bookmark_borderMartin Suter: Wut und Liebe

Ein junger Mann wird von seiner Freundin, die ihn liebt, aber nicht die Brotlosigkeit seiner Kunst, verlassen, und begegnet in seiner Einsamkeit einer wütenden Witwe von etwas mehr als 60 Jahren, deren innigster Wunsch es ist, dass der, der ihren geliebten Mann auf dem Gewissen hat, vor ihr aus dem Leben scheidet. Gemeinsam schmieden der junge und die alte Liebende ein Komplott, in dem die Grenze zwischen Ernst und Spiel höchst schwankend verläuft.

Wut und Liebe hat einen originellen Auftakt, ist spannend und unterhaltsam, und gegen Ende offenbaren sich, wie man es vom Autor auch erwarten durfte, die vielen kleinen Plis, die schattenreichen Falten des scheinbar so glatten Stoffes der Handlung.

Wirklich überraschend ist der Roman denen, die schon mehr von Martin Suter gelesen haben, ansonsten nicht. Liebe, Kunst, Fiktion sind wiederkehrende Themen in seinen Texten, als motivisches Dreigespann sind sie schon öfter aufgetaucht (Der letzte Weynfeldt, Melody). In seinem neuen Roman wird die Motivik in mehreren Figurenkonstellationen variiert: Wie weit kann man gehen für die Liebe? Darf man kriminell werden, sogar einen Mord aus Liebe begehen? Wo hört die Liebe auf und beginnt der Hass, die Wut, die Verblendung? Was ist der Teufel? Ist er eine Fiktion oder lauert er in jedem von uns? Das seelische Auf und Ab, der Wechsel von Hoffnung und Verzweiflung des jungen Liebenden, spiegelt sich in den vielen Pointen der Handlung und in Gesichtern, die plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. Wie im Triptychon des liebenden Künstlers, das im Original die begehrte Frau vor rotem Hintergrund zeigt, in der Nachbildung vor grünem, verbergen fast alle Figuren noch eine andere Version ihrer selbst.

Es gibt viel tiefe Liebe in Suters neuem Roman, und auch viel Verletztheit, es gibt viel ehrliche Wut, und auch viel manipulierte. Und all diese emotional schwergewichtigen Themen, das Verwirrspiel von Gefühlen, Verrat und Täuschungen, ereignen sich im suterleichten Kontext feiner Restaurants, schicker Bars und champagnergediegener Vernissagen, was der bewussten Uneindeutigkeit, der Fluktuation zwischen Ernst und Spiel, Vorschub leistet.

Die Geschichte ist geschickt konstruiert und man kann sie in einem Atemzug weglesen. Das, was mir an früheren Romanen des Autors jedoch besonders gefallen hat, zuletzt in Elefant, in dem so unterschiedliche Themen wie Gentechnik und Obdachlosigkeit in einer überzeugenden und gut recherchierten Geschichte zueinander gebracht wurden, fehlt mir auch im neuen Roman. Vielleicht fliegt Martin Suter das nächste Mal ja ein neues Thema für eine Geschichte zu, die er in der unvergleichlichen Kombination aus Unkonventionalität und Unterhaltung, die er schon mehrfach bewiesen hat, zu Papier bringen kann.

Bibliographische Angaben
Martin Suter: Wut und Liebe, Diogenes 2025
ISBN: 9783257073331

Bildquelle
Martin Suter, Wut und Liebe
© 2025 Diogenes Verlag AG, Zürich

bookmark_borderTijan Sila: Radio Sarajevo

Tijan Sila, 1981 in Sarajevo geboren, erlebte als Kind kurz vor dem Teenagersein die Belagerung seiner Stadt während des Bosnienkrieges und flüchtete 1994 mit seiner Familie nach Deutschland. Am Ende seines vierten Romans, Radio Sarajevo, schreibt der ebenfalls Tijan genannte Ich-Erzähler, dass er, auch nachdem der Krieg vorbei war, lange Zeit nicht in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist. Erst viele Jahre später, als längst erwachsener Mann, stattete er anlässlich einer Übersetzung eines seiner Texte Sarajevo einen Besuch ab.

Tijan Silas autobiographischer Roman Radio Sarajevo ist fragmentarisch angelegt, und wenn man es zuende gelesen hat, versteht man, dass ein solches Erzählen nur fragmentarisch sein kann. Und dass der Krieg, auch wenn er offiziell Geschichte ist, in den Köpfen derer, die ihn erlebt haben, nie ganz zuende ist. So wie sich die Kapitel in springender, lückenhafter Kapitelzählung aneinander reihen, hat auch der Krieg eine Stadt in Trümmern hinterlassen, und eine Bevölkerung, die mit ihren seelischen Trümmern zurecht kommen muss. Zu Beginn der Belagerung Sarajevos ist der Ich-Erzähler zehn Jahre alt, er erzählt von seinen meist heimlichen Streifzügen durch die Stadt, von der ständigen Bedrohung durch Beschuss von außen und von den auch im Inneren verrohten Zuständen, vom Eingesperrtsein in einem Familienalltag, den zu fliehen er die tödlichen Gefahren auf der Straße und die Unzuverlässigkeit seiner Freunde in Kauf zu nehmen bereit ist.

Das titelgebende Radio integriert Tijan Sila als Dingsymbol für den Kriegsalltag in seinen Text. Tijan bekommt von einem Freund der Familie eines geschenkt, ist kurze Zeit überglücklich damit, ehe es ihm wieder abhanden kommt, ein anderes Gerät taucht auf, wird vergessen, und die meiste Zeit fehlen ohnehin die Batterien. So steht das Radio für die im ganzen Roman unausgesprochene, aber im Subtext eindrücklich vermittelte Sehnsucht des Kindes danach, unbeschwert aufzuwachsen. Stattdessen besteht die Normalität während der Belagerung für den Erzähler aus Hunger, Kälte, Waffen, Schwarzmarkt, Pornographie, die Kinder sind in diesem fortgesetzten Ausnahmezustand mehr oder weniger auf sich gestellt, die Erziehungsmethoden Ausdruck vererbter Gewalt und Unterdrückung. Was sich der Erzähler in Erinnerung ruft, ist desillusionierend bis hin zu den Freundschaften, in denen sich die Prinzipien und Auswüchse des Krieges fortsetzen, die Verachtung, der Ausschluss, die Sippenhaft, die von den vorangehenden Generationen vorgelebt und von den Kindern nachgeahmt werden.

Die Perspektivlosigkeit, die sich erzählerisch im Fragmentarismus des Textes widerspiegelt, reicht über die letztlich begrenzte Dauer der Belagerung und des Krieges hinaus, und sprengt auch räumlich die Grenzen. Denn auch wenn Tijans Familie irgendwann das kriegsversehrte Land verlässt, um in Deutschland ein normales Leben zu führen, erfährt man, dass sich für die Familie der Traum eines Neuanfangs nicht bewahrheiten wird, sondern dass der Vater Krebs bekommen und die Mutter schwer psychisch krank werden wird.

Im Text heißt es einmal, dass es ein labyrinthisches Zeitalter sei, in dem der Erzähler und auch seine Eltern und deren Eltern aufgewachsen sind, ein Zeitalter der Gewalt, der Absurdität, des Chaos, in dem der Zerfall Jugoslawiens vorbereitet und ausgetragen wurde.

Umso mehr trifft einen die unaufgeregte erzählerische Haltung des jungen und autofiktionalen Ich-Erzählers, der in einer manchmal naiven, im nächsten Moment erschreckend frühreifen Direktheit von seinen Erlebnissen und Beobachtungen erzählt. Dieser Wechsel hat etwas Berührendes, und die unausgereifte Perspektive des Heranwachsenden ist es auch, die es literarisch möglich macht, das Drama aus dem Text herauszunehmen, ohne das sich all das Schreckliche doch umso eindringlicher vermittelt, etwas von der Wirklichkeit des Krieges zu transportieren und sie die Leser, auch wenn sie selbst nie in einer vergleichbaren Situation waren, ein Stück weit nachempfinden zu lassen.

Bibliographische Angaben
Tijan Sila: Radio Sarajevo, Hanser Berlin 2023
ISBN: 9783446277267

Bildquelle
Tijan Sila, Radio Sarajevo
© 2025 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

bookmark_borderHannes Köhler: Zehn Bilder einer Liebe

Irgendwie sehr vertraut kommt sie einem vor, diese Geschichte einer modernen Liebe, einer heutigen Paarbeziehung, erzählt in den titelgebenden zehn Bildern, Momentaufnahmen aus den letzten zehn Jahren, vom Moment der ersten Begegnung von Luisa und David bis zu einer sich am Romanende in die Zukunft öffnenden Gegenwart. In jedem Kapitel, jedem Bild, jeder Szene, könnte man sagen, werden nacheinander die Perspektiven beider Liebender zur Sprache gebracht, die manchmal mehr Verzweifelnde, Bangende, Hadernde, aber fast immer auch Hoffende sind.

Der im Grunde kontingente Kernkonflikt, an dem die Paarbeziehung ins Schwanken gerät, ist der Kinderwunsch von David, in den beide, wohl zurecht, mehr hineininterpretieren als die scheinbar ganz natürliche Folge einer romantischen Beziehung. Denn mit Ronya, der Tochter von Luisa und Holger, Luisas Exmann, ist schon ein Kind in der Beziehung, ein Kind, zu dem David in behutsamer und wie selbstverständlicher Annäherung auch eine väterliche Bindung aufgebaut hat. Warum genügt ihm das nicht? Sind sie denn nicht bereits eine Familie? Soll Luisa mit einem weiteren Kind riskieren, ihre beruflichen Ambitionen wieder zurückstecken zu müssen, woran die Beziehung zu ihrem Exmann zerbrochen ist? Auch David treiben Ängste um, die seine Sehnsüchte bis zur Ununterscheidbarkeit überlagern. Wie fragil und von Verlust bedroht ist die Bindung zu einer nicht leiblichen Tochter? Hinzu kommen die Kräfte zehrenden und an der Liebe zerrenden Fertilitätsbehandlungen, all die körperlichen und psychischen Strapazen, die auf David und Luisa zukommen, als es mit einer natürlichen Schwangerschaft zunächst nicht klappen mag.

Das Kinderwunschthema ermöglicht es gut, weitere Herausforderungen und Zündstoffe einer modernen Beziehung zu verhandeln, es geht um männliche und weibliche Rollenbilder, um Mutterschaft und Arbeit, die Vereinbarkeit von Familie, Beruf, die Aufgabenverteilung innerhalb einer Familie, um Vaterrollen, um Elternschaft, um die Herausforderungen von Patchworkkonstellationen,…

Erzählerisch handelt es sich eigentlich weniger um Bilder, auch wenn der Autor mitunter welche heraufbeschwört, die einem eine Weile im Gedächtnis bleiben, wie zum Beispiel das der tanzenden Luisa vor griechischer Sommerurlaubskulisse, und mehr um Dialoge und Reflexionen, es geht um das Miteinandersprechen oder eben um das Verschweigen, die Hürden der Kommunikation, an der sich jede enge Beziehung auf ihre Weise abarbeiten muss, und es geht um all die Gedankenspiralen, die Erwartungen und Ängste, die in einem fortdauernden inneren Monolog, von dem nur ein Bruchteil nach außen dringt, verhandelt werden.

Auffällig und wahrscheinlich zeittypisch finde ich die (Selbst-)Reflektiertheit der Figuren, die ihre Gefühle und Sorgen wenig für sich stehen lassen, sondern nach Erklärungen, Rechtfertigungen, Einordnungen suchen, sie ins Verhältnis setzen, es als ihre innerste Verantwortung betrachten, Perspektivwechsel vorzunehmen, dann mitunter darunter leiden, wenn es ihnen schwerfällt, und überhaupt trotz ihrer starken Gefühle sehr vernünftig, sehr aufgeklärt wirken. Wenn der Roman die Möglichkeiten der Liebe in unserer Zeit auslotet, so entwirft er das Möglichkeitsbild einer Romantik der aufgeklärten Liebe.
Die Konstruktion der zehn Bilder, in denen den Perspektiven von Mann und Frau jeweils gleichberechtigt Raum gegeben wird, mag dazu verleitet haben, das irgendwie ja auch immer anarchische Thema der Liebe etwas zu thesenhaft darzustellen. Es ist wenig Platz für literarische Überraschung und Abseitigkeit. Doch berührt der Roman viele wunde Punkte unserer Gegenwart, reflektiert sie auf nachdenkliche, vielseitige Weise, und nimmt seine Figuren und ihre Nöte auf einfühlsame und doch unaufgeregte Weise ernst.

Bibliographische Angaben
Hannes Köhler: Bilder einer Liebe, Frankfurter Verlagsanstalt 2025
ISBN: 9783627003265

Bildquelle
Hannes Köhler, Bilder einer Liebe
© 2025 Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main

bookmark_borderChristine Wunnicke: Wachs

Ein junges Mädchen, zwergenhaft verhüllt in einen Umhang, schleicht des Nachts durch Paris und verschafft sich Einlass in die Kaserne, weil sie gehört hat, dass es dort Leichen geben soll. Auch wenn sich herausstellt, dass sie hier eine Redewendung allzu wörtlich genommen hat, nimmt man hinter dem leicht grotesken Humor, der schon die Eingangsszene des Romans auszeichnet, eine starke Figurenpersönlichkeit wahr, spürt man die Ernsthaftigkeit des Mädchens, das hartnäckig seinen Plan verfolgt, Körper zu sezieren und in allen Details zu erforschen. In Christine Wunnickes neuem Roman, der in wenigen, dafür umso anschaulicheren Szenen die Lebenswege zweier Frauenfiguren im 18. Jahrhundert nachzeichnet, geht es um die Wissenschaft als Leidenschaft, um Kunst und Berufung, um Glaube und Wissen und Liebe im Angesicht der Vergänglichkeit, um den Wandel der Zeit, um die Verheißung und den Schmerz von Umbrüchen.

Das Mädchen ist Marie Biheron, die als Anatomin und Künstlerin im 18. Jahrhundert wirkte, und sie ist nicht die einzige historische Figur in diesem Roman, die ihrer Leidenschaft folgt und mit Ausdauer, Pragmatismus und Findigkeit Geschlechterrollen aufbricht, die auch im neuen Geiste der Aufklärung, der damals durch Frankreich wehte, nur wenig hinterfragt wurden. Die knapp 20 Jahre früher geborene Madeleine Basseporte, die zweite Hauptfigur, war königliche Pflanzenmalerin im Jardin du Roi und ihre verbürgte Begegnung mit Marie Biheron, deren Zeichenlehrerin sie war, wird im Roman zum Stoff einer Weiterdichtung, die uns auf pointierte, humorvolle Weise und mit einem etwas abseitigem Blick das Porträt einer Zeit großer Veränderungen auf menschlicher Ebene nahebringt.

Im zweiten Kapitel — und von da an durchgehend im Wechsel mit zeitlich weiter zurückreichenden Szenen aus dem Leben ihrer beiden Hauptfiguren –, zeigt die Autorin ihre Figur Marie um Jahrzehnte gealtert, kränklich, arm, seit vier Jahren hat sie sich in ihrer Gartenhütte verschanzt, versorgt von Edmé (eigentlich Aimé), einem kleinen Jungen, vielleicht ein Wechselbalg, vielleicht der leibliche Sohn des verarmten Schusterflickers, der inzwischen mit seiner Familie in dem Haus lebt, das früher Maries berühmtes Wachskabinett beherbergte. Es ist das Jahr 1793, die Revolution bereits Geschichte, Madeleine gestorben, doch die Welt steht noch immer Kopf, wovon sich Marie zuerst über die Zeitungen, die ihr Edmé bringt, ein Bild zu machen versucht, bis sie sich in Begleitung des Jungen, der sie im Leiterwagen hinter sich her zieht, doch nach draußen wagt und sich auf einen Streifzug durch die Straßen von Paris begibt, sich den Löchern, Leichen und dem wie eine sehr realistische Metapher funktionierenden Schatten der Guillotine aussetzt.

Jedes einzelne Kapitel dieses schmalen Romans liest sich wie eine kleine Novelle mit ihrer unerhörten Begebenheit, gleichzeitig gewinnen die Figuren und die Epoche, in der sie leben, mit jedem Kapitel an Dichte. Schon recht zu Anfang des Romans verrät die Autorin in einem eingängigen Bild die philosophische Perspektive, die ihrem Text eine besondere Färbung gibt. Die sichtbar gealterte Marie betrachtet mit ihrem noch immer präzisen Blick einer Wissenschaftlerin, der nichts entgeht und die nichts verschweigt, ihren Körper und mit besonderem Interesse ihre Hand, an deren anatomischen Veränderungen sie die Entstehung und den Lauf eines ganzen Lebens reflektiert. Geschichtsphilosophie als Körperphilosophie, das ermöglicht einen unkonventionellen Blick auf die Geschichte und die Menschen, die sich in ihr bewegt haben, und bringt uns die nur scheinbar fernen Zeiten literarisch sehr nah. So wie die Anatomin auch die unterschiedlichen Reifungsstadien der Körper erforscht, für die sie jeweils eigene Untersuchungsobjekte hat, denen sie sich je nach Interesse widmen kann, wirft auch der Roman seinen Blick auf die verschiedenen Lebensschichten seiner Figuren, nicht chronologisch, sondern von Kapitel zu Kapitel in der Zeit springend.

Während die Persönlichkeiten von Marie und Madeleine bei diesen literaturanatomischen Studien im Zentrum stehen, werden sie immer wieder auf humorvolle und entlarvende Weise mit männlichen Wissenschaftlern, Philosophen und Aufklärern wie Buffon oder Diderot kontrastiert. Madeleine zum Beispiel wird im Jahr 1734 gezeigt, als sie, die ehemalige Schülerin des königlichen Pflanzenmalers Aubriet, voll ausgebildet und talentiert, ihrerseits die Funktion der offiziellen Pflanzenmalerin im Jardin du Roi innehat — jedoch mit Abstrichen, da man dem weiblichen Geschlecht nicht die volle Verantwortung zugesteht. Daher werden alle ihre Zeichnungen, so perfekt sie auch sind, zusätzlich vom Intendanten, dem noch heute berühmten Naturforscher Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, kontrolliert und mit seinem Namen unterzeichnet. Indem Madeleine ihn leicht spöttisch nur Leclerc nennt, wird hier literarisch Rache geübt an der männlichen Berühmtheit, die unter dem Namen Buffon in die Geschichte eingegangen ist. Die emanzipatorische Ausgestaltung der Frauenfiguren zeigt sich auch im mühsam unterdrückten Unmut, den Madeleine verspürt, wenn sie den höheren Töchtern, die zum Zeichenunterricht zu ihr in den Jardin du Roi kommen, beibringen soll, Rosetten und Kränze zu malen, florale Muster statt naturgetreuer Abbildungen, Dekoratives ohne den wissenschaftlichen Anspruch, mit dem sie selbst arbeitet. Unter den Zeichenschülerinnen ist jedoch auch die eigenwillige Apothekerstochter Marie, die sich nicht mit Blümchenmustern abspeisen lässt und einem Kunstverständnis folgt, das auch Madeleines ästhetische Vorstellungen vor den Kopf stößt. Denn Marie seziert während dem Unterricht mit ihrem Pinselstrich die Pflanzen wie Körper, und eines Tages übergibt sie der verehrten Lehrerin eine schockierend getreue Zeichnung zweier innerer Organe, einer Leber und eines Herzens. Es ist der unkonventionelle Beginn einer Liebesbeziehung, die bis zu Madeleines Tod im Jahr 1780 halten wird.

Marie wohnt später eine Zeitlang im selben Haus wie Diderot, und Christine Wunnicke zaubert aus dieser Begegnung der beiden eine witzige geschichtsphilosophische Szene mit Tiefgang. Der etwas drollig geschilderte berühmte Philosoph flüchtet sich in seinem unstillbaren enzyklopädischen Wissensdurst und mehr noch vielleicht, um dem Trubel in der Wohnung seiner Familie für eine Weile zu entgehen, zu der aufgeweckten Wissenschaftlerin und Künstlerin, um bei ihr Anatomie zu lernen und sie um einen Artikel für seine Enzyklopädie anzubetteln. Doch Marie lehnt ab, wohl nicht zum ersten Mal: Solange sie als Frau ihren Text nicht selbst unterzeichnen kann, kommt eine Mitarbeit für sie nicht infrage. Lieber streitet sie mit Diderot über den Titel des Buches, der mehrbändigen Encyclopédie, das er doch besser Vom Irrtum nennen sollte. Auch für die so genannte Chronologische Maschine, die Diderot für einen Freund in Paris zu vermarkten versucht, eine mit Kurbeln bedienbare Maschine, die die ganze Geschichte der Menschheit enthält, hat sie einige Verbesserungsvorschläge grundsätzlicher Art, wie etwa den, auch einen Platz für die noch nicht geschriebene Geschichte der Zukunft zu schaffen. Maries geschichtsphilosophischer Ansatz bringt Komplexität in die schnell aufflammende Begeisterung ihres Freundes Diderot hinein und, ähnlich wie bei ihrer Betrachtung des menschlichen Körpers, auch Individualität und Bewegung.

Diesem hier angedeuteten Programm entsprechend gestaltet die Autorin ihren ganzen Roman, in den Armut, soziale Ungleichheit und auch die besondere Ungleichheit des weiblichen Geschlechts auf individuelle, subtilere Weise Eingang finden. So wird beiläufig, aber mit einer gewissen Selbstverständlichkeit erzählt, dass die Schülerinnen wegen Menstruationsschmerzen nicht zur Zeichenstunde kommen oder dass die Pflanzenmalerin Madeleine sich immer wieder gegen die verniedlichende Bezeichnung der „Blumenmalerin“ wehren muss.

Marie kommt irgendwann auf die Idee, statt der schwer zu beschaffenden Leichen Bossierwachs zu verwenden, um Körper herzustellen, die zwar künstlich sind, doch so lebensecht wirken, dass sich die Anatomie an ihnen gut praktizieren lässt. In dieser Technik verschmelzen Kunst und Wissenschaft miteinander, so wie auf andere Weise auch in der Pflanzenmalerei Madeleines. Künstlich, und doch lebensecht ist auch Christine Wunnickes neuer Roman, der ein Stück Menschheitsgeschichte aus einer anderen Perspektive erzählt, die Themen berührt und Fragen aufwirft, die ihren Strahl bis in die Zukunft unserer Gegenwart verlängert.

Bibliographische Angaben
Christine Wunnicke: Wachs, Berenberg 2025
ISBN: 9783911327039

Bildquelle
Christine Wunnicke, Wachs
© 2025 Berenberg Verlag GmbH, Berlin

bookmark_borderElsa Morante: La Storia

Elsa Morantes 1974 erschienener Roman, ein gewaltiges, ein poetisches, ein zutiefst menschliches Epos des 20. Jahrhunderts, das den berühmtesten des 19. Jahrhunderts in nichts nachsteht, dieser Roman, La Storia, der die große und die kleine Geschichte im Titel trägt, zeigt den ganzen Schrecken des Daseins, sein Elend, seine Brutalität, und all seine Schönheit, sein Glück, seine wilde Poesie.

Das Besondere ist, dass Elsa Morante in ihrer episch angelegten Geschichte, die sie zu Beginn der nach Jahren gegliederten Kapitel jeweils mit einer Aufzählung historischer Ereignisse geschichtlich und geschichtsphilosophisch verortet, wirklich von den „kleinen“ Leuten erzählt. Ihre Persönlichkeiten und Schicksale werden in der ganzen Materialität ihrer jeweiligen Herkunft und ihrer Lebensbedingungen in ihrer Vielschichtigkeit und Individualität ausgeleuchtet. Damit schreibt sie auch gegen die Anonymisierung der Massen an, die die politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts kennzeichneten, allen voran natürlich den Faschismus, aber auch die kommunistisch-sozialistischen Ideologien, die sie in ihrem Text mit genauso unideologisch scharfem Blick bedachte, was ihr nach Erscheinen des Romans von der italienischen Kritik übrigens noch lange Zeit vorgehalten wurde.

Elsa Morante selbst ist das Milieu, von dem sie erzählt, nicht fremd. Sie wurde 1912 im proletarischen Viertel Testaccio geboren, in dem auch ein Teil der Handlung von La Storia verortet ist. Aus Geldnot musste sie ihr Literaturstudium abbrechen und wurde Schriftstellerin und Nachhilfelehrerin; sie lernte Alberto Moravia kennen, mit dem sie bis 1962 verheiratet war, und veröffentlichte Gedichte, Erzählungen, und dann ihre großen Romane.

Im Zentrum der Handlung, die in den 1940er Jahren in den eher ärmlichen Vierteln von Rom und Umgebung spielt, steht die verwitwete Grundschullehrerin Ida, die auf den ersten Seiten von einem jungen, seinerseits recht hilf- und haltlos wirkenden deutschen Soldaten auf der Durchreise vergewaltigt wird. Hier zeigt sich bereits der direkte, ungeschönte und unaufgeregte erzählerische Blick auf das Geschehen; das, was passiert ist, wird weder verharmlost noch dämonisiert, im Vordergrund steht die Notwendigkeit der Figur Ida, einen Umgang mit den ganz materiellen Konsequenzen zu finden: Sie verheimlicht ihre Schwangerschaft und arbeitet weiterhin als Lehrerin, um für sich, ihren Sohn Nino und den bald zur Welt kommenden zweiten Sohn, der Useppe genannt wird, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch nach der ebenso heimlichen Geburt wird das Kind weiter im Verborgenen gehalten, in der Wohnung sich selbst überlassen, bewacht nur von einem Hund, den Nino auf der Straße gefunden hat. Der große Bruder ist es auch, der mit Useppe die ersten heimlichen Streifzüge in die Welt unternimmt, die das Kleinkind mit allen Sinnen in sich aufzusaugen scheint. Mit Nino und Useppe hat Elsa Morante ein eindringliches literarisches Brüderpaar geschaffen. Der ungestüme, auch verführbare Nino liebt seinen kleinen Bruder, den sensiblen, mit der Kreatürlichkeit des Daseins durch einen feinen, übersinnlichen Draht verbundenen Useppe, doch seine Unstetigkeit und sein großer Freiheitsdrang bewegen ihn, den Kleineren immer wieder im Stich zu lassen. Bei einem Luftangriff auf Rom wird das ärmliche Mietshaus, in dem die kleine Familie lebt, in Schutt und Asche gelegt. Zusammen mit vielen anderen Obdachlosen stranden Ida, Nino und Useppe in einer Notunterkunft am Rande der Stadt.

Elsa Morante zeigt die Materialität des Daseins, wie es sich im Krieg offenbart, sie zeigt die Armut, den Hunger, das Elend und den Überlebenskampf, die Überlebensstrategien ihrer drei Hauptfiguren und vieler weiterer Figuren, an die sie erzählerisch ganz nah herangeht, ungeschönt und direkt, und doch literarisch verdichtet. Sie folgt auch den kleinsten Nebenfiguren, keine Figur ist ein bloßer Statist, alle sind sie Menschen mit einer eigenen Biographie, fühlende Menschen, leidende, hoffende, mit liebenswürdigen, eigensinnigen, auch grotesken Zügen. Das Auftreten einer jeden Figur und ihr Verhalten wird vielfach perspektivisch gebrochen, so dass sich ein vielschichtiges Bild ergibt. Elsa Morante arbeitet hier aber nicht mit Verfremdung, sondern mit Annäherung, mit einer Verdichtung, die jedoch nicht alles auserzählt, sondern den Figuren ihr letztes Geheimnis belässt, ihnen eine Offenheit zugesteht, in der alles möglich ist.

In diesem besonderen poetisch-realistischen Stil kann sie auch etwas in eine literarische Sprache fassen, das auf der Gratwanderung zwischen Unzugänglichkeit und Pathos sprachlich schwer einzufangen ist. Eindringlich sind mir die Szenen im Gedächtnis geblieben, in denen sie das Sterben ihrer Figuren, ihre letzten Momente, nacherzählt, sie nachdichtet und im selben Atemzug nachempfindet. Überhaupt gelingt es ihr, in diesem Buch, in dem der Krieg ja mehr als bloßes Hintergrundraunen der Handlung ist, so vom Tod zu schreiben, dass es einen auf eine nachdenklich machende, ganz leise Weise berührt, ja erschüttert. Dass sie, ohne Pathos und Exaltation, dem Schrecken des Todes so nachwirkenden Ausdruck verleihen kann, mag daran liegen, dass sie sich ihm immer wieder aus der Perspektive des unvoreingenommenen Kleinkindes oder Tieres nähert. Das Grauen des Todes und der Gewalt offenbart sich in einer Reihe von Bildern, die eher mit den Sinnen als mit dem Verstand wahrgenommen werden. So erkennt der kleine Useppe zum ersten Mal in seinem Leben den Tod im Blick eines Pferdes; er spürt ihn mehr, als dass er ihn begreift. Nach der Kapitulation betrachtet der kleine Junge an einem Zeitungsstand die Bilder von Gehängten, die er nicht versteht, nicht einordnen kann, deren unerklärliches Grauen sich ihm aber intuitiv erschließt.

Überhaupt spielt das Kreatürliche, das Unbewusste oder Vorbewusste, zum Beispiel auch in Form von Träumen, eine große Rolle in diesem Roman. Elsa Morante zeigt den Krieg und seine Auswirkungen auf einer anderen Ebene, jenseits der männlich dominierten martialischen Kampfschauplätze. An diesen weniger beleuchteten Rändern der Gesellschaft begegnen sich Tiere, Kinder und Alte, Geflüchtete und Ausgestoßene, und natürlich eine ganze Reihe unterschiedlichster Frauenfiguren. Es geht um Mutterschaft im Krieg, im Elend, in Armut, um Überforderung, Einsamkeit und auch um Solidarität, um eine nicht nur menschliche, auch kreatürliche Verbundenheit, die ihrerseits existentiellen Charakter hat und mitten in der Gewalt des Krieges ein utopisches Moment ist. Auch die Schwangerschaft wird, über das hinausgehend, was sie für Mutter und Kind ganz materiell bedeutet, in diesem Text ein literarisches Motiv, mit dem die Autorin Einzelschicksale in eine allgemeine conditio humana einbindet. Die heimliche Schwangerschaft Idas reiht sich auf diese Weise ein in weitere hochprekäre Schwangerschaften, in der Notunterkunft gebiert Karulina, eine noch sehr mädchenhafte Kindfrau, und fast zeitgleich auch eine junge Katze, die ihr einziges Junges nicht zu säugen vermag und es im Stich lässt.

Dass das Unbewusste nicht ausschließlich ein unverstellter Zugang zum Dasein ist, sondern in Form des Unterbewusstseins auch sozial geprägt sein kann, zeigt sich am Beispiel des diffusen Schuld- und Angstgefühls, das Ida als Tochter einer Jüdin verinnerlicht hat. Ida hält ihr Jüdischsein ebenso geheim, wie es schon ihre Mutter vor ihr tat, ihre Perspektive auf die in Rom lebenden und während des Krieges ins Getto gepferchten und später deportierten Juden ist eine gebrochene. Einerseits fühlt sie sich stark angezogen, sucht das Getto und seine Bewohner immer wieder auf, gleichzeitig legt sie ihre Tarnung nie ab.

Auch die männlichen Figuren, von denen die meisten Jüngeren freilich Partisanen und Soldaten sind, sind mehr als bloße Schablonen. Es wird nachgezeichnet, wie und warum sie sich bestimmten Gruppen anschließen oder sich als Einzelgänger durchzukämpfen versuchen. Dass die beiden Hauptfiguren Nino und Useppe beide vaterlos sind, lässt sich als deutliche Metapher lesen. In der Zeit des Faschismus und des Krieges gibt es nicht nur in Italien keine Väter mehr, nur selbst ernannte „Führer“. In dieser Leerstelle haben Ideologien eine große Anziehungskraft, und es entstehen Männerbilder, die Macht, Gewalt, Stärke demonstrieren. Nino, der Teenager und junge Erwachsene, schlägt mit seinem Ungestüm und seinem Drang nach Freiheit einen anderen Weg ein als der kleine Useppe, der im Krieg noch ein Kleinkind ist und ein ganz anderes Wesen hat. Doch beide werden mit den Schrecken des Krieges und dem Elend konfrontiert, sie erleben, wie auch die vielen anderen Figuren dieses dichten Romans, das Zermürbende des Krieges, das Elsa Morante so eindringlich zum Ausdruck zu bringen versteht wie den immer wieder im Kleinsten aufblitzenden Zauber des Daseins in all seiner Verletzlichkeit. Und so liest man atemlos, mit allen Sinnen, diese Erzählung von existentieller Sinnlichkeit, die ein halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen nichts von ihrer Wirkung verloren hat.

Bibliographische Angaben
Elsa Morante: La Storia [1974], Wagenbach 2024
Neu übersetzt aus dem Italienischen von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski
ISBN: 9783803133656

Bildquelle
Elsa Morante, La Storia
© 2024 Verlag Klaus Wagenbach GmbH, Berlin

bookmark_borderIvy Compton-Burnett: Ein Haus und seine Hüter

Ich muss zugeben, dass ich mit diesem Buch nicht ganz warm geworden bin, wenngleich es in einem bewundernswert stringenten und originellen Ton bis zur letzten Seite durchkomponiert ist. Und wenngleich es mich jetzt, im Nachhinein, noch ganz schön weiter beschäftigt. Das Besondere: Fast der ganze Roman besteht aus Dialogen, er erinnert an ein aus den Fugen geratenes Theaterstück, ja, es scheint in gewisser Lesart wie ein Vorgriff auf etwas, was 20 Jahre später mit dem Theater des Absurden auf die Theaterbühnen kam. Beckett, Ionesco, Genet schrieben ihre Stücke ab den 1950er Jahren, Compton-Burnetts Roman, einer von insgesamt 20 Romanen, die sie im Lauf ihres Lebens verfasste, erschien im Original bereits 1935.

Aber worum geht es eigentlich? Das titelgebende Haus wird gehütet von einer wohlhabenden englischen Familie des späteren 19. Jahrhunderts. Die Handlung setzt am Weihnachtstag im Jahr 1885 ein und obwohl alles durch die radikale Konzentration auf die Dialoge und den Verzicht auf jedes zeithistorische Kolorit sehr zeitlos wirkt, ist die Welt der Figuren durchdrungen von tief verinnerlichten Moral- und Machtvorstellungen, die so auf die Spitze getrieben werden, dass sie, je vehementer die Figuren sie in ihrer Rede verteidigen, in ihrer Instabilität und Absurdität vorgeführt werden. Das Familienoberhaupt Duncan Edgeworth verkörpert in so grotesk-komischer wie grausamer Weise das sich noch immer machtvoll behauptende Patriarchat; die Frauen dominieren zwar im Redeanteil der Handlung, doch ist ihre Existenz deutlich prekärer als die der Männer, gleichwohl auch diese ihr Glück den patriarchalen Gepflogenheiten unterordnen müssen. Nacheinander verschleißt Duncan, der zwei Töchter im heiratsfähigen Alter hat, zwei Ehefrauen, erst die dritte wird ihn endlich überleben. Potentieller männlicher Erbe des Hauses ist zu Beginn Duncans Neffe Grant. Doch dann kommen Kinder auf die Welt, es werden neue Beziehungen geschlossen, gelöst und vor allem endlos besprochen von den Nachbarn und Bekannten, die pausenlos um die Familie herumschwirren und ihnen wortreich und mit viel geheuchelter Anteilnahme, die immer wieder in offene Häme umschlägt, moralische Unterstützung bezeugen.

Die Handlung, die es durchaus in sich hat: Kindsmord, Ehebruch, Erpressung, findet zwischen den Zeilen statt, oftmals auch in Leerstellen zwischen den Kapiteln. Die Theaternähe zeigt sich auch hier: Das Vergehen von Zeit wird nicht erzählt, alles spielt sich in einer kontinuierlichen Gegenwart ab, was eine dramatische Raffung zur Folge hat, in der sich die Ereignisse zu überstürzen scheinen. Da es keinen omnipräsenten Erzähler gibt, wird die Handlung ausschließlich von den Dialogen zusammengehalten, die nicht immer leicht zuzuordnen sind. Das ist auch ein Grund dafür, warum die Lektüre dieses ungewöhnlichen Buches zwar fesselnd, aber auch anstrengend ist. Ein weiterer besteht darin, dass eigentlich keine der Figuren sympathisch ist. Alle haben sie ihre Schwächen, die kühl belächelt, verheimlicht oder entlarvt werden, ohne dass jemals ein Anflug menschlicher Wärme zu spüren wäre.

Ein weiteres Merkmal der Dialoge ist ihre ausgestellte Oberflächlichkeit. Sie wirken banal und eitel, sind es im Zusammenspiel des Textes jedoch ganz und gar nicht. Vielmehr hat die Autorin sie so geschliffen und poliert, dass jede verbale Spitze, jede kleinste Übertretung laufend für Erschütterungen sorgt. Die Figuren sprechen Dinge aus, die man sich eigentlich nur im Stillen denken würde, und verpacken noch die größte Unverschämtheit in eine konventionelle, höfliche Ausdrucksweise. Ständig reden die Figuren aneinander vorbei, ob sie sich unbewusst oder absichtlich missverstehen, ist oft nicht zu unterscheiden, ebenso wenig, ob eine Aussage zynisch ist oder einfach nur schrecklich naiv. Diese Dialogtechnik, die die Autorin wirklich ziemlich genial bis zum Ende durchzieht, bewegt sich nah am Absurden und hat einige Ähnlichkeit mit den sprachlichen Mitteln, die von Beckett und Ionesco in ihren Stücken eingesetzt werden. Gesalbte Worte und höfliche Floskeln werden durch allzu direktes Nachfragen als hohle Phrasen entlarvt, Konventionen, wie etwa das Weihnachtsfest gleich zu Beginn des Romans, werden dialogreich in ihre Bestandteile zerlegt, sie werden verdinglicht, als leere Symbolik entzaubert, so dass ihre äußeren, heiligen Hüllen offen zu Tage liegen. Wie in den Stücken Genets dient die Absurdität der Rede auch dazu, Hierarchien und Machtverhältnisse zum Einsturz oder zumindest ins Wanken zu bringen. Hierarchien bestehen in Compton-Burnetts Roman zwischen männlichen und weiblichen Figuren, zwischen Familienmitgliedern und Bediensteten, und der pater familias ist wie die Kirche eine Institution, deren Autorität unter der Oberfläche langsam zu zerbröckeln beginnt und daher umso gnadenloser seine Macht ausspielt. Das gelingt ihm bis zu einem gewissen Grad, denn obwohl er nicht vor Lächerlichkeit gefeit ist, obwohl er immer wieder mit spöttischen Worten angegriffen wird, kann er doch nicht wirklich vom Sockel gestürzt werden. Der Schein ist wichtiger als das Sein, die Ehre des Hauses wichtiger als das Glück seiner Hüter, die allesamt Rollen spielen, in denen sie sich eigentlich überhaupt nicht zu Hause fühlen.

„Es ist schwer, in einer Familie vernünftig miteinander zu reden.“, heißt es an einer Stelle. Ein Haus und seine Hüter ist als Klassiker der britischen Literatur und als Text einer für die damalige Zeit unkonventionellen Autorin — Compton-Burnett wurde 1884 als eines von 12 Kindern in Middlesex geboren, schrieb zahlreiche Romane, wurde in den Adelsstand erhoben und lebte bis zu ihrem Tod 1969 in verschiedenen gleichgeschlechtlichen Beziehungen –, zu Recht und von Gregor Hens mit überzeugender stilistischer Verve ins Deutsche übersetzt worden. „Lustig“ und „vergnüglich“, wie der Roman in manchen Kritiken genannt wird, würde ich ihn jedoch nicht nennen. Immer wieder komisch, das ja, und immer wieder auch schockierend, provozierend, und letztlich auch sehr traurig.

Bibliographische Angaben
Ivy Compton-Burnett: Ein Haus und seine Hüter [engl. A House and Its Head, 1885], Die Andere Bibliothek 2024
Aus dem Englischen von Gregor Hens
ISBN: 9783847704690

Bildquelle
Ivy Compton-Burnett, Ein Haus und seine Hüter
© 2025 Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin

bookmark_borderHelmut Krausser: Freundschaft und Vergeltung

Den Schriftsteller Helmut Krausser habe ich erst kürzlich entdeckt, mit seinem letzten Roman Wann das mit Jeanne begann, der sich über die ansprechenden Assonanzen im Titel hinaus als sehr überraschende, unkonventionelle und bis zuletzt hochspannende Spiel-Art eines historischen Romans entpuppte (cf. Rezension vom 11.10.2024). Freundschaft und Vergeltung scheint auf den ersten Blick erzählerisch, dramaturgisch und thematisch ganz anders geartet, auch wenn wieder ein Geheimnis von krimineller Aura den Bogen über die gesamte Erzählung spannt: An einem sehr britischen Internat verschwinden in einer Silvesternacht Mitte der 1960er Jahre vier Personen spurlos, ein eigenwilliger, sich über Regeln munter hinwegsetzender Internatsschüler, sein reicher Vater, der als Geldgeber der Schule wie eine machtvolle graue Eminenz im Hintergrund wirkt, eine junge Lehrerin, die Begehrlichkeiten weckt, und die Direktorin des College. Auch Jahrzehnte später, als der Ich-Erzähler, der damals als Schüler das Internat besuchte und als Teil der Clique, oder vielleicht eher Anhängerschaft, des aufmüpfigen Mäzenatensohns eher nur am Rande in die Ereignisse involviert war, weitere Nachforschungen anstellt, bleibt der Fall voller Rätsel — eben das „Raven Hall Mystery“.

Was auf der ersten Ebene wie ein Internatsroman oder Collegeroman mit Mystery-Flair anmutet, wird erzählerisch jedoch so komponiert und gestaltet, dass die scheinbar wohlbekannte Form Risse bekommt, aus denen unerwartete neue Elemente hervortreten. Wie auch der Vorgängerroman ist Freundschaft und Vergeltung keinem bereits existierenden Genre eindeutig zuzuordnen. Vielmehr ist das Charakteristische des Textes gerade seine Stilmischung. In den Text schleicht sich, poststrukturalistisch gesprochen, eine différance ein, eine kleine Verschiebung: Aus dem College-Roman wird ein Collage-Roman. Während im ersten Teil die Zeugenschaft des Ich-Erzählers, seine tagebuchartigen subjektiven Erinnerungen an die Personen und Ereignisse im Internat im Jahr 1965 im Vordergrund stehen, kommen im nächsten größeren Abschnitt die nach dem Verschwinden angefertigten Verhörprotokolle von Lehrern, Hausmeister und anderen Zeugen oder Verdächtigen an die Reihe, in die sich der Ich-Erzähler 20 Jahre später Einblick verschaffen konnte. Noch einmal 20 Jahre später hat die Neugier des Ich-Erzählers noch immer nicht nachgelassen; der Drang, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, oder vielleicht sogar den verschwundenen Personen selbst, ist für ihn zur lebenslangen Mission geworden, zum zentralen Inhalt seines Daseins, für das er das Unverständnis, ja Missfallen seiner Frau in Kauf zu nehmen bereit ist. Man ahnt, dass sein detektivischer Forscherdrang seinen heimlichen Antrieb aus der Liebe gewinnt, wobei nicht ganz klar ist, ob aus Liebe zu der attraktiven Lehrerin, die damals verschwand, oder zu seinem damaligen Mitbewohner. Im Sinne des mimetischen, also nachahmenden Begehrens, wie es der französische Literaturwissenschaftler René Girard formulierte, wären die beiden Begehren ohnehin untrennbar verknüpft, da es über den verschwundenen Schüler und seine Lehrerin Gerüchte gab, die dieser selbst fleißig mit schürte.

Das Faustische eines Charakters, in das untrennbar das Begehren verwoben ist, scheint jedenfalls ein wiederkehrendes, allzumenschliches Thema des Autors zu sein. Ebenso wie das Spiel mit Fiktion und Realität, Erfundenem und tatsächlich Geschehenem, das vor dem Hintergrund unserer medienabhängigen Gegenwart, der im letzten Teil des Romans eine wichtige Rolle zukommt, auf die erzählerische Spitze getrieben wird. Denn während in den 1960er Jahren Gerüchte und pikante Unterstellungen noch eher durch Briefe verbreitet werden konnten, haben die neuen Medien im 21. Jahrhundert eine ganz andere Reichweite und Brisanz. Der Ich-Erzähler nutzt diese denn auch für seine Spurensuche zum „Raven Hall Mystery“. Auf den ersten Blick mit ziemlichem Erfolg: Er bekommt viele Klicks, viel Resonanz, viele neue heiße Spuren in Reaktion auf seinen Blog, den er zu den damaligen Vorfällen eingerichtet hat. Doch zugleich mit den neuen Möglichkeiten, die eine solche Internetrecherche bietet, treten auch ihre Schattenseiten zutage. Auf den Triumph, auf die Hoffnung folgt die Unsicherheit, und der Ariadne-Faden, an dem sich der Ich-Erzähler über die Jahre und Jahrzehnte an das Geheimnis heranzutasten schien, erweist sich im Spiel der Identitäten, das im Ineinander der virtuellen und wirklichen Welt entstehen kann, auf einmal als ziemlich fadenscheinig.

Freundschaft und Vergeltung ist auf der ersten Ebene ein spannender Roman über Macht und Leidenschaft und auf der zweiten eine formverspielte und medienreflektierte Erzählung über die schwere Unterscheidbarkeit von Wahrheit und Täuschung, über die Manipulierbarkeit von Geschichten und die faszinierenden und fatalen Gespinste der Imagination.

Bibliographische Angaben
Helmut Krausser: Freundschaft und Vergeltung, Piper 2024
ISBN: 9783827014160

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Helmut Krausser, Freundschaft und Vergeltung
© 2025 Piper Verlag GmbH, München

bookmark_borderJacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht — Die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand

Und es ward Licht, „Et la lumière fut“ — der französische Originaltitel, unter dem das Buch 1953 erschien, trägt die biblische Reminiszenz noch deutlicher vor sich her als der Titel der deutschen Übersetzung, der gleichfalls Wert auf einen poetischen Klang legt. Von Beginn an ist klar: Diese Autobiographie eines Blinden, der im französischen Widerstand aktiv war, geht über einen persönlichen Erfahrungsbericht, über ein historisches Zeugnis hinaus. Was der Titel andeutet, bestätigt sich auf den ersten Seiten, die einen sofort auf eine irgendwie zarte Weise in Bann ziehen: Dieser Text ist, ohne sich hinter dem heute so verbreiteten Etikett der Autofiktion zu verstecken, zutiefst literarisch. Hier schreibt jemand, ohne sein Ich zu verfremden, voll Überschwang und Leidenschaft von seinem der radikalen Realität der Geschichte ausgesetzten Leben und von seinem Glauben, der ihn trug, auch oder gerade in der sehr weltlichen Erfahrung des Krieges. Wahrscheinlich hat diese Transzendenz, die durch das ganze Buch hindurchschimmert, etwas Altmodisches; aber sie hat zugleich auch etwas sehr Wahres. Denn die poetische Innigkeit von Lusseyrans autobiographischer Erzählung kippt eben nie ins Esoterische oder Rührselige, da ihr, das spürt man immer wieder, eine tiefe, schmerzhafte und schöne Menschlichkeit zugrunde liegt.

Beim Lesen der chronologisch erzählten Geschichte der Kindheit und jungen Erwachsenenjahre des Autors Jacques Lusseyran (1924-1971), der sie nach dem Ende des Krieges aufgeschrieben hat, taucht man nicht nur in die historisch bewegte Zeit der französischen Zwischenkriegs- und Weltkriegsjahre ein, die wir heutigen Leser ja nicht mehr selbst erlebt haben können, sondern auch in eine den allermeisten von uns auf andere Weise ebenso fremde Erfahrung des Eintritts in die innere Landschaft eines „sehenden Blinden“. Wir machen also die Erfahrung einer doppelten Alterität, die sich uns durch die mitreißende Sprache in großer Leichtigkeit vermittelt. Die Überarbeitung der Übersetzung aus den 1960er Jahren für die deutsche Neuausgabe hat sicher auch ihr Quantum zu der so flüssigen Lesbarkeit beigetragen.

Jacques Lusseyran wurde nicht als Blinder geboren. Er verlor sein Augenlicht im Alter von acht Jahren durch einen Unfall in der Schule. Und er fand es von neuem, indem er, so schildert er es, dank liebevoller Eltern und Freunde und dank seines eigenen inneren Antriebs zu einem „sehenden Blinden“ wurde. Dankbarkeit und Willenskraft erscheinen als die zwei Wesensmerkmale des Autors, die ihm, wie man heute sagen würde, zu einer besonderen Resilienz verholfen haben. Es wurde ihm möglich, seine Hilflosigkeit abzuschütteln und ein neues Sehen zu erlernen, sich auf neue Art und Weise im Dasein zu orientieren. Aus der Perspektive dieses wieder sehenden Blinden erfahren wir, wie es sich anfühlte, in den 1930er Jahren in Paris und Umgebung aufzuwachsen. Wir erfahren von seinen Freundschaften und von seiner ersten Liebe, die jedoch hinter der Innigkeit der Freundschaften, die er lebte und pflegte und die trotz der körperlichen Abhängigkeit des Blinden doch immer Freundschaften auf Augenhöhe waren, wie selbstverständlich zurückstehen musste. Etwas irritierend ist für uns heute vielleicht, dass Lusseyran anfangs trotz der, wie es scheint, gleichberechtigten Ehe seiner beiderseits berufstätigen Eltern in seinem früh begonnenen Engagement für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die Möglichkeit der politischen Beteiligung von Frauen völlig außer Acht ließ. Das ändert sich später; alles andere wäre bei einer so reflektierten, lernbereiten und erfahrungsoffenen Persönlichkeit, wie sie aus dem Text hervorgeht, auch verwunderlich gewesen.

Bemerkenswert ist, dass Jacques Lusseyran den Krieg als noch größere Zäsur im Leben wahrnahm als den Verlust seines Augenlichts. Nicht nur politisch, sondern auch privat, wobei sich ab diesem Zeitpunkt der persönliche Lebensweg des Autors auch untrennbar mit dem politischen verknüpfte: Während der für die gesamte Bevölkerung als sehr belastend erlebten Besatzungszeit initiiert Lusseyran eine Widerstandsbewegung besonderer Art. Er schart eine Gruppe junger Männer um sich, die von ihm, einem blinden und ebenfalls noch sehr jungen Mann, geleitet wird, von einem jungen Mann, so schildert er es in der Rückschau, der einerseits nicht weiß, wie ihm da geschieht, und der andererseits intuitiv sehr wohl weiß, was er zu tun hat. Die Gruppe, die eine von mehreren parallel im Untergrund arbeitenden ist, entwirft erste Flugblätter zur Aufklärung der abgeschotteten Pariser Bevölkerung, bevor sie nach einiger Zeit mit anderen zusammenarbeitet, im komplexen Netz der Résistance aufgeht und sich, neben weiteren Aktionen, an einer richtigen Untergrundzeitung beteiligt, in der unter der permanenten Gefahr des Auffliegens und des Verrats über die Folterungen durch die Gestapo, die Konzentrationslager und die Judenverfolgung berichtet wird.

Dass der junge Blinde, ohne dass er sich aufgedrängt hätte, wie selbstverständlich als Anführer der Gruppe akzeptiert wird, ist, zumal in einem doch immer patriarchale Machtverhältnisse hervorkehrenden Umfeld des Krieges, schon erstaunlich. Er muss eine natürliche Autorität ausgestrahlt haben, ein besonderes geistiges Charisma, das auch mit seiner Menschenkenntnis und seinem Gespür für Situationen, wie sie vielleicht aus seiner Augenblindheit erwachsen sind, zusammenhing. Auch mit seinem Gedächtnis, das verräterisches Papier ersetzte, trug er gewiss einen unschätzbaren Teil zur Untergrundkommunikation bei. Lusseyran absolvierte neben der Kräfte und Zeit beanspruchenden Untergrundtätigkeit auch noch ein Literaturstudium und spürte auch in dieser „Nebentätigkeit“ die menschenverachtenden Auswirkungen des Krieges. Denn ein Dekret des Vichy-Regimes — die Macht der nationalsozialistischen Besatzer hatte längst auch auf die so genannte freie Zone übergegriffen — verbot nun körperlich eingeschränkten Personen, zu denen auch Blinde gezählt wurden, die Ausübung bestimmter Berufe und verschloss ihnen auch den Zugang zur höheren Bildung. Durch wohlgesinnte Vertrauenspersonen gelang es Lusseyran, sein Studium fortzusetzen, doch war diese bedrohliche Erfahrung von Ausgrenzung durch die neuen politischen Machthaber nur ein erster Vorbote weiterer politischer Gewalt. Wie zahlreiche seiner Freunde und Mitstreiter im Untergrund wurde auch Lusseyran verraten und verhaftet. Er wurde Verhören unterzogen und entging nur knapp dem Tod durch Erschießen. Im Gefängnis in Fresnes war er zeitweise in Einzelhaft und wurde dann, wie so viele andere, mit dem Zug ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Von den 2000 Franzosen, die im Januar 1944 mit ihm dort ankamen, überlebten nur 30. Auch er selbst wurde unter den menschenunwürdigen Lagerbedingungen sehr krank, war dem Tode schon näher als dem Leben und erfuhr seine fast einem Wunder gleichende Genesung wie eine erneute Wiedergeburt. Aus der er wieder eine schier unglaubliche Energie zu ziehen verstand, indem er sich, auch im KZ, für Aufklärung einsetzte, Menschen um sich scharte und seinen Widerstand fortsetzte.

Die Widerstandskraft, die Lusseyran auch im psychologischen Sinne entwickelte, lässt an das berühmte Buch …trotzdem Ja zum Leben sagen des österreichischen Psychiaters und Ausschwitzüberlebenden Viktor Frankl denken. Seine Widerstandskraft setzte Lusseyran aber auch ganz konkret politisch ein, in einem umfassenderen Sinne freilich als Einsatz für das Wohl der Menschen, für das höchste Gut der Menschlichkeit, für das es sich auch unter unmenschlichsten Bedingungen zu kämpfen lohnt. Seine Autobiographie knüpft daher in gewisser Hinsicht auch an die mittelalterliche, christlich geprägte literarische Tradition der chansons de geste an, mit der Schilderung der glücklichen Kindheit, der sich anschließenden Zeit des Aufwachsens als Zeit der Prüfungen, der Verwandlungen, mit der Verteidigung der Werte von Mut, Weisheit und Einsatz für die Gemeinschaft. In der Gegenwartsliteratur hat unlängst auch Anne Weber mit ihrem Versroman Annette, ein Heldinnenepos gleichfalls für eine historische Figur des französischen Widerstands, der aus der Bretagne stammenden Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, dieses uralte Genre entstaubt und auf poetische Weise reaktualisiert. Beide Bücher, das des blinden Widerstandskämpfers und das über seine weibliche Verwandte im Geiste und in der Tat, sind gerade jetzt, im Kontext von Diskriminierung, Krieg, Gewalt, so zeitlos wie aktuell.

Bibliographische Angaben
Jacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht — Die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand, Klett-Cotta 2024
Aus dem Französischen übersetzt von Uta Schmalzriedt [1966], überarbeitet von Tobias Scheffel
ISBN: 9783608988239

Bildquelle
Jacques Lusseyran, Das wiedergefundene Licht
© 2025 Klett-Cotta Verlag. J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart

bookmark_borderWolf Haas: Wackelkontakt

Franz Escher ist ein Meister im Puzzeln, er macht es nicht unter 500 Teilen, am liebsten hat er 1000teilige Puzzles, deren Bildmotive Werke aus der Kunstgeschichte zeigen. Bei einem aus seiner wahrhaft umfangreichen Sammlung jedoch, der Erschaffung Adams von Michelangelo, fehlt ein Puzzleteil. Nicht etwa, weil Escher es verloren hätte, es wurde aufgrund eines, wie sich herausstellt, seriellen Herstellungsfehlers nur mit 999 Teilen geliefert. Was fehlt, ist ausgerechnet das Nichts. Das entscheidende Puzzleteil zwischen Adam und Gott, der Abstand, die Leere, ein winziges Teil, doch von tragender Bedeutung.

Wolf Haas‘ neuer Roman lässt sich als eine Variation dieses Nichts lesen. Wackelkontakt ist ein Zauberspiel mit der Fiktion, die ja auch ein Kunstwerk sein kann. Hervorgezaubert wird, wie aus dem Nichts, eine wahnsinnig spannende und unterhaltsame und witzige Geschichte.

Zu Beginn wird eine fast Beckett’sche Situation des Absurden evoziert, der Protagonist wartet — nicht auf Gott oder Godot, sondern auf den Elektriker, der einen Wackelkontakt in der Küchensteckdose beheben soll. Auch der Tod bricht unversehens herein — nicht in Gestalt eines metaphysischen Schicksals, sondern in seiner ganzen Absurdität als geradezu kläglich anmutende Folge reiner Physik. Es ist faszinierend, wie es Wolf Haas gelingt, die absurde Banalität einer alltäglichen Situation humorvoll zu fassen und zugleich, von unerwarteter Seite, gleichsam durch die Hintertür, wieder einen kleinen Schimmer metaphysischer Bedeutsamkeit hineinlugen zu lassen, der, ganz bescheiden, wie es dem absurd-weisen Humor des Autors entspricht, fortan über dem gesamten weiteren Verlauf der wendungsreichen Romanhandlung schweben wird.

Franz Escher wartet also auf den Elektriker, und das dauert, wie man das so kennt, wenn man auf den Elektriker wartet. Er liest deshalb ein Buch, genauer gesagt einen Mafiaroman, da er in diesem doch recht speziellen Genre seine zweite Leidenschaft neben Puzzles gefunden hat. Sobald Franz Escher zu lesen beginnt, verschmelzen wir Leser der Geschichte von Franz Escher gleichsam mit dem Leser Franz Escher und tauchen in die Geschichte des italienischen Ex-Mafioso Elio ein, der im Gefängnis auf seine Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm wartet, ehe er seine abenteuerliche Reise in ein neues Dasein als der Deutsche Marko Steiner beginnt. So weit, so bekannt: Hier handelt es sich um die nicht ungewöhnliche Technik des Romans im Roman. Doch auch Elio befindet sich in einer quälenden Situation des Wartens, die ihrerseits absurd-komische Züge hat, und auch er liest, um diese Situation zu überbrücken, ein Buch, und zwar ein deutsches Buch über einen, der Escher heißt und auf einen Elektriker wartet. Damit ist eine weitere Treppenstufe der Fiktionsironie erreicht, auf der Wolf Haas von nun an in allmählich gesteigertem, am Ende furios rasantem Tempo, zwischen den Handlungsebenen springend, sie hinterhältig verzwirbelnd, immer weiter klettert, um am Ende… doch dazu später.

Von der pointenreichen, verblüffende Haken schlagenden Handlung soll hier gar nicht mehr verraten werden. Doch, vielleicht noch so viel: Es kommt auch eine Witwe vor, eine junge Witwe. Über das Wort stolpert der Protagonist Franz Escher, der sich als freiberuflicher Trauerredner davon eigentlich nicht aus der Fassung bringen lassen dürfte, immer wieder. Wir erfahren, dass das Wort „Witwe“ eine der wenigen Personenbezeichnungen ist, bei denen die männliche Form aus der weiblichen gebildet wird, also zur Abwechslung einmal Adam aus Eva erschaffen wird, und von einem althochdeutschen Ausdruck abgeleitet ist, der „Mangel haben“ bedeutet. Der Mangel, das Fehlen, die Leere, auch hier tauchen sie wieder auf, diesmal klar mit Tod und Trauer assoziiert, der metaphysischen Grundierung einer Handlung, die sich ihrerseits permanent in einem Wackelkontakt zwischen Absurdität, Komödie und Melodram befindet.

Überhaupt ist die Sprache auch in diesem neuen Buch des gerne mit Sprache spielenden österreichischen Schriftstellers wieder sehr bedeutsam und Quell zahlreicher komisch-abseitiger Abschweifungen auch von Seiten der Protagonisten, die sich beide durch ihr fast pingelig genaues Sprachbewusstsein auszeichnen. Während Escher über die etymologische Herkunft des Wortes „Witwe“ sinniert oder sich über den aus synchronisierten Filmen übernommenen fragwürdigen deutschen Gebrauch der Wendung „Oh mein Gott“ aufregt, legt der ehemalige Mafioso eine erstaunliche Sprachbegabung an den Tag und lernt mit Engagement und in einem zweiten Schritt auch mit Fingerspitzengefühl die deutsche Sprache, um seine neue Identität glaubhaft zu verkörpern. Den derben Slang, den er sich von einem Junkie im Knast abschaut, verfeinert er später im Privatunterricht bei einer älteren deutschen Dame, um schließlich infolge eines erzwungenen Umzugs nach Österreich sich auch dieser dialektalen Variante gekonnt anzupassen.

Konstruiert ist der Roman, wie bereits angedeutet, wie ein Bild von M. C. Escher, dem niederländischen Künstler und Erschaffer optischer Täuschungen und perspektivischer Unmöglichkeiten. Berühmt ist etwa das Bild einer Treppe, die ein geschlossenes Viereck bildet und doch endlos weiter bergauf zu führen scheint, oder das zweier Hände, die sich gegenseitig zeichnen. Diese unmöglichen Figuren entstehen durch klitzekleine logische bzw. perspektivische Fehler, ein winziges Detail, das das Irrationale in den Bereich der Wahrnehmung rückt, den Betrachter verwirrt und für einen Moment an die Unendlichkeit glauben lässt. In Wackelkontakt entstehen die unmöglichen Figuren auf narrativer Ebene infolge fiktionsironischer Elemente, die der Autor immer wieder einstreut. Es gibt Doppelungen, Unwahrscheinlichkeiten und kleine Verschiebungen in der Zeit, die mein Literaturwissenschaftlerherz gern mit Beispielen belegen würde, was ich mir in diesem Fall aber verkneife, um denen, die das Buch noch nicht gelesen haben, den Genuss der Überraschung zu bewahren.

Was den Roman zu einem so kurzweiligen und intelligenten Lesevergnügen macht, ist vor allen Dingen der Humor, der auf so vielen Ebenen gleichzeitig wirkt: auf der Ebene der Figuren, auf der Wolf Haas wieder so eigenwillige und verstockte wie zugleich einfach liebenswürdige Charaktere erschafft, wie man sie aus seinen anderen Romanen kennt; auf der Ebene der Sprache und auf der Meta-Ebene der Fiktionsironie. So wie sich die beiden Handlungsebenen mit den verschiedenen Protagonisten auf einmal ineinander verschränken, verschränken sich in diesem Roman Absurdität und Lebensnähe untrennbar miteinander. Und am Ende dieses Zauberspiels geschehen fast noch Wunder. Die Antwort auf die conditio humana, die in der bedrohlichen Langeweile des Wartens ihre Metapher gefunden hat, ist natürlich der Griff zum Buch, das Lesen, das Eintauchen in die Bildwelten der Fiktion. Auf diese Weise, so staunt man, wird sogar der Tod überwunden — oder ist alles nur ein Zaubertrick?

Bibliographische Angaben
Wolf Haas: Wackelkontakt, Hanser 2025
ISBN: 9783446282728

Bildquelle
Wolf Haas, Wackelkontakt
© 2025 Carl Hanser Verlag, München

bookmark_borderSteffen Kopetzky: Monschau

Große Aufregung herrschte 1962 in Monschau, einem kleinen Landkreis in der Eifel: Die Pocken, die man eigentlich aus Deutschland vertrieben glaubte, brachen aus, Monschau wurde „internationales Infektionsgebiet“. Steffen Kopetzky hat während der Corona-Pandemie aus diesem historischen Ereignis einen Roman entworfen, der eine Liebesgeschichte mit einem Stück bundesdeutscher Geschichte verbindet.

Auch wenn es sich mit der durchgehenden Situierung der Handlung in den 1960er Jahren um einen historischen Roman handelt, scheint der Aktualitätsbezug fast auf jeder Seite durch. Zwar handelte es sich bei der Pockenepidemie in der Eifel um einen lokal begrenzten Ausbruch, der aber auch schon infolge der globalen Vernetzung ausgelöst worden war. Im Roman treten Virologen und Dermatologen auf, unter ihnen ein talentierter junger Arzt namens Nikolaos Spyridakis, der aus Griechenland in die Eifel gereist ist, um bei der Eindämmung der Epidemie zu helfen. Er wird direkt im „hot spot“ eingesetzt, in den Rither-Werken in Monschau, einer großen Papierfabrik, eines der vielen an die Erben weitergegebenen Unternehmen, die in der Nachkriegszeit weiter Profite einstrichen. Dort lernt er Vera Rither kennen, die junge Firmenerbin, die der erwarteten Aufgabe, die Fabrik weiterzuführen, widerwillig gegenübersteht.

Diese Ausgangskonstellation verrät bereits, dass sich Steffen Kopetzky vor allem für die mit weitreichenden Konsequenzen verbundene Verknüpfung von Epidemie und Wirtschaft interessiert. Das bald verzweifelte Züge annehmende Krisenmanagement wird hier tatsächlich in erster Linie von Seiten des Unternehmens bestimmt, in einseitiger Rücksicht auf die internationalen Beziehungen und Absatzmärkte. Natürlich ist Vertuschung am Werke, wenn infolge der Ausbreitung der Krankheit, die einer anderen, mit Macht und Geld allein nicht einzudämmenden Logik gehorcht, die Interessen der Wirtschaft in Konflikt mit der Sicherheit der Bevölkerung treten. Kopetzky entwirft darüber hinaus ein Gesellschaftspanorama der Bundesrepublik in den frühen 1960er Jahren und zeigt, wie die Schatten des Krieges noch immer auf die damalige Gegenwart der Nachkriegszeit fielen. Auf Figurenebene steht die junge Generation in klarer Opposition zur alten, noch in den Krieg verstrickten Generation, von der nicht wenige weiterhin so handeln wie zuvor, opportunistisch, auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Das ungleiche Paar Nikolaos und Vera jedoch, die in Paris Journalismus studiert, und ebenso ein allzu neugieriger, nach dem Vorbild von Johannes Mario Simmel gezeichneter österreichischer Reporter, arbeiten der Vertuschung entgegen. Vor dem Hintergrund der Ausnahmesituation der Epidemie bringen sie Dinge in Erfahrung und ins Rollen, von denen andere sich massiv bedroht fühlen…

All dies ereignet sich während der kurzen, anarchischen Zeit des Karnevals, die man natürlich als Metapher lesen muss. Die karnevaleske Maskierung steht für das Vertuschen, das sie zugleich enthüllt und entlarvt. Verdrängtes, Wildes in den Gefühlen und Verhaltensweisen wird zum Vorschein gebracht, die Hierarchien, die auch nach dem Krieg noch fortdauerten, erschüttert, unten und oben verkehren sich.

In der Hörfassung, gesprochen von Johann von Bülow, bekommen die sich überstürzenden Ereignisse eine zeitlupenartige Langsamkeit, die ein wenig an einen Brecht’schen Verfremdungseffekt erinnert. Von Bülow liest bedächtig und artikuliert, in einer für meinen Geschmack etwas zu gedehnten Sprechmelodie, findet aber einen charakteristischen und beim Hören gut wiedererkennbaren Duktus für jede der Figuren und beherrscht die vielfältigen Akzente und Dialekte, die im Figurenpersonal aufeinandertreffen, vom Bayerischen des Geschäftsführers der Rither-Werke über die rheinische Färbung der Eifel-Bewohner bis zum Österreichischen des Journalisten.

Ob nun gelesen oder gehört: Monschau ist ein Roman, der eine spannende und reflektierte Unterhaltung bietet, der einen kleinen historischen Zeitabschnitt aus der deutschen Geschichte am Beispiel einer fiktionalisierten Extremsituation ausleuchtet und, ohne zum Thesenroman zu erstarren, einige kleine Lichtblitze, etwa zu den Themen Krisenmanagement und Einwanderung, auch auf unsere jüngste Vergangenheit wirft.

Bibliographische Angaben
Steffen Kopetzky: Monschau, Rowohlt Taschenbuch 2022
ISBN: 9783499005671

Hörbuch: Argon Verlag AVE, 2021
Gelesen von Johann von Bülow
ISBN: 9783839818664

Bildquelle
Steffen Kopetzky, Monschau
© 2025 Rowohlt Verlag, Hamburg

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