bookmark_borderAlfred Kolleritsch: Die Nacht des Sehens

Taucht mit ein in die „Nacht des Sehens“, in diese Sammlung wunderschöner Gedichte von schlichter Anmut und großer Poesie, in denen man sich verlieren und immer wieder augenblicksweise finden kann, an der Schwelle von Schatten und Licht, auf der sich alle Texte fragend, suchend, hoffend, (ver)zweifelnd bewegen. Aus dem Titel sprechen bereits die Melancholie und die große poetische Spannung, die diesen schmalen, edlen Gedichtband aus der Feder des österreichischen Schriftstellers Alfred Kolleritsch auszeichnen. Kolleritsch schreibt schon sein Leben lang Gedichte und auch Prosa, promovierte einst über die Philosophie Martin Heideggers und ist auch bekannt als Herausgeber der Grazer Literaturzeitschrift „manuskripte“ und früher Förderer von Talenten wie Ernst Jandl und Peter Handke, mit dem ihn eine enge (Brief-)Freundschaft verbindet.

Mit seinem jüngst im Wallstein Verlag erschienenen neuesten Gedichtband „Nacht des Sehens“ schöpft er eine Poesie des Widerspruchs, wie ich es nennen würde, die unter die Haut geht und zugleich sehr nachdenklich ist.

Wer ersetzt das Wunder
und macht die Nacht des Sehens
zum Tage?

(…)

Das ist das Spiel.

Es spricht mit uns,
dunkel und licht zugleich,
Unvergängliches ohne Dauer.

Die Nacht des Sehens, S. 46f.

Kolleritschs Gedichte sprechen eine Sprache des Verschwindens, des Sich-Entziehens, des Widerspruchs, der auch als Widersprechen, als Protest, als Aufbäumen gegen eben jenes Verschwinden gemeint ist. Sie gliedern sich in zwei Teile, denen jeweils ein melancholisch-poetischer Vers wie ein Motto vorangestellt ist: „Die Melodien vollenden die Begegnung“ und „Sag mir etwas, das nicht verschwindet“.

Die auffällig kurzen Texte haben mich mit ihrer klaren, melodischen Sprache und ihren ahnungsvoll poetischen Bildern, die nicht überfrachtet sind, sondern von tiefer, aufrichtiger und noch lange nachklingender Poesie, sofort in ihren Bann geschlagen. Sie verwehren sich eines eindeutigen Lesens, doch trotz ihrer Vielsinnigkeit und manchmal auch Rätselhaftigkeit, die zum Immer-Wieder-Lesen ermuntern, fühlt man sich sofort vertraut mit der suchenden, findenden und wieder verwerfenden Bildersprache, die aus dem Dunkel ans Licht drängt, die hofft und bangt, trauert und wehmütig ist, die in den Schmerz des Abschieds dringt — aber all das eben nicht dramatisch oder pathetisch, sondern zart und schonungslos, sich öffnend und hinterfragend.

Immer wieder musste ich beim Lesen an Motive aus Paul Eluards surrealistischer Poesie denken, besonders an seinen Gedichtband „Capitale de la douleur“. Die Nacht assoziiert Eluard dort mit Schlaf und Tod, der Tod wird surrealistisch aufgewertet als Erfüllungsraum, als Raum der Kreativität, in dem sich die Distanz zum Tag, zum Licht, zur Frau überwinden lässt. Die surrealistische Nacht beinhaltet ein schöpferisches Sehen, der Widerspruch wird aufgelöst, indem der Blick umgekehrt wird, sich nun von der inneren Welt auf die äußere richtet. Erkenntnis und intensives Erleben erheben sich auch aus Alfred Kolleritschs metaphorischer Nacht, die gleichwohl den schmerzhaften Widerspruch nicht auflösen will:

Erleuchtet aus dem Entschwinden
bewegt uns die Erfahrung,
sie ereignet den „höchsten Augenblick“
den unvergleichbaren,
den Untergang,
als Beginn des Schönen,
verdammt außerhalb der Sprache.

Die Nacht des Sehens, S. 49

Auch der kunstvolle Umgang mit einem im philosophischen Sinne elementaren Wortschatz, die aufs Wesentliche konzentrierte Sprache, die höchste Verdichtung durch wechselnde Bezüge und durch die Überlagerung verschiedener Bildbereiche erlangt, lassen sich nicht nur bei Eluard, sondern genauso in der Lyrik Kolleritschs finden:

er mähte die Blumen fort
und löschte das Abendlicht,
er vergrub es in der Mulde

Die Nacht des Sehens, S. 23

Das Licht lässt sich freilich nicht vergraben, wohl aber die Blumen, doch begräbt der von seiner Liebe Verlassene hier nicht auch seine hell leuchtende Hoffnung? Immer wieder eröffnen solche poetischen Verschiebungen den Blick auf das Unerwartete und lenken ihn in eine neue Richtung. Die Sprache entwickelt auf diese Weise ein gewisses Eigenleben, das sich auch über die Grenzen der einzelnen Gedichte hinweg fortsetzt, denn im Kontext entfalten die Verse wieder neue Bedeutungen, und alle gemeinsam formen sie einen verschlungenen, Zickzacklinien folgenden Pfad. Michael Krüger spricht im Nachwort auch von „Gegenwegen“, die Kolleritsch in seiner Lyrik einschlägt.

Im Unterschied zum Surrealismus ist es in Kolleritschs „Nacht des Sehens“ weniger das Freud’sche Unterbewusstsein, das an die Oberfläche geholt wird, als vielmehr das Sein und das Dasein des Menschen an sich. Es sind zutiefst philosophische Fragen, um die Kolleritschs Verse kreisen; es geht um eine existenzielle Suche, in deren Zentrum der Tod als Schmerz und als Herausforderung steht. Und immer wieder drückt sich dabei der Zwiespalt aus, das Hin- und Hergerissen-Sein — „sie stürmt fort, um dazubleiben“ (S. 9) — und die Vergänglichkeit, auch der Worte:

Sag mir etwas,
das nicht verschwindet.
Was war,
ist weggeraten.
Auf der Hand klebt der Gedanke
den Flügelschlag
eines Vogels lang.

Die Nacht des Sehens, S. 69

In den Gedichten wird danach gerungen, angesichts des großen Widerspruchs des Daseins eine Sprache zu finden, es wird nach Worten gesucht für das „unfassbar Gewordene“ (S. 8). Die Nacht zeigt sich auch als letzter Schrei vor dem Verstummen. Doch des Dichters Sprache vermag es trotz aller Zweifel, Gegensätzliches zusammenzubringen, um aus dem Widerspruch den Augenblick der Poesie freizusetzen!

Sie schrieb sich in das Tal ein,
verletzte die Luft mit ihrer Sprache,
riss sich los in die Not.

Es entstanden die zerbrechlichen Reste des Sagens.
Sie versprach den Wiesen den Weg,
schuf sich die Spur durch das Geröll,
das andere Schweigen zu finden.

Die Nacht des Sehens, S. 61

Schönheit und Schmerz des Daseins offenbaren sich auch in der Begegnung mit dem Anderen. Die Personalpronomen wechseln, wir treffen auf ein Er, auf eine Sie im dunklen Kleid, ein Sie im Plural, ein Wir. Eine Umarmung kann dabei ins Gewaltsame kippen oder aber das Paar wie einen poetischen Klang zusammenbringen :

Im Gesang verschwinden,
im Geflecht der Töne,
Mann und Frau.

Das Gefühlte hoch im Klang
schweißt zusammen,
keines verliert sich
in Ängsten des Verschwindens.
Die Melodien vollenden
die Berührung

Die Nacht des Sehens, S. 12

Was sich dem Verschwinden widersetzt, sind auf jeden Fall die Gedichte und mit ihnen das Gefühl, die Reflexion und das Gedächtnis, das Tod und Gewalt, Natur und Schönheit, Schmerz und Lust in sich vereint. Sie berühren einen wie ein sanft herabsegelndes Herbstblatt, das einen nur zart anzustupsen scheint, aber eine umso innigere Melancholie entwickelt, die weiter in einem klingt, eine Begegnung voll Melodie, schmerzhaft und schön.

Alfred Kolleritsch: Die Nacht des Sehens, Wallstein (2020)
Mit einer Nachbemerkung von Michael Krüger
ISBN: 9783835336728

bookmark_borderAntonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts

Sich auf Antonio Scuratis monumentales Projekt einer dreiteiligen fiktionalisierten Geschichte des italienischen Faschismus und seines Protagonisten Benito Mussolini einzulassen, bedeutet ein Leseerlebnis, das zugleich Faszination und Schock hervorruft, darüber hinaus aber auch einige wertvolle historische, politische und menschliche Erkenntnisse im Geist des Lesers zurücklässt, der nach der an gewaltsamen Szenen nicht sparenden Lektüre noch einige Zeit weiterarbeitet, um das Gelesene, das keineswegs reißerisch, aber eben in seinem historisch bezeugten Realismus umso erschreckender ist, zu verdauen und einzuordnen.

Schon dieser erste Teil, der die Zeit von 1919-1925 behandelt, also die ersten Jahre des durchaus wechselvollen Aufstiegs des Faschismus, umfasst in der deutschen Übersetzung stolze 830 Seiten, für die der Schriftsteller und Historiker Antonio Scurati, der an der Universität in Mailand das Forschungszentrum für Kriegs- und Gewaltsprachen koordiniert, umfangreiches historisches Material zusammengetragen, gesichtet und ausgewertet hat. Davon zeugt das seitenlange Personenverzeichnis, das all die im Text vorkommenden Zeitgenossen Mussolinis auflistet, all die politischen Akteure, neben den Faschisten auch die Sozialisten und Kommunisten, die Liberalen, die Konservativen, sowie die wichtigen Privatpersonen, Unternehmer und Künstler; davon zeugen auch die auf die Ereignisse in den jeweils vorangehenden Kapiteln Bezug nehmenden Quellenauszüge — geheime Telegramme, Auszüge aus Zeitungsartikeln, parteipolitische Reden oder Direktiven, private Briefe usw. –, die in Kombination mit dem Erzähltext, der die wechselnden Perspektiven der fiktionalisierten historischen Figuren — am häufigsten Mussolini selbst — einnimmt, ein differenziertes und spannungsreiches Bild der Zeit und der Gesellschaft hervorbringen.

Spannung und Konfliktpotential erhält der in unaufhaltsamer Chronologie voranschreitende Roman, indem er die Dynamik des gar nicht so reibungslosen, aber letztlich nicht zu bremsenden Aufstiegs des faschistischen Duce nachzeichnet, der ein ebenso großer Taktierer wie Frauenheld war, die Geliebten wie die politischen Verbündeten nach Bedarf auswechselte, die schmutzige Seite der Gewalt zwar verachtete, aber sich zunutze machte, den ein unbändiger Wille, voranzukommen, leitete, der zugleich aber immer wieder auch seine schwachen, verzweifelten, wütenden Momente hatte, die nur seine engsten Vertrauten mitbekamen.

Auch wenn der Roman erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs einsetzt, erfahren wir von Mussolinis Herkunft aus einfachsten Verhältnissen; er war der Sohn eines Schmieds, arbeitete in jungen Jahren als Grundschullehrer, wurde dann Journalist und leitete die sozialistische Zeitung Avanti!, ehe er, da er sich auf die Seite der Interventionisten schlug, aus der sozialistischen Partei ausgeschlossen wurde und seine eigene, faschistische Zeitung, Il popolo d’Italia, gründete. Enttäuschte Kriegsheimkehrer um sich scharend rief er in Mailand den ersten faschistischen Kampfbund ins Leben, dem in ganz Italien nach und nach weitere regional organisierte Kampfbünde folgen sollten. Obwohl die Ausbreitung des Faschismus anfangs eher schleppend verlief und die sich formende Bewegung immer wieder Rückschläge gegen die Sozialisten einstecken musste, war aufgrund der stetigen Befeuerung der Gewalt irgendwann der Punkt erreicht, an dem Mussolini die faschistischen Geister, die er rief, schließlich kaum mehr zügeln konnte. Da er sich aber unbedingt politisch etablieren, das Parlament gewissermaßen faschistisch infiltrieren wollte, um es von innen heraus zu zersetzen, verfuhr er immer zweigleisig: Er verhandelt mit den Regierungsparteien, schmiedet Bündnisse und geht scheinbar Kompromisse ein, um die politischen Gegner zu beschwichtigen, und stachelt im Hintergrund heimlich eben die Squadristen an, deren Gewalt er zu besänftigen verspricht, was ihn auch selbst immer wieder in Bedrängnis bringt. Denn so einschüchternd die Drohkulisse ist, die er mit den Kampfbünden aufbaut, so schwer ist es auch, sie im richtigen Moment wieder zu kontrollieren und die einmal entfesselten, taktisch irgendwann nicht mehr erwünschten gewaltsamen Ausschreitungen einzudämmen. Er spielt ein gefährliches Spiel, das er nach der eindrucksvollen Farce des Marsches auf Rom und der anschließenden kritischen Regierungsübernahme zwar knapp gewinnt, das aber ein ohnehin schon in Unruhe befindliches Land in einen fortgesetzten bürgerkriegsähnlichen Zustand versetzt und viele Hunderte Menschenleben kostet. Es ist entsetzlich, als ohnmächtiger Leser den unumkehrbaren Lauf der Geschichte mitzuerleben und zu beobachten, wie die schrecklichen Lynchmorde und Gewaltausbrüche der Faschisten die Gesellschaft zwar in Grauen versetzen, die Mehrheit der politischen Akteure aber dennoch bereit sind, mit ihnen zu koalieren und Mussolini den Weg an die Macht zu ebnen.

Giolitti hat einen eigenen Plan: Die faschistische Ungesetzlichkeit, die er für vorübergehend hält, zügeln, indem man sie auf den Boden der Verfassung zwingt. Mussolini hat einen Gegenplan: Unordnung schüren, um zu zeigen, dass er der einzige ist, der die Ordnung wiederherstellen kann. Die Squadristen mit der einen Hand antreiben, um sie mit der anderen Hand zu zügeln. (…) Selbstverständlich halten sich die Squadristen nicht an die Spielregeln. Sie sind vehement antiparlamentarisch.

Antonio Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts

Unter den unzähligen, fast immer sehr lebensecht gezeichneten historischen Figuren stechen einige besonders heraus: Der fanatisch-überschwängliche, immer wieder dem Wahnsinn nahe Dichter Gabriele d’Annunzio etwa, der im Zeichen des Irredentismo, des italienischen Nationalismus, monatelang die letztlich vergebliche Besetzung der heute kroatischen Stadt Fiume (Rijeka) mit den ihm ergebenen präfaschistischen Arditi des Ersten Weltkriegs aufrechterhielt, bis er — stets zwischen blutigem Heroismus und Lächerlichkeit pendelnd — in Folge internationalen Drucks von der italienischen Armee wie ein räudiger Hund aus seinem chaotischen Traum eines ihm untergebenen italienischen Fiume verjagt wurde und dennoch weiterhin für einen Teil der Faschisten eine wichtige Identifikationsfigur blieb. Oder der überzeugte Sozialist Giacomo Matteotti, einer der wenigen Sympathieträger der Geschichte, der sein privates Glück dem gewaltlosen Kampf für den Sozialismus und gegen die Faschisten opfert — wovon auch der berührende Briefwechsel mit seiner intelligenten Frau Velia Zeugnis ablegt –, der schließlich in der gespaltenen linken Parteienlandschaft, die dem Faschismus nicht mehr viel entgegenhalten kann, wie ein letzter Fels in der Brandung seiner ethischen Verantwortung als Parlamentarier gerecht zu werden versucht und beflissen, fast schon obsessiv Beweismaterial sammelt, um die ungebrochene Gewaltsamkeit und Korruption der faschistischen Partei ans Tageslicht zu bringen. Eine einprägsame Figur ist auch Margherita Sarfatti, die um einige Jahre ältere Dauergeliebte Mussolinis, die ihn von Beginn an unterstützt und umsorgt, ihm nicht nur die Leidenschaft für die Luftfahrt einimpft, sondern ihm auch Nachhilfe in Kunst und intellektueller Bildung gibt und dank ihrer Kontakte die Idee des Faschismus auch in den höheren gesellschaftlichen Kreisen salonfähig macht.

Wenngleich die Politik im Zentrum des Romans steht, geht Scurati auch der Psychologie des Faschismus und seiner Gegner auf den Grund, lässt persönliche Charakterzüge seiner Protagonisten zu Tage treten und schildert die sozialen Milieus, in denen sie sich bewegen. Die Stimme des sich mit persönlichen Wertungen zurückhaltenden Autors scheint dabei immer wieder indirekt über das von ihm häufig eingesetzte Stilmittel der Metapher auf.

An der Wertpapierbörse der Habenichtse wird jetzt das Schwermetall Angst gegen die hoch im Kurs stehende Währung tödlicher Hass getauscht. Hasserfüllte Kleinbürger: Aus ihnen wird ihre Armee bestehen. (…) Alles Leute, die bin in ihr Innerstes von dem unbändigen Wunsch erfüllt sind, sich einem starken Mann zu unterwerfen und zugleich über die Wehrlosen zu herrschen. (…) Wer nur sind diese Leute? Wo hatten sie sich bis gestern verkrochen? (…) Der Krieg hat ihnen keine Wiedergeburt beschert, sondern sie nur sich selbst zurückgegeben und zu dem werden lassen, was sie bereits waren. Vielleicht ist der Faschismus nicht der Wirt dieses sich ausbreitenden Virus, sondern der Gast.

Antoni Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts

Auch wenn man keine direkten Parallelen zu heute ziehen mag, da sich unsere Gesellschaft in einer ganz anderen Ausgangslage befindet als das traumatisierte Nachkriegsitalien 1919 und unsere parlamentarischen Institutionen bis jetzt noch tief in der Verfassung verankert sind, stellt sich mitunter ein mulmiges Gefühl beim Lesen ein. So ruft einem die Lektüre immer wieder in Erinnerung, dass die Pfeiler der Demokratie nicht gegen jeden Angriff gefeit sind, dass eine Gesellschaft, die den Zusammenhalt verliert, anfälliger ist für antidemokratisches Denken, und wie wichtig es ist, wachsam zu sein. Denn der Schritt von hasserfüllten Parolen zu handgreiflicher Gewalt ist kein überraschender, das Eingehen von Kompromissen mit antiparlamentarischem, rechtem Gedankengut kann zum Verhängnis werden ebenso wie das Spiel mit der Angst der Bevölkerung; Angst ist ein schlechter Ratgeber und doch lassen wir uns, durch emotionale Berichterstattung und Kommentierung in Echtzeit befeuert, oft von ihr steuern und rufen auch um den Preis der Freiheit nach mehr Sicherheit. Auch der Ruf nach dem starken Mann ist keineswegs aus der Welt. Weil große Teile der Bevölkerung von der Farb- und Ideenlosigkeit der alten Parteien und Politiker frustriert waren, drang der Populismus und Aktionismus des Jahrhundertsohnes Mussolini zu ihnen durch, die Massen waren

hingerissen von diesem neuen Politiker, der von der Straße und von unten kommt und mit dem Volk auf Tuchfühlung bleibt, herausfordernd, verfemt, unverfroren (…). Egal, wohin er geht, die Menge draußen auf dem Platz umringt ihn und schließt ihn in die Arme. Da ist er. Der neue Mann (…). Gegen ihn erscheinen die Politiker des alten Italien, die, mehr tot als lebendig, noch immer mit abgedroschenen Parlamentsfloskeln um sich werfen, wie Schattengestalten aus der grauen Vorzeit. Da ist der starke Mann, der Mann der physischen Stärke — eine andere gibt es nicht –, der Mann der Gewalt, die er besänftigen wird, der Mann der Grausamkeit, die er zähmen wird, der Mann des Kampfes, den er beenden wird.

Antonio Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts

Und schließlich kann auch politisches Desinteresse gefährlich sein, das auch heute durchaus im Bereich des Möglichen liegt, in Form der Abwehr einer als unerträglich empfundenen Überforderung durch die rasante Geschwindigkeit und immer schwerer zu durchschauende Komplexität unserer vernetzten Welt:

Das Land ist müde, verbraucht, am Boden. Es träumt davon, sich auszuruhen, es träumt einen traumlosen Traum, einen Traum von Einfachheit. Das Land ist müde, und genau deshalb ist er (Mussolini) unermüdlich. (…) Die öffentliche Rede taugt nicht mehr, um ins Fleisch zu dringen oder wenigstens am Lack zu kratzen. Je länger der Schatten der Diktatur wird, desto mehr zieht sich das Leben ins Private zurück.

Antonio Scurati, M. Der Mann des Jahrhunderts

Wenn man sich von der schieren Textmenge und dem nicht allzu leichten historischen Stoff nicht einschüchtern lässt, lohnt es sich unbedingt, sich dieses Jahrhundertbuch zu Gemüte zu führen. Ich werde auf jeden Fall die Fortsetzung lesen, die in Italien im Herbst und auf Deutsch dann wohl im nächsten Jahr erscheinen wird, und erwarte sie mit mulmiger Spannung…

Bibliograhische Angaben
Antonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts, Klett-Cotta (2020)
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
ISBN: 9783608985672

Bildquelle
Antonio Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts
© 2020 Klett-Cotta Verlag, Stuttgart

bookmark_borderZum Welttag der Poesie, ein melancholisches Frühlingsgedicht

Menschentrauben, geschrumpft zu Rosinen
Die Natur atmet auf
Man hört das Summen der Bienen
Ein Jogger – noch – in seinem einsamen Lauf

Keine zertretenen Halme, die Vögel nisten in Ruh‘
Die Natur atmet ein
Kaum einer sieht ihr mehr dabei zu
Unsere Luft zwischen den vier Wänden ist rein

Wir bleiben rücksichts- oder angstvoll im Haus
Begrenzen unsere Freiheit aufs Virale
Die Natur atmet aus
Uns bleibt der stumpfe Abglanz des Lebens: das Digitale

Wie lange trägt die Erinnerung, wovon zehrt die Imagination
Wenn die Sinne sich nicht mehr frei bewegen
Woher kommen Menschlichkeit und Inspiration
Die nicht virtuell sind, sondern duften, sich lebendig regen!

Die Natur braucht uns nicht
Aber wir brauchen den Atem der freien Natur
Die Begegnung, das gemeinsam gelesene Gedicht
Wir atmen ein, wir atmen aus – und kommen aus der Spur.

Lisa Evertz, 21.3.2020

bookmark_borderCécile Wajsbrot: Zerstörung

Zwei gegensätzliche Gefühle durchfahren einen bei der Lektüre dieses unheimlich eindringlichen bzw. unheimlichen und eindringlichen neuen Romans der Französin Cécile Wajsbrot: der mehr als beunruhigende Schauder, dass diese Dystopie einer jede Erinnerung auslöschenden, Reflexion und Komplexität durch Unterhaltung und banale Eindeutigkeit ersetzenden Diktatur im Paris des 21. Jahrhunderts sich als Folge von Entwicklungen darstellt, die wir Leser selbst in unserer unmittelbaren Gegenwart wahrnehmen können, sowie das ehrfürchtige und hingerissene Staunen angesichts der Poesie und metaphernreichen Vielstimmigkeit der Sprache, die all die Zwischentöne kunstvoll heraufbeschwört, die in der fiktionalen Realität des Romans in Auflösung begriffen, der titelgebenden Zerstörung anheimgefallen sind.

Form und Inhalt greifen in diesem poetischen Meisterwerk ineinander. Das Thema des Romans spiegelt sich in der Erzählsituation, die bis zuletzt von Ambivalenz (bzw. Polyvalenz) durchdrungen ist. Mysterium und Zweifel sind dem allmählichen Verstehensprozess eingeschrieben, Hoffnung und Misstrauen wechseln einander ab. Die Erzählerin, oder besser Sprecherin, ist eine namenlose Frau, Schriftstellerin und Literaturliebhaberin, die allein in einer Pariser Wohnung lebt. Eine mysteriöse Organisation, die ihre Ziele geheimhält, hat sie telefonisch kontaktiert. Sie lässt sich rekrutieren, getrieben vom „aufrichtigen Wunsch, zu widerstehen, de[m] Wunsch, etwas zu teilen…“ (Zerstörung, S. 35) Denn Paris, ja ganz Frankreich, wurde von einer diktatorischen Macht usurpiert, die schleichend die Herrschaft ergriffen hat und nun das öffentliche und private Leben der Menschen immer weiter kontrolliert, überwacht, einschränkt, bereinigt. Persönliche Bilder werden beschlagnahmt, Bücher eingezogen, Namen getilgt, die Erinnerung an alles, was älter als zehn Jahre ist, ausgelöscht, das Stadtbild verändert, Häuser abgerissen, Museen, Theater und Bibliotheken gesperrt. Durch diese Bilder fühlt man sich unweigerlich an die Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts erinnert; droht sich hier die überwunden geglaubte Geschichte alptraumhaft zu wiederholen?

Die massive Zerstörung der traditionsreichen Stadt, ihre Verwandlung in eine einzige Baustelle, die ihren Bewohnern den Boden unter den Füßen entzieht, ist eine eindringliche Metapher, die das Bild des porösen, brüchigen, immer mehr Leerstellen und Abwesenheiten schaffenden Untergrunds mit dem fortschreitenden Verlust des kollektiven und individuellen Gedächtnisses zusammenbringt. Die andere Metapher, die das Buch leitmotivisch durchzieht, ist die der Sonnenfinsternis, die auch mit dem Raum der Nacht verschmilzt, aus dem heraus die Erzählerin spricht:

Ich bin in der Nacht — nicht nur in der mich umgebenden, die Sie gerne als einzigen Rahmen meiner Nachrichten sehen möchten (…), sondern auch in jener inneren, die meine sämtlichen Gedanken einhüllt.

Zerstörung, S. 31

Denn akustischen Kontakt zu ihren Auftraggebern hat sie nur des Nachts; der Kern ihres Daseins hat sich in die Dunkelheit verlagert, wenn sie über das Medium eines „Soundblogs“ eine Art Stimmen-Collage quasi ins Nichts hinein entstehen lässt. Dabei vermischt sich ihre eigene Stimme — suchend, fragend, zweifelnd, sich widerspenstig erinnernd — mit den Stimmen anderer namenloser Menschen, deren Gespräche sie aufgenommen und in ihren Text integriert hat. Dieses Sprachmaterial soll roh und unbearbeitet, nicht schriftlich fixiert und literarisiert sein, und bringt doch eine sehr literarische, ästhetisch-philosophische Textform hervor, die uns extrafiktionaler Leserschaft im zum Glück noch nicht verbotenen Medium Buch vorliegt. Allerdings ist man als Leser sehr versucht — und sollte sich unbedingt versuchen lassen –, sich den Text laut auf der Zunge zergehen zu lassen, erinnert die Form doch immer wieder an ein langes Prosagedicht.

Die Erzählerin erlaubt sich immer wieder kleine Akte des Widerstands gegenüber ihren Auftraggebern; so reist sie etwa unangekündigt nach Berlin, in dem noch kein diktatorischer Umsturz stattgefunden hat, vielleicht, weil hier die Erinnerung an die überwundenen Diktaturen der Nationalsozialisten und der DDR noch nicht ausgelöscht wurde? Dennoch kehrt sie in die Unfreiheit ihres eigenen Landes zurück, in banger Erwartung, am Widerstand teilnehmen zu können; und tatsächlich scheint die Widerstandsbewegung allmählich aus der Sonnenfinsternis herauszutreten, als stumme Menge, die ihr einvernehmliches Schweigen als womöglich einzig wirksame Waffe gegen die lärmende Diktatur einsetzt. Doch ist dieser von der ominösen Organisation diktierte Widerstand wirklich ein Widerstand, oder nur ein riesengroßer Fake, mit dem im Gegenteil jeder weitere Widerstand gebrochen wird?

Die große Faszination des Textes, seine poetische Kraft, beruht in der verdichteten Sprache, die niemals eindimensional ist, die Kehrseite eines Wortes immer mitassoziiert und viele weitere Schattierungen mitdenken lässt. Wenn etwa von den körperlosen Stimmen die Rede ist, die in der neuen Welt der Erzählerin bedeutsam sind, wird das mythologische Bild des in die Unterwelt hinabsteigenden Aeneas heraufbeschworen, und mit ihm der Tod, aber auch die Kraft des Gehörten, das frei von der sensationsheischenden Ebene des Visuellen ist; doch ebenso klingt in der Körperlosigkeit immer wieder auch die Entpersönlichung und Entmenschlichung, die Technisierung der Welt an. Ebenso zwiespältig ist die Anweisung der körperlosen Auftraggeber, die sich einen spontanen, ganz auf die Gegenwart gerichteten, vom Ballast der Tradition und der Künstlichkeit des Schriftlichen freien Text von ihr wünschen. Geht es ihnen um Befreiung oder nicht doch um Bereinigung? Entsteht so die Aufrichtigkeit des nackten, ungeschliffenen Gedankens oder eine ephemere, dem sofortigen Vergessen ausgelieferte Mündlichkeit, ein gedächtnisloser Abgrund, in dem wir uns verlieren?

Unbestreitbar ist, dass sich die Erzählerin trotz oder gerade durch den beengten Rahmen, der sie ganz auf sich selbst zurückwirft — „hier, in dieser Nacht, in der ich mit dem Widerhall meiner eigenen, wieder anders klingenden Stimme konfrontiert bin“ (Zerstörung, S. 98) –, auf das Wesentliche konzentriert und einen neuen und unverstellten Blick auf die Dinge freilegen kann. Und dabei spielt die allseits bedrohte und verpönte Erinnerung eine zentrale Rolle:

Die Menschen, die ich befrage (…) sind genauso verloren wie ich. Und in ihrem Verlorensein greifen sie oft auf die Vergangenheit zurück, auf ihre Erinnerungen. (…) um sich zu vergewissern, dass sie wirklich existieren.

Zerstörung, S. 54 f.

Die Stimmen, die sie aufnimmt und in ihre eigenen Gedanken einbaut, sind Stimmungs- und Diskursbilder des frühen 21. Jahrhunderts, und legen somit Zeugnis ab von einer Zeit, die unsere Gegenwart ist:

— Schließen.
— Davon war die Rede.
— Das Wort war allgegenwärtig.
— Die Grenzen.
— Die Türen.
— Sicherheit.
— Vorgeschobene Riegel.
— Schließen.
— Die Sache war allgegenwärtig.
— Aber man nannte sie In-den-Griff-Bekommen, Misstrauen.
— Und man sprach nicht von Intoleranz.
— Man sprach von Achtung.
— Achtung der Gesetze, des Rechts, des Territoriums.
— Nie der Person.

Zerstörung, S. 75

Stets ist diesen Stimm-Collagen eine hinterfragende, kritische Stimme eingeschrieben. Sie zeigen die Suggestions- und Manipulationskraft bestimmter Worte; verkümmerte, sinnentleerte, gewaltsame Parolen werden durch die stilistischen Operationen der Autorin als solche entlarvt und in ein vielschichtiges Klanggebilde eingebettet, das die hinter den vereinfachten Worthülsen und Slogans sich verbergenden Problematiken durchscheinen lässt. Jedoch ist dieses Unterfangen ein Wettlauf gegen die Zeit; die Distanz zwischen der Vergangenheit, welche die Stimmen evozieren, an die sie sich noch erinnern können, und der sich unaufhaltsam verabsolutierenden Gegenwart, die gedächtnislos in eine gewichts- und gesichtslose Zukunft steuert, nimmt immer mehr ab.

Die Erzählerin erkennt in diesen Diskursen, die unserer eigenen Gegenwart so unheimlich ähneln, im Nachhinein Symptome oder Zeichen, die die Zerstörung vorbereitet haben. Es geht um das Ausspielen der Sicherheit gegen die Freiheit, um Polarisierung, Gewalt, um Oberflächlichkeit und den Wunsch nach Vereindeutigung, um Rankings und Akkumulation statt Ästhetik, Reflexion und Komplexität, um steigendes Misstrauen, sinkende Solidarität, Beziehungslosigkeit und Virtualität:


— Man glaubte, mit der ganzen Welt in Kontakt zu sein. (…)
— Während man sich doch immer mehr hinter seinen Bildschirmen isolierte.
Abschirmte.

Zerstörung, S. 156

Im Unterschied zu den Stimm-Kompositionen der Erzählerin ist das Stimmengewirr der virtuellen Netzwerke ein akkumuliertes Chaos, das zwar allerhand Warnungen hervorstieß, die man in dem dabei entstehenden Lärm jedoch nicht mehr wahrnahm. Es gab keine reflexive Distanz mehr, „so dass schließlich der Kommentar unmittelbar auf das Geschehen folgte, quasi gleichzeitig eintrat“. (Zerstörung, S. 188) All das schuf eine Atmosphäre der Zerstörung, die schließlich in der dystopischen Situation mündete, die in der Gegenwart des Romans längst eingetreten ist.

Auch wenn es ihr zunehmend schwerer fällt, schreibt bzw. spricht die Erzählerin gegen das Vergessen an und setzt auf diese Weise einen Verstehensprozess über die Frage in Gang, wie sich die Diktatur etablieren konnte und nach welchen Prinzipien sie funktioniert. Selbstkritisch hinterfragt sie auch ihr eigenes Verhalten und erkennt, dass sie zu leichtfertig war, auch in ihrem früheren Schreiben. Ihr Stil ist jetzt ein anderer, beim Sprechen, aber auch bei ihren neuen Schreibversuchen. Immer wieder schleicht sich auch ein Gefühl der Ohnmacht ein, steht die Frage im Raum, wann die Kräfte des Widerstands aufgebraucht sind, wie lange eine Extremsituation der Bedrohung und Ungewissheit den Einzelnen über sich selbst hinauswachsen lässt und wann sie ihn zerbricht. Mögliche Antworten findet man in dem im Roman omnipräsenten Kontext der Literatur(geschichte), aus der sich erhellende oder ermutigende Vergleiche schöpfen lassen. Solange man sich an die düsteren Zeiten, die bestimmte Literatur verboten, zensierten oder verbrannten, noch erinnert, kann man sich auch Beispiele von Schriftstellern ins Gedächtnis rufen, die trotz dieser Schikanen weiter geschrieben haben, von verfemten Werken, die sich einen festen Platz im Geist ihrer künftigen Leserschaft erobert haben. Zudem ist die Fiktion der Ort, an dem man über die Wirklichkeit hinausgehen kann:

— (…) Warum sollte man sich für Geschichten interessieren, die es nicht gibt, für Ereignisse, die nie passiert sind?
— Weil sie manchmal mehr Existenz haben als die, die passiert sind.

Zerstörung, S. 41

Die Literatur, so lautet vielleicht die zentrale Botschaft des Romans, ist wie die Erinnerung unabkömmlich für den Fortbestand einer Gesellschaft. Gedächtnis, Tod und Imagination sind dabei eng miteinander verwoben:

Auf Friedhöfen ist das Denken freier. (…) wo das Erinnern erlaubt ist, geht der Geist auf Reisen.

Zerstörung, S. 125

Hier ist Cécile Wajsbrot — Tochter polnischer Juden, die während des Nationalsozialismus nach Frankreich geflohen waren, der Vater kam in Auschwitz um — auch geprägt von ihrer eigenen Geschichte. Erinnerungsarbeit und der Umgang mit den Traumata der Geschichte sind Themen, die sie bereits in ihren Vorgängerromanen behandelt hat. In vielem erinnert auch das lyrisch-romaneske Ich ihres neuen Romans an die Autorin, die Komparatistik in Paris studierte, u.a. als Rundfunkredakteurin arbeitete und sich heute als Übersetzerin, Romanautorin und Essayistin dem Lesen und Schreiben widmet.

— Die Ereignisse wiederholen sich nicht.
— Oder vielmehr, ihre Form verändert sich, sodass sie nicht wiederzuerkennen sind.
— Oder vielmehr, man erkennt sie wieder — wenn es zu spät ist.

Zerstörung, S. 3

Der Roman mit seinem offenen, aber beunruhigenden Ende wirft viele Fragen auf, auch die nach der Verantwortung:

Wir dachten, die Dinge stünden schlecht, taten aber, als stünden sie gut, und waren anschließend erstaunt, dass sich nichts änderte.

Zerstörung, S. 85

Unsere Demokratie und unsere Freiheit haben keine Ewigkeitsgarantie, und ihre Unterhöhlung ist ein schleichender Prozess. Umso wichtiger ist es, auf die kleinen Diskrepanzen und Misstöne zu achten, um nicht irgendwann überrumpelt zu werden. Gerade das Feld der Sprache sollte man nicht unterschätzen. Worte können eine performative Kraft entwickeln, im Guten wie im Schlechten, und in der Ausdrucksweise spiegelt sich auch das gesellschaftliche Bewusstsein einer Gesellschaft:

— Endlich äußern wir uns.
— Ohne Filter.
— Also ohne nachzudenken.
— Lassen freien Lauf.
— Dem Hass.
— Dem Groll.
— Dem Offenkundigen.
— Das tut gut.
— Es ist befreiend.
— Wir meiden komplizierte Wörter. (…)

Zerstörung, S. 147

Einer solchen Verarmung und Verrohung der Sprache, die wir als „hate speech“, in Form der enthemmten Beleidigungen und vorschnellen Urteilsbildungen der sozialen Medien längst kennen, setzt die Autorin ebenso wie ihre Erzählerin die reflektierte, vielstimmige Poesie ihrer eigenen Sprache entgegen — eine résistance poétique:

So sprachen sie nicht, sie drückten sich einfacher aus, aber ich will ihre Worte hier nicht wiedergeben, ich lehne es ab, mich von ihrer Sprache anstecken zu lassen. (…) Hinter den besänftigenden Worten kam der Hass zutage, hinter den einvernehmlich gewordenen Ideen tauchte ihr ursprüngliches Ansinnen auf — die Zerstörung. (…) Ich habe angefangen zu schreiben (…), und ich lasse mich mit Genuss in die Windungen der Sprache gleiten, die von den Schriften der Vergangenheit genährt sind.

Zerstörung, S. 66-69

Cécile Wajsbrot: Zerstörung, Wallstein (2020)
Aus dem Französischen von Anne Weber
ISBN: 9783835336100

bookmark_borderEspen Dekko: Sommer ist trotzdem

In sehr zarter, sensibler Sprache entwirft der norwegische Kinderbuchautor, Geschichtenerzähler und Puppenspieler Espen Dekko den komplexen Horizont eines Kindes, dessen Welt durch einen schweren Verlust durcheinander geraten ist, und verfolgt das Auf und Ab der Gefühle, das Reifen der Gedanken ebenso wie die nicht nachlassende Neugier auf das Leben, die sinnstiftende Freude an der Natur und dem Zusammensein mit Menschen, denen man vertraut.

Er zeigt auf meinen Ellenbogen. Er blutet immer noch. Opa holt ein Taschentuch aus der hinteren Tasche seiner Latzhose. Er fragt nicht, was passiert ist. (…) Als er fertig ist, pustet er noch drei Mal auf meinen Ellenbogen. Das macht er immer, wenn ich mich verletzt habe. Jetzt glaube ich, dass es ein bisschen länger dauert, bis alles wieder heil ist.

Espen Dekko: Sommer ist trotzdem

Die Ich-Erzählerin ist ein kleines Mädchen, das seinen Vater durch eine schwere Krankheit verloren hat und den Verlust noch lange nicht bewältigt hat. Den Sommer verbringt sie wie jedes Jahr bei den Großeltern am Meer, doch auch wenn sie mit Oma und Opa im eisigen Meerwasser herumplantscht, die Oma ihr liebevoll Zöpfchen flicht und der Opa sogar mit ihr zum Walebeobachten auf die See hinausfährt, irgendwie ist dieses Mal alles anders. Ein mulmiges Gefühl drängt sich immer wieder auf, auch wenn es gerade noch wunderschön war. Sie entdecken einen kranken Wal, den es an Land geschwemmt hat, und dann gebiert die schwangere Katze Mim auch noch zwei tote Kätzchen. Tod und Verlust lassen sich nicht verdrängen, doch dem kleinen Mädchen gelingt es, zusammen mit seinen liebevollen und zugleich ehrlichen, die Wahrheit offen aussprechenden Großeltern, die Trauer — zunächst über den Umweg der Tierwelt — durch Rituale des Abschieds Stück für Stück anzunehmen und dennoch zugleich Freude, Liebe und Ausgelassenheit ganz bewusst zu erleben. Schließlich kann das Erwachen aus der behüteten Kindheit auch positive Seiten haben, z.B. wenn man zum ersten Mal allein zum Fischen das Ruderboot benutzen darf.

Ich muss über so vieles nachdenken. Und es wird immer mehr. Gedanken, die nicht verschwinden. Gedanken, die sich festkrallen und nicht lockerlassen. Kann man zu viele Gedanken im Kopf haben?

Espen Dekko: Sommer ist trotzdem

Der Roman ist nachdenklich, aber gleichzeitig auch in doppeltem Sinne aufregend geschrieben — ein Sturm auf dem Meer bildet den spannenden Höhepunkt der Geschichte.

Ein durch und durch lebensbejahender Trauer-, Familien- und Abenteuerroman!

Ab 9 Jahren

Altersempfehlung
Ab 9 Jahren

Bibliographische Angaben
Espen Dekko: Sommer ist trotzdem, Thienemann (2020)
Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe
ISBN: 9783522185318

Bildquelle
Espen Dekko, Sommer ist trotzdem
© 2020 Thienemann-Esslinger Verlag

bookmark_borderStefan Weidner: 1001 Buch — Die Literaturen des Orients

Den Nahen Osten assoziiert man ebenso wie den Islam gegenwärtig fast nur noch mit Konflikt, Gewalt und Fundamentalismus. Die Medien sind voller Bilder, die uns den „Orient“, einst ein mythisch aufgeladener Begriff, in dem Märchenhaftes, Poetisches schwang, mehr denn je als anders und bedrohlich zeigen. Dabei hat der sogenannte Orient eine unendlich reiche und vielfältige Literaturtradition, die der Islamwissenschaftler und Übersetzer Stefan Weidner in seinem neuen Buch mit ansteckender Begeisterung in einem zwangsläufig selektiven, aber fundierten Überblick für uns westliche Leser zur Anschauung bringt.

Trotz Edward Saids Entlarvung des „Orients“ als westliche Projektion verwendet Weidner den Begriff für seine Literaturgeschichte; er geht aber von einem weiten, kulturell-ideellen Orientbegriff aus, der sich seiner kolonialistischen Geschichte bewusst ist. Für Weidner ist der Orient ein „polykultureller Imaginationsraum von beträchtlichem utopischen Potential“. Zu den Literaturen des Orients zählt er die islamisch geprägte Literatur — wohl wissend, dass ein über die Jahrhunderte hinweg immer wieder aufscheinendes Merkmal eben dieser Literatur ihre religionskritische Haltung war –, die sich gerade durch ihre Hybridität auszeichnet. Denn diese orientalische Literatur kennt nicht nur den Koran und Tausendundeine Nacht — bezeichnenderweise ist selbst dieser Text, der Inbgriff des Orientklischees, eine hybride, interkulturelle Erscheinung par excellence, mit indischen Wurzeln und in seiner gängigsten Version auf eine in den Orient rückübersetzte, stark erweiterte Form seines ersten westlichen Übersetzers Antoine Galland zurückgehend –, sondern trägt ebenso mystische Traditionen, zoroastrische, spätantike und hebräisch-jüdische Einflüsse in sich, umfasst das Persische, Arabische, Osmanische und viele weitere Sprachen bis hin zur teilweise in europäischen Sprachen geschriebenen Exilliteratur der Gegenwart. Der Austausch zwischen Orient und Okzident, ihre gegenseitige Prägung und die Kulturtransfers in beide Richtungen sind aus der Literaturgeschichte des Orients nicht wegzudenken.

Da es dem Autor vor allem darum geht, Leselust und Neugier auf ein hierzulande wenig bekanntes literarisches Terrain zu wecken, ist seine Literaturauswahl trotz des gleichzeitigen Anspruchs, einen repräsentativen Überblick zu schaffen, deutlich von seiner subjektiven Leseerfahrung geprägt — er legt uns besonders die Texte ans Herz, die uns als potentielle neue Leser orientalischer Literatur begeistern könnten –, sowie nicht zuletzt von dem, was überhaupt in deutscher Übersetzung verfügbar ist, und das ist nur ein Bruchteil des riesigen literarischen Schatzes, den der Orient bereithält. Doch horizonterweiternd ist die Lektüre von Weidners Buch allemal; wenn man es zuende gelesen hat, muss man sich zum einen fast zurückhalten, nicht gleich einen überdimensionalen Stapel spannender Orientlektüre in der Bibliothek zu bestellen, den man in der vorgesehenen Leihfrist niemals bewältigen könnte, und zum anderen wird einem auf sehr anschauliche, mit konkreten Beispielen unterfütterte Weise bewusst, dass sich Weltliteratur zu keiner Zeit auf den westlichen Kanon beschränken lässt.

Indem wir den verschiedenen Stimmen und Gegenstimmen lauschen, die aus den literarischen Texten des Orients zu ihren Lesern sprechen, sensibilisieren wir unser Verständnis auch für die Konflikte, die diese Region geprägt haben und prägen, für die Risse, die durch die Gesellschaften des Nahen Ostens gehen. Natürlich ist ein Eintauchen in diese Texte nicht immer ohne Hürden möglich und manche, gerade sprachliche, Dimensionen bleiben einem in der Übersetzung oft verschlossen; so ist das Hocharabisch des 7. Jahrhunderts noch heute der geltende Standard für literarische Texte, wenn sich die Autoren nicht bewusst für regionale Dialekte entscheiden, deren Klang in den Ohren arabischer Leser dann freilich eine ganz andere Sprengkraft hat. Doch Weidner liefert dankbarerweise jedesmal ausreichend Hintergrundwissen zu den beschriebenen Büchern mit und schildert literarische, aber auch historisch-gesellschaftliche und kulturelle Traditionslinien und Brüche, die sich in der Literatur widerspiegeln.

Vorgestellt werden die religiösen Texte, insbesondere der Koran und die Hadithe, die Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed, und ihre inhaltlichen und stilistischen Besonderheiten, etwa die Abfassung in Reimprosa, die schriftlicher Fixierung widerstrebende Mündlichkeit und die kaum übersetzbare Vieldeutigkeit der heiligen Texte.

Den weitaus größeren Raum nimmt die vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit verfasste fiktionale Literatur ein, die erst im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert Fahrt aufnehmende Moderne sowie die jüngsten, die arabischen Revolutionen der 2010er Jahre vorausahnenden oder sie verarbeitenden literarischen Texte. Die vorherrschende Erzählliteratur ist lange Zeit die sogenannte Adab-Literatur, gehobene Unterhaltungsprosa. Demgegenüber galten die bei uns so berühmten orientalischen Märchen aufgrund ihrer mündlichen, vorislamischen Ursprünge als weniger anspruchsvoll. Einen großen Einfluss hatten — und haben ihn bis heute — mystische Dichter wie Ibn Arabi, der in seinem Werk Übersetzer der Sehnsüchte mit der Mehrdeutigkeit des Wortes „Islam“ (dt. „Hingabe“) spielt und eine pantheistisch geprägte Verschmelzung von Erotik und Gottesliebe zum Ausdruck bringt; in Abgrenzung zu seinem dem Sufismus nahe stehenden und überaus beliebten und viel rezipierten Werk hat sich früh die fundamentalistische Strömung des Salafismus herausgebildet. In der Literatur des Mittelalters findet sich aber zum Beispiel auch ein Dichter wie al-Ma’arri, ein Skeptiker des mittelalterlichen Islams und womöglich Vorbild von Dante Alighieri, der 300 Jahre vor dem italienischen Dichter eine sehr humorvolle Jenseitsreise, Paradies und Hölle, verfasste. Das islamische Mittelalter brachte jedenfalls eine große Vielfalt an literarischen Texten hervor, von denen uns viele heute überraschend frech, freizügig und religionskritisch erscheinen. Hervorzuheben ist auch die im Vergleich zur europäischen Literaturgeschichte des Mittelalters bedeutende Zahl an Autorinnen. Eine spezielle Situation herrschte damals außerdem im islamischen Teil Andalusiens, wo hebräisch-jüdische, romanisch-christliche und arabisch-islamische Texte einander begegneten.

In der Neuzeit deutlich mehr rezipiert und übersetzt als die arabische wurde die persische Dichtung, von der Hafis‘ Diwan aus dem 14. Jahrhundert nur ein, wenngleich wohl das dank Goethe bei uns prominenteste Beispiel ist. Die Gedichte wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem österreichischen Orientalisten Hammer-Purgstall recht frei, aber in poetischer Begeisterung übersetzt, von der sich viele Europäer, und nicht zuletzt Goethe, der in der Folge seinen eigenen West-östlichen Divan schrieb, anstecken ließen. Tatsächlich zeigt sich in der persischen Diwan-Dichtung, wie Stefan Weidner schreibt, ein universalisierbarer Islam, der auf einem inneren Gottesverständnis beruht und sein vielgestaltiges Erbe nicht leugnet, sondern stolz ist auf die hybriden Quellen, aus denen er schöpft — und der somit gerade heute ein wertvolles Gegenbild zur Intoleranz fundamentalistischer Religionsausübung ins Gedächtnis rufen kann:

Anders als Gotteskrieger, koranschwingende Demagogen und Selbstmordattentäter ist dieser geistige Islam in den Massenmedien natürlich nicht sichtbar. Wir brauchen dafür die Literatur und das Buch.

Stefan Weidner, 1001 Buch, S. 121

Die orientalische Moderne integrierte schließlich auch die Form des Prosaromans nach westlichem Vorbild in ihre Literaturen, es fanden Umbrüche in der Lyrik statt, die bezeichnenderweise v.a. im heute so zersplitterten Irak wichtige Vorreiter hatten, neue weibliche Stimmen kristallisierten sich heraus, die schreibend ihren Platz zwischen individueller Freiheit und kollektiven Traditionen auszuloten suchen. Überhaupt charakterisiert sich die Literatur des Orients bis heute durch eine literarische Verarbeitung von Gesellschaftskonflikten und bringt das Konkurrieren von Religion, Tradition und Moderne sehr vielschichtig und allzu oft mit — der düsteren Realität geschuldetem — gewaltsamem Ausgang zur Darstellung.

So gelingt Stefan Weidner in Form eines Sachbuches das, was der französische Schriftsteller und Orientalist Mathias Enard mit seinem grandiosen Roman Kompass in der Fiktion unternommen hat: uns den Orient als vielgestaltigen, komplexen, faszinierenden geistigen Raum näherzubringen, Klischees, wie etwa die „Blumigkeit“ oder „Unaufgeklärtheit“ der orientalischen Literatur, als solche zu entlarven und im Gegenteil ihre Vielfalt und unauflösbare Verwebung mit den kulturellen Räumen des Okzidents aufzuzeigen.

Bibliographische Angaben
Stefan Weidner: 1001 Buch — Die Literaturen des Orients, Edition CONVERSO (2019)
ISBN: 9783981976335

Bildquelle
Stefan Weidner, 1001 Buch — Die Literaturen des Orients
© 2019 Edition CONVERSO

bookmark_borderHolly-Jane Rahlens: Das Rätsel von Ainsley Castle

Elizabeth, für ihre Freunde Lizzy, zieht mit ihrem Vater zu dessen Freundin — die zu Lizzys Leidwesen bald seine Frau sein wird — an die schottische Küste. Anstatt sich an der idyllischen Gegend zu erfreuen und das neue Familienleben zu genießen, fühlt sich Lizzy in der neuen Umgebung unwohl, ihrer Stiefmutter in spe begegnet sie mit Misstrauen, merkwürdige Schwindelanfälle setzen ihr zu. Aber dann lernt sie den hübschen Mack kennen und kurz darauf auch Betty, die ihr bis aufs Haar gleicht und eine weniger aufmüpfige, weniger aufgeweckte, weniger belesene, wenngleich sehr sympathische und scheinbar perfektere Version ihrer selbst ist. Unversehens sieht sich Lizzy in ein rätselhaftes und ziemlich gefährliches Abenteuer katapultiert. Sie erhält seltsame, bedrohliche Emails von einem unbekannten Absender, der in ihre geheimsten Gedanken und Gefühle hineinblicken kann, ihr Vater schwebt in Lebensgefahr und Lizzy ist sich nicht sicher, welchem Erwachsenen sie noch trauen kann. Zum Glück stehen ihr mit Mack und Betty zwei treue und mutige Freunde zur Seite, und die drei machen sich auf den Weg durch den Wald zur sagenumwobenen Burgruine, um die drohende Gefahr noch irgendwie abzuwenden…

Die Autorin erzählt ihre etwas andere Abenteuergeschichte lebendig und spannend und aus der erfrischenden Perspektive eines verunsicherten und zugleich mutigen, störrischen und zugleich sensiblen Teenagers. Das Besondere ist, dass der Familien-, Liebes- und Abenteuerroman bald fiktionsironisch gebrochen wird, als sich die drei Figuren wie ein Zitat von Pirandello auf die Suche nach ihrer Autorin machen und eine kleine Deutschstunde in Sachen allwissender und personaler Erzähler in den Roman eingebaut wird, die vielleicht etwas didaktisch daherkommt, aber immerhin wesentlich zur Rettung aus der Gefahr beiträgt. Schließlich bleibt Das Rätsel von Ainsley Castle trotz der nicht ganz überzeugenden Auflösung des Konflikts ein sehr unterhaltsamer Freundschafts- und Abenteuerroman.

Altersempfehlung
Ab 11 Jahren

Bibliographische Angaben
Holly-Jane Rahlens: Das Rätsel von Ainsley Castle, Rowohlt (2020)
ISBN: 9783499217470

Bildquelle
Holly-Jane Rahlens, Das Rätsel von Ainsley Castle
© 2020 Rowohlt Verlag

bookmark_borderJanna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Romane, die aus der Perspektive junger Menschen die Frage nach der Art und der Möglichkeit von individuellen, die Freiheit nicht einschränkenden und dennoch Halt gebenden Beziehungen ausloten, haben gerade Konjunktur; Leif Randt ist mit Allegro Pastell für den Leipziger Buchpreis nominiert (vgl. Rezension vom 13.5.2020), Fehlstart, der Erstling der Französin Marion Messina, erhält — zu Recht — ebenfalls große Aufmerksamkeit (vgl. Rezension vom 6.4.2020). Trotz aller inhaltlichen und stilistischen Unterschiede drücken sie alle doch ein ganz ähnliches Lebensgefühl aus, das auch die 1982 geborene Janna Steenfatt in ihrem Roman Die Überflüssigkeit der Dinge auf überzeugende, sehr reflektierte und berührende Weise zur Sprache bringt: Es lässt sich umschreiben mit den Begriffen der Vorläufigkeit, Unschlüssigkeit, der Halt- und Bindungslosigkeit, Rast- und Ratlosigkeit, der Angst vor und zugleich dem innigen Wunsch nach einer Stabilität, deren genauen Inhalt man aber nicht zu definieren weiß:

Wir wollten uns nicht festlegen, aber wir waren gespannt, wie lange wir so leben würden, in vorläufigen Wohnsituationen, mit vorläufigen Jobs und vorläufigen Lieben. Ich hatte immer geglaubt, es würde sich im Laufe der Jahre herauskristallisieren, wohin das alles führen sollte, allein, es kristallisierte nicht, und für manche Dinge war es jetzt schon zu spät.

Jana Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Ina Mayer, die Hauptfigur und Erzählerin in Steenfatts Roman, erzählt mit Humor und Selbstironie, aber auch mit großem Feingefühl von ihrem Leben, in dem sich der passende Job, der passende Partner, der passende Lebensstil noch nicht „herauskristallisiert“ haben:

Ich hatte eine schwammige Idealvorstellung von einem Beruf ohne Kollegen, ein Beruf, der es mir erlaubte, meine eigene Toilette zu benutzen, und den ich theoretisch nackt ausüben konnte.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Ihr geisteswissenschaftliches Studium hat sie direkt in die Arbeitslosigkeit geführt, sie wohnt in einer WG zusammen mit Falk, der nach anfänglichen Ambitionen, die Fotografie als Kunst zu betreiben, eine feste Stelle als Leichenfotograf hat, Ina gerne fotografiert und irgendwie mehr ist als ihr Mitbewohner — ihr bester Freund, fast ein Bruder, oder doch ein potentieller Ehemann? — und gerade eben hat sie ihre Mutter verloren, eine ehemalige Theaterschauspielerin, die mit dem Auto verunglückt ist — oder war es Selbstmord?

In Inas Leben sind viele Dinge unklar, viele Dinge, die darauf warten, aufgearbeitet zu werden, allen voran die Beziehung zu ihrer Mutter, mit deren Nachlass sich der Tod und die Überflüssigkeit materieller Dinge in Inas Bewusstsein drängen, doch ebenso auch viele Erinnerungen und der beängstigende, aber nicht zu vertreibende Gedanke, endlich den Kontakt zu ihrem Vater, einem Regisseur, aufzunehmen, der bereits vor Inas Geburt aus dem Leben ihrer Mutter verschwunden ist. Als sie hört, dass er bald in Hamburg, in der Stadt, in der sie wohnt, den Sommernachtstraum von Shakespeare inszenieren wird, fängt sie einen Job in der Kantine des Theaters an, um in seine Nähe zu kommen. Wie sie dann weiter vorgehen wird, weiß sie noch nicht: „Ich war extrem schlecht darin, Dinge zu Ende zu denken“, sagt die Erzählerin von sich selbst. Sie hat keinen durchdachten Plan, weder dafür, wie sie dem Regisseur eröffnen soll, dass sie seine Tochter ist, noch für irgendetwas anderes in ihrem Leben. Dahinter stehen Unentschlossenheit und Angst: davor, sich festzulegen oder auch zurückgewiesen zu werden; auf der anderen Seite ahnt sie mit wachsender Besorgnis, dass sie sich nicht ewig weiter so treiben lassen kann, oder vielmehr, dass sie das sehr wohl könnte, aber dass in ihrem Leben dann vielleicht auch nichts mehr passieren wird, das von Bedeutung ist:

Die letzten Jahre waren in einer Art Lähmung verstrichen, einer Mischung aus Furcht und Ungeduld, und das Warten auf das richtige Leben machte bereits der unguten Ahnung Platz, dass es das hier tatsächlich schon sein sollte.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Ihr halbherziges Handeln illustriert die Gleichzeitigkeit des Ungenügens mit ihrer Situation und einer angstbehafteten Ratlosigkeit darüber, wie und in welche Richtung sie diese verändern könnte. Gleiches gilt auch für ihre von großer Unklarheit geprägten Beziehungen, die keinesfalls kalt oder lieblos sind, doch aufgrund ihrer Uneindeutigkeit immer wieder Anlass zu Missverständnissen und Verletzung geben. Die Liebe, die Falk ihr schenken würde, sowie sie darauf eingehen würde, versucht sie zu ignorieren, es stört sie nicht, dass alle anderen, allen voran ihre Mutter, denken, dass sie ein Paar sind, und doch ist es ihr lieber, eine sehr intime, aber eben zu nichts verpflichtende Freundschaft zu führen. So stößt sie, ohne es zu beabsichtigen, Falk immer wieder vor den Kopf, während es ihr mit der androgynen Schauspielerin, in die sie sich verliebt, genau andersherum ergeht, da diesmal sie selbst auf Abstand gehalten wird. Die Unverbindlichkeit verunsichert sie und erfüllt sie nicht, doch sie schweigt darüber, da sie — man fühlt sich an zahlreiche Interview-Beispiele aus Eva Illouz‘ Buch über „negative Beziehungen“ erinnert (vgl. Rezension zu Warum Liebe endet) — Angst davor hat, mit ihrem Wunsch nach Bindung die instabile offene Beziehung zu zerstören:

Sie auf solche Dinge anzusprechen konnte alles beenden, und diese Angst war meine größte: dass alles enden könnte, ehe es richtig angefangen hatte.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Der Satz charakterisiert im Grunde die Struktur des ganzen Romans und ist auf die widersprüchliche Beziehung Inas zu den anderen Figuren übertragbar, insbesondere zu Falk und ihrem Vater.

Besonders hervorheben möchte ich auch die schöne und ehrliche Sprache, die — ausgehend von einem sich selbstironisch gegen Pathos und Selbstmitleid wappnenden, nur scheinbar abgeklärten trockenen Humor — immer wieder in die Tiefe der Dinge führt und die eine sehr reflektierte Erzählerin mit Gespür für das Unterschwellige und Subtile hervorbringt, die im Laufe ihrer feinnervigen Beobachtungen und Gedankengänge mehr und mehr begreift, was ihr jenseits der Überflüssigkeit der Dinge wichtig ist.

Andere Menschen passierten einander, aber ich passierte niemandem, und niemand passierte mir. Bis Paula mir passiert war. Ich hatte das Gefühl, sie gefunden zu haben, aber sie fand mich nicht, und diese Erkenntnis machte mich fassungslos und unbeherrscht (…).

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Trotz der Rückschläge, die Ina einstecken muss, gibt sich der Roman nicht mit der Desillusionierung der Leser zufrieden; die Protagonistin durchläuft aller Zögerlichkeit zum Trotz einen Prozess, der sie dazu führt, eine andere Gewichtung der Dinge vorzunehmen bzw. sich der Gewichtung der Dinge in ihrem Leben trotz aller Vorbehalte überhaupt zu stellen. Nicht zufällig hat die Autorin die Metapher des freien Falls in ihre Geschichte integriert, über den Ina gegen Ende des Romans reflektiert, indem sie ihn halb im Scherz als ihre persönlich bevorzugte Methode des Selbstmordes bezeichnet. Die abstrakte Sehnsucht, sich einfach fallen zu lassen, wird eingetrübt durch die Tatsache, dass die Schwerkraft binnen Sekunden zum schmerzhaften Aufprall führt. Inas Leben in der Schwebe ist ein provisorisches Konstrukt, das in der Realität auf Widerstand stößt und mit ihren eigenen Wünschen kollidiert. Doch es fällt ihr schwer, sich fallen zu lassen und das Risiko einzugehen, damit auch eine gewisse Schwere und Ernsthaftigkeit in ihr Leben zu lassen:

Ich hatte noch nie zu jemandem Ich liebe dich gesagt. Es hatte sich nie ergeben. Ich dachte, dass es Dinge gab, die größer und schwerer wurden, wenn man sie aussprach, sie in die Welt ließ, in der sie nichts zu suchen hatten.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Falk, meine heimliche Lieblingsfigur, ist in dieser Hinsicht Inas Gegenpol. Er gewichtet die Dinge anders als Ina und wirkt bisweilen auf anrührende Weise altmodisch. Für ihn haben Rituale und Symbole noch eine Bedeutung, weshalb er es ist, der auf der Seebestattung von Inas Mutter besteht, der auch ihre Katze in die gemeinsame WG holt und das überlebensgroße Theaterposter der Mutter in die Wohnung hängt, bevor es Ina, die Angst vor jedem Ballast hat und sich von den Dingen befreien möchte, erbost wieder herunterreißt. Falk ist es auch, der für Ina kocht, mit ihr betrunken ist, mit ihr intime Gespräche führt und sie auch ohne Worte durchschaut, aber nie zu einer Einsicht zwingt. Ina beobachtet an ihm eine etwas unzeitgemäße, aber irgendwie sympathische

Ernsthaftigkeit (…), mit der er so oft Dinge tat, die ich höchstens unter dem Deckmantel der Ironie zu tun imstande war; ein Wesenszug, um den ich ihn im Grunde beneidete.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Zum Abschluss noch ein Beispiel für das subtile Erzählen der Autorin: Es gibt eine Schublade in der WG, in der Ina einmal einen Stapel Selbstporträts von Falk entdeckt hat, von denen sie vermutet, dass er sie womöglich absichtlich dort platziert hat, die sie trotzdem mit einer gewissen Scheu erfüllen — er weint auf diesen Bildern — und so sehr beeindruckt haben, dass sie von Zeit zu Zeit heimlich die Schublade öffnet und die Fotografien betrachtet. In eben dieser Schublade findet sie nach dem Tod ihrer Mutter auch einen Zettel, auf der sie und Falk die Nummern ihrer Eltern aufgeschrieben haben: „Falls mal was ist“:

Ich stand vor der Kommode, den Zettel in der Hand, unschlüssig, was zu tun war, mit all diesen Dingen, die mit einem Mal überflüssig geworden waren.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Doch ganz so überflüssig scheint ihr der Zettel — ebenso wie die Fotografien von Falk — doch nicht zu sein, so lässt es das Bild der zögernden Ina erahnen: Handelt es sich wirklich nur ein wertloses Stück Papier oder nicht auch um eine Erinnerung, um ein Zeichen für ihr gegenseitiges Vertrauen? Letztlich kann niemand Ina die Entscheidung abnehmen, welches Gewicht sie ihrem Leben, ihren Beziehungen geben kann oder mag. In diesem Dilemma von Autonomie- und Bindungsbedürfnis, das ein Wesensmerkmal unserer Gesellschaft geworden zu sein scheint, dürften sich viele Leser in ihr wiederfinden…

Bibliographische Angaben
Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge, Hoffmann und Campe 2020
ISBN: 9783455008319

Bildquelle
Janna Steenfatt, Die Überflüssigkeit der Dinge
© 2020 Hoffmann und Campe Verlag GmbH, Hamburg

bookmark_borderJorge Comensal: Verwandlungen

Welch groteske, absurde, witzige, wilde und zugleich tief berührende, emotionale, weise Erzählung der junge mexikanische Autor Jorge Comensal mit seinem ersten Roman aufs Papier gezaubert hat!

Ein ziemlich zerrupfter, in Schimpftiraden geübter und sehr eigenwilliger Papagei wird zum letzten Wegbegleiter eines ebenso eigenwilligen, eben noch eloquenten Rechtsanwalts und etwas dominanten Familienvaters, der durch eine bösartige Verwandlung, nämlich durch die Mutation einer Krebszelle, seine Zunge verliert, die ihm herausoperiert wird, und der, derart seiner Sprachmächtigkeit beraubt, um seine von allen Seiten angegriffene Autorität und Würde kämpft.

Darf man mit Humor, Witz und Sarkasmus eine Krebsgeschichte erzählen? Ja, unbedingt, wenn man es so macht, wie Jorge Comensal! Gerade dadurch, dass er sich mit seinem Erzählstil von der einseitigen und passiven Leidensperspektive löst, die den Patienten auf seine Krankheit reduzieren würde, wird er dem von Schrecken, Ohnmacht und Verzweiflung begleiteten unermesslichen Kraftakt des leidenden Menschen überhaupt erst gerecht, ist dieser doch nicht ausschließlich Leidender, sondern immer noch ein Mensch mit durchaus ambivalenten Seiten.

Der leidende Empörer, Ramón Martinez, der in dem vom treuen Hausmädchen Elodia sehr zum Unwillen seiner Gattin angeschleppten Papagei, den er nach dem mexikanischen Reformer und Staatsmann Benito (Juárez) nennt, ein anarchisches Sprachrohr all der Wut und des Widerstands findet, die er selbst nicht mehr oder nur noch mit äußerster Mühe und der Umständlichkeit handschriftlicher Notizen artikulieren kann, steht im Zentrum der Geschichte, als deren zweite Hauptfigur die Lacan’sche Psychoanalyse und die an Mutationen („las mutaciones“ ist auch der spanische Originaltitel) reiche Geschichte des Krebs konkurrieren.

Ramón, dessen Innenschau hauptsächlich seine verzweifelt nach Ventilen suchende Wut auf seine eigene Ohnmacht sowie auf das Verhalten der anderen, allen voran seines geldgierigen Bruders, offenbart sowie seine mehr praktischen als philosophischen Überlegungen, wie er seinem unerträglich gewordenen Leben rechtzeitig ein selbstbestimmtes Ende geben kann, ist selbst eine tragikomische Figur. Denn auch wenn er ein liebender Vater und Ehemann ist, als Anwalt für Gerechtigkeit eintritt und sein in Not geratenes Hausmädchen Elodia beschützt und unterstützt, weist er auch paternalistische Züge auf, die durch die Krankheit umso eindrucksvoller sabotiert und demontiert werden können. Er ist dadurch nicht primär als Opfer gezeichnet, sondern bleibt ein Mensch mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten, der wortwörtlich unsagbar darunter leidet, mehr und mehr seine Autonomie zu verlieren. Und so lauert hinter der zutiefst komischen Oberfläche der grotesken und absurden Szenen, die sich im Zuge des Aufbäumens gegen das Erstummen abspielen, eine abgründige Erfahrung aus den Tiefen der conditio humana: Der schlimmste Schmerz kann auch durch die palliative Medizin nicht gestillt werden, der des Bewusstseins der eigenen Ohnmacht und des eigenen Verfalls.

Daneben erzählt der Roman auch die Geschichte von Teresa, einer auf Krebspatienten spezialisierten Psychotherapeutin, die selbst eine Krebserkrankung überlebt hat und in einer vielschichtigen, nicht immer ganz eindeutigen, vielleicht zu involvierten Beziehung zu ihren Patienten steht, worüber sie mit ihrer Supervisorin ausführliche Gespräche führt, in denen sie selbst auf der Couch liegt, und die außerdem zur Linderung der seelischen Schmerzen Marihuana für ihre Patienten anbaut, von dem sie sich von Zeit zu Zeit selbst eine kleine Dosis abzweigt. Ihr jüngster Patient ist Eduardo, der als Kind an Leukämie erkrankte und längst geheilt ist, doch seine Angst vor der Krankheit durch eine extreme Phobie vor Keimen jeder Art substituiert hat, die für allerlei absurde Komplikationen in seinem Alltag sorgt, der zum permanenten Ausnahmezustand wird, und ihn in ein unüberwindliches Dilemma stürzt, als er sich in eine Kommilitonin verliebt, die mit Vorliebe an ihren Bleistiften saugt. Und schließlich ist auch der Onkologe Almada, der im Erbgut von Ramóns amputierter Zunge schon die Verheißung eines internationalen Durchbruchs in der genetischen Krebsforschung sieht, in Comensals grotesken Kosmos der Mutationen involviert.

Die Literatur vermag hier etwas, was die Realität einer Krankheitsgeschichte übertrifft und ihr dennoch auf äußerst humane Art eine tiefere Wahrheit abtrotzt: im Angesicht des Schlimmsten herzhaft zu lachen und das nicht aus Bosheit oder Unwissen, sondern im vollen Bewusstsein des menschlichen Schicksals.

Bibliographische Angaben
Jorge Comensal: Verwandlungen, Rowohlt (2019)
Aus dem Spanischen von Friederike von Criegern
ISBN: 9783498025410

Bildquelle
Jorge Comensal, Verwandlungen
© 2019 Rowohlt Verlag

bookmark_borderGilles Kepel: Chaos — Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen

Seit Jahrzehnten ist der Nahe Osten als Konfliktherd in den Nachrichten, kein Land in dieser Region ist unversehrt von Gewalt, Bürgerkrieg, Militärschlägen, Attentaten, im Gegenteil, mit der Schreckensherrschaft des so genannten „Islamischen Staates“ zwischen 2014 und 2017 und dem immer noch auf unabsehbare Zeit andauernden und so viele verschiedene Akteure und wechselnde Koalitionen bindenden Syrienkrieg scheint die Lage verfahrener denn je. Und umso unübersichtlicher — wer verfolgt in diesem Krieg welche Interessen, wer rächt welche vergangenen Taten, ist die Türkei nun gegen den Diktator Assad oder bekämpft sie aus Angst vor dem kurdischen Separatismus die Rebellen? Und welche Rolle spielt eigentlich der Iran? Warum trauen sich Salafisten und Muslimbrüder nicht über den Weg, obwohl sie doch beide als sunnitisch-islamistische Bewegungen gelten, und was ist der Unterschied zwischen den dschihadistischen Zielen Al-Qaidas und dem verbrecherischen Konstrukt des „Islamischen Staats“?

Gilles Kepel, französischer Arabist und Politikwissenschaftler, versucht in seinem neuen Buch Chaos — Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen Ordnung in diese wirklich äußerst komplexe Lage zu bringen, und das gelingt ihm ganz schön gut. Ich habe bei der Lektüre seiner über 400 Seiten starken Analyse jedenfalls ziemlich oft innerlich „Aha!“ gerufen und das Buch mit dem — angesichts der sehr beunruhigenden gesellschaftspolitischen Situation freilich getrübten — Gefühl intellektueller Befriedigung geschlossen, einige für das Verständnis des Nahen Ostens unabdingliche Erkenntnisse gewonnen zu haben.

Dass der Autor die Komplexität dieser Konflikte so gut durchdringen kann, liegt nicht zuletzt daran, dass er seit langem in intensivem Kontakt mit der Region steht. Gilles Kepel lernte den Nahen Osten in den 1970er Jahren kennen, u.a. als Stipendiat am Institut Français in Damaskus, und schloss weitere Forschungsaufenthalte an, die bis heute andauern. Seine Doktorarbeit, in der er lokale islamistische Bewegungen untersuchte, schrieb er in Ägypten. Seitdem hat er zahlreiche Reisen in den Nahen Osten und nach Nordafrika unternommen und führte viele Gespräche vor Ort, die auch in das aktuelle Buch mit einfließen. Er ist somit zugleich Augenzeuge und Wissenschaftler, und diese doppelte Perspektive wirkt sich sehr positiv auf die Tiefe und detailreiche Anschaulichkeit seiner Analyse aus. Sein fundiertes Wissen und die akribische Recherche stellt Kepel seinen Lesern in einem darüber hinaus auch sehr gut lesbaren Text zur Verfügung, indem er nämlich kulturelle, gesellschaftliche und historische Hintergründe in seine Argumentation integriert und wichtige Fakten oder Zusammenhänge auch auf die Gefahr der Wiederholung hin mehrfach in Erinnerung ruft, was meines Erachtens für jeden Leser, der kein absoluter Kenner des Nahen Ostens ist, sehr angebracht ist.

Dennoch erfordert die Lektüre Konzentration, was bei der Fülle der Akteure, der Länder und Regionen, der religiösen und politischen Strömungen, ihrer unterschiedlichen und konkurrierenden Antriebe und Ziele, nicht Wunder nimmt. Trotz der guten Gliederung des Stoffes, die es einem erleichtert, sich Zusammenhänge zu erschließen und einen Überblick zu erhalten, ist Chaos auf keinen Fall ein Buch, das man einfach so nebenbei konsumieren kann. Der Autor nimmt dem Leser das Denken — zum Glück — nicht ab, aber er erleichtert es einem, er bahnt uns gewissermaßen einen freilich steilen Weg in eine Region, in der wir sonst verloren wären.

Kepels Text ist eine ausgewogene Kombination aus detailreichem Nachzeichnen der zahlreichen einzelnen Konflikte und dem Aufzeigen großer Linien und Tendenzen. So leuchtet er die gesamte Region aus, die den Nahen Osten und Nordafrika umschließt, beschreibt den jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Hintergrund jedes einzelnen Landes und die Art und Weise, wie es in den großen Konflikt involviert ist. Dabei analysiert er aufs genaueste die verschiedenen religiösen Strömungen, porträtiert die einflussreichsten dschihadistischen Wortführer und ihre Ideologien ebenso wie politische Führungsfiguren, Parteien oder Bewegungen. Dieses horizontal-regional aufbereitete Material ergänzt er durch eine vertikal-chronologische Achse, auf der er einen Überblick über die zentralen Etappen und Entwicklungslinien in einem Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert herstellt. So verfolgt er insbesondere die wachsende Islamisierung der Politik im Nahen Osten und hebt die Bedeutung der iranischen Revolution hervor: 1979, der Beginn der Islamischen Republik, ist für ihn ein Schlüsseljahr, da von nun an der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten die regionalen Konflikte antreibt und verschärft; der religiös stigmatisierte Feind ist nicht mehr (nur) Israel, sondern auch die Anhänger der Schia (und umgekehrt), bevor auch der Westen zum ideologisch-religiös aufgeladenen Feindbild wird. Sehr anschaulich und nachvollziehbar beschreibt Kepel vor diesem Hintergrund auch die drei Phasen des Dschihadismus, der in der ersten Phase, als Spielfigur im Kalten Krieg, von den USA instrumentalisiert und angeheizt wurde, in der zweiten Phase mit Al-Qaida eine hierarchische Terrorstruktur errichten konnte, mit welcher der Konflikt sichtbar und spürbar auch in den Westen übertragen wurde, und in der dritten Phase schließlich, die im so genannten „Islamischen Staat“ kulminierte, die hierarchischen Strukturen durch ein System internationaler und virtueller Vernetzung ersetzte, das mittels ungebundener, lokaler Einzeltäter überall auf der Welt und längst auch in Europa den islamistischen Terror explodieren lässt.

Einen großen Raum in Kepels Text nimmt weiterhin seine Analyse der unterschiedlichen Ausprägungen und der gravierenden Folgen des „Arabischen Frühlings“ ein, den er als Euphemismus bezeichnet, da sich außer in Tunesien die Hoffnung auf eine Demokratisierung der Region nicht erfüllt hat. Schließlich richtet der Autor einen besonderen Fokus auf den noch andauernden Krieg in Syrien, für ihn ein Kernkonflikt, an dessen Ausgang sich die Weichen für die Zukunft der Region stellen werden.

Kepel macht keinen Hehl aus seinem Misstrauen in den politischen Islam, den er für das zentrale Problem der Dauerkonflikte im Nahen Osten hält. Deshalb legt er in seinem Text immer wieder den Finger in die Wunde und hebt die religiös motivierten Zwiste und Aufspaltungen sowie die gefährliche Konstruktion religiöser Feindbilder hervor, die auch alle politischen und gesellschaftlichen Konflikte ideologisch aufladen und in Verbindung mit geopolitischen Machtkämpfen ein besonders explosives Potential haben. Gleichwohl durchdringt der Autor ebenso die eine eigene Dynamik auslösende Verwicklung weltpolitischer Akteure in den Konflikt sowie die strukturellen und historischen Ursachen. Der zweite Unruhestifter neben der Religion ist für Kepel das Öl, mit dem sich nicht nur autoritäre Regime und lokale Eliten auf Kosten einer verarmenden, unter hoher Jugendarbeitslosigkeit leidenden Bevölkerung bereichert haben, sondern das im Laufe der Geschichte auch oftmals zu wirtschaftlich motivierten internationalen Eingriffen oder eben Nicht-Eingriffen geführt hat. Dass der Nahostkonflikt durch die sich überkreuzenden Interessen der internationalen Akteure stark beeinflusst wird, ist Gilles Kepel absolut bewusst. Immer wieder verfolgen diese ihre eigenen (sicherheitspolitischen oder wirtschaftlichen) Interessen in der Region, wie es der von russischer und amerikanischer Seite angetriebene Kampf um Afghanistan im Kalten Krieg ebenso veranschaulicht wie die Anti-Terror-Ideologie der hart intervenierenden amerikanischen Neokonservativen nach dem 11. September. Auch im gegenwärtigen Syrienkonflikt treten die Rivalitäten verschiedenster Akteure zutage, die zum Teil egoistisch, zum Teil zögerlich und ungeschickt taktieren, was die Unübersichtlichkeit der Situation weiter verschärft.

Aus dem Text geht auch hervor, wie verhängnisvoll schlechte Diplomatie sein kann und wie essentiell das Durchschauen der unterschiedlichen Motive für eine Beruhigung des Chaos sein wird. Kepel sieht die Region als eine große Herausforderung für Europa und macht mehr als deutlich, dass wir in diesen Konflikt — durch die Terroranschläge, die massenhafte Flucht, die wirtschaftlichen Vernetzungen — längst zu sehr verwickelt sind, um keine Verantwortung zu übernehmen.

Bibliographische Angaben
Gilles Kepel: Chaos — Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen, Kunstmann (2019)
Aus dem Französischen von Enrico Heinemann und Jörn Pinnow, Originaltitel: Sortir du chaos — Les crises en Méditerranée et au Moyen-Orient, Gallimard (2018)
ISBN: 9783956143205

Bildquelle
Gilles Kepel, Chaos — Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen
© 2019 Verlag Antje Kunstmann GmbH

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner