bookmark_borderOlga Grjasnowa: Der verlorene Sohn

Der verlorene Sohn ist ein eher schmales Buch, das aber in einer wie von selbst dahinfließenden Sprache wahrhaft ein ganzes Menschenleben hervorzaubert: ein Leben, hin und her katapultiert zwischen zwei Welten, die mehr vielleicht als durch Tradition, Kultur und Glauben durch die Gewalt des Krieges gänzlich unvereinbar scheinen, ein Leben, das allen Fremdbestimmungen zum Trotz mit Mut und Hoffnung gestaltet wird, ein Leben, das dann auch wirklich die aufregendsten Wendungen nimmt und doch so unendlich traurig endet…

Jamalludin ist der Sohn des Imams Schamil, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Nordkaukasus sein kleines Reich gegen die Übermacht der Russen verteidigt. Als sein muslimisches Volk der Belagerung angesichts des Hungers und der vielen Toten in diesem ungleichen Kampf gegen die russische Armee nicht mehr länger standhalten kann, sieht Schamil sich gezwungen, für Waffenstillstandsverhandlungen seinen ältesten und doch noch so jungen Sohn Jamalludin den Russen als Pfand anzuvertrauen. Doch anders als versprochen wird Jamalludin nach den dreitägigen Verhandlungen nicht wieder freigelassen, sondern nach Sankt Petersburg zum Zaren gebracht, der fortan über den weiteren Lebensweg des potentiellen Nachfolgers an der Spitze dieses kleinen kaukasischen Volkes entscheidet.

Die Ängste und Herausforderungen, die seit seinem Abschied von der geliebten und vertrauten Familie über den Jungen hereinbrechen, der — und das durchzieht wie eine leitmotivische Grundspannung die ganze Handlung — so völlig der Willkür der anderen ausgeliefert ist, am Anfang nicht einmal die Sprache versteht, geschweige denn die Umgangsformen der höheren russischen Gesellschaft kennt, in die er nun Schritt für Schritt eingeführt wird, schildert Olga Grjasnowa auf sehr einfühlsame und zugleich reflektierte Weise. Nie klingt ihr Stil lamentierend oder gefühlsduselig, und doch führt sie den Leser ganz nah an die Gefühle, das Innenleben des Protagonisten heran, an seinen Schmerz über die Trennung von der Familie, seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit, seine Einsamkeit inmitten der geselligen Kameraden.

In eindrücklichen Szenen, die mitunter an die großen russischen und französischen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts erinnern, deren Lektüre auch für den Protagonisten prägend ist, erzählt die Autorin von den Begegnungen, Beobachtungen und Erfahrungen, die Jamalludin mit der ihn umgebenden Außenwelt macht, von seinen unermüdlichen Anstrengungen, sich immer wieder in eine neue Umgebung einzufügen, ohne dabei seine Herkunft zu verleugnen, sich als Heranwachsender eine eigene Persönlichkeit zu formen, sich zu bilden, ein Leben zu leben, und ja, ganz behutsam auch eine Liebe, zu einer Frau, die ihrerseits gegen ganz andere gesellschaftliche Vorurteile kämpft.

Dieser kulturelle und existentielle Spagat erweist sich jedoch als eine schier übermenschliche Aufgabe, hat Jamalludin doch in Russland, protegiert vom Zaren, dessen strategische Absichten ihm nie offen gelegt werden, keinerlei Kontakt mehr zu seiner Familie. Die Briefe, die er an den Vater schreibt, bleiben jahrelang unbeantwortet, die Sprachen, die er nun fließend spricht, sind andere als die immer mehr ins Vergessen rückende Muttersprache des Awarischen. Er reift zum jungen, gebildeten Mann heran, bewegt sich in adligen Kreisen und blickt schließlich als russischer Offizier einer möglichen Konfrontation mit den Kriegern seines Vaters entgegen, der sich weiterhin gegen die Russen zur Wehr setzt. Doch bevor es soweit kommt, ändert sich wieder einmal der Lauf der Geschichte, und der verlorene Sohn muss erneut von heute auf morgen das Leben, das er sich aufgebaut hat, im Stich lassen und kehrt, wiederum als Tauschobjekt im nicht enden wollenden Krieg, zurück zu seinem Vater, zurück in seine Heimat, in der er misstrauisch beäugt wird und sich nach all den Jahren in der Ferne von Neuem als Fremder fühlt…

Der verlorene Sohn, der vor dem Hintergrund des Krimkriegs und der kriegerischen Auseinandersetzungen Russlands mit den Völkern im Kaukasus angesiedelt ist, den Tscherkessen, Georgiern, Tschetschenen, ist ein historischer Roman in dem Sinne, dass hier ein menschliches Schicksal nicht etwa vor einer bloß historisierenden Kostümkulisse, sondern wirklich im direkten Zusammenhang mit der geschichtlichen Realität des 19. Jahrhunderts erzählt wird. Und diese historische Wirklichkeit erscheint in einem ganz klar literarisierten Gewande, in der Form eines poetischen Realismus, der, ausgehend von einer anschaulich und mitreißend geschilderten fiktiven Lebensgeschichte, ein zeitenthobenes menschliches Schicksal entwirft: das Schicksal eines Menschen, der seine Individualität unablässig gegen die Macht der Geschichte aushandeln muss und dessen verzweifelte Suche nach Autonomie, nach Identität und Zugehörigkeit in dieser Welt nie an ihr Ende gelangt.

Ein schönes, ein melancholisches und ein tieftrauriges Buch, das eine Versöhnung, eine Verständigung zwischen den Kulturen als durchaus menschenmögliche Utopie in den Raum stellt.

Bibliographische Angaben
Olga Grjasnowa: Der verlorene Sohn, Aufbau Verlag (2020)
ISBN: 9783351037833

Bildquelle
Olga Grjasnow, Der verlorene Sohn
© 2020 Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

bookmark_borderClaudia Hammond: Die Kunst des Ausruhens

Zeitmanagement, Effizienz, Leistung, Optimierung — das sind sehr geläufige und auch ideologisch aufgeladene Begriffe aus unserer von einer bestimmten Art von wirtschaftlichem Denken geprägten Zeit. Ruhe, Muße, Müßiggang kommen darin nicht vor, oder wenn sie es tun, dann in unterschwelliger moralischer Abwertung oder in Abhängigkeit vom Ideal der Geschäftigkeit definiert und als Pause von einer Tätigkeit für diese nutzbar gemacht. Während wir einerseits die in früheren Zeiten durchaus geadelte Muße heute geringschätzen und ein hohes Arbeitspensum mit Bedeutsamkeit gleichsetzen, klagen wir andererseits über Stress, sehnen uns nach Erholung und tun uns doch oft so schwer, sie zu finden. Kein Wunder, dass der Markt von Ratgebern für Achtsamkeit und Selbstfürsorge verschiedenster Qualität inzwischen nur so wimmelt.

Die Kunst des Ausruhens kommt also nicht aus dem Nichts. Die Autorin Claudia Hammond versucht darin auf spielerische und zugleich wissenschaftlich fundierte Weise, die für uns Menschen so essentiellen Phasen der Entspannung auch moralisch aufzuwerten bzw. von einem einengenden moralischen Denken zu befreien. Denn auch wenn etwa der Begriff der Resilienz in aller Munde ist — tendiert er nicht oft dazu, heimlich wiederum in den Dienst einer gesteigerten Leistungsfähigkeit gestellt zu werden? Die Aufwertung der Muße erfordert daher für uns heute wahrscheinlich ein tieferes Umdenken, dessen ist sich, so spürt man es bei der Lektüre, auch die Autorin bewusst. Bewusst ist sie sich außerdem auch darüber, dass wir, um wirklich Erholung empfinden zu können, gerade aus der verbreiteten Logik der Effizienz ausbrechen müssen und dass uns mit einem mahnenden Appell zu mehr Erholung, erst recht in einer gewissen vorgegebenen Form, deshalb kaum geholfen wäre, sondern nur neuer Stress hervorgerufen würde. In ihrem Buch, das eine kurzweilige und erhellende Lektüre bietet, geht es vor allem darum, Anregungen und Impulse zu geben, auf deren Basis wir weiter darüber nachdenken können, wie wir uns unsere eigenen Ruheorte schaffen und gestalten können.

Claudia Hammond — das erfährt man nicht nur vom Klappentext, sondern auch bei der Lektüre des Buches — arbeitet als Rundfunksprecherin bei der BBC, ist Dozentin für Psychologie an der Boston University in London, zudem ausgezeichnet als Verfasserin populärwissenschaftlicher Bücher (z.B. zur Wahrnehmung der Zeit) — und sie ist eine leidenschaftliche Hobbygärtnerin: für sie eine ganz persönliche Strategie, immer wieder Ausgleich und Erholung vom Berufs- und Alltagsstress zu finden. Auch wenn Hammond ihre eigenen Erfahrungen anekdotenhaft in den Text mit einfließen lässt, bleibt dieser zum Glück frei von Ratgeberallüren und ist auch alles andere als ein esoterisch angehauchtes Aus-dem-Nähkästchen-Plaudern. Denn als Ausgangspunkt und wissenschaftliche Verankerung dienen der Autorin die aufschlussreichen Ergebnisse einer groß angelegten Studie zur Frage, wie wir am besten zur Ruhe kommen, dem so genannten „Ruhe-Test“, den sie als Psychologin mit initiiert und gestaltet hat.

In ihrem Buch stellt sie die zehn Arten der Erholung vor, die von den Studienteilnehmern am häufigsten genannt wurden, darunter ein heißes Bad nehmen, in der Natur sein, wandern, aber z.B. auch das mentale Wandern der Gedanken, das Tagträumen; an erster Stelle befindet sich übrigens das Lesen, für alle Literaturbegeisterten keine Überraschung, sondern Auslöser stillfreudiger Genugtuung; genauso hat es aber auch das Fernsehen, von der Autorin mit der gleichen Genauigkeit untersucht, in die engste Auswahl geschafft. Claudia Hammond beschreibt jede dieser zehn verschiedenen Arten der Erholung sehr detailliert, begutachtet und prüft sie von allen Seiten, ordnet sie, viele andere Studien heranziehend, wissenschaftlich ein, geht auf die historischen, kulturellen, gesellschaftlichen Hintergründe ein und hinterfragt sie auch in ihrer Wirksamkeit. Das letzte Urteil aber überlässt sie dem Leser, der sich frei entscheiden kann, welche Impulse er aufnehmen will, was sich vielleicht lohnt, einmal ausprobiert zu werden, und was für ihn selbst eher nicht in Frage kommt. Denn was die Autorin immer wieder betont, ist die Subjektivität des Ruheempfindens, das je nach persönlichen Vorlieben ganz verschieden sein kann und zudem noch von vielen anderen Faktoren abhängig ist: von der Dauer, dem Umfeld, aber z.B. auch von der Variationsbreite und der freien Entscheidung; so scheint ein Wechsel zwischen Aktivität und Erholung die Intensität des Ruhegefühls zu steigern, während Ruhe, wenn sie erzwungen ist, sogar äußerste Anspannung hervorzurufen imstande ist. Auch die Frage, inwieweit darüber hinaus einerseits der kulturelle Kontext beim Empfinden von Erholung eine Rolle spielt und inwieweit dieses andererseits von anthropologischen Grundkonstanten bestimmt wird, klingt mitunter an, bleibt in dem vorwiegend empirisch ausgerichteten Text aber eher an der Oberfläche.

Ihre Ausgangsfrage hat die Autorin trotz aller erkenntnisreichen philosophischen, anekdotenhaften und wissenschaftlichen Ausschweifungen dennoch durchgehend im Blick. Es geht ihr primär um die Art und Weise, wie wir Erholung und Ruhe finden, nicht darum, worin wir Glück empfinden. Es ist durchaus aufschlussreich, hier zu differenzieren, auch wenn Ruhe und Wohlbefinden natürlich eng zusammenhängen, was auch aus vielen der vorgestellten Ruhe-Arten hervorgeht. Spannend ist auch der Befund, dass Ruhe nicht mit physischer oder mentaler Inaktivität gleichzusetzen ist. Der Ruhemodus ist kein komaartiger Zustand, im Gegenteil, davon zeugen zwei der beliebtesten Arten zu entspannen, die zugleich körperlich bzw. mental anspruchsvoll sind, nämlich das Wandern und das Lesen. Erholung finden wir demzufolge durch eine veränderte Zeit- und Selbstwahrnehmung, in die wir geraten, wenn die Sorgen zurücktreten und der intensiv wahrgenommene Augenblick in den Vordergrund tritt.

Eine mehr als auffällige Gemeinsamkeit aller zehn durchleuchteten Ruhepraktiken besteht außerdem darin, dass sie nicht in Gesellschaft, sondern alleine erlebt werden, während der Kontakt zu Freunden und zur Familie ja als wichtigster Faktor für das psychische Wohlbefinden gilt. Übrigens ist dieser Zusammenhang von Ausruhen und temporärem Rückzug aus der Gemeinschaft unabhängig davon, wie gesellig man sonst ist, auch Extrovertierte suchen und finden die Ruhe in erster Linie bei sich. Zur Ruhe kommen scheint also ganz wesentlich mit einem In-Sich-Gehen verbunden zu sein, damit, einen Platz für sich in der Welt, im Dasein zu definieren. Wenn vielen von uns das Ausruhen oft so schwer fällt, liegt das deshalb auch daran, dass das Zurechtkommen mit der eigenen Innenwelt durchaus eine Herausforderung darstellen kann. Negative, ins Grüblerische neigende Gedanken und Schuldgefühle, z.B. wegen unserer scheinbaren Untätigkeit, kommen gerade dann nach oben, wenn wir innehalten. Dann heißt es, in uns zu horchen und die geeignete Strategie zu finden, diese Gedanken in andere Bahnen zu lenken, etwa mit einem Achtsamkeitstraining. Da es kein Allheilmittel gegen Stress gibt, bleibt uns also nichts anderes übrig, als je nach Situation oder psychischer Disposition eine andere Art der Ruhe zu suchen; was uns diese aber, wenn wir sie tatsächlich einmal für einen Moment gefunden haben, wahrscheinlich umso intensiver und erfüllter genießen lässt. So können Fernsehen oder Bewegung in der Natur dem ein oder anderen vielleicht besser dabei helfen, abzuschalten und dem nervigen, belastenden Alltag zu entfliehen; wenn man einfach seine Gedanken schweifen lässt, riskiert man womöglich, ins Grübeln zu geraten, es kann aber auch sein, dass wir dadurch auf einmal einen überraschenden kreativen Schub erleben, wie von Zauberhand neue Ideen über uns selbst, über die Welt entwickeln; auch das Lesen ist eine Art der Ruhe, in der man seine Wahrnehmung auf ganz beglückende und entspannende Weise erweitern kann.

Wie und vor allem ob wir zwischendurch zur Ruhe kommen, das schwingt als Grundtenor im gesamten Buch mit, hängt letztlich von der Autonomie ab, die unserer Erholungssuche innewohnt. Was für die Zufriedenheit im Beruf, in der Beschäftigung, erwiesen ist, nämlich dass wir darin den meisten Sinn ausmachen und die größte Zufriedenheit empfinden, wenn wir möglichst viel Entscheidungsfreiheit haben — wozu im besten Fall auch die Freiheit gehört, sich selbst kleine Ruhepausen einzubauen, gilt — eigentlich gar nicht so überraschend — genauso für die Zeit, die wir mit Ausruhen verbringen, und die in dieser selbst gestalteten Form dann nicht nur ein menschliches Grundbedürfnis erfüllt, sondern auch ein großes kreativ-philosophisches Potential in sich birgt.

Bibliographische Angaben
Claudia Hammond: Die Kunst des Ausruhens — Wie man echte Erholung findet, DuMont (2021)
Aus dem Englischen übersetzt von Silvia Morawetz und Theresia Übelhör
ISBN: 9783832181499

Bildquelle
Claudia Hammond, Die Kunst des Ausruhens
© 2021 DuMont Buchverlag & Co. KG, Köln

bookmark_borderSylvia Townsend Warner: Lolly Willowes or The loving huntsman

Als ich diesen ersten Roman der englischen Schriftstellerin und Musikwissenschaftlerin aus dem Jahr 1926 gelesen habe, hat mich schon auf den ersten Seiten eine Faszination ganz eigener Art ergriffen und beim weiteren Lesen nicht mehr losgelassen: Ich war abwechselnd und manchmal auch gleichzeitig amüsiert, erschrocken, empört und verzaubert von dieser feinsinnigen Geschichte einer Frau, die anders ist und anders lebt, als es von ihresgleichen wie selbstverständlich erwartet wird, einer Frau, die als unverheiratete Erwachsene nicht nur ihren Mädchennamen, Laura, verliert, um fortan von allen nur noch Tante Lolly genannt zu werden, sondern auch die Freiheit, eine weibliche Identität zu haben, die nicht in einer familiären Beziehung begründet ist, einer Frau schließlich, die in eine Schublade gesteckt wird, die so eng ist, dass sie, als auch ihre kleinen, unauffälligen Fluchten nicht mehr helfen, auf immer noch subtile, aber wirksame Weise aufbegehrt und sich die Freiheit und Naturnähe ihrer Kindheit wieder zurückzuerobern versucht.

Der aus drei Teilen bestehende Roman weist eine stringente, aber stark kontrastive Struktur auf, deren größter Bruch, gleichwohl er unterschwellig lange vorbereitet wurde, im dritten Teil stattfindet, der sich durch seinen Übergang ins Ironisch-Fantastische von den vorhergehenden Teilen abhebt. Im ersten Teil erfährt man, wie die Hauptfigur Lolly Willowes, die damals noch Laura gerufen wurde, auf dem Land in Lady Place aufwächst; die Mutter lässt ihr, entgegen den eher strengen Sitten auf dem englischen Lande am Ende des 19. Jh., viel Freiraum, Laura darf lesen, was sie will, sie darf mit ihren Brüdern in der Natur umherjagen, und vor allem darf sie sich des leidigen Gesellschaftsspiels entziehen, welches das Leben der jungen Mädchen in der Suche nach einem Bräutigam kulminieren lässt. Nach dem frühen Tod der Mutter bleibt Laura ganz selbstverständlich bei ihrem Vater und sorgt für Haus und Garten, auch als die beiden Brüder nacheinander heiraten. Erst als der Vater stirbt, wird Laura sich über Nacht den gesellschaftlichen Konventionen, die in Lady Place keine Macht hatten, beugen. Sie zieht — und hier könnte der Kontrast in den Augen Lauras nicht größer sein — zur Familie ihres Bruders Henry nach London. Sie erlebt London als das genaue Gegenteil von Lady Place, das sie gegen eine graue, enge und von engstirnigen Menschen bewohnte Stadt eintauschen musste. Freiheit, sowohl des Geistes als auch des Körpers, und Natürlichkeit sind in dem Roman eng mit dem Begriff der Natur verbunden, während das urbane Gesellschaftsleben Entfremdung und Rollenzwänge begünstigt:

There was a small garden at Apsley Terrace, but it had been gravelled over because Henry disliked the quality of London grass; and in any case it was not the sort of garden in which she could run barefoot.

She was also annoyed by the hardness of the London water. Her hands were so thin that they were always red; now they were rough also. If they could have remained idle, she would not have minded this so much. But Caroline never sat with idle hands; she would knit, or darn, or do useful needlework. Laura could not sit opposite her and do nothing.

Lolly Willowes, S. 46 (Part 1)

Die im Zitat genannte Caroline ist Lauras Schwägerin und in fast allem das Gegenteil von ihr; Caroline ist eine perfekte Hausfrau und Mutter, sie bestätigt ihren Ehemann unhinterfragt in allem, was er denkt und tut, und bringt in Gesellschaft anderer niemanden mit eigenen Gedanken und Widerspruch aus dem Konzept, so wie Laura das in ihrer nur scheinbar naiven Art immer wieder tut, wenn sie gedankenlos geäußerte Klischees und Dummheiten einfach nicht so stehen lassen kann. Lauras unvoreingenommene, genaue Beobachtungsgabe, die in zurückhaltendem personalen Erzählstil vermittelt wird, verschafft dem Leser hier den Genuss psychologisch sehr nuancierter und entlarvender Figurenporträts. So durchschaut Laura etwa sehr genau, dass ihre Schwägerin zwar den Konventionen zufolge einen vorbildlichen Charakter hat, ihr Verharren in Konformität und Passivität sich letztlich jedoch auch auf das Verhalten ihres Mannes negativ auswirkt. Denn da Henry zuhause, ebenso wie übrigens auch in seinem beruflichen Umfeld — er hat eine Stelle als Jurist — keinerlei Widerspruch und geistige Anregung erhält, macht er es sich mit der Zeit in seinen Vorurteilen bequem und wird immer engstirniger; man geht wohl nicht zu weit, wenn man hier ein indirektes Plädoyer für eine gleichberechtigte Beziehung herauszulesen meint.

Doch so gut es Caroline und ihr Mann auch mit Laura meinen, indem sie ihr ein Obdach und Gesellschaft geben — die nicht mehr ganz junge Frau fügt sich einfach nicht in die für sie vorgesehene Rolle. Und zwar nicht durch Provokation und Aufmüpfigkeit, sondern schlicht durch die von ihr gelebte Natürlichkeit, mit der die Anstrengungen der anderen als unaufrichtig und zwanghaft entlarvt werden und an der denn auch alle Versuche, sie doch noch irgendwie an den Mann zu bringen, abprallen müssen. Mit diesen erzähltechnischen Strategien gelingt es der Autorin, ihre Figuren sehr lebendig und augenzwinkernd zu charakterisieren, hintersinnig Gesellschaftskritik zu üben und nicht zuletzt auch den Frust und die Verzweiflung ihrer Hauptfigur Laura für den Leser spürbar zu machen:

Caroline seemed affectionately disposed towards her; she was full of practical good sense, her advice was excellent, and pleasantly bestowed. Laura saw her a good wife, a fond and discreet mother, a kind mistress, a most conscientious sister-in-law. She was also rather gluttonous. But for none of these qualities could Laura feel at ease with her. Compared to Caroline she knew herself to be unpractical, unmethodical, lacking in initiative. The tasks that Caroline delegated to her she performed eagerly and carefully, but she performed them with the hampering consciousness that Caroline could do them better than she, and in less time.

Lolly Willowes, S. 52 f. (Part 1)

Als Lauras jüngerer Bruder James stirbt, wird ihr Kindheitsparadies Lady Place verpachtet, alles Mobiliar und die vielen, teils kuriosen Sammlerstücke aus früheren Willowes-Generationen werden verteilt oder zwischengelagert. In der Folge dieses einschneidenden Ereignisses wird deutlich, dass Laura, gleichwohl James‘ Sohn Titus, Lauras Neffe, rein rechtlich der Erbe von Lady Place sein wird, die wahrhaftige, nämlich geistige und emotionale Erbin der Willowes‘ ist. Dies ist für den weiteren Fortgang der Geschichte insofern von zentraler Bedeutung, als Laura sich von ihrer geographischen Bindung zu Lady Place freimachen kann, da sie erkennt, dass dieser Sehnsuchtsort nur noch in ihrer Erinnerung, dafür aber der Zeit und des Raums enthoben, weiterexistiert; so wird sie innerlich bereit für ihren Befreiungsschlag, ihren Ausbruch.

Doch erst einmal findet mit dem Ersten Weltkrieg ein anderer Ausbruch statt, der entscheidende Auswirkungen auf die wirtschaftlichen und sozialen Hierarchien und eben auch auf die Geschlechterrollen hat; auf einmal ist es ganz selbstverständlich, dass die Frauen am Erwerbsleben teilhaben und in der Öffentlichkeit präsent sind. Weibliche Biographien, die für Leute wie Caroline und Henry vor dem Krieg unvorstellbar gewesen wären, werden geschrieben, wie zum Beispiel die ihrer eigenen Tochter mit dem andeutungsreichen Namen Fancy: Nach ihrer überraschenden und unkonventionellen Heirat 1914 wird sie bereits 1916 zur Kriegswitwe — und im gleichen Atemzug zur „widowed amazon“ (S. 70), zur modernen, unabhängigen Frau:

At least [so denkt sich ihre Mutter Caroline] Fancy might stay in her very expensive flat and be a mother to her baby. But Fancy drew on a pair of heavy gauntlet gloves and went to France to drive motor lorries.

Lolly Willowes, S. 70 (Part 1)

Mit dem Krieg ist auch der erste Teil des Romans zu Ende. Während die Londoner Willowes auf nun recht anachronistisch wirkende Weise zum Alltag vor dem Krieg zurückkehren —

When the better days to come came, they proved to be modelled as closely as possible up to the days that were past. It was astonishing what little difference differences had made.

Lolly Willowes, S. 73 (Part 1)

— ergreift Laura eine schwer fassbare Melancholie, die ebenso plötzlich, wie sie aufgekommen ist, wieder verschwindet, doch eine weitere unsichtbare Wunde in ihr hinterlässt, ein vages Ungenügen, das sie mit kleinen eskapistischen Streifzügen durch die Stadt und in Buchläden zunächst aufzuheben scheint. Doch hinter diesem scheinbaren Ausleben von Selbständigkeit und Freiheit verbirgt sich eine tiefe Einsamkeit, der sie in ihrer Rolle als unverheiratetes Anhängsel der Familie nicht zu entkommen vermag:

These things were exciting enough to be pleasurable, for she kept them secret. Henry and Caroline […] were quite indifferent as to where and how she spent her afternoons; they felt no need to question her, since they could be sure that she would do nothing unsuitable or extravagant. Laura’s expeditions were secret because no one asked her where she had been. […] But she did not examine too closely into this; she liked to think of them as secret.

Lolly Willowes, S. 79 f. (Part 2)

Die Kehrseite dieser kleinen Freiheiten, die sie sich nimmt, ist das vollständige Desinteresse der anderen für ihre Person. Für die Gesellschaft existiert sie im Grunde gar nicht. Und so fängt unterschwellig etwas in ihr zu brodeln an, eine Sehnsucht, die sie zum Entsetzen ihrer aus allen Wolken fallenden Familie dann doch eines Tages zu einer unerhörten „Extravaganz“ veranlasst. Sie fasst die Entscheidung, London zu verlassen und in eine ländliche Gegend zu ziehen, die sie nur aus einem Reisebericht kennt; und zwar ganz allein. Als sie mit dieser Neuigkeit inmitten eines Familientreffens herausplatzt, nimmt sie außer ihrem Neffen Titus niemand ernst; daher sucht sie später erneut das Gespräch mit ihrem Bruder:

„But Lolly, what you want is absurd.“
„It’s only my own way, Henry.“
„If you would like a change, take one by all means. Go away for a fortnight. […] Take a little trip abroad if you like. But come back to us at the end of it.“
„No, Henry. I love you all, but I feel I have lived here long enough.“
„But why? But why? What has come over you?“
Laura shook her head.
[…] „Lolly! I cannot allow this. You are my sister. I consider you my charge. […] It is not sensible. Or suitable.“
„I have reminded you that I am forty-seven. If I am not old enough now to know what is sensible and suitable, I never shall be.“

Lolly Willowes, S. 102 f. (Part 2)

Auch als sich im weiteren Gesprächsverlauf herausstellt, dass Henry ihr Geld ohne ihr Wissen ungünstig angelegt hat, so dass kaum mehr etwas davon übriggeblieben ist, lässt Laura sich nicht von ihrem Entschluss abbringen. Sie stellt sich auf ein bescheideneres, aber unabhängiges Leben ein und zieht zu einem älteren Ehepaar in eine Pension. In ihrer neuen Umgebung unternimmt sie behutsame freundschaftliche Annäherungen und vor allem viele Streifzüge durch die Natur, auf denen sie — zugleich schmerzhaft und befreiend, eine innere Wandlung durchmacht und endlich die ganze Dimension ihrer vorherigen Entfremdung erkennt. Im charakteristisch augenzwinkernd-satirischen Stil hebt die Autorin Lauras persönliches Schicksal auf eine übergeordnete, gesellschaftliche und historische Ebene:

There was no question of forgiving them [ihrer Londoner Familie]. She had not, in any case, a forgiving nature; and the injury they had done her was not done by them. If she were to start forgiving she must needs forgive Society, the Law, the Church, the History of Europe, the Old Testament, great-great-aunt Salome and her prayer-book, the Bank of England, Prostitution, the Architect of Apsley Terrace, ans half a dozen other useful props of civilisation.

Lolly Willowes, S. 152 (Part 2)

Doch es wäre zu kurz gegriffen und — gerade angesichts der in der zitierten Textstelle genannten historisch verankerten Gesellschaftsstrukturen — zu weltfremd, wenn ihr Akt der Emanzipation damit einfach so vollendet wäre. Im dritten Teil geht es denn auch darum, ihr neues Dasein gegen seine Bedrohung von außen zu verteidigen. Diese Bedrohung manifestiert sich ausgerechnet in Gestalt ihres Neffen Titus, der ihr in gewisser Weise sehr ähnlich ist und den sie eigentlich von Herzen gern hat. Titus ist inzwischen Student, ein junger, vor Willen und Kraft strotzender Mann, der den Ausbruch seiner Tante auf seine Weise imitiert und für eine Zeitlang bei ihr wohnen möchte. Doch Laura empfindet dieses Ansinnen als Affront und ihren Neffen als Eindringling, der ihr das alte Leben, aus dem sie sich so mühsam befreit hat, wieder überzustülpen droht: Auf einmal ist sie wieder die nützliche, liebenswürdige, unbedeutende Tante Lolly, kurz davor, wieder in die alten Ketten gelegt zu werden:

She walked up and down in despair and rebellion. She walked slowely, for she felt the weight of her chains. Once more they had fastened upon her. She had worn them for many years, acquiesciently, scarcely feeling their weight. Now she felt it. And, with their weight, she felt their familiarity, and the familiarity was the worst of all.

Lolly Willowes, S. 156 (Part 3)

Das Gefühl der Bedrohung besteht auch in der von ihr auf einmal ganz stark empfundenen Kluft zwischen einer Männlichkeit, die auch Selbstverständlichkeit bedeutet, und ihrer Weiblichkeit: Für Titus entspringt seine Lust auf einen Aufenthalt fernab seiner Familie einer leicht zu erfüllenden, durch keinerlei Hindernisse erschwerten Laune, während der Ausbruch für Laura ein einzigartiger, von Imagination, Hoffnung und Emotion beseelter Kraftakt war. Die Art ihrer Liebe zu dieser Gegend unterscheidet sich in Lauras Augen daher grundlegend:

It was comfortable, it was portable, it was a reasonable appreciative appetite, a possessive and masculine love. […] He loved the countryside as though it was a body.
She had not loved it so. […] for long before she saw it she had loved it and blessed it. With no earnest than a name, a few lines and letters on a map […] she had trusted the place and staked everything on her trust. She had struggled to come, but there had been no such struggle for Titus.

Lolly Willowes, S. 162 f. (Part 3)

Mit Lauras Verzweiflung nimmt der Roman in diesem letzten Teil noch einmal so richtig Fahrt auf. Es bleibt poetisch, aber es wird fantastisch, wild und abenteuerlich. Wie kann sie diesen Eindringling wieder loswerden, wie sich gegen die Verletzung ihres so mühsam eroberten Schutzraumes wehren? Und schließt Laura wirklich einen Pakt mit dem Teufel, der ihr in Gestalt einer kleinen Katze auflauert? Mit dem Motiv der Hexe, das im letzten Teil in den Roman Eingang findet, stellt die Autorin provokativ-ironisch die Frage in den Raum, ob für eine unabhängig lebende Frau ab einem bestimmten Alter nur die ewig-alte Unterstellung gültig sein kann, dass sie eine Hexe ist. Zugespitzt: Muss eine Frau böse werden, um frei sein zu können? In der Handlung wird dieser Mythos aufgegriffen und dann geschickt transformiert und dekonstruiert. Entsprechend der Inversion, die den bösen Teufel hier in eine liebende Erscheinung der Natur verwandelt, wird auch der Begriff der Hexe — wie der Frau — seiner historisch-moralischen Zuschreibungen enthoben und in einen sozialkritischen Kontext gestellt:

One doesn’t become a witch to run round being harmful, or to run round being helpful either, a district visitor on a broomstick. It’s to escape all that — to have a life of one’s own, not an existence doled out to you by others […].

Lolly Willowes, S. 243 (Part 3)

Durch die mythisch-fantastische Struktur des Textes im dritten Teil wirkt eine solche Dekonstruktion zugleich kämpferisch und utopisch, zumal sich poetische Ernsthaftigkeit und spielerische Ironie hier stets gegenseitig durchdringen. So wurzelt etwa der Gedanke an ein Kollektiv der Hexen, die eine eigene soziale Klasse darstellen könnten, aus einem ganz realen Ungerechtigkeitsempfinden und vermag den Lesern doch zugleich ein halb amüsiertes, halb trauriges Schmunzeln zu entlocken: wie z.B. wenn es um die Rekrutierung von weiblichen Hexen oder männlichen Zauberern geht; die Benachteiligung der Frauen im wirklichen Leben stellt nämlich einen absoluten Pluspunkt in ihrer Qualifikation als Hexe dar:

I can’t take warlocks so seriously, not as a class. It is the witches who count. We have more need of you. Women have such vivid imaginations, and lead such dull lives.

Lolly Willowes, S. 238 (Part 3)

Lolly Willowes ist ein ebenso melancholisches wie humorvolles Stück Literatur, kunstvoll verfasst in einem ganz eigenen Stil, den man poetisch-magischen Realismus nennen könnte oder besser noch: poetisch-magischen Feminismus? Auf jeden Fall vereinen sich hier Elemente des britischen Gesellschaftsromans satirisch-kritischer Prägung und eine ins Fantastische getauchte Abenteuergeschichte mit utopischen und naturhymnenhaften Zügen zu einem poetischen Gesamtkunstwerk, dessen kritisch-utopischer Gehalt auch heute noch Relevanz hat. Aufschlussreich ist, dass sich Laura zwar mit der utopischen Idee des selbstbestimmten Hexen-Lebens anfreunden kann, nicht jedoch mit der kollektiven Form des Hexensabbats, von dem sie gleich wieder Reißaus nimmt, als sie darin neue gesellschaftliche Zuschreibungen und Zwänge entdeckt. Laura ist eine literarische Figur, die sich nicht von Ideologien einzwängen und dirigieren lassen will, sondern die im Einklang mit sich und ihrer Umwelt leben möchte, und die dafür immer wieder auch ihre Rückzugsorte braucht. Somit zeichnet ihre Geschichte eindrücklich einen emanzipatorischen Akt nach, der aber ungleich poetischer ist, als alle zeitgenössischen Gesellschaftsformen des Feminismus es sein können, sei es des politisch-aktivistischen, des sprachpolitisch-formbehafteten oder derjenigen Spielart, die — wie Beate Hausbichler es in ihrem kürzlich erschienenen Buch, Der verkaufte Feminismus, analysiert — oft mehr Pose und Label ist als ehrliches Engagement. Literatur, das zeigt der Roman, ist doch immer noch eine der besten Arten, gesellschaftliches Bewusstsein zu schärfen, ohne den empathischen und differenzierten Blick für die Geschichte des Einzelnen zu verlieren.

Bibliograpische Angaben
Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes or The loving huntsman [1926], Academy Chicago Limited (1979)
ISBN: 9780915864911

Zur deutschen Ausgabe:














Bildquelle
Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes oder Der liebevolle Jägersmann, Dörlemann (2020)
In neuer deutscher Übersetzung von Ann Anders
ISBN 9783038200796
© 2020 Dörlemann Verlag AG, Zürich

bookmark_borderAstrid Seeberger: Goodbye, Bukarest

Astrid Seebergers (auto)biographisch motivierter Roman ist, wie schon der Vorgänger, Nächstes Jahr in Berlin, eine historische Spurensuche in literarisierter Form, mit der sich die Autorin den blinden Flecken in der Vergangenheit ihrer Familie anzunähern versucht. Diesmal geht es um Bruno, den Bruder ihrer Mutter, der angeblich in Stalingrad gefallen ist, was, wie sie später erfährt, jedoch nicht der Wahrheit entspricht. Doch außer Brunos Namen besitzt sie kaum Anhaltspunkte, lediglich eine Fotografie von Chopin, dem er sehr ähnlich gesehen haben soll, und wenige unbekannte Namen im Adressbuch ihrer verstorbenen Mutter. So trifft sich die Erzählerin, in deren literarische Haut die Autorin schlüpft, nacheinander mit Menschen, die eine Zeitlang Brunos Weggefährten waren, und nach und nach nimmt seine Geschichte, vermittelt über die Erinnerungen ihrer Gesprächspartner, Gestalt an. Auch wenn sie erst einmal eher schemenhaft bleibt, im Vergleich zu den viel plastischer und eindrücklicher wirkenden Lebensgeschichten der Weggefährten, denen die Autorin großen Raum gewährt. Doch gerade dadurch bekommt der Roman eine über die rein biographische Aufarbeitung einer Familiengeschichte hinausgehende historisch-gesellschaftliche Dimension und eine fiktionale Verdichtung. Er wird zum Epochenbild, in dem sich verschiedene, von Krieg, Repression und Diktatur geprägte Schicksale spiegeln.

Den tiefsten Eindruck hat in mir die Schilderung der Gefangenschaft im Strafgefangenenlager in Sibirien hinterlassen, vielleicht das Herzstück des Romans, da hier die fast unmögliche Liebesgeschichte von Bruno und Dinu ihren Anfang nimmt. Erzählt wird diese Episode aus der Perspektive des ersten Gesprächspartners der Erzählerin, Dmitri Fjodorow alias Hannes Grünhoff, der, Sohn eines russischen Vaters und einer deutschen Mutter, nach dem Kriegstod des Vaters und der Deportation seiner Mutter in ein sowjetisches Lager, obwohl er fast noch ein Kind ist, seinerseits in ein Lager gebracht wird: in dasselbe, in dem auf verschiedenen Wegen auch der rumänische Komponist Dinu und der deutsche Pilot Bruno landen, mit denen er Freundschaft schließt. In zugleich rauen und poetischen Bildern wird in der Erinnerung von Dmitri/Hannes sowohl das harte, gefährliche Leben im Lager lebendig als auch die Verlorenheit des Jungen, der er damals war, und der trotz der von tiefem Vertrauen geprägten und für ihn in dieser Situation vielleicht lebensnotwendigen Verbundenheit mit den beiden Männern letztlich nur die Rolle des Dritten im Bunde einnimmt, was er damals eher ahnt als wirklich versteht. Mit der Zeit im Lager endet dann auch Hannes‘ Zeugenschaft, Bruno und Dinu gelangen auf Umwegen nach Bukarest zu Dinus Schwester, und eine neue Dreieckskonstellation beginnt, in einem Land, in dem sie sich, erst recht als homosexuelles Paar, bald kaum weniger unfrei fühlen als im sibirischen Arbeitslager.

Astrid Seeberger schreibt in einem nachdenklichen, poetisch angereicherten Stil, in kurzen Sätzen, die sich flüssig und leicht lesen, aber stellenweise etwas gefällig konstruiert sind, ein Eindruck, der sich auch bei so manchem Sprachbild aufdrängt, dessen poetische Kraft literarisch nicht jedesmal voll und ganz überzeugt. Eine Ursache mag wohl darin liegen, dass die Autorin ihren nachdenklich-melancholischen Stil, der anfangs ja besonders dazu dient, die Ich-Erzählerin zu charakterisieren — als Suchende, als sich für die Erinnerung vorsichtig Öffnende –, in ihrem multiperspektivischen Text durchgehend beibehält, anstatt für die eingeschobenen Geschichten der Weggefährten eine eigene, ihrem Charakter und ihrer Erzählsituation entsprechende Ausdrucksweise zu finden.

Dennoch berührt einen diese Geschichte auf eine sehr zarte, feinfühlige Art und Weise. Man spürt, dass der Roman aus einem großen Einfühlungsvermögen und einer aufrichtigen Anteilnahme am Leben der Figuren heraus geschaffen wurde, deren fein beobachtete Schicksale die Autorin behutsam und lebendig erzählt. Und so gelingt ihr auch die Transformation der eigenen Familiengeschichte in einen mit kleinen Einschränkungen auf jeden Fall lesenswerten Roman über den Einfluss der Geschichte auf die verschlungenen Lebenswege und -kämpfe der Menschen.

Bibliographische Angaben
Astrid Seeberger: Goodbye, Bukarest, Urachhaus (2020)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gisela Kosubek
ISBN: 9783825152307

Bildquelle
Astrid Seeberger, Goodbye, Bukarest
© 2020 Verlag Freies Geistesleben und Urachhaus GmbH, Stuttgart

bookmark_borderStefan Slupetzky: Im Netz des Lemming

Der Antiheld ist im Kriminalroman heute längst etabliert, ja, letzterer fußt im Spannungsaufbau oft sogar ganz wesentlich auf den aus den Schwächen und Versuchungen der ermittelnden Haupt- und Identifikationsfigur rührenden Konflikten. Doch während etwa im skandinavischen Krimi der Antiheld oft als gebrochene, vom Schicksal gezeichnete Figur auftritt, kommen die Antihelden im österreichischen Krimi — oder vielleicht noch spezifischer in seiner Wienerischen Ausprägung (Heinrich Steinfest, Wolf Haas!) — auf den ersten Blick deutlich unspektakulärer daher. Mit weniger Tragik, dafür mit viel abseitigem Humor. Diese Antihelden sind skurril, schrullig, eigen — aber sie schauen genau hin und decken Abgründe auf, die die anderen nicht sehen, oder nicht sehen wollen.

Leopold Wallisch alias „der Lemming“ ist so einer. Wie so manche seiner internationalen Krimikollegen ist er dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt, versucht aber gar nicht erst, diesem in einem kräftezehrenden, von Gewissensqualen begleiteten Wechsel von Askese und Rückfall abzuschwören. Sich das Leben unnötig schwer zu machen und auf ein traditionelles und bewährtes Trost- und Genussmittel zu verzichten, ist des Lemming Sache nicht. Auch wenn er infolge einer solchen alkoholischen Eskapade einst aus der Kriminalpolizei geworfen wurde. Aber das ist eine andere Geschichte, die lange Jahre zurückliegt und 2004 im ersten Band der Lemming-Reihe erzählt wurde — der übrigens keine Voraussetzung für das Verständnis des aktuellen sechsten Bandes Im Netz des Lemming darstellt. Als Wachmann im Wiener Tierpark, der ohne Kripoausweis, dafür zeitweise mit peinlichem falschen Bart und Pornobrille ermittelt, wird er hier ganz antiheroisch in einen Kriminalfall hineingezogen, der zu einem wesentlichen Teil im Netz ausgetragen wird und ihn mit den Dynamiken der sozialen Medien konfrontiert, deren Existenz er bisher, ganz altmodisch, erfolgreich verdrängt hat. Aber er ist ja auch Familienvater, Vater eines Sohnes, Ben, der gerade dem Kindesalter zu entwachsen beginnt, aber bereits deutlich mehr Ahnung vom Internet und seinen Gefahren hat als sein Vater. Und Ben drückt sich seit neuestem nicht nur im ätzend-komisch wirkenden pubertären Kurznachrichten- und Hashtagsprech aus, sondern er hat sich vor kurzem auch, ganz uncool, mit Mario angefreundet, der nicht nur das Stigma einer Hasenscharte trägt, sondern auch das einer in den Medien hochgekochten Familientragödie.

Als Mario bei der gemeinsamen Heimfahrt in der Tram mit dem Lemming, die geprägt ist von stockenden Dialogen, aus Verlegenheit angebotenen Bonbons (österr. „Zuckerl“) und plingend eintreffenden Handynachrichten, auf einmal Hals über Kopf aus der Tram springt und sich von der Brücke in den Tod hinabstürzt, kann der Lemming nichts mehr tun, um ihn zu retten. Auf den Schock folgt allerdings bald ein weiterer, nämlich als der Lemming am eigenen Leib die Hetze der Onlinemedien zu spüren bekommt: als vermeintlich pädophiler Psychopath, der sein Opfer mit Zuckerln angelockt und in den Tod gestoßen habe. Dass der Tod des Jungen mit der fatalen Dynamik der sozialen Medien, mit dem Steigerungspotential des Internets zusammenhängt, dass Hatern und Mobbern eine große Öffentlichkeitswirkung gewährt, ist — zumindest dem Lemming und den Lesern — rasch klar, doch der „Scheißsturm“ (O-Ton Lemming), typisch für die Konfusion und sündenbockgierige Schnellschussartigkeit der medialen Erregtheit, prasselt erst einmal ausgerechnet über dem Lemming nieder und verhindert so, dass die Polizei nach den eigentlichen Drahtziehern sucht. Also ermittelt der Lemming, zusammen mit seinem alten Siez- und beinahe Duz-Freund, und in jedem Falle unbedingt Trinkfreund, dem in Folge des Shitstorms ebenfalls beurlaubten Wiener Bezirksinspektor Polivka — übrigens auch außerhalb der Lemming-Reihe Titelfigur eines Krimis von Slupetzky, Polivka hat einen Traum (2014) — auf eigene Faust und gegen das bald nicht mehr nur metaphorische Feuer der medialen Empörung.

Denn es schwelen nicht nur alle möglichen Spreng- und Brandsätze, deren Explosivität allzu oft die ganz reale Folge virtueller Hetzreden ist, etwa wenn gesellschaftliche Themen wie die Flüchtlingspolitik emotionsgeladen und manipulativ aufgegriffen und polarisierend zugespitzt werden, sondern auch so manche politisch-mediale Intrige, ihrem Wesen nach heute eng verbunden mit der Inszenierung im Netz. Augenzwinkernd wird hier am Rande auch die Ibiza-Affäre angedeutet, was natürlich wie die Faust auf österreichische rechte, aber nicht nur rechte, Auge passt, da in dieser Intrige, wie sich im Nachhinein herauskristallisiert, mediale Inszenierung, Manipulation, Macht und Erpressung perfide kriminell zusammengespielt haben. Es gibt also nicht nur diejenigen, die unter dem Schutz der Anonymität des Netzes boshafte Kommentare posten und sich so ihren Frust und ihre Vorurteile wohl vergeblich vom Leib zu schreiben versuchen, sondern — auf gefährliche Weise kaum von diesen zu trennen — auch die Manipulatoren, den bewusst geschürten Hass, die künstlich gesteigerte Polarisierung:

So viel Schmerz, denkt er [der Lemming]. Kann es ein Spiel geben, das nur Verlierer kennt? Wohl kaum. Sogar das schlimmste Spiel — der Krieg — hat seine Profiteure. Nicht die Menschen, die ihn ausfechten, noch nicht einmal die Staaten, die ihn führen, sondern die Leute, die man niemals zu Gesicht bekommt, die Männer hinter schallgeschützten Türen und dunklen Fensterscheiben, die den Hass schüren, ohne selbst zu hassen […] Für sie gibt es kein Miteinander, sondern nur das goldene Kalb des so genannten Wettbewerbs, in dem sie alle mühelos besiegen, weil sie mit gezinkten Würfeln spielen. […] Mehr gelten, mehr erreichen, mehr besitzen zu wollen als die anderen: ein bizarres Hobby. Leider eines, das die Menschheit in den Abgrund stürzt.

Slupetzky, Im Netz des Lemming, S. 178 (Hervorhebung im Original)

In der Krimihandlung realisiert sich dieses metaphorische Bild des Abgrunds ganz wörtlich, vergegenständlicht sich auf tragische Weise in den Menschen, die sich hier tatsächlich in den Abgrund stürzen, die sozusagen zu selbstmörderischen Lemmingen werden, um den inzwischen falsifizierten Mythos aus der Welt der Tiere aufzugreifen. Sprachlich wird diese dem Kern der Krimihandlung innewohnende Tragik freilich immer wieder durch entlarvende und amüsante Wortspiele, die in der Wiener Tradition der ironisch-bösen Selbstkritik und wortgewandten Satire stehen, konterkariert. Was nicht heißt, dass in der Geschichte nicht auch Empathie und aufrichtige Empörung mitschwingen. Doch wird diese, nicht zuletzt dank des Humors, skeptisch reflektiert und bleibt frei von jeder missionarischen Hybris oder Naivität. Slupetzky setzt sprachliche Direktheit und manchmal recht plakativen Wortwitz bewusst als Stilmittel ein; Schmutziges wird nicht sprachlich beschönigt, durch keine anglisierte Form veredelt, sondern als solches benannt; und ein Shitstorm ist nun einmal nichts anderes als ein Scheißsturm. Das lässt einen schmunzeln, aber oft trifft es auch genau ins eben nicht mehr hell verklärte Schwarze hinein:

„[…] Was glauben mir die Leute? Wo bewirke ich das Gegenteil? Wo zaubere ich etwas herbei, wo rücke ich etwas zurecht, wo kehre ich etwas unter den Tisch? Nicht jeder ist ein guter Influencer…“

„Influenza“, unterbricht der Lemming abfällig, „ist eine Krankheit.“

„In gewisser Weise stimmt das. Man ist ein Erreger, man versucht, den Mob zu infizieren. Man steht vor einem ungeheuren Sprengstofflager, das nur darauf wartet, in die Luft zu gehen, und man hat nur ein Streichholz, um die Kettenreaktion in Gang zu setzen.“

Slupetzky, Im Netz des Lemming, S. 155

Welch fatale Kettenreaktion eine solch medienwirksam inszenierte Erregung auslösen kann, zeigt sich im Verlauf der humorvoll, intelligent und dazu noch äußerst spannend geschriebenen Krimihandlung von Im Netz des Lemming.

Bibliographische Angaben
Stefan Slupetzky: Im Netz des Lemming, Haymon (2020)
ISBN:9783709934975

bookmark_borderStacey Halls: Die Verlorenen

Eine ganz bezaubernde, das Herz wärmende Geschichte, deren Figuren mit viel Empathie und psychologischer Präzision gezeichnet sind, so dass man sie beim Lesen wunderbar lebendig vor Augen hat. Man bangt und hofft mit ihnen, jammert und schaudert zwischendurch auch mal, ehe man kathartisch erlöst und immer noch ein wenig atemlos die letzten Seiten erreicht.

Schon die erste Szene ist erschütternd. Hier lernen wir die eine der beiden Ich-Erzählerinnen und Protagonistinnen des Romans kennen: Bess Bright, eine kaum erwachsene junge Frau, die zusammen mit ihrem Vater auf dem Markt Krabben verkauft, um das tägliche Brot der Familie mehr schlecht als recht zu verdienen, und sich nun gezwungen sieht, ihr Neugeborenes in einem Findlingsheim abzugeben; wie die vielen anderen mittellosen, unverheirateten, verzweifelten Frauen um sie herum ist sie dem Los ausgeliefert, das bestimmt, welche der Kinder in der Obhut des Foundling Hospitals bleiben dürfen, einem Los, dessen als einziger Ausweg aus der materiellen Not herbeigesehntes Ergebnis der Sehnsucht ihrer noch keinen Tag alten Muttergefühle zutiefst widerspricht. Und so ist Bess auch fest entschlossen, ihr Kind zurückzuholen, sobald sie sich irgendwie in der Lage sieht, für es zu sorgen. Doch als sie ein paar Jahre später genug auf die Seite gelegt zu haben meint, um ihre Tochter auszulösen, ist das kleine Mädchen nicht mehr da. Jemand anderes hat es, so erfährt sie, nur einen Tag, nachdem sie es damals abgegeben hatte, unter ihrem Namen zu sich geholt.

Wie sich Bess nun mutig und erfinderisch auf die Suche nach ihrer Tochter begibt, wo und unter welchen Umständen sie sie ausfindig macht und welche Hindernisse sie noch überwinden, welche Abenteuer sie noch durchstehen muss, ehe Mutter und Tochter endlich in Sicherheit zusammenkommen, und welche Rolle die ganz von der Umwelt abgeschottete, allerdings deutlich besser betuchte Alexandra, die zweite Mutter und zweite Ich-Erzählerin, dabei spielt, erzählt die Autorin dramaturgisch überzeugend und fesselnd, mit viel Gespür für die kleinsten emotionalen Regungen und Gewissenskonflikte ihrer Figuren. So ist der Roman ein mitreißendes und gefühlvolles Psycho- und Sozialdrama, zum Glück jedoch ohne in melodramatisches Pathos abzugleiten, was auch daran liegt, dass die Sprache zwar eingängig ist, aber auf Floskeln verzichtet.

Ebenso werden hier einerseits auf ganz unterschiedliche Weise starke Frauenfiguren in den Mittelpunkt gerückt, die aus verschiedenen Gründen am Rand der Gesellschaft stehen und gegen viele Widerstände ankämpfen müssen und die andererseits doch keine anachronistisch wirkenden self-empowerten Superheldinnen sind, sondern mit ihren Ecken und Kanten, ihren Eigenheiten und auch mit ihren düsteren Seiten Geschöpfe ihrer Zeit und ihres Milieus sind: eben die titelgebenden „Verlorenen“, womit nicht nur die Waisenkinder des übrigens historisch verbürgten Londoner Foundling Hospitals gemeint sind. Trotz des unterschwellig mitschwingenden Befreiungsmotivs bleibt die jeweilige soziale Verankerung prägend, und trotz ihrer Courage ist auch Bess auf Unterstützung und Solidarität angewiesen, im emotionalen und materiellen Sinne, die sie, mitunter von überraschender Seite, auch immer wieder erfährt.

Somit kommt man hier nicht nur in den Genuss einer sehr kurzweiligen empfindsamen Abenteuergeschichte, sondern auch in den eines historischen Romans, der einen realistischen und glaubhaften Einblick auch und vor allem in die unteren Bevölkerungsschichten im städtischen London des 18. Jahrhunderts gibt: in die harten nächtlichen Arbeitszeiten eines Fackelträgers, der so viel lieber auf dem Land Gemüse anbauen würde, zum Beispiel, oder in die körperlich herausfordernde Arbeit auf dem Markt, die in Gestalt der Krabbenverkäuferin Bess oder auch ihrer schwarzen Freundin Keziah, die Second-Hand-Kleidung verkauft, lebensnah geschildert wird.

Eine spannende Kombination von Charles Dickens mit der biblischen Geschichte vom salomonischen Urteil und ein berührendes Schmökererlebnis für spätwinterliche Stunden auf der vor Wind und Regen und den materiellen Nöten des 18. Jahrhunderts so wohltuend geschützten Couch…

Bibliographische Angaben
Stacey Halls: Die Verlorenen, Piper (2021)
Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Thiele
ISBN: 9783866124950

Bildquelle
Stacey Halls, Die Verlorenen
© 2021 Piper Verlag GmbH, München

bookmark_borderJemma Wayne: Der silberne Elefant

Die britische Journalistin und Autorin Jemma Wayne erzählt in ihrem beeindruckenden ersten Roman gleich drei weibliche Lebensgeschichten, die sie zu einem stimmigen Gesamtwerk verknüpft. Sie schreibt mit einem feinen Gespür für das psychologische Detail und die verschlungenen und alles andere als eindeutigen Pfade der menschlichen Emotionen, mit einem entlarvenden Blick auf ihre Figuren, der kritisch ist und doch zugleich von großer Empathie getragen wird.

Denn das, wonach sich die drei so unterschiedlichen Frauen — die schwerkranke Witwe Lynn, die mit Lynns Sohn verlobte junge Vera und die aus Ruanda geflohene Emilienne –, die abwechselnd und in verschiedenen Konstellationen im Zentrum der Erzählung stehen, alle sehnen, was sie aufreibt und woran sie zu scheitern drohen, gründet letztlich bei jeder in den fundamentalen menschlichen Bedürfnissen von Freiheit und Geborgenheit. Jede Einzelne von ihnen sucht auf ihre Weise einen Platz in einer Welt, die genug Widerstände, Schmerz und Leid bereithält, dass man an ihnen zugrunde gehen könnte. Dass Waynes Protagonistinnen das nicht tun, liegt auch daran, dass sie letztlich trotz allen Bewusstseins einer Abhängigkeit von äußeren Umständen und trotz Phasen tiefster Verzweiflung und zermürbender Selbstkritik doch unermüdlich daran arbeiten, ihre eigene Geschichte mitzugestalten. Dabei ist der „room for one’s own“, den sich eine jede auf ihre Weise schafft, jedoch nur eine Etappe auf dem Weg zu einer hier ganz weit gefassten Form von Emanzipation. Denn ganz auf sich selbst zurückgeworfen gerät man schnell in einen Teufelskreis aus zerstörerischen Grübeleien, ist man den erlebten Verletzungen, Traumata und auch den eigenen Fehlern schonungslos ausgesetzt. Alle drei sind Einzelkämpferinnen, denen das Risiko der eigenen Verwundbarkeit näher ist als ihre Nächsten und die in einem mehr als holprigen Miteinander erst allmählich begreifen, dass ein Gegenüber, dem man vertrauen kann, unverzichtbar ist. So besteht die große Herausforderung darin, erst wieder neu zu lernen, sich einem anderen zu öffnen und zu vertrauen. Die Autorin zeigt diesen für alle überaus schwierigen Prozess auf eine glaubhafte und ganz wunderbare Weise, die einen auch immer wieder schmunzeln lässt.

Doch wer sind die drei Frauen, die sich hinter den Namen Vera, Lynn und Emilienne bzw. Emily verbergen? Ohne zu viel von der Geschichte vorwegzunehmen, kann man Vera als eine schöne, aber innerlich zerrissene, von ihrem Gewissen zerriebene und um ihr fragiles frisches Liebesglück bangende junge Frau beschreiben, die seit kurzem mit dem sehr gläubigen, streng christlich lebenden Luke liiert ist — eine aus moderner, aufgeklärter Sicht etwas ungewöhnliche Beziehung, die Vera jedoch geradezu als himmlische Rettung aus einer Vergangenheit betrachtet, in der sie einen folgenschweren Fehler begangen hat. Ihr Charakter ist ein bisschen nach dem biblischen Vorbild einer Maria Magdalena angelegt, die nach einer ausschweifenden Jugend nun eine moralische Kehrtwende unternimmt und sich mit aufrichtigem, aber immer wieder auch von Rückschlägen geplagten Einsatz zum Glauben hinzuwenden versucht. Zu dieser Kehrtwende gehört auch das Bemühen um eine gute Beziehung zu ihrer künftigen Schwiegermutter Lynn, was sich als ziemlich aussichtsloses Unterfangen herausstellt.

Lynn, die reiche, gebildete und inzwischen schwer erkrankte Witwe und Mutter zweier erwachsener Söhne kämpft — wie im Grunde schon ihr Leben lang — um ihre Autonomie und wehrt sich vehement dagegen, irgendeine Schwäche einzugestehen, weder gegenüber ihren Mitmenschen noch gegenüber sich selbst. Deshalb will sie auch auf keinen Fall, dass sich irgendwer um sie kümmert, schon gar nicht ihre so blutjung und kraftvoll mit allen Möglichkeiten im Leben stehende Schwiegertochter. Mehr pro forma protestiert sie anfangs auch gegen die ruandische Krankenpflegerin Emily, die sie erst einmal nur als Putzhilfe akzeptiert. Nach und nach begreift man beim Lesen die tiefere Ursache für die harsche Ablehnung ihrer Mitmenschen und die unter der Oberfläche deutlich knirschenden Beziehungen in ihrer Familie, nämlich ihr Hadern mit dem eigenen Lebensentwurf, der nie mit ihrem als junge Frau angestrebten Idealbild in Einklang zu bringen war. Um mit dieser Enttäuschung umzugehen, schafft sie sich ihren eigenen Raum der Kunst und entwirft an einem Ort, zu dem sie niemand anderem Zugang gewährt, expressive Gemälde. Ein weiterer Raum eröffnet sich ihr mit Emily, die sich in Bezug auf ihre eigene Geschichte noch verschlossener zeigt als Lynn. Doch genau darin liegt wohl der Schlüssel zu ihrer sich ganz behutsam anbahnenden Beziehung; wie zwei scheue Wildtiere zähmen die beiden sich gewissermaßen gegenseitig, mit äußerster Vorsicht und im Notfall jederzeit die Krallen ausfahrend oder die Flucht ergreifend.

Emilienne schließlich, die sich in England Emily nennt, hat es als einzige ihrer Familie, ja ihres Dorfes geschafft, dem brutalen Völkermord an den Tutsi zu entkommen: lebend, aber alles andere als unversehrt, körperlich und vor allem seelisch tief verwundet, versucht sie, an einem anderen Ort, weit entfernt von ihrer Heimat, die ihr keine mehr ist, ein neues Leben aufzubauen. Doch natürlich holt sie die Vergangenheit immer wieder ein, gegen die tiefen Traumata können ihre Verdrängungsstrategien nichts ausrichten. Denn wie soll sie sich eine Zukunft gestalten und neue Beziehungen zu Menschen knüpfen, wenn kein Vertrauen mehr übriggeblieben ist? Trotzdem versucht Emilienne in einem bewundernswerten Kraftakt, auf eigenen Füßen zu stehen und von niemandem abhängig zu sein. Für ihr kleines Londoner Zimmerchen arbeitet sie sich klaglos als Putzkraft auf und erwirbt sich nebenbei noch eine Qualifikation zur Krankenpflegerin. Dieser Weg führt sie dann auch zu Lynn, deren anfängliche Schroffheit ihr, die schon alles Menschen(un)mögliche erlebt und ausgehalten hat, nichts mehr anhaben kann, ja ihrem eigenen emotionalen Schutzwall sogar entgegenkommt:

Statt einer Antwort gab Lynn ein ungeduldiges Schnauben von sich und wedelte herablassend mit der Hand. „Angenehm mild heute“, bemerkte sie dann und spähte flüchtig aus dem Fenster, als wäre das Wetter und nicht ihr Gesundheitszustand der Grund dafür, dass sie hier saßen und miteinander Tee tranken, ungeachtet der Kluft zwischen ihnen — eine Kluft der Generationen, der Ethnien und der persönlichen Geschichten, die sie einander noch nicht offenbart hatten.

Wayne, Der silberne Elefant, S. 164

Jede Szene ist mit Bedacht konstruiert und genau beobachtet; psychologisch spannend und lebendig wird erzählt, wie es zwischen den Figuren immer wieder zu leichten Misstönen kommt und wie sich daraus größere Missverständnisse entwickeln. Tragikomisch wirken auch die stolpernden Versuche, den anderen zu verstehen oder sich dem anderen verständlich zu machen, die durch Vor-Urteile oder regelrechte Abwehr des anderen verkompliziert werden. Und doch zeichnen sich mehr und mehr gewisse Gemeinsamkeiten ab, die über die scheinbar unüberwindlichen sozialen, kulturellen und generationellen Unterschiede hinaus eine zwischenmenschliche Verständigung möglich machen. So erwacht eine leise Neugier am Gegenüber, der andere wird als Mensch mit einer eigenen Geschichte beachtet und geachtet:

Emily erfasste schlagartig, dass sie hier eine Frau vor sich hatte, die in zwei getrennten Welten lebte: eine, die man mit den Augen sehen konnte, und eine, zu der nur ihre Gedanken Zutritt hatten, in etwa so, wie Emily es von sich selbst kannte.

Wayne, Der silberne Elefant, S. 159

Aus der hier anklingenden Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild, das im Grunde den ganzen Roman beherrscht, bezieht die Autorin das Konfliktpotential und die Dynamik ihrer Erzählkonstruktion. So lehnt etwa Lynn ihre künftige Schwiegertochter Vera gerade deshalb ab, weil sie in ihr die Verkörperung des Ideals sieht, an dem sie in ihrem Leben gescheitert ist, scheint Vera doch wie selbstverständlich weibliche Schönheit und Attraktivität mit Selbständigkeit, Berufstätigkeit und Freiheit vereinbaren zu können. Im zusätzlichen Bewusstwerden ihres mit der Krankheit zunehmenden Autonomieverlusts bricht eine alte und nie verheilte Wunde in ihr auf: Sie, die einst emanzipierte Studentin, die Historikerin werden wollte, hatte stattdessen die Rolle der liebenden Ehefrau und Mutter übernommen. Lynns Schmerz und ihre Wut, die sich eigentlich gegen sie selbst richtet, rührt darin, dass sie sich entgegen ihrem jugendlichen Optimismus irgendwann doch zwischen zwei unvereinbaren Welten entscheiden musste. In ihrem eifersüchtigen Zorn übersieht sie dabei — und das ist der erzählerische Kniff, den Wayne mehrfach anwendet –, dass auch Vera alles andere als glücklich und frei ist, dass sie sich vielleicht sogar weitaus ähnlicher sind, als Lynn sich das vorstellen kann.

Durch den wechselnden Fokus auf die verschiedenen Figuren, das subtile Nebeneinander von Innenschau und Dialogen, von inwendig Gefühltem und nach außen Getragenem, gelingt es der Autorin, sowohl die individuellen Gefühle und Perspektiven erlebbar zu machen, als auch eine ästhetische Distanz zu wahren, die den Leser über das identifikatorische Mitgefühl mit den Figuren hinaus Zusammenhänge begreifbar macht, problematische Denk- oder Verhaltensweisen entlarvt, tieferliegende Ursachen erkennen lässt und auf diese Weise genau vor den vorschnellen Urteilen bewahrt, denen die Protagonisten immer wieder in die Falle gehen.

Wichtig erscheint es mir noch, auf die erzähltechnische Funktion des Genozids in Ruanda hinzuweisen, der über die Geschichte Emiliennes, die in einzelnen schockierenden und aufwühlenden, sehr intensiven Rückblicken in die Romanhandlung eingebunden ist. Emiliennes Schicksal, die Grausamkeiten, die sie erlebt hat, ihre Traumata, sind objektiv keinesfalls vergleichbar mit der Lebensgeschichte der gutsituiert in England aufgewachsenen Lynn. Doch da die Autorin den Frauenschicksalen auf einer subjektiven Ebene nachspürt, fügen sich die drei gänzlich unterschiedlichen Biographien eben doch zueinander und erlauben den Blick auf eine gemeinsame Herausforderung, der sich drei Individuen auf ganz unterschiedliche Weise und mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen stellen: Sie teilen die Gewissheit ihrer Verwundbarkeit, ihre Angst und zugleich Sehnsucht, Vorsicht und Misstrauen in Vertrauen umzuwandeln und sich einem anderen zu öffnen. Der silberne Elefant ist kein Roman, der den Konflikt in Ruanda historisch-kritisch aufarbeitet. Er enthält aber doch ein empathisches Sich-Annähern auf literarischer Ebene, mit den Mitteln der Fiktion, die dem Ausmaß der Gewalterfahrung vielleicht nur ansatzweise einen realistisch überprüfbaren Ausdruck verleihen kann, es dafür aber in eine individuelle Geschichte transformiert, die ihrer Heldin eine Stimme gibt und sie zu so viel mehr macht als einem Opfer.

Sie wusste nicht, woher dieser plötzliche Eifer kam; möglicherweise aus dem Antrieb heraus, etwas zu konstruieren oder zu rekonstruieren: ein Leben, eine Geschichte. Ein winziger silberner Elefant erinnerte sie flüchtig an ihre eigene Geschichte, an einen Park, den sie besucht hatte. Sie ließ ihn kurzerhand in ihrer Hosentasche verschwinden.

Wayne, Der silberne Elefant, S. 162

Genau das steht auch im Zentrum des ganzen Romans: in mehreren Varianten ein Leben, eine Geschichte zu konstruieren oder rekonstruieren, die uns Leser auf intelligente und erkenntnisreiche Weise unterhält und zugleich immer wieder innehalten und uns über den eigenen Lebensentwurf nachdenken lässt: darüber, wo er im Verhältnis zu den vielfältigen anderen möglichen Lebensentwürfen steht, welcher Grad an Autonomie, welche Grenzen der Freiheit unser Leben bestimmen und auf welche Weise wir unsere beruflichen und familiären Vorstellungen und Wünsche verwirklichen oder miteinander auszubalancieren verstehen.

Bibliographische Angaben
Jemma Wayne: Der silberne Elefant, Eisele Verlag (2021)
Aus dem Englischen übersetzt von Ursula C. Sturm
ISBN: 9783961611058

Bildquelle
Jemma Wayne, Der silberne Elefant
© 2021 Eisele Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

bookmark_borderAlena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Der poetische Titel verweist auf ein fiktives Gemälde von Jan Vermeer, das in Alena Schröders Debütroman, in dem Kunst- und Familiengeschichte aufeinander treffen, eine zentrale Rolle spielt. Tatsächlich kann man sich vor seinem inneren Auge gut ausmalen, wie ein solches Gemälde des holländischen Künstlers aussehen könnte, der im 17. Jahrhundert lebte und vor allem für seine Genreszenen bekannt ist. Nicht selten sind darauf Frauenfiguren zu sehen, die in der Nähe eines Fensters stehen und blaue Kleidungsstücke tragen. Das berühmteste ist wahrscheinlich das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, dessen in kräftigem Blau gemaltes Stirnband vielleicht noch mehr im visuellen Gedächtnis präsent ist als der kleine Perlenohrring. Vermeers heute authentifizierter Werkumfang ist mit knapp 40 Bildern eher beschaulich, es sind jedoch in der Vergangenheit immer wieder Werke auf dem Kunstmarkt aufgetaucht, die ihm — meist fälschlicherweise — zugeschrieben wurden.

Ebenso wie der suggestive Titel ist auch die ziemlich fesselnde Geschichte, die die Autorin um dieses Bild herum aufbaut, also Fiktion mit einem plausiblen (kunst)historischen Möglichkeitshintergrund. Ausgangspunkt der Handlung ist unsere Gegenwart, in der wir der Perspektive der jungen und etwas verlorenen Doktorandin Hannah folgen, die am frühen Tod ihrer Hippie-Mutter, zu der sie keine einfache Beziehung hatte, wohl schwerer zu tragen hat, als sie sich das eingesteht. Eine zwar auch nicht reibungslose, aber doch sehr enge Beziehung hat Hannah zu ihrer Großmutter Evelyn, einer selbstbewussten Frau, die mit ihrem Umzug ins Pflegeheim nicht wirklich im Reinen ist. Als ein Brief auftaucht, über den Evelyn sich zunächst weigert, zu sprechen, ist Hannahs Neugier geweckt. Denn der Brief weist ihre Großmutter als einzige Erbin eines verschollenen jüdischen Kunstvermögens aus, das den rechtmäßigen Besitzern im Zweiten Weltkrieg entwendet wurde. Hannah, die davon ebenso wie von einem jüdischen Familienzweig nichts wusste, holt diese aufwühlende und zunächst mysteriös erscheinende Nachricht aus ihrer halb verzweifelten, halb lethargischen Haltlosigkeit heraus und motiviert sie zu einer historischen Spurensuche, die sie auch mit ihrer eigenen bisher verschwiegenen komplizierten Familiengeschichte konfrontiert.

Alena Schröder verbindet in ihrem Roman am Beispiel einer individuellen Familiengeschichte Kunst- und Provenienzgeschichte mit der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, insbesondere mit der düsteren Zeit des Nationalsozialismus und den Verbrechen an den Juden, hier in Gestalt des Schicksals des Berliner Kunstsammlers Itzig Goldmann und seiner Familie. Und sie schlägt den Bogen bis heute, in unsere Gegenwartsgesellschaft und unsere Erinnerungskultur mit ihrer teils aufrichtigen, teils aber auch heuchlerischen oder kontraproduktiven Art der Aufarbeitung.

Die fiktive weibliche Titelfigur des fingierten Vermeer-Porträts steht aber auch für ein Motiv, das der Roman am Beispiel mehrerer Figuren aus der Vergangenheit und Gegenwart durchspielt, nämlich für das Motiv des Frauseins oder der Weiblichkeit, wie sie sich im reibungsvollen Kontext von Geschichte und Gesellschaft herausbildet. Der Konflikt zwischen Beruf(ung) und Bindung, Selbstverwirklichung und Familie, Freiheit und Sinnsuche in oder jenseits von Mutterschaft besteht in unterschiedlicher Ausformung bis heute, das machen die so verschiedenen Persönlichkeiten in Schröders Roman deutlich. Besondere Empathie verspürt man im Laufe der Erzählung mit Senta, der leiblichen Urgroßmutter Hannahs, die sich jung in einen Piloten aus dem Ersten Weltkrieg verliebt, sich in ihrer Rolle als Ehe- und Hausfrau jedoch bald eingeengt fühlt und in Berlin als Journalistin ein neues Leben beginnt, das mit dem alten schwer zu vereinbaren ist. Und deren Konflikte mit der Exschwägerin nicht nur in der Rivalität um das Kind, sondern auch in unterschiedlichen Werten und einer konträren Einstellung zur nationalsozialistischen Politik gründen, ehe die geschichtlichen Ereignisse sie schließlich beide überrollen. Hervorzuheben ist dabei, dass die Hitler anhängende Schwägerin ihrerseits in vielen moralischen Schattierungen gezeigt wird, ebenso wie auch Senta, die ihrerseits keinesfalls nur ethisch einwandfreie Entscheidungen trifft.

Mit hat das leicht und mitreißend geschriebene Buch einiges an Leseglücksmomenten beschert, das Pendeln zwischen einer Hauptfigur unserer Gegenwart, mit der man sich gerade aufgrund ihrer manchmal geradezu verbohrten, lethargischen und dann doch auch wieder engagierten Anwandlungen identifizieren kann, und den Rückblicken in die für uns weit entfernte und doch noch immer schmerzhaft nachwirkende Vergangenheit wird glaubhaft und sehr menschlich erzählt; die Autorin führt uns sehr einfühlsam an die von ihren verschiedenen, bisweilen gegensätzlichen Beweggründen getriebenen Charaktere heran. Was mich trotzdem an manchen Stellen gestört hat, ist der unpassend flapsige Stil vor allem im Gegenwartsteil; der missglückte Versuch, mit der Formulierung, dass ihre Mutter an Krebs „verreckt“ sei, Hannahs Empörung gegen das Schicksal sprachlich einzufangen, ist hier nur ein Beispiel von mehreren. Seinen durchaus immer wieder durchscheinenden kritischen Humor gewinnt der Roman viel überzeugender auf andere Weise, nämlich durch die Entlarvung der Widersprüche im Verhalten der Figuren, das ihre Krisen, ihre charakterlichen Eigenarten oder Verdrängungsstrategien aus dem erzählerischen Kontext heraus viel subtiler offenbart. Besonders laut knirscht es da zwischen Hannah und dem ihr erst gegen ihren Willen an die Seite gestellten jungen Historiker, was immer wieder zu absurd-witzigen Situationen führt und nicht nur über beide Figuren psychologisch Aufschluss gibt, sondern darüber hinaus auch auf satirische Weise auf die gesellschaftliche Herausforderung aufmerksam macht, die der Aufarbeitung der (nationalsozialistischen) Vergangenheit noch immer innewohnt. So engagiert und idealistisch sich Hannahs aufdringlicher Kommilitone mit dem Spezialgebiet Holocaust etwa gegen die Geschichtsvergessenheit seiner Umwelt einzusetzen scheint, so besteht der von ihm begründete Club zum Gedenken an den Holocaust aus einem doch etwas wunderlichen Sammelsurium von allesamt nicht-jüdischen Charakteren mit teils etwas fragwürdigen Motiven und Ansichten, die unter dem Deckmantel eines antisemitischen Aktionismus einer gefährlichen Fremdenfeindlichkeit anderer Art Vorschub leisten.

In der erzählerisch unterhaltsam gestalteten differenzierten Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung der Vergangenheit liegt für mich die große Stärke des Buches, das literarisch zwar einem Vergleich etwa mit Rebecca Makkais jüngst erschienenem Roman Die Optimisten, in dem es gleichfalls im Kontext von Kunst und Provenienzforschung um die Aufarbeitung eines anderen Kapitels der Geschichte geht (vgl. Rezension vom 13.8.2020), nicht standhalten kann, aber dennoch eine berührende und spannende Reise in die Vergangenheit unseres Landes darstellt.

Bibliographische Angaben
Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlich, blaues Kleid, dtv (2021)
ISBN: 9783423282734

Bildquelle
Alena Schröder, Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

bookmark_borderRichard Russo: Jenseits der Erwartungen

Einst waren sie unzertrennlich: Lincoln, Teddy und Mickey haben während ihres Studiums am Minerva College in Connecticut eine Freundschaft geschlossen, die sie auch heute, fast ein halbes Jahrhundert später, und obwohl sie seitdem ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben, noch miteinander verbindet. Nach vielen Jahren treffen sie sich nun für ein Wochenende in Martha’s Vineyard, wo sie damals von ihrem Studentendasein Abschied genommen haben, ehe sie weit voneinander entfernt ihr Erwachsenenleben begannen. Doch hält das Wiedersehen trotz aller immer noch empfundenen Vertrautheit weniger ein unbeschwertes Schwelgen in Nostalgie für sie bereit als die sich immer stärker aufdrängende Erkenntnis, dass es da noch immer einige graue Flecken in ihrer Vergangenheit gibt, die danach schreien, aufgearbeitet zu werden — und die das Fundament ihrer als unverbrüchlich betrachteten Freundschaft ins Wanken zu bringen drohen.

Denn — und hier verschmilzt der Autor Richard Russo seinen Roman über eine Männerfreundschaft erzählerisch gekonnt mit der spannungsgeladenen Atmosphäre eines Kriminalplots — bei ihrem letzten gemeinsamen Treffen als Studenten war auch ein Mädchen namens Jacey dabei, in die sie alle drei mehr oder weniger heimlich verliebt waren, deren Verlobung mit einem reichen angehenden Juristen aus ebenso gutem Hause wie sie selbst sie aber alle davor zu bewahren schien, ihre Freundschaft durch rivalisierendes Balzverhalten in Gefahr zu bringen. Unmittelbar nach diesem letzten Treffen aber verschwand Jacey spurlos, um bis heute nicht wieder aufzutauchen. Flucht oder Verbrechen? Geplant oder erzwungen? Einiges an diesem Vorfall ist ungeklärt geblieben, und wirft nun auch Jahrzehnte später seine emotionalen Schatten auf das Wiedersehen der Freunde. Verdrängte Erinnerungen bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche, lassen auf einmal einiges in einem anderen Licht erscheinen und konfrontieren die drei Freunde mit dem Verdacht, dass sie nicht nur ihre gemeinsame Freundin Jacey weniger gut kannten, als sie dachten, sondern womöglich auch zueinander nicht immer ganz aufrichtig waren.

Russo erzählt aus den verschiedenen Perspektiven der drei Freunde und wechselt zwischen dem für alle aufwühlenden Wiedersehen in der Gegenwart und den im Zuge dessen aufkommenden Erinnerungen an damals. So entwirft er bewegende persönliche Lebensgeschichten, die er überdies in einen deutlich konturierten gesellschaftlichen Kontext bettet. Denn auch wenn sich ihre Wege am renommierten Minerva College kreuzten, entstammen die Freunde doch jeweils ganz unterschiedlichen Milieus: Lincoln aus einem konservativen Elternhaus, Teddy aus einer akademisch geprägten Familie und Mickey, der Sohn einer italienischen Einwanderergroßfamilie, aus der Arbeiterschicht. Ebenso wie der Vietnamkrieg als gesellschaftlich und politisch mit hoher Symbolkraft aufgeladener historischer Moment Leben und Denken der Figuren entscheidend beeinflusst, spielt auch die soziale Herkunft eine große Rolle für die so unterschiedlichen Lebenswege, die sie nach ihrem Studium einschlagen. Auf diese Weise gelingt es Russo, in narrativem Gewande zugleich ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama der Vereinigten Staaten Amerikas der letzten 50 Jahre zu zeichnen, das bisweilen erhellende Einblicke in die tieferliegenden Ursachen von so manchen aktuell aufflackernden Verwerfungen gibt.

Und doch wird der Roman auch getragen von dem aufrichtigen jugendlichen Elan und der innigen Sehnsucht der Freunde, sich von ihrer sozialen Herkunft zu befreien und ein unverfälschteres Leben zu führen als ihre Eltern. Ihr Wiedersehen ist daher auch der Moment, in dem sie ihre einstigen Ideale und Hoffnungen mit dem, was sie geworden sind, vergleichen. So ist Lincoln nun ausgerechnet im Immobiliengeschäft tätig und damit gerade innerhalb des Systems, das er einst kritisierte; Teddy korrigiert Manuskripte anderer Leute und tritt damit in die Fußstapfen seiner Lehrereltern, anstatt es endlich zu wagen, selbst einen Roman zu schreiben. Das ist schmerzhaft und desillusionierend, aber eben nicht nur, da Russo zum Glück einen zwar entlarvenden, aber auch gütigen, wertschätzenden Blick auf die Diskrepanzen in ihren Lebenskonzepten wirft.

So wird der bewegende Freundschaftsroman, der spannende Kriminalroman, der gut beobachtete Gesellschaftsroman stellenweise sogar zu einem philosophischen Roman, der Fragen aufwirft, wie das Ich sich zur Welt und zu sich selbst verhalten soll, kann oder muss, welche Grenzen und welche Möglichkeiten sich bei der Verwirklichung der eigenen Ziele auftun und wie wir mit existentiellen Bedrohungen wie Krieg oder Krankheit umgehen können. Besonderes erzählerisches Feingefühl beweist Russo hier, wenn es darum geht, die Verletzlichkeit der Körper und der Seelen am Beispiel seiner Figuren spürbar zu machen.

Diese Verletzlichkeit spielt auch in eine andere Thematik hinein, die den Roman von Anfang bis Ende durchzieht und auf sehr differenzierte Weise intensiv hinterfragt und ausgelotet wird: der Thematik der Männlichkeit nämlich, die sich vom Motiv der unverbrüchlichen Männerfreundschaft bis hin zur strukturellen Gewalt in den verschiedensten Schattierungen erstreckt. Da stehen auf der einen Seite die Erfahrungen eines Expolizisten, der in seiner Laufbahn unzählige Male Zeuge häuslicher Gewalt wurde, und ebenso unzählige Male erlebte, wie diese Fälle erfolgreich vertuscht wurden. Und auf der anderen Seite die drei Freunde, die mit ihrer unschuldigen Verliebtheit ein überzeugendes Gegenbeispiel männlichen Dominanzstrebens verkörpern. Doch sind nicht auch ihnen gewisse Geschlechterstereotype eingeimpft, hat Lincoln nicht erst spät begriffen, dass die von ihm lange nicht hinterfragte Unterordnung seiner Mutter Teil eines Familienmythos war, den sein Vater zur Aufrechterhaltung seiner Ehre errichtet hatte, da er nicht zulassen konnte, dass seine Frau mehr Vermögen besaß als er? Und beruht nicht Teddys religiös überhöhte Weigerung, Frauen näher an sich heranzulassen, in Wahrheit auf einer zur Gänze verinnerlichten Angst, wegen seiner körperlichen Versehrtheit seine männliche Würde zu verlieren? Zu guter Letzt offenbart Jaceys erst am Ende des Romans enthüllte schockierende Geschichte die ganze Komplexität von sozialen Vorurteilen und sexuellem Machtmissbrauch, von fragiler Körperlichkeit und der Unaufrichtigkeit eines Lebens im materialistisch-gesellschaftlichen Korsett; genauso aber auch die Sehnsucht, sich davon zu befreien, und den unbändigen Drang, diese Sehnsucht zu verwirklichen, bis einen unweigerlich die conditio humana in seine Schranken weist, den einen früher, den anderen später.

Bibliographische Angaben
Richard Russo: Jenseits der Erwartungen, DuMont (2020)
Aus dem Englischen übersetzt von Monika Köpfer
ISBN: 9783832181154

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Richard Russo, Jenseits der Erwartungen
© 2020 DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Köln

bookmark_borderPilar Quintana: Hündin

Was der Falke bei Boccaccio, ist die Hündin in der grandios geschriebenen Erzählung der kolumbianischen Schriftstellerin Pilar Quintana. Der kurze, sehr dicht und ohne jeden Schnörkel erzählte Roman, der von der italienischen Renaissance weit entfernt im Lateinamerika der Gegenwart spielt, hat in der Tat einige Ähnlichkeit mit jener stilbildend gewordenen Novelle der Weltliteratur, der „Falkennovelle“ aus Boccaccios Novellenzyklus Il Decamerone. Auch bei Pilar Quintana kristallisiert sich der zentrale Konflikt in dem titelgebenden Tier, das dadurch symbolische Bedeutung erlangt; auch bei ihr steuert der Konflikt, am Leib des Tieres ausgetragen, zielstrebig auf eine Katastrophe zu, welche die Hündin wie der Falke am Ende nicht überlebt.

Die Hauptfigur von Quintanas Erzählung heißt Damaris und ist eine schwarze kolumbianische Frau, die unter ihrer ungewollten Kinderlosigkeit leidet. Neben dem persönlichen Schmerz, den ein unerfüllter Kinderwunsch bedeutet, stellt Damaris‘ Kinderlosigkeit in der Gesellschaft, in der sie beheimatet ist und in der Frauen früh verheiratet werden, um dann möglichst schnell für eine breite Schar Nachkommen zu sorgen, ein regelrechtes Stigma dar. Nachdem sie und ihr Mann alles Mögliche und Unmögliche versucht haben, um schließlich müde und aufgerieben wie von einem vergeblichen Kampf zu resignieren, nimmt Damaris eines Tages einen Hundewelpen bei sich auf, der natürlich zu einem Substitut für ihre enttäuschte Mutterliebe wird. Sie umsorgt ihn mit all der Liebe und Aufmerksamkeit einer Mutter für ihr neugeborenes Baby. Ängstlich und eifersüchtig darauf bedacht, den Welpen ganz für sich zu haben, und wohl auch in der uneingestandenen Furcht, ihrer psychologischen Ersatzhandlung überführt zu werden, hält sie auch ihren Ehemann auf Abstand, gegen den sie den Welpen schützen zu müssen glaubt. Das Ehepaar hat nämlich bereits zwei Hunde, um die sich allerdings Damaris‘ Ehemann kümmert, der diese jedoch eher ruppig behandelt; es sind Wachhunde, die im Haus nichts verloren haben, während Damaris mit dem Welpen nun enger zusammenlebt als mit ihrem Mann. Doch die Natur bestimmt den Lauf der Dinge; der süße, anhängliche Welpe wächst zur erwachsenen Hündin heran und benimmt sich in Damaris‘ Augen wie ein ungezogener Teenager: Das Tier läuft mehrfach einfach davon, verschwindet für einige Zeit im Urwald, um dann zerrupft wieder aufzutauchen. Damaris ist zunächst zutiefst besorgt, doch wandelt sich ihre Sorge bald in Empörung, um sich schließlich in einen geradezu irrationalen Hass zu steigern. Damaris kann nicht damit umgehen, dass die Hündin, die sie mit all ihrer Liebe aufgezogen hat, sie nun auf einmal im Stich lässt, sie betrügt, sie verrät. Denn die Hündin hat nicht nur ihre kindliche Anhänglichkeit verloren und scheint Damaris auf einmal nicht mehr zu brauchen, sondern vor allem kommt sie von einem ihrer Streifzüge trächtig zurück! Damaris, von ihren komplexen Gefühlen überrumpelt, empfindet das als unerträglichen Affront…

Dass die Erzählung so unter die Haut geht und auch so schockierend ist, liegt vor allem daran, dass wir das alles ganz nah und ungeschminkt aus der personalen Perspektive von Damaris erleben. Diese Perspektive gestaltet die Autorin stilistisch so gewandt, dass unter der unaufgeregten Oberfläche einer klaren, fast lakonischen Sprache stets weitere Schichten zum Vorschein kommen, die subtil über die oft nicht so eindeutigen Motive Aufschluss geben, die dem Verhalten und der Rede der Figuren zugrunde liegen. So begreift man, wie sehr Damaris die gesellschaftlichen Erwartungen und Werturteile verinnerlicht hat und wie heftig der innere Konflikt deshalb ausfallen muss, wenn ihre eigenen Sehnsüchte und Ansichten sich diesen als entgegengesetzt erweisen. Ebenso unterschwellig gestaltet sich im Laufe dieses sich an der Hündin materialisierenden Konflikts die schleichende Veränderung der Beziehung von Damaris zu ihren Mitmenschen und auch zu sich selbst. Während ihr Mann am Anfang wegen seines rauen Umgangs mit den Hunden unsympathisch erscheint, wandelt sich der Blick auf ihn unmerklich, bis am Ende nicht seine nüchterne Indifferenz gegenüber den Tieren, sondern die aus einer tiefen seelischen Verletzung entsprungene Grausamkeit seiner Frau das größere zerstörerische Potential entfaltet.

Hinter den aus dem Zusammenstoß von gesellschaftlicher Konvention und persönlichen Bedürfnissen resultierenden Schuldgefühlen, die in Damaris‘ Fall eine geradezu tragische Dynamik auslösen, verbirgt sich jedoch noch eine weitere, tiefenpsychologische Ebene, die bis in Damaris‘ Kindheit zurückführt, in der sie mit dem Tod der Mutter und dem tödlichen Unfall ihres besten Freundes im Meer mindestens zwei traumatische Verluste erlitten hat. Auf diffuse Weise vermengte sich damals ein unbestimmtes Gefühl von Schuld mit einer tiefen Angst davor, verlassen zu werden. So verwundert es nicht, dass der Tod in der Geschichte omnipräsent ist, von der ersten Szene, in der ein vergifteter Hund am Strand gefunden wird, bis zur letzten, in der die schwarzen Schatten der Aasgeier über dem Urwald kreisen.

Die Prekarität des Daseins bestimmt Damaris‘ Schicksal von Kindheit an, und diese Prekarität ist durchaus auch im materiellen Sinne zu verstehen und wird von ihr in jeder Hinsicht als existenziell erfahren:

Sie hatte das Gefühl, dass ihr Leben der kleinen Bucht glich und dass sie sie zu Fuß durchqueren musste, die Füße im Schlamm versunken, das Wasser bis zur Taille, allein, vollkommen allein in einem Körper, der ihr keine Kinder schenkte und nur dazu diente, Dinge kaputtzumachen.

Quintana, Hündin

Pilar Quintanas Erzählung hat neben der psychologischen eine nicht minder wichtige gesellschaftliche Dimension. Damaris‘ Abwertung des eigenen Körpers entspricht im gesellschaftlichen Kontext eine soziale Abwertung ihrer Person als Teil der armen, schwarzen Bevölkerung Kolumbiens. Ihr Mann ist Fischer, sie selbst putzt in fremden Häusern, und beide wohnen sie in ärmlichsten Verhältnissen in einer Hütte auf dem riesigen Anwesen, um das sie sich in Abwesenheit der reichen Eigentümer kümmern. Am eindrücklichsten wird diese soziale Kluft in einer Szene, als das Paar Besuch von der Familie bekommt, die sich ein Vergnügen daraus macht, im Pool des Anwesens zu baden. Damaris kann dieses Vergnügen nicht mitempfinden, vielmehr wird ihr in diesem Augenblick die eigene Deklassierung nur umso schmerzhafter bewusst:

Damaris sagte sich, dass man sie niemals mit den Eigentümern verwechseln könnte. Sie waren eine Bande armer, schlechtgekleideter Schwarzer, die die Sachen der Reichen benutzten. Was für eine Anmaßung, würden die Leute denken, und Damaris schämte sich in Grund und Boden, denn anmaßend zu sein war ebenso schlimm und schändlich wie Inzest, wie ein Verbrechen.

Quintana, Hündin

Schließlich bietet nicht einmal die Natur, die sich an der urbewaldeten Küste Kolumbiens in üppiger Pracht offenbart, Damaris einen Zufluchtsort, geschweige denn eine Form von Trost. Der Dschungel ist voller gefährlicher wilder Tiere und auch das Meer, das ihr einst den Freund geraubt hat, ist eher ein metaphernreicher Spiegel von Damaris‘ versehrtem Innenleben als ein ursprüngliches, Freiheit verkündendes Naturidyll, als welches wir europäische Leser vielleicht geneigt sind, diesen für uns exotisch anmutenden Landstrich zu verklären:

(…) während draußen das Meer anschwoll und abflaute, der Regen sich bedrohlich über die Welt und den Urwald ergoss, sie umgab, ohne für sie da zu sein, so wie ihr Mann, der im Zimmer nebenan schlief und sich nicht erkundigte, was mit ihr los war, (…) so wie ihre Mutter, die nach Buenaventura gegangen war und danach gestorben war, so wie die Hündin, die sie nur großgezogen hatte, um von ihr verlassen zu werden.

Quintana, Hündin

In der harten Welt, in der Damaris aufwächst, ist kein Platz für Verklärung. Die Desillusion trägt sie schon in sich, seit sie ein Kind ist, wie folgender halb-komischer, halb-tragischer Kinderdialog über das Dschungelbuch illustriert:

„Die Tiere haben ihn gerettet?“, hatte Damaris verwirrt gefragt, und als Nicolasito geantwortet hatte: „Ja, ein Panther und eine Wolfsfamilie“, war Damaris in schallendes Gelächter ausgebrochen, weil das unmöglich war.

Quintana, Hündin

So entfaltet das an Seiten so schmale Buch einen ganzen Fächer von mit feinem stilistischen Gespür gestalteten Bedeutungsebenen, die das Buch dann doch von der Novelle zum Roman erweitern und einen wirklich in Bann zu schlagen verstehen. Eine verstörende und faszinierende Lektüre!

Bibliographische Angaben
Pilar Quintana: Hündin, Aufbau Verlag (2020)
Aus dem Spanischen übersetzt von Mayela Gerhardt
ISBN: 9783351038236

Bildquelle
Pilar Quintana, Die Hündin
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

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