bookmark_borderAyad Akhtar: Homeland Elegien

Auch literarische Gattungsbezeichnungen dienen natürlich dazu, dem Leser Orientierung zu geben und ihm eine Wiederkehr an einen vertrauten Ort zu versprechen. Ganz besonders ist das bei der gegenwärtig wohl beliebtesten Gattung „Roman“ der Fall, zu welcher auch Ayad Akhtars neues Buch gehören soll. Doch die Literatur als Kunstform entzieht sich nicht selten einer solch eindeutigen Zuordnung, ja kann vielmehr gerade durch einen stilistisch gewandten individuellen, ästhetisch freien Umgang mit Sprache und Struktur an literarischer Bedeutung gewinnen.

Der Autor der Homeland Elegien erweist sich nun gerade in diesem Buch als ein Schriftsteller, der sich Einordnungen aller Art immer wieder entzieht, ein natürliches Misstrauen gegenüber einfachen Zuschreibungen hegt und mit Genuss die Widersprüche und die mal staunenswerte, mal irritierende Vielfalt, die sich dahinter verbergen, zu Tage treten lässt. So wäre, obwohl Akhtar seinem Ich-Erzähler seinen eigenen Namen gegeben hat, auch die Bezeichnung „Autobiographie“ zu kurz gegriffen, da eine Herzensangelegenheit des Autors gerade darin besteht, Fiktion und Realität, Autor und Werk, nicht vorschnell in eins zu setzen, wie das bei seinen Theaterstücken in der Vergangenheit bereits passiert ist. Nicht zuletzt ist der Text auch eine künstlerisch freie Stellungnahme zu all den in der geschwätzigen (sozialen) Medienwelt kursierenden Spekulationen über den Autor preisgekrönter und zugleich umstrittener Dramen (v.a. Disgraced aus dem Jahr 2012 über muslimische Einwanderer in Amerika). Man könnte nun eine ganze Weile weitersuchen und Begriffe wie Autofiktion, literarischer Essay, anekdotenhafte Memoiren, humoristisch-philosophisches Tagebuch gegeneinander abwägen, um sich der Besonderheit seines Textes zu nähern. Vielleicht aber kommt man diesem intellektuell erfrischenden Buch, das einen immer wieder zum Lachen bringt und charmant provokant und hellsichtig auch den empörendsten Verhaltensweisen auf den Grund geht, eher mit den folgenden Zeilen aus dem Text selbst auf die Spur. Das autofiktionale Ich beschreibt hier, welcher Art die Notizen sind, die es sich — vielleicht ähnlich wie der Autor — immer wieder über die Erlebnisse und Eindrücke des Tages macht:

Die Technik, die ich für diese Aufzeichnungen anwendete, verdankte viel dem Traumtagebuch, das ich jahrelang geführt hatte. Ich kümmerte mich nicht um die Chronologie und legte großen Wert auf Details. Je lebendiger ein Fragment, ein Geräusch, ein Bild war — und je gründlicher ich es sprachlich verarbeitete –, desto ergiebiger war das Assoziationsfeld, das es erzeugte. Der Prozess war nicht intuitiv; es war, als würde ich die ursprünglichen Sedimentschichten auf einem zutage geförderten Erzklumpen identifizieren. Der Geist erinnerte sich an das Wesentliche und vergaß die Schlacke, doch gerade die enthielt so viel Leben.

Ayad Akhtar, Homeland Elegien

Eben diese chronologische Freiheit und diese tief unter der scheinbar glatten Oberfläche grabende Detailversessenheit sind charakteristisch für den Stil des ganzen Buches, das in großen thematischen Kapiteln einzelne Episoden aus der Vergangenheit des Ich-Erzählers, seiner Freunde und insbesondere seiner eigenen Familie enthält, in denen das Dialogische stark in den Vordergrund tritt und den intelligenten, alles hinterfragenden und sehr oft (selbst)ironischen Reflexionen des Erzählers eine bestechende Anschaulichkeit verleiht. In dieser komplexen und unorthodoxen Form gelingt dem Autor ein tiefer, subtiler und einfach hochinteressanter Einblick in die latenten psychologischen und gesellschaftlichen Antriebe und Widersprüche, Bedürfnisse und Ängste der amerikanischen Bevölkerung der Gegenwart. Ob es um Verwerfungen im Bereich des Gesundheitssystems, des Finanzsektors oder um die himmelschreiende Ungleichheit zwischen ländlichen und städtischen Regionen geht, immer wieder dringt er am ganz individuellen menschlichen Beispiel auch zu ökonomischen Strukturen vor, die das Denken, die (Vor-)Urteile und Verhaltensweisen der Menschen nachhaltig beeinflussen.

Bei all seinen Beobachtungen, die in einem Ton verfasst sind, in dem frech und ernsthaft, Anteil nehmend und kritisch entlarvend, involviert und analysierend, schmerzhaft und ironisch-witzig keinen Widerspruch bilden, stehen die einzelnen Menschen und ihre individuellen Geschichten im Vordergrund. Letztlich werden auch die abstrahierenden Schlüsse, die der sich gleichfalls immer wieder selbst in seinen Motiven und Urteilen erforschende Ich-Erzähler daraus zieht, nicht als endgültige Wahrheiten präsentiert. Allen porträtierten Verhaltensweisen liegen Biographien zugrunde, die zwar einiges erklären, doch sowohl in sich Brüche und Widersprüche aufweisen, so dass ein gebildeter muslimischer Kardiologe wie sein Vater eine Zeitlang Donald Trump verfallen ist, als auch untereinander kaum pauschal miteinander verglichen werden können. Es steht dem Autor fern, sich von einer bestimmten Gruppe oder einem Kollektiv vereinnahmen zu lassen. Gleichwohl er durchaus intensiv ergründet, inwiefern auch seine eigene Herkunft ihn in seinem Denken und Fühlen beeinflusst und gleichwohl er zahlreiche scheinbar alltägliche Situationen eines schmerzhaft am eigenen Leibe erfahrenen Rassismus schildert, erhebt er das Thema „race“ nicht zur identitätsstiftenden Maxime. Der Blick bleibt konsequent auf den einzelnen Menschen gerichtet und erreicht doch gerade dadurch eine umso ausgeprägtere Differenziertheit und Diversität, die der Autor schon in den so divergierenden Ansichten in seiner eigenen Familie erlebt.

Wenn ich überhaupt etwas in der albernen Schwärmerei meines Vaters für Trump sah, dann ein menschliches Element — schwach und irrational –, und das passte nicht in das klare Bild, das Mike vom Geist Amerikas zeichnete. Als Künstler vertraute ich eher dem Durcheinander.

Ayad Akhtar, Homeland Elegien

Gerade diese widerspenstige Detailversessenheit aber macht das Buch so sympathisch und so bereichernd! Und vor allem auch zu einem großen literarischen Kunstwerk, das — so die selbstverständlich auch keineswegs unhinterfragte These der Literaturprofessorin des Ich-Erzählers — die Welt vielleicht nicht gleich besser macht, aber doch bestimmt ein wenig die Augen zu öffnen vermag und so die beste Illustration dieser in die Kunst vertrauenden These darstellt.

Bibliographische Angaben
Ayad Akhtar: Homeland Elegien, Claassen (2020)
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
ISBN: 9783546100144

Bildquelle
Ayad Akhtar, Homeland Elegien
© 2020 Claassen in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

bookmark_borderDagmar Fohl: Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt

„Wer ein Leben rettet, rettet die Welt.“ Diese Worte, die auch als Inspiration für den Titel des neuen Romans der Schriftstellerin und Historikerin Dagmar Fohl dienten, sind heute als Epitaph auf dem Grabstein des Portugiesen Aristides de Sousa Mendes zu lesen und erinnern an sein mutiges Engagement während eines der düstersten Kapitel der europäischen Geschichte. Der portugiesische Generalkonsul, der zur Zeit des Nationalsozialismus in Bordeaux in Frankreich tätig war, rettete wohl etwa 30.000 Menschen das Leben, indem er denen, die sich auf der Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime befanden, unterschiedslos und bald auch gegen die ausdrücklichen Anordnungen des faschistischen Herrschers im eigenen Lande, António de Oliveira Salazar, Visa ausstellte und Berufsethos und Menschenwürde über den eigenen Vorteil und die eigene Sicherheit erhob. Doch obwohl Sousa Mendes das Ende des Zweiten Weltkrieges um einige Jahre überlebte, starb er einsam, verarmt und ohne von dem Regime, dessen autoritäre Herrschaft in Portugal noch bis zur Nelkenrevolution 1974 fortdauerte, rehabilitiert worden zu sein. Dies geschah auch unter demokratischen Vorzeichen erst in den späten 1980er und 1990er Jahren.

Die Autorin lässt in ihrer gut recherchierten Romanbiographie Sousa Mendes selbst in der Ich-Form sprechen und macht seine letzte Lebensphase zur Erzählsituation, aus der heraus ihr Protagonist auf sein Leben und seine Taten zurückblickt. Die chronologisch strukturierten Erinnerungen dieses zu diesem Zeitpunkt schwer kranken und gebrochenen Mannes sind zugleich Lebensbeichte und Testament. Und sie sind, neben (auto)biographischen Schilderungen und historischen Einordnungen von vielen Zweifeln und Reflexionen durchzogen, mit denen er bzw. in Wahrheit natürlich die Autorin sein Handeln von mehreren Seiten beleuchtet, seinen Beweggründen nachgeht und seine auch von Sorgen und Ängsten begleiteten Entscheidungsfindungen einer selbstkritischen Prüfung unterzieht. In dieser Form kann Dagmar Fohl einerseits die keineswegs selbstverständliche Menschlichkeit dieses Mannes würdigen und andererseits der Gefahr einer allzu unkritischen Heldengeschichte entgehen.

Indem die Autorin die Selbstanalyse in die subjektive Ich-Perspektive ihres Protagonisten verlagert, kann sie dessen Geschichte auch ohne äußere moralisch-ethische Bewertungen seines Verhaltens erzählen, das keineswegs zu jeder Zeit tadellos und vorbildlich war. Es gibt durchaus auch dunklere Seiten und einen inneren Zwiespalt in ihm. Das zeigt sich vor allem an Sousa Mendes‘ streng christlicher Lebensweise, die bei ihm einerseits mit einem bestimmten Menschenbild einhergeht, das ihn in seinem Handeln für die Verfolgten bestärkt, andererseits jedoch eine gewisse Bigotterie nicht ausschließt, wenn er trotz seiner kinderreichen Ehe mit einer liebenden, treuen und loyalen Frau an seiner Seite eine geheime Beziehung mit einer viel jüngeren französischen Geliebten führt. Sousa Mendes, der aus einem alten portugiesischen Adelsgeschlecht stammt und weitläufige Ländereien besitzt und noch einige Zeit monarchistische Ansichten vertritt, steht außerdem nicht von vornherein auf der Seite der Armen und Deklassierten. Umso eindrücklicher wirkt aber vielleicht auch sein Eintreten für die Flüchtlinge, die durch politische Willkür als Staaten- und Rechtslose ganz nach unten gedrängt wurden.

Ich will aufrichtig sein und nichts verschweigen. Auch ich besaß Ländereien. (…) Es gab immerhin eine Schule, und ich wies den Verwalter an, die Bauern gut zu behandeln. Aber was bedeutet das? Auch ein Teil meiner Einkünfte speiste sich aus der Arbeit der Bauern. Ich war niemals ein Landreformer, auch ich beließ alles, wie es war. Daran hatte selbst meine Tolstoi-Lektüre nichts geändert. Ich gab Almosen an die Armen, von denen ich lebte, und fühlte mich dabei als guter Mensch. (…)

Wie widersprüchlich kann ein Mensch sein? Der Mann, der ich hätte sein mögen, lehnte den Mann ab, der ich war, und doch lebten die beiden unzertrennlich zusammen.

Dagmar Fohl, Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt

Nachdem Sousa Mendes von den Vertretern des trotz vorgeblicher Neutralität mit den Nazis kollaborierenden Regimes nach Lissabon zurückbeordert worden war, dauerte es nicht lange, bis er seines Dienstes enthoben und angeklagt wurde. Es folgten viele verzweifelte und zunehmend bittere Jahre eines vergeblichen Kampfes gegen die Verarmung und für seine Rehabilitierung. Die Verstrickung des Regimes in den Krieg, ein persönliches Ressentiment Salazars gegen den befehlsverweigernden Aristokraten, das Fortdauern des Polizeistaates in Portugal — dagegen hatten Sousa Mendes, seine Familie und seine Freunde, keine Chance, dagegen prallte jedes seiner in vielen Briefen niedergeschriebenen ethischen Argumente gnadenlos ab. Trotzdem, so entnimmt man dem Zweifeln und Ringen des hadernden, leidenden Mannes, der fast am Ende seines Lebens und seiner Hoffnung angekommen ist, blieb ihm doch eine unerschütterliche Gewissheit. Sein sozialer Abstieg und seine politische Desillusionierung waren ein zweifellos hoher Preis, den zu zahlen er — auch auf Kosten seiner Familie — jedoch in seiner seelenforschenden Rückschau für sich als alternativlos (an)erkennt: Er musste so handeln, wenn er sich selbst und seine Menschlichkeit nicht verraten wollte.

Zwar zwingt die Ich-Form die Autorin bisweilen in ein selbst gewähltes Korsett, in dem manche Selbstbeschreibung etwas aufgesetzt und ungewollt eitel wirkt, etwa wenn sie Sousa Mendes selbst sein gutes Aussehen schildern lässt. Doch außer dieser kleinen Einschränkung wird hier ein menschliches Schicksal in seiner Zeit insgesamt glaubwürdig erzählt. Und vor allem auch mit viel historischem Hintergrundwissen, das einen sehr differenzierten Blick ermöglicht, der sich hinter den meist ganz einfachen und scheinbar locker herunterzulesenden Sätzen verbirgt. Man muss sich bewusst sein, dass diese Romanbiographie weniger handlungsreiche, schillernde Szenen bereithält als nachdenkliche Reflexionen, und sich darauf einlassen, dass das Romaneske an vielen Stellen von einem verständlich geschriebenen Geschichtsbuch verdrängt wird, das sich in die komplexeren Bereiche dieser historischen Epoche vorwagt und zeigt, wie sich auch andere Länder durch Kollaboration, Wegschauen oder Profitgier an den Verbrechen des Faschismus mitschuldig gemacht haben. Doch daran wird man, genauso wie auch an das vor diesem Hintergrund umso eindringlicher wirkende Beispiel von Sousa Mendes, noch lange, nachdem man das eher schmale Buch zuende gelesen hat, mit Erschütterung denken.

Bibliographische Angaben
Dagmar Fohl: Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt – Der portugiesische Oskar Schindler, Gmeiner (2020)
ISBN: 9783839227718

Bildquelle
Dagmar Fohl, Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt
© 2020 Gmeiner-Verlag GmbH, Meßkirch

bookmark_borderJulia Phillips: Das Verschwinden der Erde

Von der ersten Seite an lässt uns die Autorin lesend eine fremde Welt entdecken, die uns trotz der unzähligen Kilometer, die uns von ihr trennen, sofort auch unheimlich vertraut erscheint. Der Schauplatz der Geschichte ist Kamtschatka, diese Halbinsel ganz am asiatischen Rande Russlands, auf der es die faszinierendsten Naturformationen gibt, Vulkane, Geysire, schneebedeckte Steppen und wilde, exotische Tiere, Bären, Robben und Riesenseeadler. Doch indem auf psychologisch sehr stimmige Weise alles durch die Augen der Figuren gesehen, aus ihrem individuellen und eben auch zutiefst menschlichen Blick erzählt wird, wirkt außer der Landschaft nichts exotisch.

Die Amerikanerin Julia Phillips debütiert hier mit einem Roman, für den sie viele Jahre recherchiert hat, auch vor Ort, sie verbrachte einige Zeit in Kamtschatka, und das merkt man dem Buch an, das nicht nur fesselnd geschrieben ist, sondern auch ein differenziertes Porträt der Bevölkerung von Kamtschatka ist und sich mit seiner Geschichte auseinandersetzt.

Ausgangspunkt und erzählerischer Rahmen ist ein Kriminalfall: Zwei kleine russische Mädchen verschwinden bei einem Ferientagesausflug an den Strand von Petropawlowsk, zuletzt werden sie gesehen, als sie zu einem unbekannten Mann in den Wagen steigen. Doch obwohl sich dieser Entführungsfall wie ein roter Faden durch die Kapitel schlängelt, bezieht die geschickt konstruierte Geschichte ihre Spannung bei weitem nicht nur aus dem mutmaßlichen Verbrechen. Mindestens ebenso spannend ist das, was wir aus den einzelnen Kapiteln, in denen jeweils eine andere Figur im Vordergrund steht, vom Leben der Menschen in Kamtschatka erfahren, von ihren ganz persönlichen Schicksalen, ihren Ängsten und Sorgen, Hoffnungen und Plänen. In dreizehn Kapiteln, die mit Ausnahme des zusätzlich eingeschobenen Silvester-Kapitels von Monat zu Monat springen, erleben wir ein ganzes Jahr auf der Halbinsel: vom August, in dem die Mädchen verschwinden, bis zum Juli des folgenden Jahres. Und in jedem dieser Kapitel oder Monate erklingt eine neue Stimme, die auch eine neue Perspektive auf die Ereignisse und einige der bereits aufgetretenen Figuren wirft, die zur Freude des aufmerksamen Lesers immer wieder unerwartet in anderen Kontexten auftauchen.

So unterschiedlich das Alter, der Charakter, die persönliche Lebenssituation, die gesellschaftliche oder ethnische Herkunft der Figuren sind, eines ist allen diesen Stimmen doch gemeinsam: Es handelt ausschließlich um Frauen bzw. Mädchen, deren weibliche Perspektive die Autorin dank ihrer geschickten Erzählkonstruktion überzeugend in ihrer Vielfalt und Differenziertheit darstellen kann. In die komplexe Auseinandersetzung mit den verschiedenen Fremd- und Selbstbildern dieser Frauen lässt die Autorin auch die gesellschaftliche Position und die familiäre Verankerung mit hineinfließen, und ebenso die Geschichte des Landes, seinen keineswegs unproblematischen Übergang von der Sowjetzeit in die postsowjetische Gegenwart, sowie das auf einer kolonialen Unterdrückungsgeschichte und Vorurteilen beruhende Verhältnis von Indigenen, Russen und Einwanderern.

Ob es sich um eine aus einer indigenen Familie stammende junge Studentin handelt, die von ihrem russischen Freund aus der Ferne kontrolliert wird und sich eine Freiheit herausnimmt, die sie schier überwältigt; um eine Frau, die mit der von ihr erwarteten Rolle seit der Geburt ihres Kindes so überhaupt nicht klarkommt, die sich eingesperrt fühlt in ihrem Zuhause, in dem sie nurmehr Mutter oder Gastgeberin ist, und die sich in Lügen und Ausweichmanöver flüchtet, um ihrem Gefängnis momenteweise zu entkommen; oder um ein verzweifeltes junges Mädchen, dessen Beziehung zur besten Freundin in die Brüche geht, da deren Mutter der Meinung ist, sie sei als Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die beruflich viel unterwegs ist, kein Umgang für die eigene Tochter: Alle diese Geschichten, von denen eine jede ungemein aufrichtig und berührend erzählt ist, sind Variationen des Verschwindens, dem all diese Frauen in unterschiedlichsten Formen ausgesetzt sind und gegen das sie sich mit all ihrer Kraft aufzulehnen versuchen. Immer stehen die Figuren an einem Kipppunkt in ihrem Leben, an dem sie sich selbst, ihre Gefühle, ihr Verhalten, ihre Entscheidungen und Abhängigkeiten in Frage stellen, sie neu betrachten und bewerten, und das ist fast immer schmerzhaft, überwältigend, mutig, oft ungerecht, empörend und manchmal auch sehr traurig oder richtig tragisch.

Das Verhalten der Protagonistinnen wird im Übrigen durchaus ambivalent dargestellt, nicht immer denken und handeln sie so, wie man sich das wünschen würde, aber gerade dadurch gewinnen sie eine Eigenwilligkeit, die dazu beiträgt, sie aus einer einseitigen Opferrolle herauszuholen. Der erzählerische Akt wird dabei zu einem Akt der Selbstbehauptung, wie es besonders eindrücklich in der Rahmengeschichte der entführten Mädchen deutlich wird. Aljona, die ältere der beiden, erzählt ihrer Schwester Sofija vom titelgebenden Verschwinden der Erde, eine Legende, mit der sie die etwas nervige kleine Schwester beim Spielen am Strand erst erschrecken wollte und die sie nun etwas anders erzählt, um Sofija und sich selbst in der existentiellen Situation der Bedrohung Mut zu machen. So wird das Erzählen zur Überlebensstrategie, zum verzweifelten Protest gegen das Schweigen der Gewalt. Der Gewalt der Auslöschung, Unterdrückung oder Indifferenz, die viele verschiedene Gesichter hat und auf das Verhältnis von Frauen und Männern, Indigenen und Zuwanderern, aber auch von Mensch und Natur bezogen werden kann.

Ihr ausgeprägtes Stilgefühl lässt die Autorin intensive emotionale Momente erschaffen, ohne Pathos oder unehrlichen Kitsch aufkommen zu lassen. Immer konzentriert auf das Wesentliche, schreibt sie einfühlsam und kritisch, lebendig, realitätsnah und existenziell. Auch auf inhaltlicher Ebene gelingt es ihr, die Balance zu halten zwischen der literarischen Darstellung der Eigentümlichkeiten des Landes und seiner so vielfältigen Bevölkerung und der Individualität ihrer Figuren. So verknüpft sie die fiktiven Biographien mit der kolonialen und (post)sowjetischen Geschichte Kamtschatkas, um sie doch zugleich als ganz persönliche Schicksale zu gestalten, in die man sich als Leser wunderbar hineinfühlen kann. Und so wie ihre Protagonisten das, was ihnen in der Geschichte widerfährt, als existenziell erleben, so durchweht auch das ganze Buch der zugleich erdverbundene und befreiende Atem menschlicher Universalität.

Bibliographische Angaben
Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde, dtv 2021
Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda
ISBN: 9783423282581

Bildquelle
Julia Phillips, Das Verschwinden der Erde
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderSusan Sontag: Wie wir jetzt leben

Die große amerikanische Intellektuelle Susan Sontag kannte ich bisher so gut wie nur von den berühmten, geradezu ikonischen Fotografien, die es von ihr gibt. Fast schon paradox angesichts dessen, was die hochgeschätzte Essayistin über das Wesen der Fotografie und die moderne Bilderflut geschrieben hat. Anstatt mich daher aber in einer der neu erschienenen umfangreichen Biographien über sie in Interpretationen ihrer Persönlichkeit zu verlieren, habe ich mich von einem ebenfalls frisch erschienenen, ganz schmalen Band mit einer kleinen Auswahl an Kurzgeschichten aus ihrer Feder verlocken lassen, um mich dieser faszinierenden femme de lettres auf literarischem Wege anzunähern. Nach wenigen Stunden atemloser und beglückender Lektüre bin ich überzeugt, dass das der richtige Weg war.

Wie wir jetzt leben versammelt auf gut 100 Seiten nur fünf Texte, in neuer Übersetzung von Kathrin Razum, die den pointierten, flüssigen und von Text zu Text sehr wandelbaren Stil Sontags stilsicher ins Deutsche überträgt. Nur fünf eher kurze Texte, aber was für ein Genuss! Jeden einzelnen von ihnen habe ich sozusagen geistig inhaliert, stets kleine innere Juchzer ausstoßend über ein kühnes Formexperiment, einen überraschenden Blick auf eine Welt, der auch Jahre, Jahrzehnte später noch punktgenau und nicht minder schmerzlich ins Wesentliche trifft. Sontag nimmt auch in ihren literarischen Texten auf ihren eigenen gesellschaftlichen Kontext Bezug, doch auf eine existenzielle Weise, mit der sie die Zeit überbrückt und schreibend ins Herz und in den Geist von uns „jetzt lebenden“ Lesern dringt.

„Wie wir jetzt leben“ ist auch der Titel der ersten Kurzgeschichte des Bandes, in der sich die Autorin mit der Aidspandemie auseinandersetzt und sich dabei auf die Form des Diskurses über die Krankheit konzentriert. Das Schreiben über die gesellschaftlichen Implikationen von Krankheit kann man als eines der Lebensthemen von Susan Sontag bezeichnen, dem sie auch in essayistischer Form nachspürte, vor dem autobiographischen Hintergrund ihrer eigenen Krebserkrankung ebenso wie im Kontext der Entdeckung des sich weltweit ausbreitenden Aids-Virus. Hier lotet sie nun sprachlich virtuos in einem vielstimmigen Textkunstwerk auf literarischem Weg aus, wie man über die Krankheit spricht, über die Angst sich anzustecken und die schambehaftete Erleichterung, selbst nicht krank zu sein, sowie über den, der an ihr leidet, über sein seelisches und körperliches Auf und Ab, seine Stimmungen und Reaktionen. Dabei kommt jedoch der Erkrankte selbst nie zu Wort, bleibt auffällig abstrakt und unsichtbar, während sich die Stimmen der Besorgten, der Optimistischen, der Rücksichtsvollen, der sich Aufopfernden, der Distanzierten usw. geradezu überschlagen.

Überhaupt ist der Autorin an Sprache viel gelegen, deren Möglichkeiten und Grenzen sie in den hier versammelten Erzählungen immer wieder auslotet. So auch in dem formal experimentierfreudigen folgenden Text, in dem sie dem komplizierten Kommunizieren über das emotional oft so unmittelbare und zugleich mittelbare, weil zeitversetzte Medium Brief in vielfältigen Varianten nachgeht. Variationen über ein Bild aus der Oper Eugen Onegin, nämlich die Briefszene der Tatjana, wechseln sich ab mit erzählerischen Passagen oder Berichten über das Briefeschreiben in Grenzsituationen, wie aus einem abstürzenden Flugzeug oder im Gefängnis vor der unabwendbaren Hinrichtung. Es geht um ein geradezu existenzielles Schreiben im Kontext von Liebe und Tod, Verlassenwerden und nicht gelebten Möglichkeiten. Auch im dritten Text steht auf eine wiederum überraschend neue Art das Schreiben im Zentrum, diesmal als Frage nach dem Potential der Fiktion im Verhältnis zur Realität. Die eigentliche Geschichte ließe sich gewissermaßen auf einen einzigen Satz reduzieren, während ein reflektierender Kommentar sich raumgreifend in den Vordergrund drängt und ein im Grunde banales Alltagsereignis fiktional verdichtet.

In der vierten Geschichte tauchen wir in die Welt der Wirkmacht der Bilder ein und damit wiederum in ein Thema, mit dem sich Susan Sontag auch in essayistischer Form auseinandergesetzt hat. Die hier gewählte literarische Form ist die eines parabelhaften, teilweise auch augenzwinkernd komischen Gesprächs zwischen einem Vogel, der als unkender Unheilsbote auftritt, zugleich aber auch den sich in die luftigen Höhen der Freiheit schwingenden Künstler bzw. die Künstlerin Susan Sontag selbst verkörpert, und einem Vertreter der Gattung Mensch, namentlich einem Nachfahren Noahs. Dieser lebt mit seinen Artgenossen noch immer in einer Arche, die ihm ein Rückzugsort vor Katastrophen jeder Art zu sein scheint, während der Vogel ihn mit Bildern von einer bedrohlichen, gewaltsamen, krankenden Welt aus seiner lethargischen, verdrängenden Abwehrhaltung zu locken versucht. Erstaunlich und eigentlich sehr traurig, dass man keine Silbe an dieser Parabel ändern muss, um ihre Bedeutsamkeit für unsere Gegenwart zu erfassen, in der Kriegsgewalt und Zerstörung der Natur auch ebenso omnipräsent wie aus der Alltagswirklichkeit gerne verdrängt sind.

Schließlich gibt der fünfte und letzte, deutlich autobiographisch gefärbte Text mit dem Titel „Wallfahrt“ auch einen literarisierten Einblick in das Leben und die Persönlichkeit der Autorin. Wir erfahren von den Familienverhältnissen, Jugendfreundschaften und vor allem von der geistigen Reifung der ganz jungen Susan Sontag, die als Teenagerin zusammen mit einem Freund den von ihr verehrten Autor des Zauberberg Thomas Mann besucht, der zu dieser Zeit im südkalifornischen Exil lebt. Diese Wallfahrt wider Willen — Susan sträubt sich von vornherein dagegen, sich der gefürchteten Wirklichkeit des idealisierten Schriftstellers auszusetzen — hat in Sontags Nacherzählung auch eine große Komik, da ihr Besuch von einer geradezu panischen Scheu und Schamhaftigkeit dominiert wird, die ihre Schatten über den ehrwürdigen Wallfahrtsort in Pacific Palisades wirft. Über dieses früh erwachte Unbehagen angesichts der Kluft zwischen Werk und Autor hinaus entwirft Sontag hier auch ein spannendes Bild der künstlerischen Avantgarde im Amerika der 1940er Jahre, zeigt den prägenden Einfluss der Exilkünstler aus Europa und schildert mit ansteckender Begeisterung ihre Leidenschaft für die Musik Strawinskys oder Schönbergs, die sie damals in Kalifornien noch persönlich erlebte.

Für mich ist dieser kleine Band mit diesen fünf so unterschiedlichen literarischen Prosastücken eine wahre Entdeckung der Schriftstellerin Susan Sontag. Jeder dieser Texte gibt einen neuen Einblick in ihre Art zu schreiben und in ihre wache, scharfsinnige, aber auch stets offene, sich Widersprüchen und Zweifeln ausliefernde Art zu denken. Darüber hinaus bieten diese Texte eine inspirierende und wachrüttelnde Lektüre gerade auch für unsere turbulente Gegenwart. Es lohnt sich, in die darin aufgeworfenen Diskurse und Gedankenexperimente einzusteigen und sie weiterzudenken, sei es was den Umgang mit Krankheit in unserer Gesellschaft betrifft, die durch das Internet inzwischen ja noch viel immanentere Macht der Bilder oder unsere Neigung, gesellschaftliche Missstände oder sich anbahnende Katastrophen zu verdrängen.

Bibliographische Angaben
Susan Sontag: Wie wir jetzt leben, Hanser (2020)
Aus dem Englischen von Kathrin Razum
ISBN: 9783446267640

bookmark_borderDon DeLillo: Die Stille

Kurzweilig und sehr beunruhigend liest sich Don DeLillos gespenstisch hellsichtig wirkendes neuestes Werk, in dem ein unerklärlicher Stromausfall nach und nach alle Infrastrukturen zum Erliegen bringt. Während sich im öffentlichen Raum ein chaotisches Tohuwabohu ausbreitet, ist die Unruhe in den Häusern eher metaphysischer Art: eine unheimliche Stille, die ein nicht genauer bestimmbares, doch auf jeden Fall noch größeres Unheil zu verkünden scheint. Zum Ausdruck kommt diese Unruhe in den subtilen Grenzüberschreitungen der Protagonisten, letztlich die einzige hier spürbare und aufs Urmenschliche herabgebrochene Form von Transzendenz.

Auf wenigen Seiten eröffnet diese an mehrdeutigen Dialogen reiche Kurzprosa, die als Theaterstück vermutlich noch eindrücklicher gewirkt hätte, einen imaginären Raum, in dem die vielen Fragen, auf die die Protagonisten ebensowenig eine klare Antwort bekommen wie wir Leser, bedrohlich zirkulieren. So entsteht bei der Lektüre ein Gefühl von Klaustrophobie, das auf apokalyptische Weise mit einem weiteren Gefühl einhergeht, dem der Haltlosigkeit und Verlorenheit in einem riesigen, letztlich unkontrollierbaren Raum-Zeit-Gebilde.

Bibliographische Angaben
Don DeLillo: Die Stille, Kiepenheuer & Witsch (2020)
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert
ISBN: 9783462001280

Bildquelle
Don DeLillo, Die Stille
© 2020 Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln

bookmark_borderSteven Price: Der letzte Prinz

Es gibt Bücher, da nimmt einen ein einziger Satz so gefangen, dass man ihn nicht mehr vergisst, weil sich in ihm der ganze Gehalt einer ehrlich erzählten und tief empfundenen Geschichte noch einmal aufs Äußerste sprachlich verdichtet.

So schwebt seit vielen Jahren der Schlusssatz von Hemingways A farewell to arms in meinem Gedächtnis, in dem sich hinter seiner sprachlichen Knappheit, ja fast Beiläufigkeit, eine tiefe Desillusion verbirgt; all das Unsagbare, was der Protagonist, der nun auch noch seine Liebste und das Baby bei der Geburt verloren hat, im Ersten Weltkrieg durchgemacht hat, kulminiert in dem scheinbar lapidaren Satz: „And he was walking back to the hotel in the rain.“

Auch in Steven Price‘ beeindruckendem neuen Roman Der letzte Prinz, in dem der Autor den Entstehungsprozess von Giuseppe Tomasi di Lampedusas erst postum erschienenem und berühmt gewordenem Roman Der Leopard und das Leben seines Autors in einer sehr poetischen Romanbiographie nachbildet, erklingt gegen Ende ein solcher Satz, den man wieder und wieder lesen muss:

Ein dunkler, sehr schöner Morgen ging auf. Seine Augen tränten, und er versuchte, sie offenzuhalten, die Welt so lange zu sehen, wie er konnte. Er lauschte dem Atem seiner Frau. Das schwarze Buch auf dem Knie seiner Frau glänzte. Wie seltsam, dachte er, dass er das Buch nicht kannte, nicht wusste, was drinstand.

Steven Price, Der letzte Prinz

Es ist sein eigenes Buch, sein Lebenswerk, das der sterbende Schriftsteller nicht mehr erkennt. Gleichwohl hier eine poetische Versöhnlichkeit durchschimmert, der Hemingway sich verwehrt, ist den beiden Sätzen doch der melancholische Ton gemeinsam, der auch der Stimmung des gesamten Buches von Steven Price entspricht. Am Beispiel des Lebens eines Schriftstellers, der über Jahre und in einem fortdauernden Kraftakt an einem einzigen Roman schreibt, in dem er die Geschichte seiner Vorfahren und letztlich auch seine eigenen Erfahrungen verarbeitet, und dessen Veröffentlichung er dann nicht einmal mehr erlebt, verbildlicht Steven Price ohne pathetische Hilfsmittel sehr glaubwürdig die ganze „conditio humana“. Es gelingt ihm, Emotionen durchscheinen zu lassen, ohne sie sprachlich zu forcieren; vielmehr liegt der Erzählung ein nachdenklicher, oft auch zweifelnder Ton zugrunde, der den Prozess des Sich-Erinnerns der Romanfigur ebenso auszeichnet wie die behutsame biographische Herangehensweise des Autors.

Während die Erzählgegenwart den Schriftsteller in seinen späten Jahren zeigt, werden kapitelweise Rückblicke eingeschoben, die bis in Giuseppe Tomasi di Lampedusas Kindheit zurückreichen. Eindrücklich wird erzählt, wie er seine schwere Lungenkrankheit lange Zeit vor seiner Frau verbirgt, weil er nicht weiß, wie er ihr diese schicksalhafte Nachricht vermitteln soll. Hier spiegelt sich wohl auch eine viel grundsätzlichere Schwierigkeit: diejenige nämlich, für das, was einen innerlich ausmacht, was einen berührt, was einem Angst macht, einen angemessenen Ausdruck zu finden. So nimmt auch das sich schier endlos in die Länge ziehende, an seinen Kräften zehrende Schreiben Lampedusas an seinem einzigen Roman, den er immer wieder umschreibt, einen großen, ja eigentlich zentralen Raum in der Erzählung ein. Der Leopard ist seine Lebensaufgabe, eine Herausforderung, die höchste Glücksgefühle und tiefste Unsicherheit bereithält.

Der Roman enthält somit durchgehend die Spannung einer doppelten Ebene, die erzähltechnisch überzeugend konstruiert ist: Price schreibt eine Romanbiographie über den letzten Fürsten der Lampedusa, indem er erzählt, wie dieser seinerseits in Romanform vom letzten Fürsten des sizilianischen Geschlechts erzählt, dessen Nachgeborener er ist. Nicht erstaunlich also, dass sich immer wieder Parallelen zwischen Price‘ Romanhelden Giuseppe di Lampedusa und Lampedusas eigenem Romanhelden andeuten, den beiden alternden Prinzen, die auf ganz unterschiedliche Weise doch beide eine im Verschwinden begriffene Welt einzufangen versuchen und zugleich an der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens zweifeln. Und so wie der alte Fürst Salina aus Der Leopard den Machtverlust in Folge der politischen Umwälzungen im Italien der Jahrhundertwende zu spüren bekommt, erlebt der nachgeborene Schriftsteller, der diesen geschichtlichen Einschnitt in Romanform verewigt hat, durch seine Krankheit und den herannahenden Tod seinerseits eine Form wachsender Ohnmacht — ein gelungenes Ineinander von Geschichte und Individuum.

In dem oben zitierten Satz zeigt sich all dies und vor allem die Erzählkunst des Autors, der für mein ästhetisches Empfinden in seinem Roman genau den richtigen Ton zwischen Nachdenklichkeit und Emotion zu treffen versteht, auch wenn es um einen so intimen, so grausamen und zugleich sublimierten Moment wie das Sterben eines Menschen geht.

Bibliographische Angaben
Steven Price: Der letzte Prinz, Diogenes (2020)
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch
ISBN: 9783257071436

Bildquelle
Steven Price, Der letzte Prinz
© Diogenes Verlag AG, Zürich (CH)

bookmark_borderBenjamin Myers: Offene See

Fast unscheinbar nimmt die Geschichte ihren Lauf und berührt einen wie mit unsichtbaren Fingern doch Seite für Seite mehr und inniger; ganz zart wird hier erzählt und im Nachklang doch so aufwühlend wie der Galopp der „weißen Pferde“, einer im Text gebrauchten Metapher für die wunderschöne, aber auch tödliche Gischt der Wellen auf der offenen See.

Komplex lässt sich das Handlungsgerüst nicht nennen, und auch die Charaktere stehen zueinander in einer geradezu klassischen Konstellation, doch die Poesie des Textes liegt gerade in seiner Einfachheit, in dem unprätentiösen Stil, der manchmal ins Naturpoetische übergeht, aber immer wieder rechtzeitig durch einen ganz praktischen Realismus, durch Pragmatik und Witz eingefangen wird. Es ist ein liebevoll erzählter Rückblick, ohne Dramatik und dafür mit einem fein dosierten, unaufdringlichen Humor, der v.a. in der kontrastierenden Charakterzeichnung und in den Dialogen der beiden Hauptfiguren zu Tage tritt.

Der 2. Weltkrieg ist gerade zu Ende, und in dieser entbehrungsreichen Zeit verlässt der Ich-Erzähler, der 16-jährige Robert, nach dem Schulabschluss seine seit Jahrzehnten dem Kohleabbau verschriebene Heimatstadt im Norden Englands und begibt sich auf Wanderschaft in Richtung Süden, um für eine kleine Weile der Enge und Vorbestimmtheit seines Lebens zu entkommen — und um endlich einmal das richtige, vom schwarzen Kohlenstaub ungetrübte Meer zu sehen!

Als Robert in Yorkshire auf ein kleines, an der Küste gelegenes Cottage stößt, das von einem großen verwilderten Garten umgeben ist, und seine Besitzerin kennenlernt, die nicht mehr ganz junge, großgewachsene, an Lebenserfahrung und Bildung reiche Dulcie Piper, endet seine Reise hier nach Kilometerzahlen bemessen zwar viel früher als geplant; doch es ist zugleich der Beginn einer wunderschönen Freundschaft zwischen zwei äußerlich ganz verschiedenen Menschen, deren behutsames Sich-Öffnen und Vertrauen-Fassen der Autor einfühlsam und nicht ohne Komik erzählt. Robert ist beeindruckt von der lebenserfahrenen, freiheitsliebenden und ihm mit so großer Unvoreingenommenheit und Respekt begegnenden Frau, die so viel von der Welt gesehen hat, tolle Geschichten erzählen kann und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Ihre Direktheit und Unkonventionalität schüchtern ihn anfangs ein wenig ein und faszinieren ihn doch zugleich, zumal Dulcie auch ein ungewöhnlich empathischer und feinfühliger Mensch ist, der sich nur auf den ersten Blick hinter einer bisweilen ruppigen Art verbirgt.

Während Robert sich von nun an um ihren Garten kümmert, bringt Dulcie ihm die Freude am guten Essen, an den vielfältigen Schätzen der Natur und vor allem an der Literatur nahe. Einzig die in die Höhe geschossene Hecke zum Meer darf Robert nicht anrühren, der den zugewachsenen Blick zur offenen See so gern wieder freigelegt hätte. Hier deutet sich eine wunde Stelle in Dulcies Seele an, ein trauriges Geheimnis, das die sonst so frei und ungezügelt lebende Frau wie eine beengende Last mit sich trägt.

Nicht überraschend, aber doch einfach schön zu lesen ist, wie die beiden Hauptfiguren sich gegenseitig wertvolle Impulse geben, die aus Vertrauen und Zuneigung entstehen. So ist die Geschichte nicht nur die Initiation eines jungen, zurückhaltenden Mannes aus einer Arbeiterfamilie in das Leben und in die Poesie, vielmehr gibt auch Robert der viel älteren Frau den entscheidenden Anstoß, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

So erfahren wir zusammen mit dem jungen Robert nach und nach die Geschichte von Dulcie, davon, was es mit der verfallenen Hütte im Garten auf sich hat, die einst ein schönes Atelier war und die Robert in dem langen, ihn vielfach prägenden Sommer mit Dulcie nun wieder aufbaut. Und wir entdecken mit den beiden zusammen ein in einer mise en abyme „Offene See“ betiteltes Manuskript mit Gedichten, die auch die eingangs erwähnten weißen Pferde der ungezähmten Meeresgischt enthalten und in denen sich die im Roman zur Sprache kommenden Themen von Freiheit, Schönheit und Tod noch einmal in lyrischer Form spiegeln.

Bibliographische Angaben
Benjamin Myers: Offene See, DuMont (2020)
Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
ISBN: 9783832181192

Bildquelle
Benjamin Myers, Offene See
© 2020 DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Köln

bookmark_borderMartin Michaud: Aus dem Schatten des Vergessens

Dass Kanada dieses Jahr Gastland der Buchmesse war, hat hierzulande einige tolle literarische Entdeckungen mit sich gebracht, und der Québecer Thrillerautor Martin Michaud mit seiner in jeder Hinsicht packenden Krimireihe um den Ermittler Victor Lessard ist eine davon!

Mich hat es richtig hineingezogen in die bis zur letzten Seite geschickt und vertrackt und überraschend gesponnene Krimihandlung, die vom Selbstmord eines Obdachlosen im Montréal unserer Gegenwart bis zurück in die 1960er Jahre und zum Attentat an John F. Kennedy führt, in der eine geheimnisvolle alte juristische Akte, fragwürdige psychologische Experimente und sogar der Geheimdienst eine Rolle spielen und in die zahlreiche namhafte Personen verwickelt sind, von denen eine nach der anderen auf brutale Weise ermordet aufgefunden wird. Will hier jemand etwas vertuschen oder im Gegenteil eine haarsträubende Geschichte ans Tageslicht bringen? Geht es um Erpressung oder um Rache, oder beruht doch alles nur auf den schizophrenen Wahnvorstellungen eines alten verwahrlosten Mannes, der sich aus Verzweiflung in den Tod gestürzt hat?

Zugegeben, am Anfang war ich etwas skeptisch, der Wechsel zwischen den Perspektiven und Zeiten wirkt erst einmal verwirrend. Doch mit jeder Seite nimmt das komplexe Konstrukt mehr Gestalt an, einzelne Puzzleteile fügen sich zueinander und bald jagt man gemeinsam mit dem Sergent Détective Victor Lessard und seinem Team atemlos neuen Spuren und Erkenntnissen hinterher. Auch die brutalen Szenen, die zu Beginn abschreckend wirken können, werden im weiteren Verlauf nicht grundlos weiter ausgeschlachtet. Der Fokus liegt vielmehr auf den zwischenmenschlichen Beziehungen und der Figurenpsychologie, nicht nur der Täter, sondern auch, und das macht meiner Ansicht nach das Buch so lesenswert, die des Ermittlerteams und selbst der nur kurz auftretenden Randfiguren. Der Autor nimmt seine Figuren ernst, gibt jeder eine eigene Geschichte, so dass auch die Polizisten nicht auf ihre Ermittlerfunktion beschränkt dargestellt werden, sondern — vor allem durch die vielen lebendigen Dialoge — genauso der familiäre Kontext und ihre Rolle im Team sichtbar gemacht werden. Man hat daher beim Lesen wirklich Menschen vor Augen, die mit all ihren Schrullen und Eigenheiten, Ängsten und Dämonen, mal amüsiert, mal kritisch, und immer einfühlsam gezeigt werden.

Da ist etwa die aufbrausende Jacinthe, die mit einer Frau verheiratet ist, einen rasanten Fahrstil und schier unstillbaren Appetit hat und Victor mit ihrer impulsiven Art und ihren Sticheleien immer wieder auf die Palme bringt, die sich aber insgeheim rührend um ihn sorgt und eine treue und mutige Kollegin ist, auf die er sich jederzeit verlassen kann. Victor Lessard selbst hat der Autor als ganz besonders vielschichtige Persönlichkeit angelegt, in der Summe vielleicht sogar ein bisschen zu vielschichtig, wovon die in einer Reihe erscheinenden Krimis stofflich aber natürlich noch weiter zehren können: Er ist eine sympathische und gepeinigte Figur, ein brillanter Ermittler, ein feinfühliger, aber keineswegs von Fehlern und Charakterschwächen freier Mensch, der schon einige Schicksalsschläge hinter sich hat, die ihre Spuren hinterlassen haben, übrigens im negativen wie im positiven Sinn. So wird auf ein schlimmes Verbrechen in seiner Kindheit angespielt, das ihn
zum Waisenkind gemacht hat, aber ebenso auf die liebevolle und ihn sehr prägende Ersatzfamilie, die er bei einem schwulen Polizisten und dessen Lebensgefährten fand. Außerdem ist er trockener Alkoholiker, geschieden und Vater zweier inzwischen erwachsener Kinder, von denen der Junge Martin ihm immer wieder Sorgen macht. Und auch die Beziehung zu seiner neuen großen Liebe Nadja, wie er im Polizeidienst, aber um einiges jünger, wird im Verlauf der Geschichte auf eine schwere Probe gestellt.

Besonders gefallen hat mir auch, dass in die große und wendungsreich erzählte Kriminalgeschichte so viele kleine Szenen eingebaut sind, in denen nicht nur die Hauptfiguren nochmal von einer anderen Seite gezeigt werden, sondern auch die Randfiguren so an Anschaulichkeit gewinnen, dass insgesamt ein dichtes und lebendiges Bild der kanadischen bzw. nordamerikanischen Gesellschaft entsteht. In einer solchen Szene tritt ein schwarzer Taxifahrer, der mit Witz und Courage ganz selbstverständlich eingreift, als Victor in Dallas verprügelt wird, für einen Moment in den Vordergrund der Handlung. Auch die Scharmützel mit Jacinthe und die erzählerischen Miniaturen, in denen auf tragikomische Weise Victors Duelle mit dem Alkohol geschildert werden, dem er in seiner Verzweiflung mehrfach beinahe wieder verfällt, bleiben einem noch lang in Erinnerung.

„Je me souviens“, „Ich erinnere mich“, heißt das Buch im französischen Original. Das Motiv der Erinnerung und des Fortwirkens der Vergangenheit durchzieht eindrücklich den ganzen Roman. Michaud erzählt eine Geschichte von Unrecht und Gewalt, die nicht selten eine schreckliche Eigendynamik entwickelt, und er stellt auf mehreren Ebenen die Frage, wie Kinder mit dem Erbe ihrer Väter umgehen, wo die Schuld ihren Ursprung hat und wo die eigene Verantwortung einsetzt.

Wer die Kriminalromane von Fred Vargas, Jean-Christophe Grangé oder Olivier Norek mag, der wird bestimmt auch an Martin Michaud seine Freude haben — ich habe ihn jedenfalls schon in die Runde meiner französischsprachigen Lieblingskrimischriftsteller eingereiht.

Bibliographische Angaben
Martin Michaud: Aus dem Schatten des Vergessens, Hoffmann und Campe (2020)
Aus dem Französischen von Reiner Pfleiderer und Anabelle Assaf
ISBN: 9783455010077

Bildquelle
Martin Michaud, Aus dem Schatten des Vergessens
© 2020 Hoffmann und Campe Verlag GmbH, Hamburg

bookmark_borderJana Taysen: Wir Verlorenen

Jana Taysen hat einen spannenden Abenteuerroman geschrieben, der in den gegenwärtigen Zeiten der Pandemie für junge Leser eine geradezu bibliotherapeutische Wirkung entfalten könnte.

Versetzt in eine postpandemische Welt, in der „die Plage“, ein noch weitaus tödlicheres Virus als Covid-19, nicht nur die Bevölkerung radikal dezimiert, sondern auch alle gesellschaftlichen Institutionen und Infrastrukturen zum Einsturz gebracht hat, erleben wir zusammen mit der jungen Protagonistin Smilla die Schrecken und Strapazen, aber auch die ganz praktischen Herausforderungen einer Welt, in der man auf beinahe nichts mehr von dem, was uns heute selbstverständlich vorkommt, vertrauen kann.

Ohne Eltern und in liebe- und sorgenvoller Verantwortung für ihre kleine Schwester ist Smilla gewissermaßen über Nacht erwachsen geworden und hat sich, als sich die Gelegenheit bot, einem Familienclan angeschlossen, da es alleine für zwei Mädchen in der neuen Welt zu gefährlich geworden ist. Denn jeder Einzelne, der die Plage überlebt hat, kämpft nun einen nicht minder gefährlichen Kampf ums tägliche Überleben. Auseinandersetzungen um Essen, Kleidung, Medizin oder einen sicheren Schlafplatz sind an der Tagesordnung, marodierende Banden ziehen umher und es gibt sogar Gerüchte über Menschenhandel und Kannibalismus. So schließt man sich am besten einer Gruppe an, in der man gemeinsam füreinander sorgt, seine individuellen Fähigkeiten und seine Arbeitskraft einbringen kann und schließlich auch die Möglichkeit des zwischenmenschlichen Austauschs hat.

Trotz aller Nähe ist die Gruppe, mit der Smilla zusammenlebt, für sie doch ein Zweckbündnis, immer wieder merkt sie, dass sie eben doch nicht vorbehaltlos zur Familie gehört. Ohnehin ein sehr reflektiertes Mädchen, gerät Smilla daher in einen inneren und bald auch äußeren Konflikt, als sie durch Zufall Falk über den Weg läuft, dem sie einst in ihrem früheren Leben Nachhilfe gegeben hatte. Verwirrende Gefühle, eine neu erwachende und mehr als riskante Sehnsucht nach Freiheit, Ausgelassenheit und Liebe, Heimlichkeiten, Misstrauen, ein böser Verdacht… Immer tiefer verstrickt sich Smilla in einen Gewissens- und Loyalitätskonflikt und gerät bald auch selbst in große Gefahr.

Das vor allem dank seiner ambivalenten Figuren überzeugende und überaus fesselnd geschriebene Buch wirft auf anschauliche Weise Fragen auf, die gerade heute viele junge Menschen bewegen dürften: Welche Werte gelten in einer Welt, die sich in einem radikalen Wandel befindet? Wem kann man vertrauen? Wie verhalte ich mich zur Natur? Was ist wirklich von Bedeutung? In Smillas Welt gelten auf einmal ganz andere Maßstäbe, mit denen auch andere ethische Prinzipien einhergehen. Nachhaltigkeit, Solidarität und ein Leben im Einklang mit der Natur sind auf einmal keine Fragen eines ökologischen Lifestyles mehr, sondern handfeste Kriterien, um zu überleben. Und auch wenn sich vielerorts Egoismus und Stammesdenken durchgesetzt haben, ist die Suche nach einem moralischen Kompass doch essentiell, das bekommt nicht nur Smilla am eigenen Leib zu spüren. Ohne einen solchen bleibt man letztlich verloren, das gilt in Smillas Welt wie in unserer eigenen.

Die Autorin lässt diese komplexen Fragen vielschichtig aus der Handlung entstehen und bindet sie in glaubhafte, nur ganz selten ein klein wenig ins Thesenhafte geratende lebhafte Dialoge ein, die nachdenklich machen und die Leser animieren, Selbstverständlichkeiten in unserem Dasein zu hinterfragen. So ermöglicht dieser Text aus der Perspektive eines zugleich starken und sich doch immer wieder in Frage stellenden, auch sehr sensiblen Mädchens eine identifikatorische Lektüre, die noch dazu unheimlich spannend geschrieben ist. Am Ende ist man dann doch erleichtert, die faszinierende und beunruhigende Rolle Smillas, in die man sich hineinversetzt hat, wieder abzustreifen und kritisch, aber auch mit einer gewissen Dankbarkeit auf die Welt unserer Gegenwart zu schauen.

Bibliographische Angaben
Jana Taysen: Wir Verlorenen, Kirschbuch Verlag (2020)
ISBN: 978-3948736064

Bildquelle
Jana Taysen, Wir Verlorenen
© 2020 Kirschbuch Verlag in der QualiFiction GmbH, Hamburg

bookmark_borderHannes Wirlinger: Der Vogelschorsch

Berührend, schmerzlich schön, vertraut und doch so unerhört ist diese Geschichte von einem jungen österreichischen Mädchen und seiner aufwühlenden Freundschaft mit dem „Vogelschorsch“, einem Jungen, der anders ist als die anderen Kinder, der sein junges Leben wie ein schweres Schicksal trägt und doch so unvergleichlich leichte, lichte, verrückte und poetische Momente entstehen lässt.

Seit der ersten Begegnung mit dem merkwürdigen Jungen, der im Nachbarhaus eingezogen ist, schlägt sein trauriges Lächeln die junge Leni, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, in Bann. Die Geschichte von ihr und dem Vogelschorsch spielt in einem österreichischen Dorf nicht weit von Linz und handelt von einer einschneidenden Zeit in ihrem jungen Leben, in der ein ländliches Paradies, das Idyll sorgloser Kindheit, eine schmerzliche Tiefe bekommt, die dem Erwachsenwerden innezuwohnen scheint. Coming of age, ja, aber erzählt in ganz eigener, sehr poetischer Manier. Denn Mystik, Innigkeit und Witz sind erzählerisch so toll ausbalanciert, dass Schönheit und Schwere der geschilderten Ereignisse einen tief treffen, ja verwunden, und doch zugleich ein Gefühl der Leichtigkeit in einem zurücklassen.

Der Vogelschorsch heißt eigentlich Georg. Er ist ein eigenwilliger und schutzbedürftiger Charakter, das spürt Leni ziemlich bald: wegen seines Andersseins, das bei den Kindern im Dorf Spott hervorruft — er kleidet sich anders, redet mit den Vögeln — und auch wegen seiner traumatisierenden Familienverhältnisse, die der Junge selbst übrigens nie zur Sprache bringt, so dass Leni seine traurige Familiengeschichte erst allmählich zu erahnen beginnt. Der Vater ist Alkoholiker, gewalttätig in seinen immer häufigeren Rauschzuständen; seine Mutter hält es irgendwann nicht mehr aus und verschwindet. Eine Zeitlang findet der Vogelschorsch Zuflucht bei seiner über alles geliebten Oma, in ihrem Garten, der etwas Paradiesisches hat; auch im Wald hat er sich einen Rückzugsort geschaffen, einen geradezu magischen Ort, an dem er mit den Vögeln kommuniziert, in denen sich die aus seinem Leben Verschwundenen für ihn reinkarnieren. Das hat aber überhaupt nichts Esoterisches, sondern ist die ungemein berührende Art, wie ein verlorener Junge mit seiner Trauer umgeht, wie er sie zur eigenen Seelenrettung in einem Akt der Fantasie, der Kreativität in etwas Schönes, Tröstliches verwandelt. Und auch bei Leni findet er Zuflucht, und sie bei ihm: Während Leni sich anfangs noch für sein aus der Norm fallendes Auftreten schämt, wird sie ihm bald zur Freundin, zur Vertrauten, die zu ihm hält — so gut sie es eben vermag; denn während der Vogelschorsch eine Demütigung, einen Schicksalsschlag nach dem anderen verarbeiten muss, ist Leni mit ihren vergleichsweise harmlosen, ein heranwachsendes junges Mädchen gleichwohl überfordernden Problemen beschäftigt: mit den ersten verwirrenden, aufregenden und schmerzhaften Liebeserfahrungen und mit der ohnmächtigen Sorge um ihre Eltern, die kurz vor einer Trennung stehen.

Vor dem Hintergrund dieser schmerzlichen Erfahrungen hebt sich umso poetischer die wunderbare Freundschaftsgeschichte der beiden ab: Zart und holprig entsteht das Band zwischen Schorsch und Leni, wird unmerklich fester, schafft eine Verbundenheit zwischen den beiden, die auf einer ganz anderen Ebene wirkt als Lenis ausgelassene und turbulente Freundschaft zu den anderen Nachbarsjungen, dem blonden Mühlbauer Max und dem dunkelhaarigen Lederer Lukas. Während Leni mit den beiden Schulkameraden, mit denen sie Seite an Seite aufgewachsen ist, nun auf einmal die Wirren und Emotionen der ersten Liebe, der ersten Enttäuschung, der ersten Versöhnung erlebt, ist ihre Beziehung zum Vogelschorsch in vieler Hinsicht ungewöhnlich, ist behutsamer, tiefer. Man fühlt sich hier an die poetische Beschreibung der Freundschaft bei Antoine de Saint-Exupéry erinnert, an den Vorgang des „apprivoiser“, des gegenseitigen Zähmens, sich Annäherns, das Zeit braucht, dann aber eine wunderschöne und schmerzliche ewige Verantwortung füreinander schafft.

Dieses poetische, sich zart formende Freundschaftsbild verdankt sich ganz besonders auch der Sprache, in der diese Geschichte erzählt wird. Lenis oft widerstreitende Gefühle werden ganz wunderbar wiedergegeben, ihre impulsive Wut genauso wie ihre Hingabe und Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Nachsinnen über die eigenen Fehler genauso wie ihr — nicht immer ganz — gerechter Zorn über die Gemeinheiten der anderen. Es gelingt dem Autor, aus ihrer Perspektive die Tiefe der Empfindungen eines jungen Menschen zu zeigen, der aus der Kindheit gerade herauswächst. Hannes Wirlinger nimmt seine Protagonisten ernst und bedenkt sie dennoch immer wieder mit einem Schmunzeln; er zeigt verletzte Teenagerseelen, die von neuartigen Gefühlen wie Verliebtsein und Eifersucht überwältigt werden. Das alles schildert er seinen Lesern in einer einfach köstlichen, anrührend-komischen Sprache, in der er sich seiner Ich-Erzählerin glaubhaft annähert, ohne in die Falle einer von oben herab erzählten Jugendsprache zu fallen. Seine charmant-freche österreichische Direktheit des Gefühlsausdrucks erinnert ein wenig an Christine Nöstlinger, die sich in ihren Kinder- und Jugendbüchern der Verletzlichkeit, den Nöten und Ängsten, und ebenso der Neugier, Leidenschaft und Begeisterung ihrer jungen Protagonisten ähnlich empathisch annähert. Ziemlich witzig wirkt bei Wirlinger zum Beispiel das im Laufe der Erzählung unzählige Male provokativ wiederholte „epitheton ornans“, das die verärgerte Erzählerin ihrer Konkurrentin und Schulkameradin gibt, der „Feichtinger Simone. So eine blöde Kuh.“ (Variation: „das Miststück“.) Man muss unweigerlich lachen, wenn sich Leni sprachlich so über ihre Rivalin empört, die aus einer wohlhabenderen Familie kommt und sie bei den Jungs mit einem Labrador und einem Swimmingpool im Garten ausstechen will, und kann sich doch zugleich so gut mit ihrer ohnmächtigen Empörung identifizieren.

Unbedingt zur Sprache kommen müssen hier auch noch die absolut bestechenden, sehr atmosphärischen Illustrationen von Ulrike Möltgen, die als schwarz-weiße Kohle- und Tuschezeichnungen, teilweise collagenhaft mit in die Zeichnung integrierten Materialien wie Fäden und Haaren zusammengestellt, die einzelnen Kapitel begleiten und sich wunderbar in den Zauber der Geschichte einfügen. Die in einem märchenhaften (Sur)Realismus gestalteten Bilder fangen großartig die Stimmung ein, unterstreichen das Psychologische und verleihen dem Text eine metaphysische Ebene, auf der die tieferen Ängste und seelischen Nöte, aber auch die geheimen Sehnsüchte der jugendlichen Protagonisten, die diese vielleicht selbst noch nicht klar formulieren können, einen nachwirkenden bildhaften Ausdruck finden.

Ein wunderbares Gesamtkunstwerk, in dem Lachen und Weinen ganz nah beieinander liegen und das nicht nur für Jugendliche wahrhaft zauberhaft zu lesen ist!

Bibliographische Angaben

Hannes Wirlinger: Der Vogelschorsch, Jacoby & Stuart (2019)
Mit Illustrationen von Ulrike Möltgen
ISBN: 9783964280312

Ab 14 Jahren

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner