauten mitbekamen.

Auch wenn der Roman erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs einsetzt, erfahren wir von Mussolinis Herkunft aus einfachsten Verhältnissen; er war der Sohn eines Schmieds, arbeitete in jungen Jahren als Grundschullehrer, wurde dann Journalist und leitete die sozialistische Zeitung Avanti!, ehe er, da er sich auf die Seite der Interventionisten schlug, aus der sozialistischen Partei ausgeschlossen wurde und seine eigene, faschistische Zeitung, Il popolo d’Italia, gründete. Enttäuschte Kriegsheimkehrer um sich scharend rief er in Mailand den ersten faschistischen Kampfbund ins Leben, dem in ganz Italien nach und nach weitere regional organisierte Kampfbünde folgen sollten. Obwohl die Ausbreitung des Faschismus anfangs eher schleppend verlief und die sich formende Bewegung immer wieder Rückschläge gegen die Sozialisten einstecken musste, war aufgrund der stetigen Befeuerung der Gewalt irgendwann der Punkt erreicht, an dem Mussolini die faschistischen Geister, die er rief, schließlich kaum mehr zügeln konnte. Da er sich aber unbedingt politisch etablieren, das Parlament gewissermaßen faschistisch infiltrieren wollte, um es von innen heraus zu zersetzen, verfuhr er immer zweigleisig: Er verhandelt mit den Regierungsparteien, schmiedet Bündnisse und geht scheinbar Kompromisse ein, um die politischen Gegner zu beschwichtigen, und stachelt im Hintergrund heimlich eben die Squadristen an, deren Gewalt er zu besänftigen verspricht, was ihn auch selbst immer wieder in Bedrängnis bringt. Denn so einschüchternd die Drohkulisse ist, die er mit den Kampfbünden aufbaut, so schwer ist es auch, sie im richtigen Moment wieder zu kontrollieren und die einmal entfesselten, taktisch irgendwann nicht mehr erwünschten gewaltsamen Ausschreitungen einzudämmen. Er spielt ein gefährliches Spiel, das er nach der eindrucksvollen Farce des Marsches auf Rom und der anschließenden kritischen Regierungsübernahme zwar knapp gewinnt, das aber ein ohnehin schon in Unruhe befindliches Land in einen fortgesetzten bürgerkriegsähnlichen Zustand versetzt und viele Hunderte Menschenleben kostet. Es ist entsetzlich, als ohnmächtiger Leser den unumkehrbaren Lauf der Geschichte mitzuerleben und zu beobachten, wie die schrecklichen Lynchmorde und Gewaltausbrüche der Faschisten die Gesellschaft zwar in Grauen versetzen, die Mehrheit der politischen Akteure aber dennoch bereit sind, mit ihnen zu koalieren und Mussolini den Weg an die Macht zu ebnen.

Giolitti hat einen eigenen Plan: Die faschistische Ungesetzlichkeit, die er für vorübergehend hält, zügeln, indem man sie auf den Boden der Verfassung zwingt. Mussolini hat einen Gegenplan: Unordnung schüren, um zu zeigen, dass er der einzige ist, der die Ordnung wiederherstellen kann. Die Squadristen mit der einen Hand antreiben, um sie mit der anderen Hand zu zügeln. (…) Selbstverständlich halten sich die Squadristen nicht an die Spielregeln. Sie sind vehement antiparlamentarisch.

Antonio Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts

Unter den unzähligen, fast immer sehr lebensecht gezeichneten historischen Figuren stechen einige besonders heraus: Der fanatisch-überschwängliche, immer wieder dem Wahnsinn nahe Dichter Gabriele d’Annunzio etwa, der im Zeichen des Irredentismo, des italienischen Nationalismus, monatelang die letztlich vergebliche Besetzung der heute kroatischen Stadt Fiume (Rijeka) mit den ihm ergebenen präfaschistischen Arditi des Ersten Weltkriegs aufrechterhielt, bis er — stets zwischen blutigem Heroismus und Lächerlichkeit pendelnd — in Folge internationalen Drucks von der italienischen Armee wie ein räudiger Hund aus seinem chaotischen Traum eines ihm untergebenen italienischen Fiume verjagt wurde und dennoch weiterhin für einen Teil der Faschisten eine wichtige Identifikationsfigur blieb. Oder der überzeugte Sozialist Giacomo Matteotti, einer der wenigen Sympathieträger der Geschichte, der sein privates Glück dem gewaltlosen Kampf für den Sozialismus und gegen die Faschisten opfert — wovon auch der berührende Briefwechsel mit seiner intelligenten Frau Velia Zeugnis ablegt –, der schließlich in der gespaltenen linken Parteienlandschaft, die dem Faschismus nicht mehr viel entgegenhalten kann, wie ein letzter Fels in der Brandung seiner ethischen Verantwortung als Parlamentarier gerecht zu werden versucht und beflissen, fast schon obsessiv Beweismaterial sammelt, um die ungebrochene Gewaltsamkeit und Korruption der faschistischen Partei ans Tageslicht zu bringen. Eine einprägsame Figur ist auch Margherita Sarfatti, die um einige Jahre ältere Dauergeliebte Mussolinis, die ihn von Beginn an unterstützt und umsorgt, ihm nicht nur die Leidenschaft für die Luftfahrt einimpft, sondern ihm auch Nachhilfe in Kunst und intellektueller Bildung gibt und dank ihrer Kontakte die Idee des Faschismus auch in den höheren gesellschaftlichen Kreisen salonfähig macht.

Wenngleich die Politik im Zentrum des Romans steht, geht Scurati auch der Psychologie des Faschismus und seiner Gegner auf den Grund, lässt persönliche Charakterzüge seiner Protagonisten zu Tage treten und schildert die sozialen Milieus, in denen sie sich bewegen. Die Stimme des sich mit persönlichen Wertungen zurückhaltenden Autors scheint dabei immer wieder indirekt über das von ihm häufig eingesetzte Stilmittel der Metapher auf.

An der Wertpapierbörse der Habenichtse wird jetzt das Schwermetall Angst gegen die hoch im Kurs stehende Währung tödlicher Hass getauscht. Hasserfüllte Kleinbürger: Aus ihnen wird ihre Armee bestehen. (…) Alles Leute, die bin in ihr Innerstes von dem unbändigen Wunsch erfüllt sind, sich einem starken Mann zu unterwerfen und zugleich über die Wehrlosen zu herrschen. (…) Wer nur sind diese Leute? Wo hatten sie sich bis gestern verkrochen? (…) Der Krieg hat ihnen keine Wiedergeburt beschert, sondern sie nur sich selbst zurückgegeben und zu dem werden lassen, was sie bereits waren. Vielleicht ist der Faschismus nicht der Wirt dieses sich ausbreitenden Virus, sondern der Gast.

Antoni Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts

Auch wenn man keine direkten Parallelen zu heute ziehen mag, da sich unsere Gesellschaft in einer ganz anderen Ausgangslage befindet als das traumatisierte Nachkriegsitalien 1919 und unsere parlamentarischen Institutionen bis jetzt noch tief in der Verfassung verankert sind, stellt sich mitunter ein mulmiges Gefühl beim Lesen ein. So ruft einem die Lektüre immer wieder in Erinnerung, dass die Pfeiler der Demokratie nicht gegen jeden Angriff gefeit sind, dass eine Gesellschaft, die den Zusammenhalt verliert, anfälliger ist für antidemokratisches Denken, und wie wichtig es ist, wachsam zu sein. Denn der Schritt von hasserfüllten Parolen zu handgreiflicher Gewalt ist kein überraschender, das Eingehen von Kompromissen mit antiparlamentarischem, rechtem Gedankengut kann zum Verhängnis werden ebenso wie das Spiel mit der Angst der Bevölkerung; Angst ist ein schlechter Ratgeber und doch lassen wir uns, durch emotionale Berichterstattung und Kommentierung in Echtzeit befeuert, oft von ihr steuern und rufen auch um den Preis der Freiheit nach mehr Sicherheit. Auch der Ruf nach dem starken Mann ist keineswegs aus der Welt. Weil große Teile der Bevölkerung von der Farb- und Ideenlosigkeit der alten Parteien und Politiker frustriert waren, drang der Populismus und Aktionismus des Jahrhundertsohnes Mussolini zu ihnen durch, die Massen waren

hingerissen von diesem neuen Politiker, der von der Straße und von unten kommt und mit dem Volk auf Tuchfühlung bleibt, herausfordernd, verfemt, unverfroren (…). Egal, wohin er geht, die Menge draußen auf dem Platz umringt ihn und schließt ihn in die Arme. Da ist er. Der neue Mann (…). Gegen ihn erscheinen die Politiker des alten Italien, die, mehr tot als lebendig, noch immer mit abgedroschenen Parlamentsfloskeln um sich werfen, wie Schattengestalten aus der grauen Vorzeit. Da ist der starke Mann, der Mann der physischen Stärke — eine andere gibt es nicht –, der Mann der Gewalt, die er besänftigen wird, der Mann der Grausamkeit, die er zähmen wird, der Mann des Kampfes, den er beenden wird.

Antonio Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts

Und schließlich kann auch politisches Desinteresse gefährlich sein, das auch heute durchaus im Bereich des Möglichen liegt, in Form der Abwehr einer als unerträglich empfundenen Überforderung durch die rasante Geschwindigkeit und immer schwerer zu durchschauende Komplexität unserer vernetzten Welt:

Das Land ist müde, verbraucht, am Boden. Es träumt davon, sich auszuruhen, es träumt einen traumlosen Traum, einen Traum von Einfachheit. Das Land ist müde, und genau deshalb ist er (Mussolini) unermüdlich. (…) Die öffentliche Rede taugt nicht mehr, um ins Fleisch zu dringen oder wenigstens am Lack zu kratzen. Je länger der Schatten der Diktatur wird, desto mehr zieht sich das Leben ins Private zurück.

Antonio Scurati, M. Der Mann des Jahrhunderts

Wenn man sich von der schieren Textmenge und dem nicht allzu leichten historischen Stoff nicht einschüchtern lässt, lohnt es sich unbedingt, sich dieses Jahrhundertbuch zu Gemüte zu führen. Ich werde auf jeden Fall die Fortsetzung lesen, die in Italien im Herbst und auf Deutsch dann wohl im nächsten Jahr erscheinen wird, und erwarte sie mit mulmiger Spannung…

Bibliograhische Angaben
Antonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts, Klett-Cotta (2020)
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
ISBN: 9783608985672

Bildquelle
Antonio Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts
© 2020 Klett-Cotta Verlag, Stuttgart

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