bookmark_borderKatja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Mit der Geschichte „Vielleicht Esther“ gewann Katja Petrowskaja 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2014 erschien der Text in einem um weitere Geschichten erweiterten Buch mit demselben Titel, 2022 ein von Meike Rötzer gelesenes Hörbuch. Die Autorin geht darin auf Spurensuche, recherchiert in ihrer eigenen jüdisch-ukrainischen Familiengeschichte und taucht auf eine zugleich sehr persönliche, essayistische und dokumentarische Weise tief in die Vergangenheit der Sowjetunion und eigentlich ganz Europas ein. 

In den aufeinander folgenden Geschichten rekonstruiert Katja Petrowskaja das Leben, die Schicksale vieler verschiedener Verwandter mütterlicher- und väterlicherseits, doch tut sie das nicht als epische Erzählerin einer Familiensaga, sondern als Suchende, Fragende, als eine, die begreifen will, was sich immer wieder als nicht begreifbar herausstellt, die die zahlreichen Leerstellen der Vergangenheit zu ergründen sucht, und diese, wo dies nicht möglich ist, auch als solche belässt, anstatt sie fiktional zu füllen. Denn trotz ihrer emsigen Recherchearbeit, ihrer Reisen nach Warschau, Kiew und Mauthausen, verbirgt sich die Wahrheit ihrer eigenen Familiengeschichte und genauso auch der Geschichte im Großen, der Geschichte der Juden, der Menschen im 20. Jahrhundert, immer wieder hinter Unklarheiten und Widersprüchen. Oder ist die Wahrheit manchmal nichts anderes als Unklarheit und Widersprüchlichkeit?

Es entsteht ein immer dichter gewebtes Netz von Geschichten, das sich der auch dem Leser oder Hörer manchmal labyrinthisch anmutenden Vergangenheit mit einzelnen Ariadnefäden nähert und das mit Absicht unvollständig bleibt, endlos weiter gewebt werden könnte und trotzdem exemplarisch ist.

Ausgangspunkt der Erzählungen ist dabei jedesmal die Gegenwart, der Besuch in Archiven, Gedenkstätten, ein Telefonat mit einer Holocaustüberlebenden in Amerika.
Verknüpft sind nicht nur Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch die verschiedenen Länder und Sprachen, und mit ihnen die Schicksale der Menschen.

Ganz bewusst schreibt die Autorin auch nicht in ihrer Muttersprache, eine Möglichkeit, nicht mit dem eigenen Thema zu verschmelzen oder von ihm überwältigt zu werden. So wird auch die Sprache selbst, die Sprache angesichts von Unaussprechlichem, Gegenstand des Textes, Gegenstand der Aufarbeitung und Annäherung. Hinterfragt werden darüber hinaus auch die Zahlen, welche die Geschichte nicht angemessen („angemessen“, auch ein Wort, über das sie reflektiert) darstellen kann: Wurden in Babyn Jar 100.000 oder 200.000 Menschen umgebracht, gab es also ein Babyn Jar oder zwei? Der menschlichen Absurdität dieser historischen Frage antwortet Petrowskaja mit ihrem Buch, indem sie mit ihren Geschichten den abstrakten Zahlen ein Gesicht gibt.

Dafür findet sie, und das macht ihren Text so besonders, einen Erzählton zwischen Involviertheit und Dokumentation, zwischen Betroffenheit und sachlicher Aufarbeitung, ein Ton, den die Sprecherin gut einzufangen versteht. Die Erzählung, die auch humorvolle Stellen hat, ist berührend und an einigen Stellen erschütternd, ohne dass oder gerade weil sie nicht dramatisiert, sondern emotionale Nähe und kritische Distanz in ihr Hand in Hand gehen.

Bibliographische Angaben
Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther, Suhrkamp 2014
ISBN: 9783518424049

Hörbuch:
Der Audio Verlag 2022
Gelesen von Meike Rötzer
ISBN: 9783742426352

Bildquelle
Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther
© 2023 Suhrkamp Verlag AG, Berlin

bookmark_borderMuriel Barbery: Eine Rose allein

Wie in Die Eleganz des Igels spielt die japanische Kultur, als Faszinosum und als Quelle von Poesie und Weisheit, eine bedeutende Rolle im neuen Roman der französischen Autorin Muriel Barbery. Und wie dort begegnet man auch hier wieder einer kratzbürstigen, seelisch verwundeten Protagonistin, die man sofort ins Herz schließen mag.

Rose, die nicht zufällig den Namen der schillerndsten Blume der Kulturgeschichte trägt, führt nach dem Tod ihrer Mutter und Großmutter in uneingestandener Trauer und Einsamkeit ein ungebundenes Leben in Paris. Nach dem Tod ihres japanischen Vaters, den sie nie kennengelernt hat, reist sie zum ersten Mal in ihrem Leben in dieses Land. Paul, ein Vertrauter ihres Vaters, führt sie, dessen letzten Wunsch erfüllend, an verschiedene ihm zu Lebzeiten wichtige Orte: Zen-Gärten und Tempel, die eine ganz andere Sprache sprechen, der Rose anfangs mit Skepsis, nach und nach jedoch mit wachsender Neugier begegnet.

Ein zarter Roman, voll unaufdringlicher Poesie und mit einer Handvoll versehrter, eigenwilliger und liebenswerter Figuren, und eine ebenso zarte Liebesgeschichte, gelesen in der deutschen Hörbuchfassung von Elisabeth Günther, die die Hörer mit ihrer ebenfalls auf zarte Weise gestalteten Erzähl- und Figurenstimme leicht und angenehm durch die Geschichte führt.

Bibliographische Angaben
Muriel Barbery: Eine Rose allein, List Hardcover 2022
Aus dem Französischen von Norma Cassau
ISBN: 9783471360460

Hörbuch:
Hörbuch Hamburg 2022
Gesprochen von Elisabeth Günther
ISBN: 9783957132697

Bildquelle
Muriel Barbery, Eine Rose allein
© 2022, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

bookmark_borderCamille Laurens: Es ist ein Mädchen

Es ist ein Mädchen!

Dieser kurze Satz, der Camille Laurens‘ autofiktional genannten Roman strukturiert, ihm geradezu mythisch aufgeladener Anfang und Ende (oder Neuanfang?) ist, hat vor kurzem auch in meinem Leben eine neue Bedeutung erlangt. Schicksalshaft, das ist er für mich auch, allerdings im Sinne von Wunder und Freude, Glück und Liebe; und ja, auch Sorge, welche die Liebe wohl immer begleitet. Die 1960er Jahre, in denen der Roman spielt und in denen es nicht so abwegig war, dass der Satz auch Gefühle wie Enttäuschung oder Angst auslöste, sind lange vorbei. Und doch hat mich die neue Rolle als Mutter, die ich nun zum ersten Mal in Körper und Geist und Herz erfahre, noch stärker als zuvor erwartet für Geschlechterfragen sensibilisiert, für Themen wie die inzwischen viel besprochene, aber immer noch nicht ganz anerkannte „care-Arbeit“ oder das Ringen um gleichberechtigte Partnerrollen, die auch heute gar nicht so leicht auszuhandeln sind, und einfach viele Gedanken darüber aufkommen lassen, was es, in der Familie, in der Gesellschaft, bedeutet, ein Mädchen zu sein.

Genau das befragt und hinterfragt auf intelligente, entlarvende, sprachwitzige Weise auch der in scheinbar so fernen Zeiten spielende Roman der französischen Autorin, die einen zugleich gesellschaftlichen und psychologischen Blick auf das Thema wirft. Erzähltechnisch ist die Geschichte interessant konstruiert, da die Perspektive zwischen Außen- und Innenschau, nämlich zwischen einer die Protagonistin mit einem eher ungewöhnlichen „Du“ anredenden Stimme (z.B. für die Szene der Geburt) und derjenigen einer Ich-Erzählerin wechselt. So entsteht auf wenigen Seiten und dennoch bildhaft und einprägsam die Lebensgeschichte einer Frau, die sozusagen ab ovo erzählt wird: von der Geburt, die sehr realistisch, aber durch die Du-Perspektive aus einer gewissen kritischen Distanz geschildert wird, über die Kindheit und Jugend bis zum Mutterwerden und Leben als Ehefrau. Ihr Heranwachsen vom Mädchen zur jungen Frau ist von mehreren traumatischen Erlebnissen geprägt, die jedoch in der sich jeder Dramatisierung enthaltenden Erzählung nur angedeutet werden. Erst ihre Tochter ist, am überraschenden Ende der Erzählung, in der Lage, die erlernten Konventionen umzustürzen und eine positive Identität als Mädchen anzunehmen und zu leben, für die man sich nicht schämen, aus der man sich nicht befreien muss, sondern die etwas Schönes und Richtiges und vor allem Selbstverständliches ist.

So verwandelt die Autorin ein schicksalhaftes Mädchen-Dasein vom Mythos in eine Utopie, und als Schriftstellerin und Mitglied der Académie Goncourt, die den berühmtesten französischen Literaturpreis vergibt, tut sie dies natürlich mit dem symbolischen Mittel der Sprache. Das macht diesen kurzen Text auch so lesenswert, der durchgehend mit Sprachkritik und Sprachwitz arbeitet — was für die Übersetzung eine kleine, aber bestimmt spannende Herausforderung dargestellt haben muss –, und auf diese Weise zeigt, wie wandelbar Wirklichkeitswahrnehmung und Machtpositionen sind.

Bibliographische Angaben
Camille Laurens: Es ist ein Mädchen, dtv 2022
Aus dem Französischen von Lis Künzli
ISBN 978342329016

Bildquelle
Camille Laurens, Es ist ein Mädchen
© 2022, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderAnja Jonuleit: Das letzte Bild

1970 wird eine Frau im norwegischen Isdal unter merkwürdigen Umständen tot aufgefunden, vieles deutet darauf hin, dass sie ermordet wurde, doch der Fall wird nie geklärt, geschweige denn die Identität der Frau gelüftet. Spekuliert wurde viel: War sie eine sowjetische Agentin oder bewegte sie sich als bindungslose Prostituierte am Rande der Gesellschaft? Erst vor ein paar Jahren haben neuere technische Untersuchungen ergeben, dass die noch recht junge Frau wohl aus dem Raum Nürnberg stammte und einige Zeit in Frankreich gelebt haben musste. Doch was sie nach Norwegen und in den Tod geführt hat, bleibt weiterhin ein großes Rätsel.

In diese mysteriöse und spekulative Leerstelle hinein stößt die Autorin mit ihrem neuen Roman, in dem sie auf der Grundlage einer intensiven Recherche zu dem realen Fall eine emotional bewegende und intelligent gestaltete Geschichte entspinnt, wie sie sich damals ereignet haben könnte. Dabei schlägt sie einen erzählerisch überzeugenden Bogen von Deutschland, Belgien und Frankreich über Italien bis nach Norwegen sowie von der (Nach-)Kriegszeit bis heute. Und so wie die Autorin mit detektivischem Spürsinn den Fall der Isdalfrau rekonstruiert und neu konstruiert, arbeitet sich auch ihre Hauptfigur aus der Gegenwart, die Biographin Eva, die sich in Jonuleits Fiktion als Nichte der Isdalfrau herausstellt, mit Staunen, Schmerz und Hartnäckigkeit in die Vergangenheit ihrer eigenen Familie hinein, von der sie so einiges nichts ahnte. Und als Leser wird man auch mit so mancher Wunde der deutschen und europäischen Geschichte konfrontiert, es geht um Kollaboration, um Vereine wie den Lebensborn, der sich während des Krieges die Not der Mütter zunutze machte und „arischen“ Kriterien entsprechende Kinder in nationalsozialistische Obhut nahm, und es geht auch um Verdrängung, um die Bedeutung, den Schmerz und auch um die Verfälschung von Erinnerung.

Auch wenn die Fiktion natürlich nicht wenig aus dem Melodram schöpft, mit getrennten Zwillingen, Waisenkindern und einem von Männern ausgenutzten jungen Mädchen, so ist sie doch von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und stimmig erzählt und hält mit den beiden weiblichen Protagonistinnen von damals und heute auch zwei engagierte und findige Frauenfiguren bereit, deren Spuren durch Europa man fasziniert und mit Neugier folgen mag.

Bibliographische Angaben
Anja Jonuleit: Das letzte Bild, dtv (2021)
ISBN: 9783423282819

Bildquelle
Anja Jonuleit, Das letzte Bild
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderAngela Lehner: Vater unser

Es dauert nicht lang, bis man als Leser ahnt, dass man ausgerechnet von der Autoritätsperson des Romans, nämlich der Erzählerstimme, ziemlich geschickt in die Irre geführt wird. Die durch die Ich-Perspektive suggerierte Identifikation und ein im Erzählkontext durch Unstimmigkeiten erzeugtes Misstrauen in eine ohnehin charakterlich schwer zu fassende, psychisch labile und provozierende Hauptfigur kommen sich immer wieder in die Quere und geben den spannungsreichen Ton des Romans an, der sekundenschnell vom Witzigen ins Schockierende wechseln kann.

„Na gut“, sag ich und seufze, „ich hab also eine Kindergartenklasse erschossen. Sie wissen schon“, sag ich, „mit einer Pistole.“

Angela Lehner, Vater unser, S. 31

Unzuverlässiges Erzählen gibt es im Grunde schon so lange wie den Roman selbst, auch Cervantes‘ Don Quijote, Apuleius‘ Lucius oder Diderots Jacques ist nicht recht zu trauen, wenn sie ihre Version der Wirklichkeit schildern und so das Fingieren, das dem Erzählen generisch innewohnt, erst recht herausstellen. Und wer gilt in unserer modernen Gesellschaft als unzuverlässiger als eine in ihrer Wahrnehmung gestörte Patientin der Psychiatrie? Angela Lehners Ich-Erzählerin Eva Gruber, die sich schon als Kind von ihren Klassenkameraden anhören musste, dass sie Lügen erzähle, scheint auch als Psychiatrieinsassin Ende 20 einer gut, aber nicht wasserdicht getarnten dichterischen Fantasie zu frönen, die vehementer noch als von Platon traditionell wohl von der katholischen Kirche verdammt wird, welch letztere im Debütroman der Österreicherin eine latent unterdrückerische Funktion einnimmt.

Die keinesfalls auf den Mund gefallene Eva wird zu Beginn der Geschichte also in die Psychiatrie gebracht, weil sie eine Kindergartenklasse erschossen hat — oder dies immerhin behauptet getan zu haben. So ganz zu trauen ist ihrer Aussage nicht. Ähnlich ins Schwanken gerät bald auch der Wahrheitsgehalt der Bemerkungen, die Eva in der Therapiesitzung bei dem ihr zugeteilten Psychiater Doktor Korb wie beiläufig fallen lässt: dass nämlich ihr Vater sich umgebracht habe und ihre Mutter auch tot sei. Stattet die Mutter später doch Eva und ihrem ebenfalls therapeutisch behandelten, schwer traumatisierten Bruder mehrere Besuche in der Psychiatrie ab. Und warum hegt Eva den innigen Wunsch, ihren bereits toten Vater, der nach der Scheidung ihrer Eltern angeblich mit einer neuen Familie zusammenlebe, (nochmals) umzubringen? Es ist beeindruckend und stellenweise richtig unheimlich zu lesen, wie die Autorin dieses zerstörerische Lügenkonstrukt, das sich Eva, natürlich auch zum Selbstschutz ihrer verletzten Psyche, aus verschiedenen Fragmenten der Wirklichkeit und der Fantasie zusammengestrickt hat, in einem ganz lockeren Erzählstil darbietet, der moderat angereichert ist mit einer in deutschen Ohren immer irgendwie lässig wirkenden österreichischen Umgangssprache.

Die Therapiesitzungen, die vor allem im ersten, mit „Vater“ übertitelten, der drei Teile des Romans durch die zugespitzten Dialoge von Therapeut und Patientin eine satirisch-provokative Atmosphäre schaffen, ebenso wie die scharf beobachteten und entlarvenden Szenen menschlicher Verhaltensweisen, die Eva im Psychiatriealltag erlebt, wechseln sich ab mit einzelnen, unzusammenhängenden Erinnerungen, von denen uns die Erzählerin im Präteritum berichtet und in denen ihr gespielt lässiges Auftreten als vorlaute Patientin von einem brüchigeren, verletzlicheren Ich der Vergangenheit abgelöst wird. Doktor Korb, der Eva die Genugtuung einer eindeutigen Diagnose, die leicht von ihr auszuhebeln wäre, nicht geben mag, attestiert seiner Patientin zumindest eine ins Narzisstische gehende Widersprüchlichkeit, die sich in ihren hochgestochenen Ansprüchen an andere zeigt, die sie selbst jedoch nicht erfüllen kann oder mag. Tatsächlich rührt die Unzuverlässigkeit der Protagonistin von einer immer wieder zu Tage tretenden und Verwirrung stiftenden Diskrepanz her, die ihre Wahrnehmung ebenso betrifft wie ihren moralischen Kompass.

Trotz ihrer entlarvenden Beobachtungsgabe und manipulativen Art hat Eva jedoch die Situation längst nicht so im Griff, wie sie sich das in ihrem seit der Kindheit konstruierten Selbstbild vorstellt. Ihre Verdrehungen der Wahrheit sind vor allem ein Schutzpanzer, hinter ihren coolen und dreisten Bemerkungen verbergen sich eine Verletzung und Verwahrlosung, und auch eine Überforderung, die sie sich selbst nicht eingesteht. Gegen eine ernsthafte Aufarbeitung der auf welche Weise auch immer verheerenden Familiengeschichte sträubt sie sich vehement. Selbst wenn sie einen Missbrauch durch den Vater andeutet, zieht sie ihn an anderer Stelle wieder in Zweifel. Gewiss ist nur, dass sowohl sie als auch ihr Bruder in der Kindheit großen Zumutungen ausgesetzt waren, das Bild eines depressiven, alkoholkranken Vaters scheint auf und das einer Mutter, die in ihrer Überforderung ihre Tochter in eine Verantwortung zu drängen schien, die diese ihrerseits überforderte. Zum Vater leuchtet in Evas Erinnerungen immer wieder eine deutlich engere Bindung des Kindes als zur Mutter auf, entsprechend gewaltig entfaltet sich später auch ihr Hass auf ihn, der die Familie angeblich verlassen hat. Oder hat er noch Schlimmeres getan, so schlimm, dass Eva nicht anders konnte, als es zu verdrängen?

Unser Geschwür ist der Vater. Der Vater wuchert uns unter der Haut, er dringt uns aus den Poren. Der Vater kriecht uns den Rachen herauf, wenn wir uns verschlucken. Nein, das innere Kind heilen zu wollen ist Blödsinn. Rache ist die Wurzel alles Guten, Rache stellt das Gleichgewicht wieder her.

Angela Lehner, Vater unser, S. 162

Immerhin benennt Eva den Vater eindeutig als Ursache für das Leid ihres Bruders Bernhard. Mit ungelenken und übergriffigen Aktionen versucht sie in der Psychiatrie daher auch eine Annäherung an ihren Bruder, der an einer schweren Anorexie leidet, mit Infusionen am Leben gehalten wird, und seine plötzlich in der Psychiatrie auftauchende Schwester — wohl nicht zu Unrecht — als existentielle Gefahr einschätzt, der es sich dann aber doch nicht wirklich erwehren kann. Als die ja ihrerseits nicht gerade stabile Eva ihren Plan, den Bruder auf ihre Weise zu therapieren, in die Tat umsetzt, beginnt ein Abenteuer, das kaum gut ausgehen kann…

Je deutlicher die Unsicherheitsstellen in der Familiengeschichte von Eva und Bernhard zutage treten, desto klarer wird, dass sich hinter der Figur des Vaters, wie es schon der Titel nahelegt, nicht nur eine individuelle angeknackste Biographie verbirgt, sondern weiter verzweigte paternalistische Strukturen, die auch das Heimatdorf der beiden in Kärnten dominierten. Immer wieder ist die Rede von Gemeinschaften, die auf dem Prinzip des Ausschlusses basieren, von den anderen im Dorf, die über die Familie redeten, oder von anderen Kindern, die Eva nicht mitspielen ließen. Besonders eindrücklich wirkt die kontrastive Schilderung der zwei Dorfpfarrer, die Evas Kindheit geprägt haben. Während der erste eine Art wohlwollender Väterlichkeit praktizierte, unterband der ihm nachfolgende und schon in seinem Auftreten teuflisch wirkende Pfarrer jede Aufmüpfigkeit von Seiten der Kinder, indem er seine strafende Autorität mit einer auf Exklusion zielenden Sündenbockmethode sicherte: Wer sich seinem Willen nicht beugte, wurde von ihm und der ganzen Schulklasse ausgelacht, was Eva als weitaus schlimmer und erniedrigender als eine körperliche Züchtigung in Erinnerung hat. Das Lachen spielt auch in anderen Situationen eine wichtige Rolle, als Kind lachte sie gemeinsam mit dem Vater, um ihre im Nachhinein lächerlich erscheinende Angst abzubauen, und auch mit Doktor Korb gibt es einen Moment, in dem sich die Spannung in einem gemeinsamen Lachen auflöst. So erscheint das insgesamt deutlich symbolisch aufgeladene Lachen im einen Moment dämonisch, im anderen befreiend und bringt über seine soziale Funktion hinausgehend das Element des Blasphemischen und Satanischen in einen auch sonst mit christlicher Motivik angereicherten Roman, der in Umberto Ecos reaktionärer Klosterwelt wohl ziemlich sicher auch einer Vergiftung anheimgefallen wäre.

Und so wie einem beim Lesen immer wieder das Lachen im Halse stecken bleibt, bewegt sich auch der übrigens äußerst kurzweilige Text stets an der Kippe zwischen witzig und tragisch: ein Borderliner, wie seine ziemlich überdrehte und doch immer wieder auch faszinierende Erzählerin Eva.

Bibliographische Angaben
Angela Lehner: Vater unser, Hanser Berlin (2019)
ISBN: 9783446262591

Bildquelle
Angela Lehner, Vater unser
© 2019, Carl Hanser Verlag, München

bookmark_borderSteve Sem-Sandberg: Der Sturm

Der skandinavische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg setzt sich in seinen Romanen (z.B. Die Erwählten oder Die Elenden von Łódź, und ganz neu erschienen: W über das historische Vorbild von Büchners Woyzeck) gerne auf eine ganz besondere Art mit der Geschichte auseinander. Vergangenheits- und Erinnerungsarbeit strukturieren auch den 2019 auf Deutsch erschienenen Roman Der Sturm. Er setzt ein mit einer Rückkehr wider besseres Wissen, und dieses anfangs noch unklare Gefühl der Bedrohung bleibt bis zum Ende des stimmungsvollen Romans erhalten.

Es ist der Ich-Erzähler, Andreas Lehman, selbst, der dieses Gefühl immer weiter nährt. Trotzdem kann er nicht anders, als nach dem Tod seines Ziehvaters Johannes auf die Insel zurückzukehren, auf der er aufgewachsen ist. Während er im sogenannten Gelben Haus, in dem er mit seiner Schwester Minna von Johannes aufgenommen worden war, als ihre Eltern verschwanden, den Nachlass sichtet, hat er den Eindruck, dabei von so manch zwielichtigen Inselgeschöpfen feindselig beäugt zu werden. Zugleich kommen, je länger er sich auf der Insel aufhält, immer drängendere, wenngleich zunächst recht unzusammenhängende Erinnerungen hoch. Sem-Sandberg gestaltet sie sinnlich und verstörend, szenisch dicht und doch bruchstückhaft, wie kleine klärende Risse in einem Nebelfeld, die wieder neue Rätsel aufwerfen.

Da tritt uns seine rebellische große Schwester ganz lebendig und als schwer fassbares, widersprüchliches Wesen entgegen, das den kleinen, die Schwester fast devot-voyeuristisch bewundernden Bruder in grenzwertige, demütigende Streiche hineinzog. Eher schemenhaft nehmen die amerikanischen Eltern der beiden Kontur an, die angeblich bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, und deren in die Zeit des Krieges zurückreichende Verbindung zur Insel der Ich-Erzähler erst nach und nach auf die Spur kommt. Die dominierende Figur wird in Andreas Erinnerung aber der alte Kaufmann, der einst fast die ganze Insel besaß und idealistische Pläne für sie ersann, nach dem Krieg jedoch den Hass der Bewohner auf sich zog. Er erinnert nicht zufällig an Shakespeares Inselkönig Prospero aus dem Stück, das denselben Titel trägt wie Sem-Sandbergs Roman. Natur und Metapher, Natur und Mythos sind in diesem Text nämlich eng verwoben. So ereignet sich auch kein Sturm im meteorologischen Sinne während der Romanhandlung, Schneeschauer und dichte winterliche Nebelfelder, von den Bewohnern der Insel „Bleiche“ genannt, jedoch umso häufiger. Ja letztere sind gewissermaßen Grundstimmung und Kompositionsprinzip dieses so eindringlichen und suggestiven Romans, der einen auf schmerzhafte Weise in Bann schlägt und vor allem mit seiner Sprachpoesie verzaubert wie Prospero seine gestrandeten Übeltäter.

Tatsächlich verrät gerade die Ambivalenz, die dieser Shakespeareschen Figur innewohnt, einiges über sein Alter ego Kaufmann im Roman, der sich vom Idealisten und philanthropischen Träumer zum Kollaborateur und schließlich zum Sündenbock für die Inselbewohner wandelt. Während Kaufmann vor dem Krieg auf der Insel eine erste Kolonie in Form eines sozialutopischen Falanstère wohl nach dem Vorbild Charles Fouriers begründete, in der er neue Anbaumethoden anwandte, verstieg er sich mit seinen landwirtschaftlichen und biologischen Feldforschungen während des Krieges womöglich bis hin zu Menschenexperimenten — so der Verdacht, der sich Andreas bei seinen Nachforschungen in der Vergangenheit immer mehr aufdrängt.

Doch der Autor lässt uns absichtlich im Ungewissen darüber, was tatsächlich passiert ist. Wie in Shakespeares Stück überlagern sich Traum und Wirklichkeit und verweisen sehr oft auf die metaphorische Struktur des Unterbewusstseins. Das weiße Pferd, das Andreas wiederholt beim Träumen beobachtet, scheint mir hier ein zentrales Motiv zu sein, wie ein Hinweis auf die poetische Anlage des Romans. Harmlos wird das Geschehen dadurch nicht, im Gegenteil kippen Sehnsucht, Schönheit und Traumhaftes immer wieder um in eine fast mythische Gewalt, als würde ein Fluch auf der Insel liegen. Gut und böse gehen ineinander über, sind fluide Kategorien, und das Monströse lauert eben nicht nur im optisch Furchteinflößenden, auch wenn dieses wunderbar zum Sündenbock taugt. Auch dem Erzähler selbst ist nicht recht zu trauen: Was entspringt seiner Fantasie, seinem Schmerz, seiner Kränkung, einer Verletzung, was ist echte Erinnerung oder rationale Erkenntnis, was Unterstellung, Hoffnung, Fiktion oder gar Wahn?

Gar nicht traumhaft, sondern schmerzhaft real ist jedoch der Griff der Vergangenheit nach der Gegenwart, der nicht durch einen mythischen Fluch, sondern durch die Ängste und Aggressionen der Menschen ausgelöst wird. Warum setzt sich die Gewalt, die während der Besatzungszeit verübt wurde, über die Generationen hinweg fort, warum hören die Anfeindungen nicht auf? In Sem-Sandbergs Text deutet sich eine Erklärung an:

[Ich begreife] mit einem Mal, dass der Niedergang nicht so sehr eine Folge der auf der Insel herrschenden Inzucht war, […] sondern dass einfach alle in sich selbst feststeckten und es der Stummheit und dem Schweigen am Ende gelungen war, jeden nur möglichen Ausgang zu versperren. Oder war es etwa so, dass man schwieg, weil man einfach nicht zu reden vermochte, denn wenn man das, was man wusste, in Worte fasste, würde man auch den eigenen passiven Anteil am Geschehen eingestehen müssen und somit auch die eigene Schuld daran, dass alles immer so weitergehen konnte, ohne dass jemand etwas sagte oder auch nur die geringste Anstrengung unternahm, um die Sache ans Licht zu bringen, das aber wäre einfach zu viel gewesen. Dann schon besser, dass Kaufmann für alles die Verantwortung bekam, schließlich war er ja doch nicht ganz richtig im Kopf.

Sem-Sandberg, Der Sturm, S. 192

Sem-Sandberg entlässt seine Figuren anders als Shakespeare in seinem Stück nicht durch einen Zaubertrick aus der Verantwortung ihres Schweigens, ihrer Schuld, ihrer Gewalt. Und doch bricht beim Lesen immer wieder etwas Leuchtendes herein, kann man sich, wie beim Zusammensetzen eines alten Puzzles, von dem einige Teile für immer verloren gegangen und andere durch strahlendere neue ersetzt worden sind, dem Sog der sich immer wieder entziehenden, aber intensiven, magischen Geschichte kaum entziehen. So gewährt die Lektüre dem mutigen Leser einen schockierenden und betörenden Einblick in die schillernde Komplexität des menschlichen Seins und Handelns.

Bibliographische Angaben
Steve Sem-Sandberg: Der Sturm, Klett-Cotta (2019)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gisela Kosubek
ISBN: 9783608981209

Bildquelle
Steve Sem-Sandberg, Der Sturm
© 2019 Klett-Cotta Verlag, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart

bookmark_borderShida Bazyar: Drei Kameradinnen

Ausgehend von einem „fait divers“, einem Brand in einem Mietshaus, in den ihre Freundin aus Kindheitstagen verwickelt sein soll, entwirft die Autorin mit der Stimme ihrer Ich-Erzählerin Kasih eine ebenso provozierende wie berührende Empörungserzählung über Diskriminierung, rechte Gewalt und das stigmatisierende Bewusstsein einer „anderen“ Herkunft, das nicht nur die so genannten privilegierten Teile der Gesellschaft mit ihren unhinterfragten Vorurteilen verinnerlicht haben, sondern auch diejenigen, die als „andere“ in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind. Denn die drei Protagonistinnen, die drei Freundinnen Kasih, Saya und Hani, betrachten sich immer auch in diesem gesellschaftlichen Spiegel, ob sie sich nun dagegen auflehnen, ihn vorausschauend antizipieren oder — und das gelingt der Autorin mit diesem intelligent konstruierten, vielschichtigen Roman — seine Funktionsweise entlarven.

So ist die Freundschaft der drei jungen Frauen, die im gleichen Wohnviertel am sozialen Rand einer größeren deutschen Stadt aufgewachsen sind, deren kulturell-geographische Herkunft uns die Autorin jedoch absichtlich vorenthält, zugleich eine Kameradschaft, der Titel spielt wohl nicht zufällig auf ein Buch von Erich Maria Remarque über drei Freunde und Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg an. Bazyars Kameradinnen halten auf keineswegs reibungslose, aber umso intensivere Weise in einer anderen Art von Krieg zueinander, der seine böseste Fratze in den NSU-Morden zeigt, deren Nachwirkung im Roman eine wichtige Rolle spielt.

Dass dieser Roman so gelungen ist, liegt in meinen Augen an seiner ausdrücklichen Subjektivität, die zum einen aus wunderbar lebendigen und eigenwilligen Figuren besteht, die aus „Personen mit Migrationshintergrund“ Menschen mit ganz individuellen Lebensgeschichten, Prägungen und Gefühlen macht, vor denen sich dann so manche geteilte unangenehme Erfahrung umso schockierender abhebt. Zum anderen entsteht auf diese Weise ein literarischer Ton, der Betroffenheit und (Selbst-)Ironie, Empörung und Humor zusammenführt und so das Kunststück vollbringt, gerade im Gewand der provozierenden Beschimpfung des fingierten privilegierten deutschen Lesers ohne Migrationshintergrund einer nur polarisierenden und moralisierenden Vereinfachung zu entgehen. Denn die Erzählung will gar nicht fair sein, die Erzählerin stellt ihre Voreingenommenheit und die ihrer Freundinnen bewusst zur Schau, der Diskriminierungsvorwurf ist schnell zur Hand und wird auch in vielen subtilen kleinen Beispielen quasi empirisch belegt, aber im literarischen Subtext werden einzelne Vorfälle zwar nicht relativiert, aber doch aus einem zu einfachen Polarisierungsmuster befreit, und damit das vorschnelle Urteilen über andere entlarvt. Die Dialoge sind oft hitzig, emotionale Gefechte, und je nach Perspektive und Einfühlung erscheinen die Verhaltensweisen der anderen und selbst die eigenen Gefühle oder Ansichten in einem anderen Licht.

Ich saß dann irgendwann schon wieder auf einer Bank und sah den Tanzenden zu, das hat ja auch was, einfach eine Beobachterin zu sein, auch wenn ich, sobald ich selbst auf der Tanzfläche bin, allen Beobachtern irgendeine Perversion unterstelle.

Shida Bazyar, Drei Kameradinnen

Was Kasih hier an sich beobachtet, die Abhängigkeit von der Perspektive, die man jeweils einnimmt, charakterisiert die Erzählung insgesamt, die auf geschickte uns sehr lesenswerte Weise damit spielt und uns so auch dazu anstößt, den Platz, den wir anderen in der Gesellschaft zuschreiben und auch den, den wir selbst in ihr einnehmen, zu hinterfragen.

Bibliographische Angaben
Shida Bazyar: Drei Kameradinnen, Kiepenheuer&Witsch (2021)
ISBN: 9783462052763

Bildquelle
Shida Bazyar, Drei Kameradinnen
© 2021 Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln

bookmark_borderJudith Hermann: Daheim

„Daheim“, dieses mit Sehnsucht aufgeladene, wohlvertraute kleine Wort, ist ein guter Titel für dieses Buch, das eher die stille Schönheit einer Erzählung hat als die epische Wucht der Geschichte eines Lebens, wie man sie mit dem Roman verbindet.

Man erfährt so vieles nicht aus dem Leben der Protagonistin und der Gestalten, denen sie im Lauf der Geschichte begegnet, und dennoch gelingt es der Autorin, sie uns auf einer anderen Ebene ganz nahe zu bringen, ihre unausgesprochenen Gefühle, Enttäuschungen, Sehnsüchte ahnen zu lassen und die Intensität der Momente zu spüren, aus denen sich die Handlung im Grunde zusammensetzt.

Es ist nur ein kleiner Ausschnitt, der uns aus dem Leben der Ich-Erzählerin gezeigt wird, einer Frau Ende 40, die nach dem Auszug ihrer Tochter die Stadt verlässt und allein in ein abgelegenes Haus an der Nordsee zieht, mit ihrem etwas skurrilen, sammelwütigen (Ex-)Mann aber immer noch in einem engen und zärtlichen Briefwechsel steht, die sich selbst als wurzellos betrachtet, aber insgeheim mit Ängsten und Gefühlen zu kämpfen hat, die wohl bis in ihre Kindheit zurückreichen, die ungebunden und offen in ein neues Leben aufbrechen möchte, aber einen geheimen Wunsch nach menschlicher Nähe und Bindung nicht unterdrücken kann. Heimat, so vielleicht der zentrale Gedanke dieser Erzählung, ist ein widersprüchliches Gefühl, ein merkwürdiges und doch essenzielles Konstrukt, um das sich alle Figuren, die in der Geschichte vorkommen, auf irgendeine Weise bemühen.

Insofern ist der auf den ersten Blick überraschende, ja fast befremdliche Anfang der Geschichte, der wie eine kleine, fast eigenständige Novelle anmutet, letztlich doch enger mit der Erzählgegenwart verbunden, als es den Anschein hat. Die Ich-Erzählerin erinnert sich nämlich zu Beginn an eine seltsame, ein wenig unheimliche Begebenheit, die ihr als junger Frau widerfahren ist, als sie sich von einem greisenhaften Zauberer zur Probe in einer Kiste zersägen ließ und um ein Haar ihr wenig aufregendes, monotones Arbeiterinnenleben hinter sich gelassen hätte. Jahrzehnte später wagt sie tatsächlich einen Aufbruch, und braucht doch viel Zeit und die Begegnung mit anderen, um vielleicht nicht den fast naiven Mut ihrer Jugend wiederzuerlangen, aber sich doch allmählich, vorsichtig, behutsam einer neue Form von Vertrauen und Widerstandskraft anzunähern. Mit der Zauberkiste wird außerdem ein Symbol eingeführt, das als Motiv des Eingesperrtseins in der Handlung mehrfach wiederkehrt und der Erzählung eine weitere Bedeutungsebene verleiht, in der sich ganz unterschiedliche Menschenschicksale überindividuell miteinander verknüpfen.

So ist die Geschichte psychologisch fein, aber eben gerade nicht psychologisierend erzählt, man muss schon auf die literarischen Zwischentöne lauschen, wenn man in das Leben der Figuren eintauchen will. Die Dialoge und auch die Beschreibungen der Landschaft wirken stets unaufgeregt, fast beiläufig, nie wird hier etwas aufgehübscht oder verklärt, und doch dringt hinter der lakonischen Erzähloberfläche ein poetisches Funkeln durch. Ganz unscheinbar kommen manche Sätze daher, während sie sich ganz nah am Wesentlichen bewegen:

Weißt du, sagt Arild, manchmal laufen die Dinge schon so lange geradeaus, dass es keiner mitkriegt, wenn du deinen Lauf änderst.

Judith Hermann, Daheim

Wer aufmerksam liest und sich auf den besonderen, manchmal etwas schroffen Stil der Erzählung einlässt, wird dann vielleicht doch so manches mitkriegen, nicht zuletzt, welches Spannungspotential auch in den unscheinbarsten, inneren Veränderungen liegt…

Bibliographische Angaben
Judith Hermann: Daheim, S. Fischer Verlag (2021)
ISBN: 9783103970357

Bildquelle
Judith Hermann, Daheim
© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 

bookmark_borderLana Bastašić: Fang den Hasen

Dürers Hase ist so etwas wie das versteckte Symbol dieses aufwühlenden Romans, der die konfliktreiche Geschichte zweier Kindheitsfreundinnen aus Banja Luka ebenso leidenschaftlich wie bildgewaltig erzählt und ihre später so divergierenden Lebenswege in Beziehung zu den Nachwirkungen der Gewalt und der ethnischen Konflikte im früheren Jugoslawien setzt. Ein tückisches Symbol allerdings, eines, in das sich der Zweifel an der scheinbar so realitätsgetreuen Abbildung eingeschlichen hat, und mit ihm die von der Autorin immer wieder mit einem fiktionsironischen Augenzwinkern aufgeworfene Frage nach dem Einfluss der Emotionen, der subjektiven Bilder des eigenen Innenlebens auf die Erzählung und ihre Verwobenheit mit dem immer nur bruchstückhaft funktionierenden Prozess der Erinnerung.

Dürers Hasen erwähnt, so erinnert sich die Ich-Erzählerin Sara, ihre Freundin Lejla das erste Mal, als die beiden Lejlas weißen Hasen, strenggenommen ein Kaninchen, beerdigen. Ihr Bruder Armin habe als kleiner Junge fasziniert das berühmte Kunstwerk angefasst und so im Museum den Alarm ausgelöst. Zu dem Zeitpunkt, als Lejla das erzählt, ist Armin bereits einige Jahre verschwunden, Schmerz und fehlende Worte haben die Beziehung der beiden heranwachsenden Freundinnen aus dem ohnehin nie vollkommenen kindlichen Gleichgewicht gebracht. Diese Szene ist eine der vielen eingeschobenen Erinnerungen Saras an ihre gemeinsame Vergangenheit mit Lejla, die sie in diesen Einschüben stets in der Du-Form anredet, was der Lektüre eine große Intensität und Eindringlichkeit verleiht und durch die fingierte Dialogizität auch das enge, wenngleich sehr strapazierte Band zwischen den beiden Freundinnen spürbar macht.

Eigentlicher Ausgangspunkt der Erzählung ist ein Anruf Lejlas bei Sara, nachdem sie zwölf Jahre nichts mehr voneinander gehört hatten. Sara ist während des Studiums nach Dublin gezogen und dort geblieben, sie lebt mit einem Iren zusammen und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin, zu ihrer Familie sowie zu ihrem Heimatland Bosnien besteht so gut wie keine Verbindung mehr. Heimat ist für sie ein englisches Wort geworden:

Home war nicht Bosnien. Bosnien war etwas anderes. Ein verrosteter Anker in irgendeinem verpissten Meer. Man schürfte sich auf und bekam Tetanus, auch nach so vielen Jahren.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Auch zwischen ihr und ihrer ehemals besten Freundin Lejla muss in der Vergangenheit etwas vorgefallen sein, so sehr wirft Sara dieser Anruf aus der Bahn. Doch obwohl sie gerne abweisend reagieren und Lejla mitsamt der ganzen bosnischen Vergangenheit vergessen würde, lässt sie sich von ihr zurück in das Land ihrer Herkunft dirigieren: Sara soll Lejla in Mostar abholen und mit dem Auto nach Wien fahren — wo Lejlas Bruder Armin nach all den Jahren wieder aufgetaucht sein soll. Der abwesende Armin, das wird im Verlauf der Erzählung deutlich, ist noch immer latentes Bindeglied und wunder Kristallisationspunkt so vieler unausgesprochener Ängste und unverarbeiteter Erinnerungen im Leben der beiden jungen Frauen; er ist ein gegenseitiges unausgesprochenes Versprechen, das gebrochen wurde, und das nun viele Jahre später vielleicht wieder erneuert werden kann?

Wir wussten, dass Armin am Leben war. Dieses Wissen verband und mehr als die gemeinsame Schulbank. Jetzt war es unsere Pflicht, bis ans Ende zusammenzubleiben, so lange, bis dein Bruder wieder auftauchte. Wenn wir uns zerstritten, wenn wir uns trennten, würde sich mit uns auch dieses fragile Wissen auftrennen. Als wäre im Stoff unserer Freundschaft sein ganzes Leben eingewebt. Es gab ihn nur noch dort.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Die Reise von Lejla und Sara ist eine Reise in die gemeinsame Vergangenheit und in die Vergangenheit ihres Landes. Die Ich-Erzählerin formuliert es einmal so:

Durch Bosnien zu fahren verlangte eine andere Dimension: die eines verkehrten Wurmlochs, das nicht zu einem äußeren, wirklichen Bestimmungsort führt, sondern in die düsteren, kaum begehbaren Tiefen des eigenen Wesens.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Die Wiederannäherung der beiden Frauen gestaltet sich dabei genauso schmerzhaft, verletzend und widerborstig wie Saras Wiederannäherung an das von ihr zurückgelassene Heimatland, auf das sie auch körperlich geradezu mit Abwehr reagiert und das doch mit aller Macht wieder von ihr Besitz ergreift. Sie stellt sich vor, wie Lejla ihr neues Dubliner Leben abschätzig begutachtet, und in diesem imaginierten Blick liest sie ihren eigenen schonungslosen Blick auf sich selbst, den sie in Bosnien, in Lejlas Anwesenheit nicht mehr unterdrücken kann:

Sie [Lejla] würde nicht mal etwas sagen, nur mit den Augen würde sie mir Europa ausziehen wie einer Neureichen den Pelzmantel und die Narben des Balkans schamlos an die Öffentlichkeit zerren.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Die individuelle Geschichte der einander in Hassliebe verbundenen Freundinnen erinnert nicht nur wegen der vielschichtigen Gefühlsebenen, sondern auch wegen der selbstreflexiven Elemente des Textes an Elena Ferrantes neapolitanische Protagonistinnen; in beiden Texten ergibt sich eine wesentliche erzählerische Spannung daraus, dass die eine der Freundinnen, die schriftstellernde, das immer wieder sich entziehende und so faszinierende Wesen der anderen, daheim und arm gebliebenen, einzufangen versucht. Das ist bereits für sich literarisch und emotional überzeugend erzählt. Doch in diesen individuellen Lebens- und Gefühlswegen der Figuren spiegelt sich, ohne dass diese Überlagerung überstrapaziert würde, die Geschichte des von einem schrecklichen Krieg noch immer versehrten Landes sowie die Geschichte einer ganzen Generation, die das Erbe dieser Gewalt auf ihren Schultern trägt und sich zwangsläufig zu diesem irgendwie verhalten muss.

Die politischen und religiösen Konflikte sind in Bastašićs Text auf unterschwellige Weise omnipräsent; sie kommen nicht in der direkten Darstellung kriegerischer oder verbrecherischer Handlungen, sondern eher andeutungsweise und sekundär, oft auch in den psychischen und gleichwohl ganz realen Auswirkungen auf die Menschen zum Vorschein. So ist die Gewalt latent vorhanden, wenn Lejlas Bruder verschwindet, während ein gleichfalls muslimischer Freund von ihm später tot aus dem Fluss gefischt wird. Oder wenn Lejlas Familie ihren Namen ändert, das Muslimische daraus tilgt, so dass aus Lejla Begić auf einmal Lela Berić wird. Der gewaltsame Mechanismus von Inklusion und Exklusion wird auch von Sara unbewusst imitiert, als sie sich, anders als ihre Freundin Lejla, der stärkeren Schülergruppe anschließt und ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen tötet, was in ihr ein Scham- und Schuldgefühl gegenüber Lejla hervorruft, das sie lange nicht recht einordnen kann. Doch vor dem Hintergrund einer anderen Szene im Elternhaus von Sara, an die sie sich gleichfalls später wieder erinnert, bekommt dieses brutale Kinderspiel noch eine ganz andere Dimension: Etwa zur gleichen Zeit nämlich, als Lejla zu Lela wird, feiert man bei Sara zuhause zum ersten Mal Slava, das traditionelle orthodoxe Fest zu Ehren des Familienheiligen, doch in der eigentlich nicht sehr gläubigen serbischen Familie, die auf diese Weise ihre Zugehörigkeit zur staatstragenden Mehrheit nach außen zur Schau tragen will, wirken die festlichen Handlungen unbeholfen, aufgesetzt. Die Polarisierung und Politisierung des Glaubens deutet sich in solchen Szenen und Bildern immer wieder an, ohne explizit als solche benannt zu werden.

Aus all diesen Szenen, die vor dem inneren Auge der sich erinnernden Erzählerin wieder aufleben, setzt sich die Geschichte der beiden jungen Frauen erst andeutungsweise und dann in immer größerer Dichte zu einem komplexen und spannungsreichen Erinnerungsbild zusammen. Dabei wird das Prozesshafte des Erzählvorgangs immer wieder herausgestellt, es ist ein Erzählen, das seine Subjektivität hervorkehrt, das zweifelnd, suchend, verwerfend, fragend, tastend vorgeht. Sara ist sich der Subjektivität und Lückenhaftigkeit ihrer Erinnerung bewusst:

Vielleicht ist das Erinnern für mich wie ein zugefrorener See — trüb und glatt –, an dessen Oberfläche sich von Zeit zu Zeit ein Riss auftut, durch den ich meine Hand stecken und ein Detail, eine Erinnerung im kalten Wasser fassen kann. Doch zugefrorene Seen sind heimtückisch. Mal erwischt man einen Fisch, ein anderes Mal bricht man ein und ertrinkt. Aus Erfahrung weiß ich, dass fast alle Erinnerungen an die die Tendenz zu Letzterem haben. Deshalb hatte ich mich auch zwölf Jahre lang bemüht, mich nicht zu erinnern.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Und ebenso bewusst ist ihr die Schmerzhaftigkeit, die in der Erinnerung mit eingeschlossen oder, um im Bilde zu bleiben, eingefroren ist und die mit Wucht über einen hereinbricht, wenn der zugefrorene See des Vergessens Risse zeigt.

Eine weitere Protagonistin des Romans ist somit die metaphernreiche Sprache, mit der die Autorin die vielschichtigen Gefühle und Gedanken ihrer Figuren zugleich intensiv und doch mehrdeutig zum Ausdruck zu bringen versteht. Lana Bastašić neigt ein wenig dazu, sich von ihren schillernden Sprachbildern hinreißen zu lassen, doch sind diese stets auch durchdacht, tauchen an anderen Stellen leicht verändert wieder auf und machen den Text zu einer fortwährenden Metamorphose, die auch einen großen Lesesog erzeugt und einen davor bewahrt, in einem vorgefertigten Urteil über die Figuren und ihre Geschichten zu verharren. Trotzdem sucht die Ich-Erzählerin, für die Sprache Beruf und Berufung ist, natürlich nach der Wahrheit in den Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit. Und war die Literatur nicht früher auch eine Art sinnstiftender Code der Freundschaft der beiden Mädchen? Über Jahre hinweg spielten sie immer wieder das Spiel, anhand eines Zitats den Buchtitel zu erraten, aus dem dieses entnommen war. Dieses Spiel war auch ein Code des gegenseitigen Verstehens, eine Art uneigentliches Sprechen, wie es ja auch die Sprache der Literatur kennzeichnet. Doch gerade von Lejla kommt der Vorwurf, Sara konstruiere eine Geschichte, die so nur in ihrer Fantasie stattgefunden habe; und tatsächlich streut die Autorin bzw. die Ich-Erzählerin selbst, indem sie punktuell auch Lejlas Gegenerzählungen wiedergibt, immer wieder Unsicherheitsstellen in den Text ein. Liegt die Wahrheit wirklich in den Worten? Und liegt das wahre Wesen Lejlas wirklich in ihrem alten Namen, mit dem nur Sara sie noch anredet, ihn symbolisch aufladend, ja fast magisch überhöhend?

Letztlich verhandelt der Roman nichts weniger als die Frage nach dem Verhältnis von Kunstwerk und Wahrheit, und folgerichtig stehen die beiden Frauen am Ende ihrer gemeinsamen Reise, die eigentlich kein konkretes erreichbares Ziel haben kann, sondern therapeutischer und metaphorischer Art ist, in Wien vor Dürers Hasen. Wird Sara hier den verschollenen Armin wiedersehen? Oder ist auch er zu einem Bild in ihrer Erinnerung geworden, das sich längst von der Wirklichkeit entfernt hat? So sehr sie die Wiederbegegnung mit diesem früher so faszinierenden Jungen herbeisehnt, der im gewaltsamen Chaos der ethnischen Auseinandersetzungen verschwunden ist, so sehr fürchtet sie sich auch vor der Konfrontation mit ihrer Vergangenheit in einer Familie, in einem Land, in einer Zeit, die unübersehbare Narben hinterlassen hat, die auch nicht verschwinden, wenn man wie Sara Bosnien den Rücken gekehrt hat.

Sie [Lejla] erinnerte mich daran, dass der natürliche Zustand dieser Welt Unordnung war und dass unsere Leben, die um die Anstrengung herum organisiert waren, Ordnung in all dieses Chaos zu bringen, eigentlich nichts anderes waren als ein Spiegelbild endloser Arroganz.

Lana Bastašić, Fang den Hasen

Sicher geht man nicht zu weit, wenn man die Autorin selbst ein bisschen in ihrer Ich-Erzählerin wiederzufinden meint; auch die in Bosnien aufgewachsene Lana Bastašić ist ausgewandert, hat in Irland gelebt, dann in Spanien, und auch sie verwandelt ihre Erfahrungen in Kunst, transponiert das Chaos der Welt in die alles andere als arrogante, vielmehr komplexe und ambivalente Sprache der Literatur.

Bibliographische Angaben
Lana Bastašić: Fang den Hasen, S. Fischer (2021)
Aus dem Bosnischen von Rebekka Zeinzinger
ISBN: 9783103970326

Bildquelle
Lana Bastašić, Fang den Hasen
© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

bookmark_borderAstrid Seeberger: Goodbye, Bukarest

Astrid Seebergers (auto)biographisch motivierter Roman ist, wie schon der Vorgänger, Nächstes Jahr in Berlin, eine historische Spurensuche in literarisierter Form, mit der sich die Autorin den blinden Flecken in der Vergangenheit ihrer Familie anzunähern versucht. Diesmal geht es um Bruno, den Bruder ihrer Mutter, der angeblich in Stalingrad gefallen ist, was, wie sie später erfährt, jedoch nicht der Wahrheit entspricht. Doch außer Brunos Namen besitzt sie kaum Anhaltspunkte, lediglich eine Fotografie von Chopin, dem er sehr ähnlich gesehen haben soll, und wenige unbekannte Namen im Adressbuch ihrer verstorbenen Mutter. So trifft sich die Erzählerin, in deren literarische Haut die Autorin schlüpft, nacheinander mit Menschen, die eine Zeitlang Brunos Weggefährten waren, und nach und nach nimmt seine Geschichte, vermittelt über die Erinnerungen ihrer Gesprächspartner, Gestalt an. Auch wenn sie erst einmal eher schemenhaft bleibt, im Vergleich zu den viel plastischer und eindrücklicher wirkenden Lebensgeschichten der Weggefährten, denen die Autorin großen Raum gewährt. Doch gerade dadurch bekommt der Roman eine über die rein biographische Aufarbeitung einer Familiengeschichte hinausgehende historisch-gesellschaftliche Dimension und eine fiktionale Verdichtung. Er wird zum Epochenbild, in dem sich verschiedene, von Krieg, Repression und Diktatur geprägte Schicksale spiegeln.

Den tiefsten Eindruck hat in mir die Schilderung der Gefangenschaft im Strafgefangenenlager in Sibirien hinterlassen, vielleicht das Herzstück des Romans, da hier die fast unmögliche Liebesgeschichte von Bruno und Dinu ihren Anfang nimmt. Erzählt wird diese Episode aus der Perspektive des ersten Gesprächspartners der Erzählerin, Dmitri Fjodorow alias Hannes Grünhoff, der, Sohn eines russischen Vaters und einer deutschen Mutter, nach dem Kriegstod des Vaters und der Deportation seiner Mutter in ein sowjetisches Lager, obwohl er fast noch ein Kind ist, seinerseits in ein Lager gebracht wird: in dasselbe, in dem auf verschiedenen Wegen auch der rumänische Komponist Dinu und der deutsche Pilot Bruno landen, mit denen er Freundschaft schließt. In zugleich rauen und poetischen Bildern wird in der Erinnerung von Dmitri/Hannes sowohl das harte, gefährliche Leben im Lager lebendig als auch die Verlorenheit des Jungen, der er damals war, und der trotz der von tiefem Vertrauen geprägten und für ihn in dieser Situation vielleicht lebensnotwendigen Verbundenheit mit den beiden Männern letztlich nur die Rolle des Dritten im Bunde einnimmt, was er damals eher ahnt als wirklich versteht. Mit der Zeit im Lager endet dann auch Hannes‘ Zeugenschaft, Bruno und Dinu gelangen auf Umwegen nach Bukarest zu Dinus Schwester, und eine neue Dreieckskonstellation beginnt, in einem Land, in dem sie sich, erst recht als homosexuelles Paar, bald kaum weniger unfrei fühlen als im sibirischen Arbeitslager.

Astrid Seeberger schreibt in einem nachdenklichen, poetisch angereicherten Stil, in kurzen Sätzen, die sich flüssig und leicht lesen, aber stellenweise etwas gefällig konstruiert sind, ein Eindruck, der sich auch bei so manchem Sprachbild aufdrängt, dessen poetische Kraft literarisch nicht jedesmal voll und ganz überzeugt. Eine Ursache mag wohl darin liegen, dass die Autorin ihren nachdenklich-melancholischen Stil, der anfangs ja besonders dazu dient, die Ich-Erzählerin zu charakterisieren — als Suchende, als sich für die Erinnerung vorsichtig Öffnende –, in ihrem multiperspektivischen Text durchgehend beibehält, anstatt für die eingeschobenen Geschichten der Weggefährten eine eigene, ihrem Charakter und ihrer Erzählsituation entsprechende Ausdrucksweise zu finden.

Dennoch berührt einen diese Geschichte auf eine sehr zarte, feinfühlige Art und Weise. Man spürt, dass der Roman aus einem großen Einfühlungsvermögen und einer aufrichtigen Anteilnahme am Leben der Figuren heraus geschaffen wurde, deren fein beobachtete Schicksale die Autorin behutsam und lebendig erzählt. Und so gelingt ihr auch die Transformation der eigenen Familiengeschichte in einen mit kleinen Einschränkungen auf jeden Fall lesenswerten Roman über den Einfluss der Geschichte auf die verschlungenen Lebenswege und -kämpfe der Menschen.

Bibliographische Angaben
Astrid Seeberger: Goodbye, Bukarest, Urachhaus (2020)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gisela Kosubek
ISBN: 9783825152307

Bildquelle
Astrid Seeberger, Goodbye, Bukarest
© 2020 Verlag Freies Geistesleben und Urachhaus GmbH, Stuttgart

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