bookmark_borderJanna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Romane, die aus der Perspektive junger Menschen die Frage nach der Art und der Möglichkeit von individuellen, die Freiheit nicht einschränkenden und dennoch Halt gebenden Beziehungen ausloten, haben gerade Konjunktur; Leif Randt ist mit Allegro Pastell für den Leipziger Buchpreis nominiert (vgl. Rezension vom 13.5.2020), Fehlstart, der Erstling der Französin Marion Messina, erhält — zu Recht — ebenfalls große Aufmerksamkeit (vgl. Rezension vom 6.4.2020). Trotz aller inhaltlichen und stilistischen Unterschiede drücken sie alle doch ein ganz ähnliches Lebensgefühl aus, das auch die 1982 geborene Janna Steenfatt in ihrem Roman Die Überflüssigkeit der Dinge auf überzeugende, sehr reflektierte und berührende Weise zur Sprache bringt: Es lässt sich umschreiben mit den Begriffen der Vorläufigkeit, Unschlüssigkeit, der Halt- und Bindungslosigkeit, Rast- und Ratlosigkeit, der Angst vor und zugleich dem innigen Wunsch nach einer Stabilität, deren genauen Inhalt man aber nicht zu definieren weiß:

Wir wollten uns nicht festlegen, aber wir waren gespannt, wie lange wir so leben würden, in vorläufigen Wohnsituationen, mit vorläufigen Jobs und vorläufigen Lieben. Ich hatte immer geglaubt, es würde sich im Laufe der Jahre herauskristallisieren, wohin das alles führen sollte, allein, es kristallisierte nicht, und für manche Dinge war es jetzt schon zu spät.

Jana Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Ina Mayer, die Hauptfigur und Erzählerin in Steenfatts Roman, erzählt mit Humor und Selbstironie, aber auch mit großem Feingefühl von ihrem Leben, in dem sich der passende Job, der passende Partner, der passende Lebensstil noch nicht „herauskristallisiert“ haben:

Ich hatte eine schwammige Idealvorstellung von einem Beruf ohne Kollegen, ein Beruf, der es mir erlaubte, meine eigene Toilette zu benutzen, und den ich theoretisch nackt ausüben konnte.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Ihr geisteswissenschaftliches Studium hat sie direkt in die Arbeitslosigkeit geführt, sie wohnt in einer WG zusammen mit Falk, der nach anfänglichen Ambitionen, die Fotografie als Kunst zu betreiben, eine feste Stelle als Leichenfotograf hat, Ina gerne fotografiert und irgendwie mehr ist als ihr Mitbewohner — ihr bester Freund, fast ein Bruder, oder doch ein potentieller Ehemann? — und gerade eben hat sie ihre Mutter verloren, eine ehemalige Theaterschauspielerin, die mit dem Auto verunglückt ist — oder war es Selbstmord?

In Inas Leben sind viele Dinge unklar, viele Dinge, die darauf warten, aufgearbeitet zu werden, allen voran die Beziehung zu ihrer Mutter, mit deren Nachlass sich der Tod und die Überflüssigkeit materieller Dinge in Inas Bewusstsein drängen, doch ebenso auch viele Erinnerungen und der beängstigende, aber nicht zu vertreibende Gedanke, endlich den Kontakt zu ihrem Vater, einem Regisseur, aufzunehmen, der bereits vor Inas Geburt aus dem Leben ihrer Mutter verschwunden ist. Als sie hört, dass er bald in Hamburg, in der Stadt, in der sie wohnt, den Sommernachtstraum von Shakespeare inszenieren wird, fängt sie einen Job in der Kantine des Theaters an, um in seine Nähe zu kommen. Wie sie dann weiter vorgehen wird, weiß sie noch nicht: „Ich war extrem schlecht darin, Dinge zu Ende zu denken“, sagt die Erzählerin von sich selbst. Sie hat keinen durchdachten Plan, weder dafür, wie sie dem Regisseur eröffnen soll, dass sie seine Tochter ist, noch für irgendetwas anderes in ihrem Leben. Dahinter stehen Unentschlossenheit und Angst: davor, sich festzulegen oder auch zurückgewiesen zu werden; auf der anderen Seite ahnt sie mit wachsender Besorgnis, dass sie sich nicht ewig weiter so treiben lassen kann, oder vielmehr, dass sie das sehr wohl könnte, aber dass in ihrem Leben dann vielleicht auch nichts mehr passieren wird, das von Bedeutung ist:

Die letzten Jahre waren in einer Art Lähmung verstrichen, einer Mischung aus Furcht und Ungeduld, und das Warten auf das richtige Leben machte bereits der unguten Ahnung Platz, dass es das hier tatsächlich schon sein sollte.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Ihr halbherziges Handeln illustriert die Gleichzeitigkeit des Ungenügens mit ihrer Situation und einer angstbehafteten Ratlosigkeit darüber, wie und in welche Richtung sie diese verändern könnte. Gleiches gilt auch für ihre von großer Unklarheit geprägten Beziehungen, die keinesfalls kalt oder lieblos sind, doch aufgrund ihrer Uneindeutigkeit immer wieder Anlass zu Missverständnissen und Verletzung geben. Die Liebe, die Falk ihr schenken würde, sowie sie darauf eingehen würde, versucht sie zu ignorieren, es stört sie nicht, dass alle anderen, allen voran ihre Mutter, denken, dass sie ein Paar sind, und doch ist es ihr lieber, eine sehr intime, aber eben zu nichts verpflichtende Freundschaft zu führen. So stößt sie, ohne es zu beabsichtigen, Falk immer wieder vor den Kopf, während es ihr mit der androgynen Schauspielerin, in die sie sich verliebt, genau andersherum ergeht, da diesmal sie selbst auf Abstand gehalten wird. Die Unverbindlichkeit verunsichert sie und erfüllt sie nicht, doch sie schweigt darüber, da sie — man fühlt sich an zahlreiche Interview-Beispiele aus Eva Illouz‘ Buch über „negative Beziehungen“ erinnert (vgl. Rezension zu Warum Liebe endet) — Angst davor hat, mit ihrem Wunsch nach Bindung die instabile offene Beziehung zu zerstören:

Sie auf solche Dinge anzusprechen konnte alles beenden, und diese Angst war meine größte: dass alles enden könnte, ehe es richtig angefangen hatte.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Der Satz charakterisiert im Grunde die Struktur des ganzen Romans und ist auf die widersprüchliche Beziehung Inas zu den anderen Figuren übertragbar, insbesondere zu Falk und ihrem Vater.

Besonders hervorheben möchte ich auch die schöne und ehrliche Sprache, die — ausgehend von einem sich selbstironisch gegen Pathos und Selbstmitleid wappnenden, nur scheinbar abgeklärten trockenen Humor — immer wieder in die Tiefe der Dinge führt und die eine sehr reflektierte Erzählerin mit Gespür für das Unterschwellige und Subtile hervorbringt, die im Laufe ihrer feinnervigen Beobachtungen und Gedankengänge mehr und mehr begreift, was ihr jenseits der Überflüssigkeit der Dinge wichtig ist.

Andere Menschen passierten einander, aber ich passierte niemandem, und niemand passierte mir. Bis Paula mir passiert war. Ich hatte das Gefühl, sie gefunden zu haben, aber sie fand mich nicht, und diese Erkenntnis machte mich fassungslos und unbeherrscht (…).

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Trotz der Rückschläge, die Ina einstecken muss, gibt sich der Roman nicht mit der Desillusionierung der Leser zufrieden; die Protagonistin durchläuft aller Zögerlichkeit zum Trotz einen Prozess, der sie dazu führt, eine andere Gewichtung der Dinge vorzunehmen bzw. sich der Gewichtung der Dinge in ihrem Leben trotz aller Vorbehalte überhaupt zu stellen. Nicht zufällig hat die Autorin die Metapher des freien Falls in ihre Geschichte integriert, über den Ina gegen Ende des Romans reflektiert, indem sie ihn halb im Scherz als ihre persönlich bevorzugte Methode des Selbstmordes bezeichnet. Die abstrakte Sehnsucht, sich einfach fallen zu lassen, wird eingetrübt durch die Tatsache, dass die Schwerkraft binnen Sekunden zum schmerzhaften Aufprall führt. Inas Leben in der Schwebe ist ein provisorisches Konstrukt, das in der Realität auf Widerstand stößt und mit ihren eigenen Wünschen kollidiert. Doch es fällt ihr schwer, sich fallen zu lassen und das Risiko einzugehen, damit auch eine gewisse Schwere und Ernsthaftigkeit in ihr Leben zu lassen:

Ich hatte noch nie zu jemandem Ich liebe dich gesagt. Es hatte sich nie ergeben. Ich dachte, dass es Dinge gab, die größer und schwerer wurden, wenn man sie aussprach, sie in die Welt ließ, in der sie nichts zu suchen hatten.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Falk, meine heimliche Lieblingsfigur, ist in dieser Hinsicht Inas Gegenpol. Er gewichtet die Dinge anders als Ina und wirkt bisweilen auf anrührende Weise altmodisch. Für ihn haben Rituale und Symbole noch eine Bedeutung, weshalb er es ist, der auf der Seebestattung von Inas Mutter besteht, der auch ihre Katze in die gemeinsame WG holt und das überlebensgroße Theaterposter der Mutter in die Wohnung hängt, bevor es Ina, die Angst vor jedem Ballast hat und sich von den Dingen befreien möchte, erbost wieder herunterreißt. Falk ist es auch, der für Ina kocht, mit ihr betrunken ist, mit ihr intime Gespräche führt und sie auch ohne Worte durchschaut, aber nie zu einer Einsicht zwingt. Ina beobachtet an ihm eine etwas unzeitgemäße, aber irgendwie sympathische

Ernsthaftigkeit (…), mit der er so oft Dinge tat, die ich höchstens unter dem Deckmantel der Ironie zu tun imstande war; ein Wesenszug, um den ich ihn im Grunde beneidete.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Zum Abschluss noch ein Beispiel für das subtile Erzählen der Autorin: Es gibt eine Schublade in der WG, in der Ina einmal einen Stapel Selbstporträts von Falk entdeckt hat, von denen sie vermutet, dass er sie womöglich absichtlich dort platziert hat, die sie trotzdem mit einer gewissen Scheu erfüllen — er weint auf diesen Bildern — und so sehr beeindruckt haben, dass sie von Zeit zu Zeit heimlich die Schublade öffnet und die Fotografien betrachtet. In eben dieser Schublade findet sie nach dem Tod ihrer Mutter auch einen Zettel, auf der sie und Falk die Nummern ihrer Eltern aufgeschrieben haben: „Falls mal was ist“:

Ich stand vor der Kommode, den Zettel in der Hand, unschlüssig, was zu tun war, mit all diesen Dingen, die mit einem Mal überflüssig geworden waren.

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

Doch ganz so überflüssig scheint ihr der Zettel — ebenso wie die Fotografien von Falk — doch nicht zu sein, so lässt es das Bild der zögernden Ina erahnen: Handelt es sich wirklich nur ein wertloses Stück Papier oder nicht auch um eine Erinnerung, um ein Zeichen für ihr gegenseitiges Vertrauen? Letztlich kann niemand Ina die Entscheidung abnehmen, welches Gewicht sie ihrem Leben, ihren Beziehungen geben kann oder mag. In diesem Dilemma von Autonomie- und Bindungsbedürfnis, das ein Wesensmerkmal unserer Gesellschaft geworden zu sein scheint, dürften sich viele Leser in ihr wiederfinden…

Bibliographische Angaben
Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge, Hoffmann und Campe 2020
ISBN: 9783455008319

Bildquelle
Janna Steenfatt, Die Überflüssigkeit der Dinge
© 2020 Hoffmann und Campe Verlag GmbH, Hamburg

bookmark_borderJorge Comensal: Verwandlungen

Welch groteske, absurde, witzige, wilde und zugleich tief berührende, emotionale, weise Erzählung der junge mexikanische Autor Jorge Comensal mit seinem ersten Roman aufs Papier gezaubert hat!

Ein ziemlich zerrupfter, in Schimpftiraden geübter und sehr eigenwilliger Papagei wird zum letzten Wegbegleiter eines ebenso eigenwilligen, eben noch eloquenten Rechtsanwalts und etwas dominanten Familienvaters, der durch eine bösartige Verwandlung, nämlich durch die Mutation einer Krebszelle, seine Zunge verliert, die ihm herausoperiert wird, und der, derart seiner Sprachmächtigkeit beraubt, um seine von allen Seiten angegriffene Autorität und Würde kämpft.

Darf man mit Humor, Witz und Sarkasmus eine Krebsgeschichte erzählen? Ja, unbedingt, wenn man es so macht, wie Jorge Comensal! Gerade dadurch, dass er sich mit seinem Erzählstil von der einseitigen und passiven Leidensperspektive löst, die den Patienten auf seine Krankheit reduzieren würde, wird er dem von Schrecken, Ohnmacht und Verzweiflung begleiteten unermesslichen Kraftakt des leidenden Menschen überhaupt erst gerecht, ist dieser doch nicht ausschließlich Leidender, sondern immer noch ein Mensch mit durchaus ambivalenten Seiten.

Der leidende Empörer, Ramón Martinez, der in dem vom treuen Hausmädchen Elodia sehr zum Unwillen seiner Gattin angeschleppten Papagei, den er nach dem mexikanischen Reformer und Staatsmann Benito (Juárez) nennt, ein anarchisches Sprachrohr all der Wut und des Widerstands findet, die er selbst nicht mehr oder nur noch mit äußerster Mühe und der Umständlichkeit handschriftlicher Notizen artikulieren kann, steht im Zentrum der Geschichte, als deren zweite Hauptfigur die Lacan’sche Psychoanalyse und die an Mutationen („las mutaciones“ ist auch der spanische Originaltitel) reiche Geschichte des Krebs konkurrieren.

Ramón, dessen Innenschau hauptsächlich seine verzweifelt nach Ventilen suchende Wut auf seine eigene Ohnmacht sowie auf das Verhalten der anderen, allen voran seines geldgierigen Bruders, offenbart sowie seine mehr praktischen als philosophischen Überlegungen, wie er seinem unerträglich gewordenen Leben rechtzeitig ein selbstbestimmtes Ende geben kann, ist selbst eine tragikomische Figur. Denn auch wenn er ein liebender Vater und Ehemann ist, als Anwalt für Gerechtigkeit eintritt und sein in Not geratenes Hausmädchen Elodia beschützt und unterstützt, weist er auch paternalistische Züge auf, die durch die Krankheit umso eindrucksvoller sabotiert und demontiert werden können. Er ist dadurch nicht primär als Opfer gezeichnet, sondern bleibt ein Mensch mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten, der wortwörtlich unsagbar darunter leidet, mehr und mehr seine Autonomie zu verlieren. Und so lauert hinter der zutiefst komischen Oberfläche der grotesken und absurden Szenen, die sich im Zuge des Aufbäumens gegen das Erstummen abspielen, eine abgründige Erfahrung aus den Tiefen der conditio humana: Der schlimmste Schmerz kann auch durch die palliative Medizin nicht gestillt werden, der des Bewusstseins der eigenen Ohnmacht und des eigenen Verfalls.

Daneben erzählt der Roman auch die Geschichte von Teresa, einer auf Krebspatienten spezialisierten Psychotherapeutin, die selbst eine Krebserkrankung überlebt hat und in einer vielschichtigen, nicht immer ganz eindeutigen, vielleicht zu involvierten Beziehung zu ihren Patienten steht, worüber sie mit ihrer Supervisorin ausführliche Gespräche führt, in denen sie selbst auf der Couch liegt, und die außerdem zur Linderung der seelischen Schmerzen Marihuana für ihre Patienten anbaut, von dem sie sich von Zeit zu Zeit selbst eine kleine Dosis abzweigt. Ihr jüngster Patient ist Eduardo, der als Kind an Leukämie erkrankte und längst geheilt ist, doch seine Angst vor der Krankheit durch eine extreme Phobie vor Keimen jeder Art substituiert hat, die für allerlei absurde Komplikationen in seinem Alltag sorgt, der zum permanenten Ausnahmezustand wird, und ihn in ein unüberwindliches Dilemma stürzt, als er sich in eine Kommilitonin verliebt, die mit Vorliebe an ihren Bleistiften saugt. Und schließlich ist auch der Onkologe Almada, der im Erbgut von Ramóns amputierter Zunge schon die Verheißung eines internationalen Durchbruchs in der genetischen Krebsforschung sieht, in Comensals grotesken Kosmos der Mutationen involviert.

Die Literatur vermag hier etwas, was die Realität einer Krankheitsgeschichte übertrifft und ihr dennoch auf äußerst humane Art eine tiefere Wahrheit abtrotzt: im Angesicht des Schlimmsten herzhaft zu lachen und das nicht aus Bosheit oder Unwissen, sondern im vollen Bewusstsein des menschlichen Schicksals.

Bibliographische Angaben
Jorge Comensal: Verwandlungen, Rowohlt (2019)
Aus dem Spanischen von Friederike von Criegern
ISBN: 9783498025410

Bildquelle
Jorge Comensal, Verwandlungen
© 2019 Rowohlt Verlag

bookmark_borderPeter Michalzik: Die Liebe in Gedanken

Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke

Eine wunderschöne Reflexion über die Vielschichtigkeit der Liebe und ihre Verbundenheit mit der Sprache der Poesie!

Michalziks Geschichte ist leidenschaftlicher Briefroman, fiktionalisierte Teilbiographie dreier berühmter Dichter des 20. Jahrhunderts und Essay über die Liebe, ihre Ausdrucksformen gestern und heute, über die Geschichte der 1920er Jahre in Europa und die Anfangszeit der Sowjetunion in einem.

Im Prinzip ist die ausschließlich in Briefform stattfindende Liebesgeschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke — wenngleich literaturhistorisch dokumentiert — eine (Re-)Konstruktion, die einer fixen Idee von Pasternak romaneske Gestalt verleiht. Denn der junge russische Dichter, der Zwetajewa und ihre schonungslose Art zu leben und zu dichten ebenso oder sogar noch heftiger verehrt wie sein großes Idol Rilke, initiiert beflügelt oder eher wahrhaft berauscht von der ihm schicksalsträchtig erscheinenden Gleichzeitigkeit einer anerkennenden Erwähnung seiner Dichtung in einem Brief des berühmten Rilke an seinen Vater und der ihm von Zwetajewa zugesandten Abschrift ihres „Endgedichts“, in dem er sich selbst als Adressaten des unglücklich liebenden lyrischen Ichs zu erkennen meint, einen Briefwechsel zu dritt, ähnlich einer ménage à trois. Das Projekt ist nur von kurzer Dauer, doch ruft es trotz oder gerade wegen der durch die Briefform garantierten körperlichen Trennung der drei schreibend Liebenden einen wahren Sturm der Gefühle — und davon kaum zu unterscheiden: der Poesie — hervor.

Michalzik kombiniert in seinem Text überlieferte Briefpassagen mit ihrer über die literaturwissenschaftliche Nachvollziehbarkeit hinausgehenden Einbettung nicht nur in den biographischen Kontext, sondern bis ins Innerste der Gedanken und Gefühle, tief in die Seelenzustände der Charaktere hinein. Das ist ungemein fesselnd zu lesen, denn durch die einfühlsame und sorgfältig vorrecherchierte Erzählung des Autors erwachen die Figuren der Literaturgeschichte zum Leben: Man ist mit im Raum, wenn Pasternak in seiner überfüllten Wohnung verzweifelt versucht, seine eigene Dichtung voranzubringen oder wenn er bewundernd und eifersüchtig Marina Zwetajewas per Briefboten gesandte Gedichtproben liest. Ebenso vermeint man, das Rauschen des Meeres im französischen Ferienort zu hören, das Zwetajewa die nötige äußere Ruhe zum Arbeiten schenkt, während sie innerlich aufgewühlt die leidenschaftlichsten Gedicht- und Briefzeilen verfasst. Auch den schwerkranken Rilke in seinem Schweizer Kurort hat man vor Augen, der dort von Ferne und über die Briefe doch ganz intim und nah, zugleich irritiert und fasziniert, in die turbulente Briefbeziehung Pasternaks und Zwetajewas hineingezogen wird.

Und so verzeiht man dem Autor auch die gelegentlichen Redundanzen, die seiner Herangehensweise an die Einfühlung in die Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren geschuldet sind. Michalzik versucht, den Figuren Schritt für Schritt näherzukommen, sie einzukreisen, sie von verschiedenen Perspektiven aus zu betrachten. Das ist durchaus unkonventionell, denn letztlich entzieht sich der Text damit einer eindeutigen Zuordnung zu einer klar definierten Textsorte: Handelt es sich um einen erweiterten Briefroman? Um eine literarische Biographie oder um eine biographisch-literaturwissenschaftliche Abhandlung? Ist der Text Fiktion oder Wissenschaft, Roman oder Essay?

Besonders spannend wird es, wenn der Text gleichzeitig sein eigener Kommentar ist. Dafür sorgen die essayistischen Diskurse, in denen die Handlung in einen historischen oder soziologischen Kontext eingeordnet wird und die z.B. die Textsorte „Brief“ im Zusammenhang mit den kommunikationstechnischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts erörtern oder — Anregungen der Soziologin Eva Illouz aufgreifend — den Wandel der (romantischen) Beziehungen beschreiben und damit den Bogen auch in unsere Zeit schlagen, die sich dem Medium Brief ebenso wie der poetischen Sprache der Liebe längst entfremdet zu haben scheint.

Die Sehnsucht ist uns jedoch noch nicht ganz fremd geworden, das merkt man, wenn man von dieser spannenden „Liebe in Gedanken“ in Bann geschlagen wird. Mag sie auch aus der Zeit gefallen sein — was Michalzik aus ihr gemacht hat, ist lebendige Literaturgeschichte vom Feinsten!

Bibliographische Angaben
Peter Michalzik: Die Liebe in Gedanken – Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke, Aufbau Verlag (2019)
ISBN: 9783351037673

Bildquelle
Peter Michalzik, Die Liebe in Gedanken – Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke
© 2019 Aufbau Verlag GmbH & Co KG, Berlin

bookmark_borderJérôme Ferrari: À son image

Mit seiner unvergleichlichen Sprache hat mich Jérôme Ferrari, den man in Deutschland vor allem durch seine Korsika-Trilogie kennt, auch in sein neues Buch tief, fast zu tief hineingezogen, man entkommt seiner Geschichte nicht unberührt, so wie die Figuren seines Romans der Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht unverletzt entkommen. Fasziniert und betroffen habe ich das Leben der jung verunglückten (Kriegs-)Fotografin Antonia im Rhythmus der Perspektiven und Zeiten zu einem virtuosen literarischen Gesamtkunstwerk fügenden Erzählerstimme miterlebt und mitreflektiert. Wäre der geschriebene Text eine Predigt, an den Lippen eines Priesters abzulesen, man würde an ihnen hängen bis zum letzten Wort, bis die Messe vorüber ist. Mit diesem Bild befindet man sich auch schon beinahe in dem poetisch-metaphysischen Raum, den Ferrari für seinen Roman geschaffen hat.

Antonia, die im Zentrum des Romans stehende junge Frau, verunglückt 2003 auf der Heimfahrt von Calvi, wo sie eine Hochzeit fotografiert hat, tödlich. Der Zufall oder das Schicksal hat sie kurz zuvor noch mit dem Kriegsveteranen Dragan zusammengeführt, den sie das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen hatte, als sie ihn für eine Reportage über den Jugoslawienkrieg fotografiert und begleitet hatte. Ihr Leichnam wird in ihrem Heimatdorf aufgebahrt, die zwölf Kapitel des Romans entsprechen Abschnitten aus der katholischen Totenmesse, die von ihrem Patenonkel gehalten wird, der zugleich die Rolle des Priesters, des liebenden und trauernden Verwandten sowie in großen Teilen auch die eines personalen Erzählers einnimmt, aus dessen Innenschau wir das meiste über Antonias Leben erfahren.

Die Lebensgeschichte Antonias verknüpft Ferrari aufs Engste mit einer Geschichte der Fotografie, indem er tiefgründige Reflexionen über das Wesen dieses Mediums und seine Funktion für die Geschichte des 20. Jahrhunderts in die Erzählung integriert. Das intime Band zwischen Fotografie und Tod zieht sich durch den gesamten Roman, so dass man immer wieder an Roland Barthes‘ berühmten Essay über die Fotografie, La Chambre claire (Die helle Kammer), erinnert wird, an seine Beschreibung von Bildern zum Tode Verurteilter und auch an seine Definition des geheimnisvollen „punctum“, des Zufälligen der Fotografie, das emotional, unbewusst und eben auch gewaltsam auf den Betrachter wirkt und ihn verwundet. Von daher ist es nur konsequent, wenn Ferrari in seinem Roman auch der Affinität der Fotografie zur Gewalt auf den Grund zu gehen versucht, ihre Funktion im Krieg, ihre Neigung zur Obszönität oder zur symbolischen Überfrachtung erforscht sowie ihrer oft nur dem Zufall zu verdankenden Bedeutung oder eben auch Bedeutungslosigkeit nachgeht.

Jedem Kapitel ist eine Bildunterschrift vorangestellt, jedoch ohne den Abdruck der zugehörigen Fotografien, die sich meist aus der Imagination des Autors speisen, der diese fiktiven Bilder mit großer Suggestionskraft aus der Erzählung der Geschichte hervorgehen lässt. Zum Teil handelt es sich auch um real existierende Fotografien, die Ferrari — so liest man im Nachwort — zu seiner Geschichte inspiriert haben, ebenso wie auch die fiktionalisierten historischen Figuren, deren Fotografen-Biographien er in die Erzählung einbaut. Auf diese Weise ist dem Roman eine Meta-Ebene eingeschrieben, die aber an keiner Stelle den Lesefluss oder die poetische Bildersprache unterbricht, vielmehr der Geschichte noch mehr Dichte und Tiefe verleiht. Denn so wie die korsische Biographie Antonias und ihrer Familie und Freunde, darunter viele Separatisten, auf der Makroebene die Geschichte des 20. Jahrhunderts, seiner Gewalt und seiner Kriege, widerspiegelt, wird die fotografische (Sinn-)Suche der jungen Frau auch in eine universelle Beziehung gesetzt zu den über das visuelle Medium aufgeworfenen Fragen nach dem Verhältnis von Ästhetik und Verantwortung, Idolatrie und Wahrhaftigkeit, Oberflächlichkeit und Obszönität.

Spannend ist in dieser Hinsicht auch die religiöse oder eher metaphysische Dimension, in der sich der Text bewegt, was schon durch den liturgischen Rahmen der Erzählsituation deutlich wird, und die sich immer wieder in den assoziativ sich hin und herbewegenden Gedanken und Erinnerungen des Priesters manifestiert. Der Priester selbst hat bezeichnenderweise als einzige der tragenden Figuren keinen Namen, er ist der Patenonkel Antonias, die er geliebt und gefördert hat und für deren Tod er kaum Trost finden kann. Immer wieder hadert er, muss um seinen Glauben kämpfen, der alles andere als selbstverständlich in sein Leben trat. In seiner Person sind deutliche Anklänge an Georges Bernanos auszumachen, fast scheint er eine Verkörperung von dessen Tagebuch schreibendem Landpfarrer zu sein. Die Schilderung seiner plötzlichen Berufung zum Priestertum hingegen erinnert an die zentrale Passage in Bernanos‘ Sous le Soleil de Satan (Die Sonne Satans), er fühlt sich, allein des Nachts auf dem kilometerlangen Heimweg ins Dorf, verfolgt von einer unheimlichen Gestalt, die aber unsichtbar bleibt:

Il a l’impression que quelqu’un le suit. Il se retourne de temps en temps pour scruter les ténèbres. Son cœur s’affole.

Es kommt ihm vor, als würde ihm jemand folgen. Er dreht sich von Zeit zu Zeit um und versucht, die Dunkelheit zu durchdringen. Sein Herz ist wahnsinnig vor Angst.

A son image, S. 101 (Kap. 6)

Tatsächlich ist seine Berufung untrennbar mit dem Tod verknüpft: In ebenjener Nacht, in der Antonias Onkel angst- und ahnungsvoll am Pfarramt vorüberläuft, stirbt der alte Priester. Und die Nachfolge ist mit Schmerz verbunden, der Berufene verlässt seine Freundin und deren Sohn —

il les abandonne tous les deux pour répondre à l’appel d’une voix qui a retenti dans la nuit

er lässt sie alle beide zurück, um dem Ruf einer Stimme zu folgen, die in der Nacht erklungen ist

A son image, S. 103 (Kap. 6)

— und er verlässt später auch seine Heimatgemeinde, um aufs französische Festland zu gehen, nachdem mehrere junge Männer in der Gewaltspirale des korsischen Separatismus zu Tode gekommen sind, obwohl sie sich in der Zwischenzeit vom militanten Kampf abgewendet hatten. Sie zu beerdigen übersteigt seine Kraft.

Die innerliche Zerrissenheit, mit der er sich unablässig auseinandersetzt, macht den Priester zu einer sehr sympathischen, aber zugleich auch tragischen Figur mit einer fast übergroßen Verantwortung, die er in seiner Totenmesse für Antonia anzunehmen versucht. Denn er war es, der Antonia einst die Kamera geschenkt, der sie zu ihrer Berufung hingeführt hatte, an der sie sich ein Leben lang verzweifelt abarbeiten würde. Ihre Suche nach Wahrheit, nach Wahrhaftigkeit ließ sie sich mitten hinein begeben in die Gewalt der Natur, der Menschen, des Krieges — bis sie durch ihre Erfahrung im Jugoslawienkrieg den Glauben nicht nur an Gott, sondern auch an die Fotografie verlor. Ihre Kriegsreportage, die ihr anfangs als langersehnte Erfüllung ihrer mühevollen, oft frustrierenden Fotografen- und Journalistenkarriere erschien, würde sie nie veröffentlichen:

Elle commence à penser qu’elle a vu quelque chose qu’il aurait été infiniment préférable pour elle de ne pas voir parce que maintenant, elle ne peut plus en détourner le regard.

Sie begreift allmählich, dass es für sie unendlich viel besser gewesen wäre, wenn sie das, was sie gesehen hat, nie gesehen hätte, denn jetzt kann sie den Blick davon nie mehr abwenden.

A son image, S. 178 (Kap. 10)

Sie zieht sich aus dem Journalismus zurück und macht von nun an nur noch harmlose Hochzeitsfotos. Ihr Scheitern ist verbunden mit der resignierten Feststellung, dass es nur zwei Arten von Bildern gibt: Entweder sie sind belanglos oder obszön, entweder haben sie zu wenig oder zu viel Bedeutung, entweder sind sie oberflächlich und für die Nachwelt nicht relevant oder aber sie treffen so mitten hinein, dass es pietätlos und grausam wäre, sie zu veröffentlichen.

Eine dritte Möglichkeit des Bildes deutet der Autor mehrmals an, wenngleich die Frage offen bleibt, ob sie letztlich ein unmögliches Unterfangen, eine Utopie darstellt: wenn es dem Bild nämlich gelingt, die Ebene des Todes durch die Ebene der Transzendenz zu durchbrechen, zu sublimieren, so wie im verwundeten Christus das Wunder der Auferstehung durchzuscheinen vermag. Übertragen auf die Fotografie wäre das perfekte Bild dann eines, das eine Offenheit in sich trägt auf etwas, das man nicht sehen und schon gar nicht fassen, sondern nur erahnen kann. Ein solches Bild ist dann aber eigentlich keine Kunst, da es nicht planbar, sondern dem Zufall der Geschichte ausgeliefert ist. Der besondere Moment der Geschichte und der auslösende Moment der Kamera müssen zusammenfallen. Es ist die Geschichte, die dem Bild ihre Bedeutung verleiht. Oder aber man betrachtet die Fotografie ganz einfach als Spur der Geschichte, als Spur eines Lebens:

leur enfance disparue avait pourtant déposé sur la pellicule une trace de sa réalité aussi tangible et immédiate que l’empreinte d’un pas dans un sol d’argile (…) comme si tous les instants du passé subsistaient simultanément, non dans l’éternité, mais dans une inconcevable permanence du présent

ihre verschwundene Kindheit hatte auf dem Film dennoch eine Spur ihrer Wirklichkeit hinterlassen, die ebenso berührbar und unmittelbar war wie der Abdruck eines Schrittes auf einem lehmigen Boden (…) als würden alle Augenblicke der Vergangenheit gleichzeitig fortbestehen, nicht in der Ewigkeit, sondern in einer unvorstellbaren Fortdauer der Gegenwart

A son image, S. 21 (Kap. 2)

Genau das hat schon die kleine Antonia so an den alten Familienfotografien fasziniert, und genau das macht in seiner Bescheidenheit und technischen Imperfektion auch den Reiz ihrer letzten Fotografie aus, auf der sie den Söldner Dragan am Strand von Calvi ablichtet.

Schließlich ist Antonias Geschichte auch als Versuch zu lesen, aus der beengenden und gewaltsamen korsischen Dorfgemeinschaft mit ihrem patriarchalischen Frauenbild auszubrechen. Antonias Leben scheint schon früh vorherbestimmt, lange Jahre ist sie reduziert auf ihre Rolle als „Frau von Pascal B.“, der als Anführer militanter korsischer Separatisten immer wieder im Gefängnis landet, bis sie sich schließlich von ihm löst, um frei zu sein. Sie führt von nun an ein bei weitem selbständigeres Leben als ihre Freundinnen, doch letztlich entkommt auch sie ihrer Herkunft nicht.

Was mir neben der wunderschönen Sprache und der unheimlich anregenden Auseinandersetzung mit dem Wesen des Bildes ganz besonders an diesem Roman gefällt, ist die feinfühlige Art, wie der Autor seine Figuren zeichnet. Er zeigt ihre Schwächen, ihre Ambivalenz und beschönigt nichts, doch verurteilt er sie auch nicht, sondern wagt einen Blick auf sie, der vom Anspruch getragen wird, den innerhalb des Textes die Figur des Priester für sich annimmt: den Nächsten zu lieben, auch wenn es schwer ist:

Si l’amour du prochain était chose aisée, il le sait bien, le Christ n’aurait certes pas pris la peine d’en faire le premier des devoirs.

Wenn die Liebe zum Nächsten eine leichte Aufgabe wäre, das weiß er wohl, hätte sich Christus sicher nicht die Mühe gemacht, sie zur ersten aller Pflichten zu machen.

A son image, S. 105 (Kap. 6)

Ferrari gelingt ein kritisches, aber mitfühlendes „Verstehen“ der Figuren und er zeigt, wie sie geprägt werden durch die Zeit, die Gesellschaft, das System, in dem sie leben. Er zeigt auch, wie manche versuchen auszubrechen und wie schwierig, wenn nicht gar unmöglich das ist, besonders, wenn man sich einmal der Gewalt verschrieben hat, deren Absurdität und schier unaufhaltsame Dynamik ein wiederkehrendes Thema des Autors ist.

Jérôme Ferrari: À son image, Actes Sud 2018
ISBN: 9782330109448

bookmark_borderSylvain Prudhomme: Légende

Ich muss gestehen, ich habe Sylvain Prudhommes Roman ursprünglich vor allem deshalb angefangen zu lesen, weil sein Name meinem französischen Lieblingsdichter Sully Prudhomme so wundersam ähnelt. Mit dem übrigens nobelpreisgekrönten Dichter aus dem 19. Jahrhundert hat der französische Gegenwartsautor Sylvain Prudhomme, Jahrgang 1979, dessen jüngster Roman Par les routes kürzlich mit dem Prix Femina ausgezeichnet wurde, nun wirklich nicht im Mindesten etwas zu tun. Trotzdem habe ich diesem klanglichen Zufall eine wunderschöne literarische Entdeckung zu verdanken.

In Légende, 2016 in Frankreich erschienen, erzählt Sylvain Prudhomme zurückhaltend, feinsinnig und zugleich unheimlich intensiv von einer kargen Landschaft in der südfranzösischen Provinz, und entfaltet ausgehend von diesem lokalen Mikrokosmos eine Geschichte, die letztlich weit über die französische Grenze hinaus- und tief in die Vergangenheit hineinführt.

Getragen und in Bewegung gebracht wird der Roman durch die Geschichte einer noch jungen Freundschaft. Die Familienväter Nel und Matt haben sich über ihre Kinder kennengelernt und durch ihre geteilte Liebe zur Natur einen Draht zueinander gefunden. Nel ist Fotograf und fängt die raue, schroffe Schönheit von La Crau, der Gegend östlich von Arles, in der er aufgewachsen ist, in zahlreichen Landschaftsaufnahmen ein. Auch der Engländer Matt ist dem visuellen Medium verbunden, er plant einen Film über seine südfranzösische Wahlheimat, den er ausgehend von Gesprächen mit ihren Bewohnern, und natürlich auch mit Nel, entwickeln möchte.

In vielen Gesprächen, die Nel bisweilen fast zu intim werden, so dass er sich phasenweise aus der Freundschaft zurückzieht, entsteht so die Geschichte einer vergangenen Epoche voller Intensität, Freiheit und jugendlicher Grenzüberschreitung, deren Kehrseite mit den Begriffen Aids, Drogen, Gewalt und Tod aufwartet. Der Übergang vom Heute ins Gestern, die Rekonstruktion einer Familiengeschichte, die immer wieder sehr persönliche und bilderreiche Einblicke in das Frankreich der achtziger Jahre gibt, gelingt dem Autor dabei auf ganz unauffällige und sehr stimmige Weise.

Man erfährt von Nels Cousins Fabien und Christian, die nicht nur auf den kleinen Nel damals faszinierend gewirkt haben müssen, da sie so frei und anders zu leben schienen als man es in der französischen Provinz kannte. Fabien ist der Intellektuelle, der Selbständige, der Freigeist, der als Kind allein mit seiner Großmutter in Frankreich lebt, während seine Eltern und sein jüngerer Bruder am anderen Ende der Welt Schmetterlinge fangen und klassifizieren. Doch dann erkrankt Fabien an der damals neuen tödlichen Krankheit Aids. Sein Bruder Christian ist auf andere Weise ebenso hungrig nach Leben wie Fabien, er kann seine Leidenschaft für das Abenteuer zeitweise in der Natur ausleben, indem er in die Fußstapfen seines Vaters tritt und in Afrika unbekannten Schmetterlingen nachjagt. Doch lässt sich sein Verlangen allein dadurch nicht stillen, immer wieder provoziert er, wird handgreiflich und verfällt schließlich den Drogen. Ohne auf irgendeine Weise moralisch zu argumentieren, zeichnet Prudhomme ein ambivalentes Bild jener Zeit, er zeigt auch die beängstigende Seite einer Autonomie, die nicht vor Verletzlichkeiten schützt. Beide Brüder werden fast zeitgleich und in sehr jungen Jahren vom Tod eingeholt, der ihr exzessiv aber auch poetisch geführtes Leben grausam beendet.

Fast zwangsläufig, wenngleich eher skeptisch blickt Nel gemeinsam mit Matt auch in die eigene, ganz in der Provinz verankerte Familiengeschichte zurück. Seine Vorfahren lebten als Schäfer und Schafzüchter in enger Verbundenheit mit der Natur ein anspruchsloses, nomadenhaftes Dasein. Sein Vater entschied sich bewusst gegen die Tradition, indem er die Tochter von Landwirten heiratete und von da an einen Bauernhof bewirtschaftete. Doch der Region blieb er treu, genauso wie auch sein Sohn Nel durch seine Landschaftsfotografie der Heimat wie schicksalhaft verbunden bleibt. So führt uns Prudhomme mit seiner Erzählung behutsam vor Augen, dass man seinen Wurzeln trotz neuer Lebensentwürfe nie ganz entkommt.

Die Gegend von La Crau, ob Heimat oder Wahlheimat, ist letztlich auch die eigentliche „Hauptfigur“, das Zentrum, in dem die Geschichten von Nel und Matt, Fabien und Christian zusammenlaufen. Durch den Titel und ebenso auf den ersten Seiten der Erzählung wird diese Landschaft geradezu mythisch aufgeladen. Die Legende von Herakles, der sich hier einst, so wird es von Aischylos in dem nur fragmentarisch erhaltenen Stück Der gelöste Prometheus überliefert, dank einem von Zeus gesandten Steinregen gegen die riesenhaften Liguren verteidigen konnte, wird hier gleichsam als Ursprungsmythos der Region heraufbeschworen (vgl. Valéry Raydon: Le mythe de la Crau).

In der deutschen Übersetzung wurde vielleicht gar nicht zu unrecht der Titel Legenden im Plural gewählt, werden im Text doch weitere Legenden ausgegraben, um die herum sich Geschichten spinnen, wie die der verstorbenen Brüder oder der alten Diskothek, die damals eine Art symbolischer Mittelpunkt für die Jugend von La Crau darstellte. Schließlich taucht der Begriff „légende“ auch im Sinne einer Bildunterschrift auf, als Klassifizierung der von Christian und Onkel André neu entdeckten Schmetterlingsarten und wird auf diese Weise zu einem Symbol des Exotischen, zum Gegenpol der südfranzösischen Steinwüste, die letztlich doch alle Figuren wieder zu sich „nach Hause“ holt.

Die Geschichte ist einfach so wunderschön erzählt, so unaufdringlich und sensibel für die feinen Töne, dass sie ihren ganz eigenen Zauber entfaltet und man bald dem rauen, zerklüfteten Charme der Landschaft und seiner Bewohner verfällt.

Sylvain Prudhomme: Légende, Gallimard Collection Folio (2018)
ISBN: 9782072765124

bookmark_borderLara Prescott: Alles, was wir sind

Wer einen fesselnden und gut geschriebenen Unterhaltungsroman sucht, der kann sich sich mit Alles, was wir sind von Lara Prescott wunderbar von der in Aufruhr geratenen Welt des noch jungen Kalten Krieges mitreißen lassen und in den privaten und politischen Kosmos von Boris Pasternaks spätem Leben und Werk eintauchen.

Der Roman, dessen deutscher Titel in seiner Vagheit etwas unglücklich gewählt ist, das englische The secrets we kept trifft den Kern der Geschichte(n) da doch viel genauer, ist Literatur- und Spionagegeschichte in einem und erzählt, zum Großteil aus weiblicher Perspektive, die Geschichte – oder besser zwei Geschichten einer großen Liebe: Auf russischer Seite treten wir ein in die Welt von Olga, der langjährigen Geliebten Pasternaks, die für ihn das Lager in Sibirien durchsteht und sich unermüdlich als Literaturagentin für seinen großen, von der Zensur verbotenen Roman Doktor Schiwago einsetzt, bis sie irgendwann die Verhältnismäßigkeit von Pasternaks Einsatz für sein Lebenswerk und der unmittelbaren Bedrohung für ihr Leben und das ihrer Kinder in Frage stellt. Jenseits des Atlantiks treffen wir auf die junge Stenotypistin Irina, die auch aufgrund ihres biografischen Hintergrundes als amerikanische Geheimagentin ausgewählt wird, um Pasternaks verbotenes Buch heimlich in der Sowjetunion zu verbreiten. Die Kür ihrer Ausbildung erhält sie von der schillernden Agentin Sally, mit der sie bald mehr Geheimnisse verbinden als die Spionage. Doch ihre Liebe ist im Nachkriegsamerika kaum weniger gefährlich als Pasternaks zur intellektuellen Waffe verwandeltes Buch.

Durch die wechselnden Perspektiven kann die Autorin die verschiedenen widerstreitenden Gefühle, Ansichten und Handlungsmotivationen einfangen. Insbesondere die aus der ungewöhnlichen Wir-Perspektive der „Stenotypistinnen“ erzählten Kapitel vermitteln sehr deutlich den soziologischen und genderspezifischen Hintergrund, vor dem Olga, Irina und Sally jede auf ihre Weise als für ihre Überzeugungen einstehende starke und zugleich sensible Frauen erscheinen.

Bibliographische Angaben
Lara Prescott: Alles, was wir sind, Rütten & Loening (2019)
Übersetzt von Ulrike Seeberger
ISBN: 9783352009358

Bildquelle
Lara Prescott, Alles, was wir sind
© 2019 Rütten & Loening in der Aufbau Verlag GmbH & Co KG, Berlin

bookmark_borderDavid Wagner: Der vergessliche Riese

Bei der Lektüre dieses auf wundersam unaufgeregte Weise so tief berührenden Buches musste ich immer wieder an ein Theaterstück von Eugène Ionesco, dem Meister des Absurden, denken: Wie in Le Roi se meurt (Der König stirbt) wird hier der schleichende und doch unaufhaltsame Prozess des Verschwindens einer ganzen Welt, eines ganzen Reiches auf ähnlich groteske und tragikomische Weise in Szene gesetzt. Hier ist es die Erinnerungswelt des an Alzheimer erkrankten Vaters, die sich mehr und mehr auflöst und eine Umkehrung der Hierarchien und Verantwortungen herbeiführt. Erschien der Vater seinen Kindern früher als Riese, zu dem sie aufschauten und der wie eine Garantie für Vertrauen und Vertrautheit mit der Welt schien, kümmern sich nun die Kinder, fast immer geduldig, sanft und ohne den Humor zu verlieren, um den Vater, dem eben diese Vertrautheit, beschleunigt durch die Krankheit, im Alter mehr und mehr verloren geht.

Seine Stimme ist die von früher, sie hat sich kaum verändert. Sie klingt noch immer so, als sage er nur kluge Sachen. Früher, im seltsamen Früher, wo liegt dieses geheimnisvolle Land, wusste er alles. Er war der Riese, auf den ich klettern konnte, er war der Größte.

Der vergessliche Riese, S. 81

David Wagner schildert in neun Kapiteln, zwischen denen größere zeitliche Abstände liegen, die den Fluss der über mehrere Jahre sich erstreckenden Erzählung jedoch kaum unterbrechen, da die Veränderungen so unmerklich sind, die fortschreitende Demenz seines Vaters, seine Besuche bei ihm, den mit dem Geschwistern heimlich geplanten Umzug ins Pflegeheim, die Ausflüge, die er mit ihm unternimmt, um mit wechselndem Erfolg der sich immer mehr verwirrenden Erinnerung Anknüpfungspunkte zu geben.

Für meinen Vater ist jeder unserer Besuche wie der erste nach langer Zeit. Ich fahre ihn durch seine Vergangenheit. Und durch meine eigene.

Der vergessliche Riese, S. 88

Die Dialogkunst des Autors ist faszinierend, im Grunde ist die ganze Erzählung ein einziger, immer wieder aufgegriffener und unermüdlicher Dialog mit dem Vater. Die Wortwechsel lesen sich unheimlich leicht, lassen einen immer wieder schmunzeln und mitunter stöhnen, und bestechen durch ihren Anschein absoluter Natürlichkeit und Authentizität. Dabei ist jeder Satz genau durchdacht, das ganze Buch auf subtile Weise durchkomponiert. Die fein nuancierten Wiederholungen sind ein Abbild des sich zersetzenden Erinnerungsvermögens des Vaters, der sich ohne es zu merken immer wieder in endlosen Gedankenschleifen verfängt, der in immer kürzeren Abständen die immer gleichen Fragen stellt.

Auch wenn die Beschäftigung mit dem Vater dadurch oft wie die absurde Arbeit des Sisyphus anmutet, der Stein, mühsam nach oben gebracht, sofort wieder den Anhang hinabrollt, fällt umso mehr die Ruhe und Geduld auf, die nicht nur der Erzähler, sondern auch seine Geschwister, auch seine junge Tochter im Umgang mit dem „vergesslichen Riesen“ aufbringen. Man könnte sagen, David Wagners Text, der in diesem Sinne fast existentialistisch zu nennen ist, lebt die Möglichkeit eines praktizierten Lebens mit der in der Figur des Vaters konzentrierten Absurdität des Daseins vor. Was die Angehörigen bei dieser Krankheit auch durchmachen müssen, welche Sorgen und Ängste, welche Gereiztheiten dabei ganz sicher auch an ihren Nerven zerren, scheint nur in ganz kurzen schockartigen Momenten auf, etwa, als der Vater vom Beifahrersitz aus bei voller Fahrt die Handbremse zieht. Eine dramatische Schilderung des Innenlebens sucht man vergebens, die Erzählung gibt Schmerz, Wut, Frust keinen Raum. Einblick in die Gefühlswelt erhält man nur vermittelt über die Dialoge.

Man erfährt in den Gesprächen wie beiläufig auch viel über das Leben des seit kurzem zum zweiten Mal verwitweten Vaters, über seine Familiengeschichte und vor allem über seine Liebe zur Musik, die anders als etwa seine in der Erinnerung verblassende berufliche Vergangenheit die Krankheit zu überdauern vermag. Darüber hinaus erzählt der Autor auch eine ganz persönliche Geschichte der Wiederannäherung von Vater und Sohn, vom fragilen und liebevollen Wiederaufbau einer Vater-Sohn-Beziehung, die durch die zweite Ehe des Vaters abgekühlt und über lange Jahre wenig gepflegt worden war, davon, wie sich in dieser für beide gänzlich neuen Lebenssituation zarte und innige neue Bande knüpfen lassen.

Trotzdem geht die Erzählung, das empfindet man beim Lesen immer wieder, über die individuelle Geschichte hinaus, indem sie einen unaufdringlich zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit inspiriert. Sie stellt die Frage in den Raum, was von einem Menschen bleibt, was Menschen über die Erinnerung hinaus miteinander verbindet und vom zutiefst menschlichen Sich-Klammern an die Erinnerung, die auch irgendwann dem Vergessen anheimfallen wird. Gerade in der Unaufgeregtheit der Erzählung kommt die Tragik der Absurdität auf stille Weise zum Vorschein, macht den Leser nachdenklich und weckt Empathie, ohne ihn zum Mitleid zu nötigen.

Bibliographische Angaben
David Wagner: Der vergessliche Riese, Rowohlt (2019)
ISBN 9783498073855

Bildquelle
David Wagner, Der vergessliche Riese
© 2019 Rowohlt Verlag

bookmark_borderPhilippe Lançon: Der Fetzen

Philippe Lançon hat das Attentat auf Charlie Hebdo mit einer schweren Verletzung überlebt. Dieses Überleben macht er zum Thema seiner Aufzeichnungen, deren bisweilen schockierende Offenheit dem Leser sehr nahe geht. Er schildert auf nachdenkliche und sehr feinsinnige Weise die zahlreichen Herausforderungen, vor die ihn die Wiedereingliederung in das „normale“ Leben stellt. Hilfe findet er bei Kafka und Proust, aber auch durch die vielen neuen Bande, die er mit Chirurgen und Personenschützern knüpft. Innen und außen spiegeln sich dabei, sein Gesicht besteht aus ebensolchen Fetzen wie sein neues Leben, das gewaltsam vom alten getrennt wurde. 

Bibliographische Angaben
Philippe Lançon: Der Fetzen, Tropen (2019)
Aus dem Französischen von Nicola Denis, Originaltitel: Le lambeau (Gallimard)
ISBN 9783608504231

Bildquelle
Philippe Lançon, Der Fetzen
© 2019 Tropen im Klett-Cotta Verlag, Stuttgart

bookmark_borderMirjam Pressler: Dunkles Gold

Gleich zwei Geschichten erzählt der Roman, verwoben durch die Neugier und das Talent eines jungen Mädchens. 1349 flieht die 15jährige Rachel vor den Pogromen aus ihrer Heimatstadt. Die gleichaltrige Laura, deren Geschichte in unserer Gegenwart spielt, weiß von ihrer Mutter, einer Kunsthistorikerin, alles über den Erfurter Schatz, den unbekannte Juden bei ihrer Vertreibung zurücklassen mussten. Als sie ihrem jüdischen Mitschüler Alexej näherkommt, wächst ihr Interesse für die Geschichte ihrer Stadt. In einer Graphic Novel haucht sie den vergessenen Figuren der Geschichte Leben ein und gibt Rachel und ihrem kleinen Bruder eine Biographie, die uns Leser zu fesseln und berühren vermag. Durch Einfühlung das Vergangene erlebbar machen und gegen das Vergessen anschreiben, das gelingt auch der Autorin Mirjam Pressler, die mit diesem ihrem letzten Roman zugleich ein persönliches Vermächtnis geschrieben hat, meisterhaft!

Ab 14 Jahren

Mirjam Pressler: Dunkles Gold, Beltz (2019)
ISBN 9783407812384

bookmark_borderAbubakar Adam Ibrahim: Wo wir stolpern und wo wir fallen

Mit seinem Roman „Wo wir stolpern und wo wir fallen“ erschafft der nigerianische Autor Abubakar Adam Ibrahim ein schillernd realistisches und äußerst vielschichtiges Bild seiner Heimat, das einen immer wieder „stolpern“ lässt. Ob über die zahlreich eingestreuten afrikanischen Weisheiten, über die Ausbrüche der sehr lebendig gezeichneten Charaktere und nicht zuletzt über die gesellschaftliche Grenzen sprengende Liebesgeschichte der Witwe Binta mit dem 30 Jahre jüngeren Gangster Reza. Als die alles andere als oberflächliche Liebe bekannt wird, kommt eine gefährliche Dynamik in Gang, in der unverarbeitete Traumata an die Oberfläche drängen…

Abubakar Adam Ibrahim: Wo wir stolpern und wo wir fallen, Residenz (2019)
Übersetzt von Susann Urban
ISBN 9783701717125

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