bookmark_borderAlain Claude Sulzer: Postskriptum

Die, die unscheinbar sind, die von den anderen nicht gesehen werden, verwandelt der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer in seinen Romanen in literarische Figuren, die im GedĂ€chtnis bleiben. Von stilistischer Zauberhand erschafft er eine Geschichte, in der diese Unscheinbaren einmal im Leben fĂŒr einen flĂŒchtigen Augenblick eben doch sichtbar werden, wie der Schweizer Postangestellte Walter, der im Hotel Waldhaus in Sils Maria seinem großen Schwarm, dem berĂŒhmten Schauspieler Lionel Kupfer begegnet, wohin dieser sich zurĂŒckgezogen hat, um eine neue Filmrolle zu erarbeiten. Es ist das Jahr 1933, das auch den jĂŒdischen Filmstar jĂ€h in den Schatten der Unsichtbarkeit zwingt. Von den Filmproduzenten ebenso fallengelassen wie von seinem Liebhaber, dem intriganten KunsthĂ€ndler Eduard, sieht sich Kupfer zur Emigration gezwungen. Erst Jahrzehnte spĂ€ter, so verrĂ€t es der Epilog, wird dem von seinem einst jubelnden Publikum opportunistisch Vergessenen noch einmal ein Alterserfolg im Exil in den USA beschieden sein.

Postskriptum ist ein KĂŒnstlerroman, der mit Lionel Kupfer eine Figur enwirft, die zwar fiktiv ist, sich jedoch aus vielen KĂŒnstlerbiographien zusammensetzt, die mit dem Erstarken des Nationalsozialismus zerstört oder zumindest nachhaltig erschĂŒttert wurden. Sulzer erzĂ€hlt in seinem schmalen Buch folgerichtig auch nicht den Aufstieg des von ihm erdachten KĂŒnstlers, sondern konzentriert sich auf die inneren SchlĂŒsselmomente seines Lebens, bei denen die umgekehrte Richtung des Fallens entscheidend ist. Der zentrale Fall Kupfers im Jahr 1933 wird von einem Prolog und einem Epilog gerahmt. Im Prolog erfĂ€hrt man von der ganz privaten Familientragödie, die den kleinen Jungen Lionel, der ein begabter Zeichner war, den Weg der Schauspielerei hat einschlagen lassen; im Epilog zeigt Kupfer den gealterten Schauspieler noch einmal in seiner Einsamkeit im Exil.

In diesem mit so leichten Strichen skizzierten Roman verdichten sich verschiedene Motive zu einem PortrĂ€t, das nicht nur das kurz aufflackernde und wieder erlöschende Leuchten ganz verschiedener Gestalten einfĂ€ngt, sondern auch einen Epochenbruch. Es ist auch die Zeit, die die Menschen voneinander trennt. Sie bringt das Gute oder Schlechte in den Menschen hervor, fĂŒhrt, im Falle der Beziehung Kupfers und Eduards, zu Verrat und IlloyalitĂ€t, im Falle der von Kupfer und Walter zu unsichtbar bleibender Treue. Am Motiv der HomosexualitĂ€t, die 1933 nicht weniger verdammt war als die Zugehörigkeit zur jĂŒdischen Religion, zeigt Alain Claude Sulzer, wie gesellschaftliche Unsichtbarkeit gleitend in gesellschaftliche Unansehnlichkeit ĂŒbergeht. Auch die traurige Geschichte von Walters Mutter, der Analphabetin Theres, fĂŒgt sich in dieses motivische Textgewebe ein, geht sie einem doch gerade deshalb so tief ins Herz, weil der Autor ebensowenig große Worte darum macht wie seine Figur. Gerade weil die Figuren auf eine Revolte verzichten, bewegen einen die keineswegs nĂŒchtern, aber mit poetischer SelbstverstĂ€ndlichkeit gezeichneten Schicksale umso mehr.

Bibliographische Angaben
Alain Claude Sulzer: Postskriptum [2015], Kiepenheuer & Witsch 2017
ISBN: 9783462050394

Bildquelle
Alain Claude Sulzer, Postskriptum
© 2024 Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln

bookmark_borderRaphaela Edelbauer: DAVE

Mit DAVE bewegt sich die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer in einem gĂ€nzlich anderen Genre als mit ihrem so entlarvenden wie witzigen wie sinnlichen VorgĂ€ngerroman Das flĂŒssige Land ĂŒber die verdrĂ€ngte braune Vergangenheit Österreichs (vgl. Rezension vom 7.5.2020) und auch als mit dem 2023 erschienenen Nachfolgeroman Die Inkommensurablen ĂŒber das Freudsche Unterbewusstsein der kakanischen Bevölkerung kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (Rezension folgt!). Die Geschichte von DAVE spielt in der sogenannten „nahen Zukunft“ und gehört damit einer unmittelbar an unsere Gegenwart anknĂŒpfenden Science-Fiction an, der Near-Future, mit der etwa auch ZoĂ« Beck in Memoria (vgl. Rezension vom 18.12.2023) oder Paradise City (vgl. Rezension vom 25.9.2020) experimentiert.

Und doch finden sich beim Lesen von DAVE Ähnlichkeiten zu Edelbauers auf den ersten Blick historisch verwurzelteren Stoffen, man könnte von einer metaphorischen Verwandtschaft all ihrer Texte sprechen. Denn alle entwerfen sie eine Welt, die zu bröckeln beginnt, die um die Figuren herum immer poröser wird, in der Gewissheiten erschĂŒttert werden und in der das Ich sich zusammen mit dieser im Einsturz begriffenen Welt aufzulösen droht. Die kĂŒnstliche Intelligenz DAVE ist so fluide wie die Erinnerung und das Unterbewusstsein in Edelbauers anderen Romanen, und auch sie entspringt einer Welt, in der Verunsicherung und Manipulation in einer mehr als riskanten Beziehung stehen.

In einer solchen Umgebung erstaunt es nicht, dass auch der Ich-ErzĂ€hler selbst, der sich Syz nennt, ein unzuverlĂ€ssiger ErzĂ€hler ist. Syz ist Programmierer und trotz seiner seit Kindertagen manifesten mathematischen Begabung, von der man im Laufe der ErzĂ€hlung erfĂ€hrt, nur ein RĂ€dchen im Getriebe eines riesigen von der Informationstechnik beherrschten Komplexes, in dem eine Unzahl an Menschen arbeiten und existieren. Es ist eine Welt, deren dystopische Fremdheit und Entfremdung einem nach und nach immer plastischer vor Augen tritt, und die aus nur einem, dafĂŒr aber monströsen GebĂ€ude zu bestehen scheint, in dem die Menschen von einer angeblich durch eine Katastrophe unbewohnbar gewordenen Außenwelt abgeschottet ihr gesamtes Dasein verbringen. Der Komplex ist nach einer strengen Hierarchie in verschiedene Etagen gegliedert, unten befindet sich alles, was zur materiellen Produktion gehört, oben residieren die Rechner und diejenigen, die sie bedienen, die Techniker und Informatiker. Auf dieser Ebene befindet sich auch, als quasireligiöses Zentrum, das wie ein Hochsicherheitstrakt abgesperrte Labor, in dem die Computer mit DAVE stehen, dem Programm, das zur heilbringenden kĂŒnstlichen Intelligenz transformiert werden soll.

Der unscheinbare Syz, dessen Begabung aus einem anfangs unklaren Grund bisher in keiner gehobenen Position in dieser computerbeherrschten Hierarchie gemĂŒndet ist, sieht sich auf einmal mit einer streng geheimen und verantwortungsvollen, ja höchst riskanten Mission betraut. Ohne dass diese Information die Mauern des heiligen Zentrums verlassen darf, soll von seinem persönlichen GedĂ€chtnis ein Abbild gemacht und Schritt fĂŒr Schritt, in immer grĂ¶ĂŸerer Perfektion und Datenfeinheit, DAVE eingespeist werden. Der Computer soll nach einer ganz individuellen Menschenpersönlichkeit geformt werden, damit auf diese Weise endlich der entscheidende Entwicklungsschritt gelingen kann, nĂ€mlich eine bewusste K.I. hervorzubringen, die sich von den VorgĂ€ngern, die alle mehr oder weniger schnell und genau rechnende, aber letztlich unpersönliche Datenspeicher waren, grundlegend unterscheidet. Syz, der nach und nach begreift, in was fĂŒr ein gefĂ€hrliches Projekt er da involviert ist, gerĂ€t in einen Strudel von Ereignissen, die weit in die Vergangenheit zurĂŒckreichen und sein Gewissen, seine IdentitĂ€t, sein ganzes Leben in Zweifel stĂŒrzen. Er beginnt, heimlich Nachforschungen anzustellen, um herauszufinden, was mit seinem verschollenen VorgĂ€nger passiert ist, der vor ihm fĂŒr DAVEs Bewusstseinsspeisung zustĂ€ndig war, und worum es sich bei DAVE wirklich handelt: um ein fortschrittliches Projekt, um eine gemeinnĂŒtzige Forschung zur Rettung der Menschheit, um ein perfides Instrument zur Überwachung und UnterdrĂŒckung oder schlichtweg um heillosen GrĂ¶ĂŸenwahn.

Die hier nur in den gröbsten ZĂŒgen zusammengefasste Handlung liest sich wie ein Thriller, und mindestens ebenso spannend sind die vielfĂ€ltigen wissenschaftlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Diskurse, die Raphaela Edelbauer in ihren Text hineinstrickt: Geschichtliches zur K.I. und zum Thema Mensch und Maschine, das die Menschheit schon seit Jahrhunderten fasziniert und provoziert, Mathematisch-Philosphisches zum Paradox der Möglichkeit eines kĂŒnstlichen Bewusstseins, detailreiche HintergrĂŒnde zu Mnemotechniken und GedĂ€chtnistheorien, deren praktische Anwendung anschaulich in die Handlung eingebaut wird. Das ist literarisch bewundernswert zusammengefĂŒgt, einzig die sehr mit Fremdwörtern angereicherte Sprache und der inzwischen ja leider hĂ€ufiger zu lesende transitive Gebrauch von „erinnern“ haben mein stilistisches Empfinden beim Lesen mitunter leicht irritiert. Was mir umso mehr gefallen hat, ist der auch in diesem Buch, das ja augenfĂ€llig stark dystopische ZĂŒge aufweist, unterschwellig nie versiegende Humor, der immer wieder fĂŒr befreiende und entlarvende Momente sorgt. Die erste Begegnung zwischen Syz und der Frau, mit der sich im Roman eine Liebesgeschichte andeutet, gestaltet die Autorin in einem Dialog, der exemplarisch fĂŒr ihren intelligent-humorvollen Stil ist:

„Hast du Sofware- oder Maschinendesign studiert? WofĂŒr schule ich dich ĂŒberhaupt ein?“ —
„Weder noch — ich gehöre zu den unteren zwanzig Prozent“, sagte sie grinsend und ließ sich auf einen Stuhl an einem freien Tisch fallen. „Ich bin Medizinerin.“ — „Du arbeitest mit Menschen?“

Raphaela Edelbauer, DAVE

Eine grundlegende Skepsis gegenĂŒber einer durchdigitalisierten, von kĂŒnstlichen Intelligenzen bevölkerten Gesellschaft scheint im Text immer wieder durch. Edelbauer denkt das, was gegenwĂ€rtig passiert, konsequent weiter und malt es in drastischen Farben aus, um zu erproben, ob die in DAVE angestrebte Optimierung selbst lernender Datensysteme in der Form erstrebenswert oder aber ĂŒberhaupt möglich ist.

„Wenn DAVE jedes Detail der Welt kennt, jeden Blickwinkel gleichzeitig einnimmt, ist er gelĂ€hmt, weil keine Handlung, kein Satz mehr vor den anderen Vorrang besitzt“, sagte Garaus [ein Freund von Syz].

Raphaela Edelbauer, DAVE

Das Argument wird schon lĂ€nger diskutiert, wenn es etwa um die Problematik ethischer Verantwortung bei autonom fahrenden Automobilen geht. Doch die Gefahren, die fĂŒr die Gesellschaft entstehen können, wenn Computer die menschliche Intelligenz immer genauer nachbilden oder sogar ĂŒbertreffen können, sind vielleicht weniger akut als der Umkehrschluss. Denn liegt nicht ein weit grĂ¶ĂŸeres und wahrscheinlicheres Risiko in dem Umfang, in dem die Gesellschaft computerförmig gemacht wird? Diese Entwicklung ist lĂ€ngst in Gang gesetzt, schleichend, unsichtbar hinter den scheinbar so rationalen Prozessen der digitalisierten, smarten Systeme verborgen. Wenn wir Menschen uns mehr oder weniger freiwillig in Algorithmen pressen lassen, unser Denken, unser Handeln an deren rein zahlenbasierte — und menschlicher Manipulation ausgelieferter — Logik anpassen, ist das im Grunde weitaus erschreckender und ethisch fragwĂŒrdiger als der eher unwahrscheinliche Coup einer zum Leben erweckten K.I. Auf science-fictionalem Wege weitergedacht mĂŒndet eine solche AlgorithmenglĂ€ubigkeit darin, dass wir, wie Syz in Edelbauers Roman, in den Alptraum einer Simulation geraten — und zwar mit vollem Bewusstsein. DAVE fĂŒhrt uns zugespitzt den Schrecken einer ewigen Gleichförmigkeit und Wiederholung in einer solchen nur aus Algorithmen bestehenden Welt vor Augen, die uns zu Gefangenen ohne jede Autonomie und Entscheidungsfreiheit macht, welche ja gerade die zentralen Werte unseres Menschseins sind.

Raphaela Edelbauer lĂ€sst ihre Leser jedoch zum GlĂŒck nicht ohne jede Hoffnung. Das ambitionierte Projekt DAVE ist keineswegs so perfekt durchdacht, wie es seine Erfinder glauben lassen. Und dann ist da immer noch die letztlich unkalkulierbare Variable des Menschlichen, die auch der optimiertesten Technik Hals ĂŒber Kopf einen Strich durch die Rechnung machen kann:

„Das Beharren auf Schönheit ist eine der fĂŒnf KardinalsĂŒnden, die die Vollendung DAVEs verhindern.“ Weitere waren außerdem: der Schlaf, die Trödelei, das Tippen mit weniger als acht Fingern sowie natĂŒrlich der Geschlechtstrieb.

Raphaela Edelbauer, DAVE

Bibliographische Angaben
Raphaela Edelbauer: DAVE, Klett-Cotta 2021
ISBN: 9783608964738

Bildquelle
Raphaela Edelbauer, DAVE
© 2024 Klett-Cotta Verlag J.G. Cotta sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart

bookmark_borderJocelyne Saucier: A train perdu

Sanft melancholisch, nachdenklich und in einer geglĂŒckten Balance aus emotionaler Involviertheit und selbstironischer Distanz erzĂ€hlt Jocelyne Saucier in A train perdu von den entlegenen Weiten, dichten WĂ€ldern und stillgelegten Minen eines wenig bekannten Kanadas fern der Metropolen, von einem im Verschwinden begriffenen Schienennetz, das die abgelegenen Dörfer im nördlichen Ontario und QuĂ©bec, einst blĂŒhende BergarbeiterstĂ€dte, nur noch rudimentĂ€r miteinander verbindet, und von einer Frau, die dieser Gegend entstammt, die mit ihr verwachsen ist und sich am Ende ihres Lebens auf eine unumkehrbare Reise macht, mit der sie das Leben ganz unterschiedlicher Menschen aus der Region durcheinanderbringt.

Ausgangspunkt der ErzĂ€hlung ist das Verschwinden, ist die Flucht, die Reise, die Mission der alten Gladys Comeau, die unangekĂŒndigt und zur großen Verwirrung und BestĂŒrzung ihres Umfelds von heute auf morgen ihr Dorf mit dem auffĂ€lligen Namen Swastika verlĂ€sst, um — wie sich bald herausstellt todkrank — mit wechselnden ZĂŒgen quer durch das nördliche Kanada zu fahren. Ihre Route, die sich dem Zufall ergeben entlang dem teilweise schon außer Betrieb gesetzten Schienennetz entfaltet, mag von außen verwirrend erscheinen, und doch hat Gladys ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen, das der Ich-ErzĂ€hler und selbst ernannte Chronist dieser Geschichte allmĂ€hlich zu verstehen und dem Leser zu vermitteln beginnt.

Mit der Spurensuche des ErzĂ€hlers, die dieser zeitlich leicht versetzt aufnimmt, taucht man in die Lebenswelt der Region ein, eine in einem nicht mehr aufzuhaltenden Wandel begriffene, gleichwohl vergleichsweise noch immer entschleunigte Welt. Die ewige VerspĂ€tung der ZĂŒge macht hier niemandem etwas aus, viele der kleinen Dörfer sind noch immer nur mit der Eisenbahn erreichbar. Jocelyne Saucier fĂŒhrt uns zurĂŒck in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg und bis in die Gegenwart. A train perdu ist eine Reise in die Vergangenheit des Landes und seiner Bewohner, erzĂ€hlt in vielen kurzen, einfĂŒhlsamen PortrĂ€ts „gewöhnlicher“ Menschen. All die Streckenarbeiter, Waldarbeiter, ErzgrĂ€ber, Fallensteller, die Einwanderer und die Eingeborenen, alle fĂŒhrten sie ein einfaches Leben, abgeschottet vom Rest der Welt; diese „petits sauvageons des bois“ (A train perdu, S. 67) konnten kein Englisch und erhielten ihre Bildung in den sogenannten „school trains“, Schulen auf RĂ€dern, von GĂŒterwĂ€gen gezogen, die zwischen 1926 und 1967 in den WĂ€ldern Ontarios die einzige Möglichkeit fĂŒr die Einwohner waren, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Gladys, die am Ende ihres Lebens wieder in die rollende Welt der ZĂŒge zurĂŒckkehrt, war in dieser Umgebung sozialisiert worden, ihre Eltern waren Lehrer in den „school trains“ gewesen. SpĂ€ter hatte Gladys Albert, einen stillen, melancholischen Jungen aus den WĂ€ldern, geheiratet, den sie nur ein Jahr nach der Hochzeit bei einem GrubenunglĂŒck verlor. Das gemeinsame Kind, Lisana, lebt inzwischen, lĂ€ngst erwachsen und selbstmordgefĂ€hrdet, wieder bei ihrer Mutter. Auch sie lĂ€sst Gladys zurĂŒck, als sie sich auf ihre letzte Reise macht, ihr großes, einst so fröhliches Kind, das studiert hat und dann mit Depressionen wieder in die Heimat zurĂŒckkehrte. Man lernt auch die Nachbarn von Gladys kennen, die sich nach ihrem Verschwinden VorwĂŒrfe machen und alles auf den Kopf stellen, um die FlĂŒchtige wieder einzufangen, die sich ihnen jedoch geschickt zu entziehen versteht. UnterstĂŒtzt wird sie dabei von Jeanette, einer Frau, der Gladys auf ihrer Reise begegnet, auch sie eine, die den Zug als Heimat begreift.

Da die Ă©criture in diesem fein gesponnenen Text ein großes Thema und gewissermaßen der rote Faden der Geschichte ist, der sich entrollt, Knoten bildet und wieder löst wie das nostalgische kanadische Schienenetz, möchte ich noch einmal auf den selbst ernannten Chronisten und sein Schreiben zurĂŒckkommen. Seine stilistische Neigung zu Dreierschritten, die sich durch die gesamte ErzĂ€hlung ziehen und am Schluss in einer ins Transzendente gewendeten, lebensbejahenden Symbolik kulminieren, ist auffĂ€llig; sie sind weniger als Klimax denn als ein Sich-AnnĂ€hern zu verstehen, was der Aufgabe entspricht, die sich der Ich-ErzĂ€hler gegeben hat und die ihm geradezu eine Philosophie geworden ist, eine Einstellung, mit der er sein Dasein und das der anderen zu begreifen und einzuordnen versucht:

Mais il n’y a que Gladys, il y a tous les autres qui m’ont hĂ©lĂ©, harcelĂ©, harnachĂ© Ă  cette quĂȘte ou enquĂȘte — je ne sais plus ce que c’est — que je dois maintenant relater.
J’ai Ă  sonder, Ă  Ă©lucider, Ă  comprendre mes propres motivations.

Doch nicht nur Gladys, auch all die anderen haben mich zu dieser Untersuchung oder Selbstsuche — ich weiß selbst nicht mehr, was es ist — angehalten, gedrĂ€ngt, angespornt, von der ich nun Zeugnis ablegen muss.
Ich muss nachforschen, aufklÀren, meine eigenen Motive verstehen.

Saucier, A train perdu, S. 12 f. (Übersetzung der Rezensentin)

Von diesen anderen sollten zwei hier ErwĂ€hnung finden, da sie dem Suchen und Schreiben des Chronisten jeweils eine neue Richtung geben: erstens ein Mann mit Schal am Bahngleis, der dort die Leute ausfragt und sich als französischer Autor aus Paris entpuppt, der nach Kanada gereist ist, um dem Dorf mit diesem ungewöhnlichen, historisch vorbelasteten Namen, Swastika, auf den Grund zu gehen und seine Geschichte ans Licht zu bringen; zweitens ein Biolehrer und Freund des Chronisten, den dieser im Stadtmuseum kennengelernt hat und der sich fĂŒr die Geschichte der Gegend, insbesondere fĂŒr das schreckliche GrubenunglĂŒck, dem auch Gladys Mann zum Opfer gefallen war, interessiert, und der außerdem ein großes Misstrauen gegen jede Form der AusschmĂŒckung und der Fiktion hegt.

Die Vorgehensweise des Ich-ErzĂ€hlers ist denn auch geprĂ€gt von genauem Beobachten, Zuhören und Nachfragen, es ist ein feines ErzĂ€hlen mit vielen Zwischentönen, das mehrere, oft auf den ersten Blick undurchsichtige Ebenen der Wahrnehmung und der Handlungsmotivation zugleich aufscheinen lĂ€sst. So gelingt auch immer wieder ein Blick unter die OberflĂ€che, der, wenn nicht zwangslĂ€ufig einen Widerspruch, so doch ein komplementĂ€res Bild zu dem, was von außen sichtbar ist, erkennen lĂ€sst. Denn in den Geschichten der Menschen klingt in erster Linie eine große Zufriedenheit und Bescheidenheit auf, eine liebevolle Verbundenheit mit der Region, die frĂŒher belebter, lebendiger schien, eine Nostalgie wird spĂŒrbar, aber keine lauten Klagen, vielmehr der Stolz auf die spĂ€rlichen FrĂŒchte eines mĂŒhsamen Lebens. Die Ă©criture von Jocelyne Saucier transformiert diese berĂŒhrende, gleichwohl nicht vor Lebensfluchten und -LĂŒgen gefeite Haltung in ihrem Text in einen menschenfreundlichen Humor angesichts einer tiefen Melancholie, eines GlĂŒckes, das vergĂ€nglich ist, flĂŒchtig, wie die vorbeigleitenden Eisenbahnen in den Weiten eines wenig bekannten Kanada.

A train perdu ist ein Werk in Bewegung, das sich langsam, aber unaufhörlich, dem poetischen Rattern der alten ZugrĂ€der gleich, entfaltet und den Leser immer wieder mit kleinen Verschiebungen und subtilen VerĂ€nderungen ĂŒberrascht. Die Begegnung mit dem Text hat wie die in ihn eingebundenen Figuren zunĂ€chst eine ZufĂ€lligkeit, die an Kontur und Tiefe gewinnt, ohne je an Offenheit zu verlieren. Ein in all seiner RealitĂ€tsnĂ€he und Menschlichkeit wahrhaft magisches Buch!

Bibliographische Angaben
Jocelyne Saucier: A train perdu, Les Editions XYZ 2020
ISBN: 9782897722470

Bildquelle
Jocelyne Saucier, A train perdu
© 2024 Editions XYZ, Montréal (Québec)

bookmark_borderTerézia Mora: Muna oder Die HÀlfte des Lebens

Madame Bovary, Anna Karenina, Effi Briest, Jane Eyre sind absolute Klassiker, deren Titelheldinnen mit ihren unvergesslichen Namen wie Leuchtsterne am Himmel der Literaturgeschichte prangen. TerĂ©zia Moras Titelfigur Muna hĂ€tte vielleicht das Zeug dazu, diese Tradition ĂŒber den Text hinaus funkelnder Romannamen fortzusetzen, von denen es genĂŒgt, sie auszusprechen, um sofort das Bild einer ganzen Welt entstehen zu lassen, in der sich diese Figuren bewegen, in der sie leiden und lieben, scheitern und jubilieren. Die eigenwillige und tragische Strahlkraft dazu hĂ€tte Muna allemal. Muna, diese Figur, die ganz unserer Gegenwart entspringt, ein blĂŒhender Charakter dieser Zeit, die gerade im Vergehen ist, dem Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert; noch in der DDR geboren und aufgewachsen, nĂ€hert sie sich erwachsen werdend unserer Gegenwart. Die Autorin hat angekĂŒndigt, Muna eine Triologie zu widmen, diesmal mit einer weiblichen Hauptfigur, nachdem sie mit Darius Kopp zuvor eine mĂ€nnliche Figur ins Zentrum dreier zusammenhĂ€ngender Romane gestellt hatte; die Schwelle zum 21. Jahrhundert wird also gewiss in den versprochenen folgenden Romanen ĂŒberschritten werden.

Muna oder Die HĂ€lfte des Lebens ist, gleichwohl der Text sich auf die Biogaphie nur einer Figur, eben derjenigen Munas, konzentriert, ein Gesellschaftsroman, der sich zu einem großen Teil im Prekariat des Medien- und Wissenschaftsbereichs ereignet, in dem die keineswegs unbegabte junge Frau bald nach ihrem Abitur gestrandet ist. TerĂ©zia Mora erzĂ€hlt auch die Vorgeschichte, Munas Kindheit und Jugend, die sie bereits in prekĂ€r zu nennenden VerhĂ€ltnissen verbracht hat und denen sie mit dem Elan und der Chuzpe einer willensstarken Jugendlichen zu entkommen versucht. Als Heranwachsende muss sie mit dem frĂŒhen Krebstod des Vaters und mit einer emotional unzuverlĂ€ssigen Mutter klarkommen, einer Theaterschauspielerin, deren Stern lĂ€ngst erloschen ist und die das Entrinnen von beruflichem Glanz und Schönheit in einer gefĂ€hrlichen Mischung aus Alkohol und Tabletten ertrĂ€nkt. Als Muna fĂŒr eine Zeitung und dann fĂŒr einen Verlag arbeiten darf, wenn auch nur als schlecht bezahlte, aber umso engagiertere Praktikantin, sieht sie hier, im Schreiben, eine TĂŒr nach draußen offenstehen. Gleichzeitig nimmt sie ein Studium auf, lernt neben dem Kulturbereich auch das Wissenschaftsmilieu kennen und bekommt bald am eigenen Leib zu spĂŒren, dass trotz ihrer unterschiedlichen Klientele beide Milieus auf Ă€hnliche Weise so hoffnungmachend wie desillusionierend sind. WĂ€hrend Muna zwischen der Verlagsarbeit und der UniversitĂ€t pendelt, wird sie in einem weiterhin hierarchisch dominierten Umfeld immer wieder ausgenutzt; ob freiwillig oder unfreiwillig, da verschwimmen die Grenzen. Und es sind zwar oft, aber bei weitem nicht nur MĂ€nner, die sich ihre unterlegene Position im beruflichen Kontext zunutze machen. Das Gerangel um Erfolg, um Gesehenwerden, Anerkennung und der Belohnung mit einer soliden, gut bezahlten Stelle macht die darin Mitspielenden zu Tieren, die mit dem stĂ€ndigen Druck mehr oder weniger gut zurechtkommen.

Am Beispiel der Hauptfigur Muna, die einem in all ihrer WidersprĂŒchlichkeit ganz nahe gebracht wird — sie ist schön und sie ist unsicher, sie ist intelligent und sie ist unerfahren –, wird spĂŒrbar, was es heute bedeutet, eine Frau zu sein, in der Öffentlichkeit und im Privaten. Munas Verletzlichkeit springt einem immer wieder ins Auge, ja, geht aus der Sprache des Textes selbst hervor, der ganz aus ihrer Perspektive erzĂ€hlt wird. Gleichzeitig verwandelt sie ihre Verletzlichkeit, die nicht nur, aber eben doch sehr viel mit ihrer Weiblichkeit zu tun hat, immer wieder in StĂ€rke. Ihre Wirkung auf andere ist schillernd: mal aufreizend, mal provokativ, mal naiv, mal manipulativ. All dies sind Zuschreibungen, die Munas inneres FĂŒhlen und Denken verfehlen, aber doch in gewissem Grade beeinflussen und formen. Unscheinbar ist sie jedenfalls nicht, doch der Grund, weshalb sie auffĂ€llt, unterscheidet sich oft himmelweit von dem, was sie sich eigentlich vorgestellt oder erhofft hat, und ruft zudem GefĂŒhle auf den Plan, die einem Miteinander auf Augenhöhe im Weg stehen.

Vor diesem Hintergrund kann die „romantische“ Beziehung von Muna und Magnus, die im Mittelpunkt der Handlung steht und ihr Dreh- und Angelpunkt wird, ihre fatale Dynamik entwickeln. Muna lernt den deutlich Ă€lteren Magnus, einen Fotografen und Französischlehrer, bei einem Praktikum kennen. Von Anfang an ist sie fasziniert von ihm, und von Anfang an tritt er als ein kurzangebundener, misanthropischer Mensch auf. Er ist ein unverbindlicher, sich entziehender Charakter, ein Mann, der nach einer gemeinsamen Nacht verschwindet und jahrelang kein Lebenszeichen von sich gibt, der sich, wie Muna bei ihren hartnĂ€ckigen und doch erfolglosen Nachforschungen erfĂ€hrt, in den Westen abgesetzt hat, um dort seine akademische Laufbahn in Gang zu bringen. Nach sieben langen Jahren, in denen Muna ihn nicht vergessen kann, taucht er plötzlich wieder auf, und die ungleiche Beziehung zwischen ihnen nimmt ihren zerstörerischen Lauf.

Das Besondere und besonders Fesselnde ist die Art, wie dieser amour fou sich stilistisch und kompositorisch im Text entfaltet. Alles wird aus Munas Perspektive wiedergegeben, deren Blick ein so radikal subjektiver wie um Aufrichtigkeit bemĂŒhter ist. Ihre manischen Phasen, ihr selbstzerstörerisches Verhalten werden ausschließlich aus der Sicht der davon Betroffenen selbst erzĂ€hlt. Das Neben- und Ineinander ihrer im Schreiben gesuchten Wahrhaftigkeit und ihrer emotionalen Verblendung ist hochspannend zu lesen, und es ist beeindruckend, wie diese erzĂ€hlerische Unmittelbarkeit doch wieder erzĂ€hlerisch vermittelt wird. TerĂ©zia Mora, deren experimentellen Umgang mit Sprache, mit Text man zum Beispiel auch aus dem Roman Das Ungeheuer kennt, in dem ein Paralleltext im Fußnotenbereich der Seiten die eigentliche ErzĂ€hlung begleitet und in neuem Licht erscheinen lĂ€sst, arbeitet hierfĂŒr diesmal auch mit Klammern und EinschĂŒben. So entsteht ein Text, der sich immer wieder selbst korrigiert, mit der Diskrepanz und Bedingtheit von Innen und Außen spielt und das Zweifeln und Sehnen, Denken und unaufhörliche Hinterfragen einer zugleich starken und schwachen, rebellischen und unterwĂŒrfigen, berechnenden und naiven, zielstrebigen und schwankenden, eben nicht auf eine einfache Formel zu bringenden Hauptfigur abzubilden vermag.

Nicht nur Muna selbst ĂŒbrigens, sondern auch die zahlreichen anderen Figuren, denen sie begegnet, sind zum Großteil gebrochene, geschĂ€digte Charaktere, zumindest aber Menschen, deren Hoffnungen und PlĂ€ne Kompromisse mit der Wirklichkeit eingehen mussten. Manchmal verbergen sie sich hinter einer strahlenden Fassade, manchmal sind die Risse schon deutlich nach außen hin sichtbar. Doch die GewalttĂ€tigkeit, die nicht selten dahinter lauert, ĂŒberrascht die junge Muna mehr als einmal. FĂŒr den Leser ist sie schockierend, gerade weil sie sich so scheinbar logisch aus den Handlungen heraus entfaltet.

Bibliographische Angaben
Terézia Mora: Muna oder Die HÀlfte des Lebens, Luchterhand 2023
ISBN: 9783630874968

Bildquelle
Terézia Mora, Muna oder Die HÀlfte des Lebens
© 2024 Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, MĂŒnchen

bookmark_borderCharlotte Fauve und Marc Jeanson: Das GedĂ€chtnis der Welt — Vom Finden und Ordnen der Pflanzen

Dass ein Eintauchen in die Geschichte der Botanik alles andere als eine weltabgewandte, trockene NischenbeschĂ€ftigung fĂŒr Spezialisten ist, wird einem schnell klar, wenn man in dem wunderbaren Sachbuch zu lesen beginnt, das die Journalistin Charlotte Fauve und der Botaniker Marc Jeanson gemeinsam geschrieben haben. Die stilsichere Feder der Journalistin und der große Erfahrungsschatz des Botanikers gehen eine gelungene Symbiose ein, aus der ein ĂŒberaus lebendiger und anschaulicher Überblick ĂŒber die Geschichte der Botanik hervorgegangen ist, in der Naturgeschichte und Kulturgeschichte kenntnis- und fĂŒr den Leser erkenntnisreich miteinander verknĂŒpft sind.

Das GedĂ€chtnis der Welt ist eine charmante Mischung aus Erfahrungsbericht, Autobiographie und Biographie der Botanik, dessen erzĂ€hlerisches Prinzip sich die Vorgehensweise der Botanik zunutze macht. So wie der Botaniker den Mikrokosmos der Pflanze studiert, um daraus Erkenntnisse ĂŒber den komplexen Kosmos des Pflanzenreiches zu gewinnen, wĂ€hlt auch der Text immer wieder das Anekdotische als Ausgangspunkt, von dem aus sich RĂŒckschlĂŒsse auf die Natur, auf die Geschichte der Menschheit, das Dasein des Lebendigen insgesamt ziehen lassen. Es ist, philosophisch gesprochen, ein sich öffnender Blick, der sich aufs Kleinste konzentriert, um offen fĂŒr große ZusammenhĂ€nge zu sein. Und so erfĂ€hrt man bei der LektĂŒre eine Menge an Kuriosem, an Staunens- und Wissenswertem, erhĂ€lt Einblick in viele spannende ZusammenhĂ€nge zwischen Pflanzenleben und menschlicher Kulturgeschichte, und natĂŒrlich auch in die dem Wandel der Zeit unterworfene Arbeit des Botanikers.

Diese Arbeit, die Praxis der Botanik, schildert Marc Jeanson mit liebevollem Blick als eine zugleich bescheidene und doch so nĂŒtzliche; er erzĂ€hlt, wie er selbst als junger Mann das Herbarium in Paris kennenlernte, wo er sich erst einmal zurechtfinden musste:

Plötzlich war da diese wirre Ansammlung aus Papier und Pflanzen, die mir anfangs so zeitlos vorkam, fest in der Geschichte verankert, und das auch noch mit einer außerordentlichen PrĂ€zision. Das GedĂ€chtnis der Welt bestand auch in diesen Tausend getrockneten Pflanzen, und jedes duftende Kron- oder Nebenblatt zeugte vom Fortschritt der Wissenschaft oder vom ersten Kontakt zwischen fremden Kulturen, auf Gedeih und Verderb. Mit diesen bescheidenen Gesten des jahrhundertelangen Sammelns und Pressens wurde das Herbarium zur Zeitmaschine.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

Eine Zeitmaschine ist auch der Text, der der Geschichte der Botanik in mehreren Jahrhunderten nachspĂŒrt, von Forscherdrang, Ausdauer, Neugier erzĂ€hlt, die leider auch immer wieder in Hybris und Ausbeutung umschlug. Der Kolonialismus war ein maßgeblicher Kontext der Entstehungsgeschichte der Botanik, die Naturforscher, die ihre gefĂ€hrlichen Expeditionen nicht selten selbst mit dem Leben bezahlten, und ihre Geld und Logistik bereitstellenden Auftraggeber verfolgten sehr unterschiedliche Ziele mit der Erforschung oder aber Eroberung neuer (Pflanzen-)Welten. Michel Adanson (1727-1828) etwa, einer der berĂŒhmten und teilweise in Vergessenheit geratenen Pioniere der Botanik, arrangierte sich mit seinen Auftraggebern:

Adanson, der Diener der Wissenschaft, sitzt in der Falle: Denn denen, die die Welt erweitern wollen, dient der Universalismus nur als Vorwand und die Erfassung der Lebewesen allein dazu, die neuen Gebiete ökonomisch und symbolisch zu unterwerfen. Die Gelehrten machen gemeinsame Sache mit den Kaufleuten, und die Kaufleute mit dem Staat.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

An dieser Instrumentalisierung der Botanik zu Herrschaftszwecken ĂŒbte Adanson, der selbst bei den Eingeborenen lebte und ihre Sprache lernte, keine offene Kritik; er schlug aber eine bessere Behandlung der Sklaven auf den Plantagen vor und erkĂ€mpfte zumindest mit den impliziten Waffen des Gelehrten eine gewisse Offenheit fĂŒr das nicht Vetraute, das Andere:

Eine andere seiner vielen Eigenarten besteht darin, dass er die lokalen Namen der von ihm entdeckten Pflanzen beibehÀlt. Adanson hört den Schwarzen zu und besteht darauf, die BÀume nach ihren Worten zu taufen, spricht bei PapageienblÀttern lieber von Cadelari als von Alternanthera und bringt damit nicht wenige seiner Korrespondenten im Jardin du Roi aus der Fassung. Die kehligen Laute seiner Artennamen sind sperriger als die des Lateinischen, der Weltsprache seiner Zeit, und tragen die Fremdartigkeit bis in die Worte hinein.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

Joseph Pitton de Tournefort (1656-1708) unternahm in seinem ElĂ©ment de botanique eine der ersten umfangreichen Klassifizierungen der Pflanzenwelt: 10.146 Arten, sortiert nach BlĂŒtenform. Pierre Magnol (1638-1715), Intendant des Botanischen Gartens von Montpellier, war der erste, der Verwandtschaften unter den Pflanzen vermutete und den Begriff der Familie fĂŒr Pflanzen mit Ă€hnlichen Merkmalen einfĂŒhrte; ihm ist ĂŒbrigens die Magnolie gewidmet. Carl von LinnĂ© (1707-1778) leitete mit seiner bis heute gĂŒltigen binĂ€ren Nomenklatur einen Wendepunkt in der Naturgeschichte ein; von nun an bestand eine korrekte wissenschaftliche Bestimmung aus dem ĂŒbergeordneten Gattungsnamen und dem Epitheton fĂŒr die Art und ihre Besonderheiten. Auch seine Vorgehensweise gibt Aufschluss ĂŒber das NaturverstĂ€ndnis der Zeit, das von einer geheimen, göttlichen Ordnung ausging, die sichtbar gemacht werden konnte, wenn man die Pflanzen als die Geschöpfe Gottes benannte und sie „in die Harmonie eines immergrĂŒnen Horts“ einordnete. Rudolf Jakob Camerarius (1665-1721) erforschte die SexualitĂ€t der Pflanzen, Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) entwickelte in seiner Flore française den BestimmungsschlĂŒssel, mit dem er die Botanik laientauglich machte, und begleitete die im Zuge der Revolution einsetzende Verwandlung des Pariser Jardin du Roi zum MusĂ©um national d’histoire naturelle.

Dieser Ort der Erforschung der Pflanzenwelt in Paris hatte eine entscheidende Bedeutung in der Geschichte der Botanik schon allein dadurch, dass er eine „unausweichliche Etappe fĂŒr Samen und Stecklinge [war], […] das Eingangstor, durch das all diese Arten gingen“, wie es in Das GedĂ€chtnis der Welt heißt. „Die BlĂŒten in unseren GĂ€rten sind wohl das sichtbarste Erbe der botanischen Expeditionen.“ schreiben Fauve und Jeanson; in den vielen Jahrzehnten vom 16. bis ins 19. Jahrhundert gelangten von Tulpen bis zu MammutbĂ€umen vielfĂ€ltigste GewĂ€chse aus der ganzen Welt nach Paris und von da in die GĂ€rtnereien und zu reichen Besitzern privater GĂ€rten, die immer wieder auf Neuheiten erpicht waren.

Manchmal wird es im Text auch geradezu poetisch-philosophisch; es ist nicht zu ĂŒberlesen, dass Jeanson seinen Beruf als Berufung versteht, und diese Begeisterung teilt er mit seinen Lesern:

Schreiben, beschreiben heißt, in das Geheimnis der Pflanze vorzudringen, den Saft zu schildern, der durch den Stiel nĂ€sst, den Nektar, der vom Stempel tropft, den Duft aufzufangen, der aus einer BlĂŒtenkrone dringt, den Schatten nachzuzeichnen, der unter der Pflanze liegt — und den Stift erst niederzulegen, wenn vor den geschlossenen Augen die Pflanze naturgetreu dasteht, ein identisches Abbild.
Wenn ein Botaniker eine BlĂŒte schneidet, erfasst er den Moment und zugleich die KomplexitĂ€t des Lebendigen.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

An einer anderen Stelle wird der Vergleich von GĂ€rtner und Botaniker zur Metapher erhoben:

Der GÀrtner begleitet die Entwicklung der Pflanzen, er umhegt sie, er erhÀlt sie am Leben. Der Botaniker dagegen schneidet die Pflanzen ab, er beobachtet sie im Tod, um sie besser im Leben situieren zu können.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

Aus seinem NaturverstĂ€ndnis bildet der Botaniker sein WeltverstĂ€ndnis, was sich an den verschiedenen aufblĂŒhenden und wieder in der Versenkung verschwindenden Klassifizierungssystemen der Pflanzenreichs gut ablesen lĂ€sst:

Mit der Zeit hatten sich die Aufgaben der Sammlung verÀndert. Sie war nicht mehr nur eine pflanzliche Arche Noah, die sich mit der Beschreibung der Arten beschÀftigte, sondern auch ein Ort zur Erforschung ihrer Evolution und der Mechanismen, nach denen sie sich auf der ErdoberflÀche verteilten.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

Zur morphologischen Analyse tritt in der Gegenwart eine weitere Informationsquelle, die DNA, mit der ganz neue Prozesse erforscht werden können. Und doch bleibt die Dokumentation als zentrale Aufgabe bestehen, ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und eine essentielle Voraussetzung fĂŒr die Zukunft nicht nur der Botanik:

Seit 350 Jahren verzeichnet das Herbarium alles. Die Arten, ihre Sammler, aber auch Datum und Fundort. Mit dem Erhalt der banalsten Belege und ihrer Wiederholung verhinderten wir, dass das Zeitband riss, das sich von Fund zu Fund zieht; und nur dieses Band kann heute zuverlÀssig die Verwerfungen der Floren und Landschaften dokumentieren.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

Und doch ist Jeansons Blick nicht frei von einer gewissen Nostalgie, einer Wehmut, die sich mit einem leisen Unbehagen vermischt:

Im 16. Jahrhundert war die Natur so beÀngstigend wie faszinierend, bevölkert von Ungeheuern und ChimÀren, denen die Herrscher dieser Welt in der Abgeschiedenheit ihrer KuriositÀtenkabinette bei ihrem Kampf zusahen. Im 21. Jahrhundert ist die Wildnis bestens dokumentiert und mit einem Mausklick jederzeit zugÀnglich; das Mysterium ist dahin, höchstens bleibt uns noch eine Ahnung davon.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

Die Ambivalenz des Fortschritts macht sich Jeanson zufolge auch in der Botanik bemerkbar, die zwar ĂŒber reich ausgestattete Museumssammlungen verfĂŒge, wĂ€hrend die Wildnis selbst als Lebensraum der Pflanzenvielfalt, durch Urbanisierung, Entwaldung, immer weiter zurĂŒckgedrĂ€ngt werde. So gehe auch der neugierige, offene Blick fĂŒr das Lebendige in seiner Gesamtheit verloren:

Die Globalisierung der Pflanzen hat zu einer Art Uniformisierung der Gartenflora gefĂŒhrt. Es gibt keine Wildpflanzen mehr, nur durch menschliche Selektion kĂŒnstlich aufgeblĂ€hte BlĂŒten, die den ahnungslosen SpaziergĂ€nger an der Nase herumfĂŒhrten, ihm weismachten, ihre breiten BlĂŒtenblĂ€tter verkörperten den Gipfel der NatĂŒrlichkeit.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

Natur versus technische ZĂŒchtung, NatĂŒrlichkeit versus ArtifizialitĂ€t, die Nostalgie von Fauve und Jeanson wirkt dennoch an keiner Stelle naiv. Der Botaniker erscheint in ihrem Buch ein wenig selbstironisch als eine aus der Zeit gefallene Spezies, deren Akribie und Selbstvergessenheit bisweilen zum Schmunzeln anregt. Wie in der Schilderung eines Forschungsaufenthaltes von Jeanson in New York, wo er seine nach SĂŒden ausgerichtete Hochhauswohnung, einem geradezu idealen Standort fĂŒr tropische Pflanzen, mit eben solchen bevölkerte:

Byron [sein New Yorker Mitbewohner] zĂ€hlte eines Tages nach und kam auf 180 Arten, Unterarten und VarietĂ€ten, jede mit ihrer kleinen Gebrauchsanweisung, damit er keine Angst vor dem Gießen haben musste, wenn er das fĂŒr mich ĂŒbernahm. Ich fand daran nichts Besonderes, aber er wĂŒrde sagen, dass es schon an Selbstverleugnung braucht, um mit einem Botaniker zusammenzuleben.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

Zugleich deuten die Autoren immer wieder an, dass man sich, so altmodisch und exotisch der Botaniker auch bisweilen wirken mag, von ihm doch auch etwas abschauen kann, einen bestimmten Blick auf die Welt, auf die Natur, die zu bewahren allemal erstrebenswert ist. So ist das prĂ€zise Hinschauen auf das kleineste Detail, das fĂŒr den Botaniker zum Beruf gehört, vielleicht genau das, was sich in unserer beschleunigten Welt wiederzuentdecken lohnt: das Hinschauen auf die ökologische Vielfalt, auf den ganzen Makro- und Mikrokosmos der Natur, der nicht nur medienwirksame Koalas oder EisbĂ€ren bereithĂ€lt, sondern aus einem ganzen Geflecht an Lebendigem besteht, das sich auch gegenseitig beeinflusst.

Die wenigsten Botaniker werden als Botaniker geboren. Erst mit der Zeit lernen sie, das Unsichtbare zu sehen. Die Tiere lenken mit ihrer Possierlichkeit die Blicke auf sich. Die Pflanzen dagegen bleiben reglos und schweigen. Dass sie so gar keine Reaktion zeigen, verweist sie auf die hinteren PlÀtze einer Welt, die stÀndig in Bewegung ist.

Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt

Auch der Antrieb und die Besessenheit des Botanikers, zu sammeln, zu systematisieren, zu erfassen, seine „Angst — vielleicht ja gar nicht zu Unrecht –, die Zwiebel könnte eines Tages verschwinden und Gott oder die Wissenschaft könnte sie dann nach seinen Aufzeichnungen rekonstruieren“, sind altbewĂ€hrte soft skills, die wir fĂŒr die Zukunft wieder brauchen können. Wenn, wie es bei Fauve und Jeanson heißt, „Naturforscher der alten Schule, die eine Pflanze erkennen, aber auch in ihrer Ökologie und ihrem Lebenszyklus erklĂ€ren können, zunehmend zur bedrohten Art“ werden, so tragen sie mit ihrem Text ein StĂŒck dazu bei, ihre Leser anzuhalten, ihren Blick auf das uns umgebende Lebendige zu schulen und den Wert der innehaltenden, genauen Beobachtung zu erkennen.

Bibliographische Angaben
Charlotte Fauve und Marc Jeanson: Das GedĂ€chtnis der Welt — Vom Finden und Ordnen der Pflanzen, Aufbau 2020
Mit Illustrationen von Nils Hoff und aus dem Französischen ĂŒbersetzt von Elsbeth Ranke
ISBN: 9783351034627

Bildquelle
Charlotte Fauve und Marc Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
© 2020 Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

bookmark_borderKamel Daoud: Zabor

Scheherazade erzĂ€hlt, um zu ĂŒberleben, Nacht fĂŒr Nacht. Ismael, der Ich-ErzĂ€hler des algerischen Autors Kamel Daoud, fĂŒr seine literarische Gegendarstellung von Camus‘ L’Etranger (in Meurseault, contre-enquĂȘte, 2014) auch dem deutschen Publikum bekannt, macht seinerseits die Nacht zum Tag und erzĂ€hlt, um Leben zu retten. Er möchte Scheherazade sogar noch ĂŒbertreffen, indem er, schreibend, erzĂ€hlend, nicht sein eigenes Leben, sondern das all der anderen, die dem Tode auf irgendeine Weise nahekommen, verlĂ€ngert. Doch als auf einmal sein eigener Vater, der, der ihn als kleinen Jungen zusammen mit der Mutter verstoßen hat, im Sterben liegt, gerĂ€t er in eine Krise.

Aus dieser Krise versucht sich Ismael, und hier setzt der Roman ein, wiederum mit dem Mittel der Sprache zu befreien: Er schreibt seine eigene Lebensgeschichte nieder, die Geschichte des Sohnes, der frĂŒh die Mutter verloren hat, der vom Vater, einem traditionell lebenden Schafhirten, verstoßen wird, der ungerechterweise beschuldigt wird, seinem Halbbruder Gewalt angetan zu haben, der bei der Tante aufwĂ€chst, die unverheiratet geblieben ist und halbe Tage mit dem Schauen von Telenovelas verbringt; er erzĂ€hlt von seinen epileptischen AnfĂ€llen und seiner Gabe des Memorierens endlos langer Koranverse, von seiner Entdeckung französischer Romane, von seiner krĂ€chzenden Stimme, die Anlass fĂŒr Spott und HĂ€me seiner MitschĂŒler ist und ihn schließlich seine ErfĂŒllung im geschriebenen Wort und der nĂ€chtlichen Dunkelheit suchen lĂ€sst. Er erzĂ€hlt davon, wie es dazu kam, dass er der magische Geschichtenschreiber des Dorfes geworden ist, ein Außenseiter, den die Leute beargwöhnen und doch in ihrer Not immer wieder um Hilfe bitten. Wie sie an ihn und seine außergewöhnliche, den Tod ĂŒberlistende Gabe glauben wollen.

Kamel Daoud hat fĂŒr seinen Wunder wirkenden ErzĂ€hler eine Sprache gefunden, die selbst sehr an ein MĂ€rchen oder mehr noch einen Mythos erinnert. Die mĂ€rchenhafte Verwandlung des armen Waisenjungen in einen Wunderheiler ist auch die eines mythischen SĂŒndenbocks in ein magisches, die Macht des Todes bannendes Opferlamm. Wie im Mythos haben Namen eine symbolische, geradezu performative Bedeutung. ZunĂ€chst nennt sich der Ich-ErzĂ€hler Ismael, wie der erste Sohn Abrahams, der mit seiner verstoßenen Mutter Hagar in die WĂŒste geschickt wird. Im Koran ist Ismael auch der Sohn, der geopfert werden soll, und nimmt damit die Rolle des Opferlamms ein, die in der christlichen Bibel Isaak zugewiesen wird. Im Text werden noch zahlreiche weitere Hinweise auf das von RenĂ© Girard als „SĂŒndenbockmechanismus“ bezeichnete BewĂ€ltigungsritual traditioneller Gesellschaften gestreut, in dem der Ich-ErzĂ€hler die zentrale Funktion des Opferlammes einnimmt. Ismael hat viele Merkmale eines Außenseiters, allen voran seine mit dem Meckern einer Ziege verglichene Stimme, fĂŒr die er sich schĂ€mt und die ihn, wie bereits erwĂ€hnt, einen abnormalen, dem der anderen Dorfbewohner entgegengesetzten Lebensrhythmus entwickeln lĂ€sst. Und wie von einem mythischen SĂŒndenbock wird auch von Ismael behauptet, dass er Schuld auf sich geladen habe, nĂ€mlich die, als Kleinkind seinen Halbbruder in den Brunnen gestoßen zu haben. Ismaels Vater besitzt außerdem nicht zufĂ€llig Vieh, das er zu seinem Lebensunterhalt sowie zu rituellen AnlĂ€ssen schlachtet. Es werden blutige Opferfeste geschildert, die Ismael abstoßend findet, so wie er ĂŒbrigens auch die Tradition und die Religion, die in seinem Dorf noch eine wichtige Rolle spielen, mit großer Skepsis betrachtet.

Gleichwohl ist auch Ismael selbst in einer Welt aufgewachsen, in der Aberglauben, Rituale und magisches Denken das Handeln der Menschen bestimmen. Doch wÀhrend die Dorfbewohner weiterhin Angst davor haben, dass das geschriebene Wort jemanden verfluchen kann, wendet der Ich-ErzÀhler diesen Glauben irgendwann ins Positive. Die Literatur wird zur Magie jenseits eines immer auch Gewalt und Ausschluss implizierenden Opferdenkens. Sie kann, das hat Ismael am eigenen Leib erfahren, beleben, erwecken, heilen. Warum soll sie es also nicht auch mit dem Tod aufnehmen können? Um seine Wandlung komplett zu machen, gibt sich Ismael einen neuen Namen, nachdem er seine Gabe erkannt hat. Er nennt sich von nun an Zabor. Zabor oder Zabƫr ist nach der Lehre des Islam das heilige Buch, das Dawud (David) von Allah offenbart wurde, wahrscheinlich sind damit die Psalmen gemeint.

Kamel Daoud belĂ€sst es jedoch nicht bei einem der Zeit enthobenen MĂ€rchen. Seine ErzĂ€hlung, das macht schon die sorgsam eingearbeitete IntertextualitĂ€t deutlich, geht einen Dialog mit den großen Texten und kulturellen Traditionen der östlichen und westlichen Geschichte ein, und sie setzt sich auf komplexe Weise mit der Kolonialgeschichte Algeriens auseinander. Dem Ich-ErzĂ€hler eröffnet sich mit den Romanen, die er auf französisch liest, eine neue Welt, die Sprache der Kolonisatoren, die selbst nicht frei von Gewalt ist, bringt ihn dazu, seiner Berufung zu folgen und zu schreiben. Doch was er schreibt, das sind auf den Volksglauben zurĂŒckgehende magische Texte, so dass er eine Art Versöhnung von Altem und Neuem herbeizuschreiben imstande ist. Das gelingt ihm freilich nur, indem er selbst ein Leben im Schatten fĂŒhrt, in einer schmerzenden, subversiven Auflehnung gegen die immer noch vorherrschenden patriarchalen Strukturen, innerhalb derer SexulitĂ€t ein Tabu ist und Frauen unterdrĂŒckt werden. Als Sohn einer Verstoßenen liebt der Ich-ErzĂ€hler seinerseits eine Verstoßene, und fĂŒhrt ein Leben abseits der Norm. Doch auch die Gewalt, die Algerien als ehemalige Kolonie erlebt hat, bleibt in Kamel Daouds metapherngleich verdichtetem Mythos von der wunderwirkenden Kraft der Sprache nicht unausgesprochen. Und da Gewalt, wie es der SĂŒndenbockmechanismus zeigt, eigentlich immer im herablassenden, furchtsamen, feindseligen Blick auf den anderen, dem die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe verschlossen wird, ihren Ursprung hat, dreht Kamel Daoud in seiner ErzĂ€hlung den Spieß um und lĂ€sst in einer so naheliegenden wie verblĂŒffenden Umkehrung des Exotischen die französischen Romane, die Ismael verschlingt, als Gipfel der Faszination und des Kuriosen erscheinen.

Zabor liest sich wie ein endloser Psalm, mal lyrisch, mal bedrohlich, ein stĂŒrmisches Hohelied der Sprache, das nicht gerade eine leichte SofalektĂŒre ist, aber durch die Sprache den Blick und die Sinne schĂ€rft und herausfordert.

Bibliographische Angaben
Kamel Daoud: Zabor, Actes Sud 2017
ISBN: 9782330081737

Deutsche Ausgabe:
Kamel Daoud: Zabor, ĂŒbersetzt von Claus Josten, Kiepenheuer & Witsch 2019
ISBN: 9783462052022

Bildquelle
Kamel Daoud, Zabor
© 2023 Les Editions Actes Sud, Société anonyme à directoire, Arles


bookmark_borderSally Rooney: Schöne Welt, wo bist du

Schon GesprĂ€che mit Freunden, den ersten Roman der irischen Autorin Sally Rooney, habe ich gerade deshalb so gerne gelesen, weil Rooney ihre Figuren mit so leicht wirkender Feder in ihren Worten und Gedanken den Lesern nahekommen lĂ€sst, auch wenn sie einer anderen Lebenswelt angehören als man selbst. Auch in ihrem inzwischen dritten und wieder von ZoĂ« Beck ĂŒbersetzten Roman, Schöne Welt, wo bist du, ist man schon nach den ersten Seiten ganz bei den zwei Hauptfiguren, zwei jungen Frauen aus Irland, einer Schriftstellerin und einer Verlagsmitarbeiterin, deren Innenwelten sich im erzĂ€hlerischen Perspektivenwechsel einer elektronischen Brieffreundschaft entfalten.

Das erzĂ€hltechnisch AuffĂ€llige und, wie ich finde, auch besonders Spannende und Spannungsreiche, ist in diesem Roman allerdings ein stilistischer Bruch, der dadurch entsteht, dass zwischen die Kapitel der Korrespondenz, in der die Ich-Perspektive eine tiefe EinfĂŒhlung in die GefĂŒhle und Gedanken der Figur ermöglicht, noch eine weitere ErzĂ€hlperspektive eingeschoben wird, die im Gegensatz dazu einen kĂŒhlen, nĂŒchternen Blick von außen auf das Geschehen richtet. In externer Fokalisierung werden die Figuren und ihr Handeln wie mit einer Filmkamera gezeigt, es wird ganz nah herangezoomt, ohne in ihr Inneres hineinzuschauen.

Im Fokus dieses kĂŒhlen Kamerablicks sowie der in deutlich erhitzterem Ton verfassten Mails stehen vier junge Menschen aus Irland, vier junge EuropĂ€er, könnte man vielleicht auch sagen: die Freudinnen Alice und Eileen, von denen sich die eine, die Schriftstellerin, zum Schreiben, oder fĂŒr einen Bruch mit ihrer bisherigen umtriebigen Lebensweise, in ein Haus auf dem Land zurĂŒckgezogen hat, wĂ€hrend die andere in Dublin geblieben ist, wo sie in bescheidenen VerhĂ€ltnissen fĂŒr eine Literaturzeitschrift arbeitet; und in gewisser Symmetrie dazu die beiden MĂ€nner Felix und Simon, die man nur aus der Außenperspektive der beiden Frauen und, in wiedererkennbarem Rooney-Duktus gestaltet, aus derjenigen der wiedergegebenen Dialoge kennenlernt. Diese vier stehen in nicht ganz eindeutig zu bestimmenden nĂ€heren VerhĂ€ltnissen der Freundschaft, der Liebe, und eines fließenden Dazwischen, zueinander. Ihre freundschaftlichen und amourösen Beziehungen bilden das Zentrum des Romans, um das sich peripher, aber durch viele kaum auflösbare Knoten verknĂŒpft, die in unserem Jahrhundert großen Themen des Arbeitens, Wohnens und ganz allgemein des Lebenswandels legen. Anders, als es heute bisweilen dargestellt wird, sind diese jungen Leute aber keine apolitischen, weltfremden Ignoranten ihrer Umwelt, sondern sich ihres Daseins in einer krisengeschĂŒttelten Welt sehr bewusst. Lebenskrisen, Beziehungskrisen und gesellschaftliche Krisen gehen in ihrer sensiblen Wahrnehmung jedoch ineinander ĂŒber, Selbstzweifel und Selbstironie liegen manchmal nah beieinander, ohne deshalb gleich der Versuchung des Relativierens zu erliegen.

Gerade im Medium des elektronischen Briefes, der sich freilich in Buchform auch nicht anders liest als eine klassische Korrespondenz, verschmelzen EmotionalitĂ€t und IntellektualitĂ€t auf eine nach Offenbarung suchende Weise miteinander. Der Anklang an den Briefroman, als literarischer Ausdruck der Empfindsamkeit, als Feier der Freundschaft und der AuthentizitĂ€t, ist nicht zu ĂŒbersehen. Und doch, alles andere wĂŒrde heute wahrscheinlich als naiv bezeichnet werden, steht er unter anderen Vorzeichen. Die Briefeschreiberinnen nehmen kein Blatt vor den Mund, scheuen keine Direktheit, ihre Worte könnten fĂŒr die andere sehr verletzend sein, wenn sie sich nicht so gut kennen und verstehen wĂŒrden. Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit sind oft nicht voneinander zu trennen, doch Sally Rooney lĂ€sst auch WĂ€rme und Humor durch ihre Zeilen hindurch schimmern und geht nicht soweit, ein gewisses WohlgefĂŒhl des Lesers zu zerstören. So wird das Briefeschreiben zu einem feinen, einem prĂ€zisen, verĂ€stelten Befragen und Selbstbefragen, ein permanentes Suchen nach der richtigen Deutung. Immer wieder wird eine neue Facette eines GefĂŒhls, einer Handlungsmotivation ergĂ€nzt, mit feinsten Antennen ein noch so kleines intellektuelles Detail oder eine emotionale Schwingung aufgespĂŒrt. Das Einander-Schreiben wird zum Ausdruck einer fortwĂ€hrenden und letztlich unabschließbaren Suche nach Wahrheit, nach der Wahrheit ĂŒber den anderen, ĂŒber sich selbst, ĂŒber die gegenseitigen Beziehungen. Dabei tasten sich die beiden Briefeschreiberinnen fast zwangslĂ€ufig an eine Metaphysik heran, die sie sonst aus VerstandesgrĂŒnden ablehnen, die ihrer AufgeklĂ€rtheit, ja manchmal geradezu AbgeklĂ€rtheit zu widersprechen scheint. Je lĂ€nger sie schreiben, desto mehr kommt auch ihre Verletzlichkeit, die sie zugleich fĂŒrchten und ersehnen, an die OberflĂ€che der Worte.

In derselben Weise, in der, vorsichtig und doch mit Nachdruck, an der OberflĂ€che der GefĂŒhle gekratzt und dann richtig gegraben wird, seziert der Roman auch die gegenwĂ€rtigen Diskurse ĂŒber Beziehungen, Geschlechterrollen, IdentitĂ€t, gerade ohne das DeckmĂ€ntelchen einer es sich zu einfach machenden politischen Korrektheit. Dieses wird ohne Scham heruntergezogen, und enthĂŒllt erstaunlicherweise ein anderes Erleben von Schamhaftigkeit, die eigene Verletzlichkeit und die des anderen.

Der Titel des Romans zitiert einen Vers aus einem berĂŒhmten Gedicht von Friedrich Schiller, Die Götter Griechenlands, ein nostalgischer Verweis auf eine vom Göttlichen erfĂŒllte Natur, Ausdruck einer lĂ€ngst nicht mehr zu stillenden Sehnsucht nach einer beseelten mythischen Ursprungszeit; und gleichzeitig klingt in dieser Zeile auch Aldous Huxleys „schöne neue Welt“ an, in der die Utopie ja klar ins Negative gewendet wird. Beides, die Sehnsucht und die Entzauberung, widerstreiten in Sally Rooneys Roman, in dem sich die Autorin wieder als eine Stilistin des Dialogs erweist, des locker leichten und niemals bloß oberflĂ€chlichen GesprĂ€chs.

Bibliographische Angaben
Sally Rooney: Schöne Welt, wo bist du, Claasen 2021
Aus dem Englischen von Zoë Beck
ISBN: 9783546100502

Bildquelle
Sally Rooney, Schöne Welt, wo bist du
© 2021 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

bookmark_borderWolf Haas: Eigentum

Wenn Wolf Haas die Lebensgeschichte seiner Mutter in ErzĂ€hlform packt, dann ist klar, dass daraus kein pathetischer Roman entsteht, auch wenn das Leben seiner Mutter, die 1923 in ein es nicht gerade gut mit ihr meinendes Jahrhundert geboren wurde, durchaus Stoff dafĂŒr bereitgehalten hĂ€tte: Im zarten MĂ€dchenalter aus einer kinderreichen Familie als Dienstmagd zu einem wohlhabenderen Bauern in Pflege gegeben, als junge Frau im Krieg zum Arbeitsdienst nach Deutschland verschickt, mit einem Baby im Bauch die Schweiz verlassend, wo sie als Nichtschweizerin noch dankbar fĂŒr den mageren Lohn sein musste, den sie verdiente, aus dem inzwischen auch mit ihren hart erarbeiteten Ersparnissen neu erbauten Elternhaus bald wieder verjagt, hat sie erst spĂ€t im Leben einen eigenen Platz gefunden, und auch der war sehr beschrĂ€nkt — und nur zur Miete.

Doch Haas, der das wohlmeinend-kategorische Diktum seines Ă€lteren Dichterkollegen, „Lass weg, Haas“, mit einer deutlichen Spur Selbstironie verinnerlicht hat, geht die Sache anders an. In nĂŒchtern-charmantem Wolf-Haas-Ton, der hier doch trotz aller schroffen, kratzbĂŒrstigen Direktheit auch eine nicht wegzuschreibende Sohnesliebe zur inzwischen kurz vor dem Tod stehenden Mutter durchscheinen lĂ€sst, erinnert er sich bei einem Besuch in seinem Geburtsort, der nun auch der Sterbeort seiner Mutter wird, und wĂ€hrend er eigentlich eine Poetikvorlesung konzipieren will, an die oft mantraartig wiederholten BruchstĂŒcke von ErzĂ€hlungen und Lebensweisheiten, die seine Mutter ihm, seit er denken kann, wieder und wieder in ihrem vom Autor natĂŒrlich köstlich wiedergegebenen österreichischen Dialekt vorgebetet hat, so dass schon der kleine Wolf Haas ihre einer vielfach enttĂ€uschten Hoffnung erwachsenen GlaubenssĂ€tze zum Sparen und Erwerben eines eigenen Heims verinnerlicht hat. Ironischerweise wird ihr der lebenslang gehegte Wunsch erst nach dem Tod erfĂŒllt, ihr erstes Eigentum sind die paar Quadratmeter Friedhofserde, in die sie als Tote gebettet wird, was ihr am Ende ihres Lebens zur anfĂ€nglichen Irritation ihres Sohnes ein Grund zur Genugtuung wird.

Das Reflektieren solcher absurd wirkender und doch in voller Überzeugung gelebter GlaubenssĂ€tze ist der Gegenstand der ErzĂ€hlung, in der mal schalkhafte, mal bitterböse Ironie und anteilnehmende Rekonstruktion eines vom Schicksal durcheinander gewirbelten Lebens einander nicht ausschließen.

Bibliographische Angaben
Wolf Haas: Eigentum, Hanser 2023
ISBN: 9783446278332

Bildquelle
Wolf Haas, Eigentum
© 2023 Carl Hanser Verlag, MĂŒnchen

bookmark_borderVictor Jestin: La chaleur

La chaleur, die Hitze, ist ein heißes, erstickendes Kammerspiel, das sich im kurzen Zeitraum von nicht einmal zwei ganzen Tagen an der so gar nicht frischen, sondern vor Hitze flirrenden Luft eines französischen Campingplatzes am Atlantik in den Landes abspielt.

Geschrieben hat das Buch der junge Autor Victor Jestin, Jahrgang 1994, der dafĂŒr in Frankreich auch schon mehrfach ausgezeichnet wurde. La chaleur ist sein DebĂŒt, ein aus der Perspektive des 17-jĂ€hrigen LĂ©onard erzĂ€hlter Jugendroman, der stilistisch und psychologisch eindrucksvoll geschrieben ist und seinen Lesern emotional einiges abverlangt. Dem Text fast wie eine Warnung vorangestellt ist ein Zitat aus BĂŒchners Woyzeck, ĂŒber dessen gleichnamige Hauptfigur im Laufe der Theaterhandlung, sinngemĂ€ĂŸ, eine andere sagt, sie sei in ihrem Wahn zum offenen Rasiermesser fĂŒr die Welt um sie herum geworden.

Die Schockstarre, in die einen gleich die ersten Zeilen von La chaleur versetzen, hat nichts Rasiermesserblutiges an sich und doch lĂ€sst sie einen wie in der eigenen voyeuristischen Leserperspektive ertappt innehalten. Es wird geschildert, wie LĂ©onard, ein Jugendlicher, der seine Sommerferien an einem Campingplatz am Meer verbringt, im Schutze der Dunkelheit beobachtet, wie ein anderer Jugendlicher, Oscar, den LĂ©onard nur flĂŒchtig kennt, sich im trunkenen Zustand selbst tötet, wie er sich in die Seile der Schaukel eindreht, auf der er sitzt, wie er sich irgendwann nicht mehr herauswinden kann und sich so langsam, qualvoll selbst erwĂŒrgt. Wie der Leser verhĂ€lt sich auch LĂ©onard in dieser Szene wie ein Voyeur, wie gelĂ€hmt begnĂŒgt er sich damit, zuzuschauen, ja er sieht dem anderen sogar direkt in die Augen, greift aber nicht ein, tut nichts, die schreckliche Tat zu verhindern. Auch unmittelbar danach steht LĂ©onard immer noch wie neben sich, er begreift selbst nicht, warum er das Schreckliche, warum er den Tod zugelassen, warum er nicht gehandelt hat. Was er aber begreift, ist, dass er durch seine PassivitĂ€t Schuld auf sich geladen hat. Doch er handelt weiter irrational. Anstatt Hilfe zu holen oder auch einfach nur abzuhauen, vergrĂ€bt er den Leichnam des Jungen am Strand in den DĂŒnen.

WĂ€hrend der ganzen ErzĂ€hlung ist man kontinuierlich in den Gedanken von LĂ©onard, erlebt alles aus seiner Sicht. Das ist schockierend, intensiv, und verwirrenderweise auch berĂŒhrend, man fĂŒhlt mit ihm und ist zugleich abgestoßen von seinem (Nicht-) Verhalten. Jestin lĂ€sst uns auf diese Weise in großer Eindringlichkeit miterleben, wie LĂ©onard den darauffolgenden Tag verbringt, die darauffolgende Nacht, und die weiteren Tage bis zu seiner Abreise. Man lernt den Jugendlichen und seine Innenwelt immer genauer kennen, erfĂ€hrt, dass LĂ©onard eigentlich alles andere als einer der feierwĂŒtigen Teenager ist, die sich auf dem Campingplatz tummeln, dass er sich auf all den Partys eher fehl am Platz fĂŒhlt und nicht so recht Anschluss zu finden vermag. Auch an jenem fatalen Abend hatte er sich frĂŒher zurĂŒckgezogen und die Einsamkeit gesucht. Man erfĂ€hrt auch, wie LĂ©onard mit seinen kleinen Geschwistern umgeht, wie er mit seinen Eltern klar kommt, wie er — aus PflichtgefĂŒhl, aus Neugier, schlechtem Gewissen, dem Wunsch zu reden — bei Oscars Mutter vorbeischaut, und wie er sich in ein MĂ€dchen verliebt, das am Vortag ausgerechnet mit Oscar geflirtet hatte; wie er sich, so wie Oscar in den tödlichen Seilen der Schaukel, in einer hitzigen Gedankenspirale an den toten Jungen verfĂ€ngt, und wie er immer wieder Anstrengungen unternimmt, zu reden, zu beichten, und es doch nicht ĂŒber sich bringt.

Die titelgebende Hitze, die natĂŒrlich symbolischen Charakter hat, macht Jestin zur sichtbaren oder besser spĂŒrbaren Begleiterin der innerlichen Turbulenzen, die LĂ©onard durchlebt. Fast erscheint seine „Tat“ als notwendige Konsequenz der Jahr fĂŒr Jahr und auch in diesem Sommer immer unertrĂ€glicher werdenden Temperaturen:

Depuis quelques Ă©tĂ©s dĂ©jĂ , la chaleur ne cessait de s’intensifier. Chaque annĂ©e elle surgissait plus tĂŽt, cette fois dĂšs fĂ©vrier, et on l’avait accueillie sans crainte, trop heureux de finir l’hiver, on avait dressĂ© les terrasses des bars sans prĂ©sager du pire. Je me demandais Ă  compter de quel degrĂ© ce serait trop. Tout se renverserait. On fuirait ce camping comme on saute d’un appartement en flammes (…).

Schon seit einigen Sommern nahm die Hitze unablĂ€ssig an IntensitĂ€t zu. Jedes Jahr kam sie frĂŒher, dieses Mal schon im Februar, man hatte sie furchtlos begrĂŒĂŸt, freute man sich doch zu sehr, dass der Winter endlich zu Ende war, man hatte die Terrassen der Bars geöffnet, ohne das Schlimmste zu ahnen. Ich fragte mich, ab wieviel Grad der Punkt ĂŒberschritten wĂ€re. An dem sich alles umkehren wĂŒrde. Man wĂŒrde vom Campingplatz flĂŒchten, so wie man aus einer brennenden Wohnung springen wĂŒrde (…).

Jestin, Chaleur, S. 33, Übersetzung der Rezensentin

An diesem Kipppunkt, das ist die erzĂ€hlerische Kunst des jungen französischen Autors, bewegt sich die ganze ErzĂ€hlung. Die Hitze des Sommers wird zu einem flirrenden Bild fĂŒr das ĂŒberhitzte Verhalten auch der anderen Teenager, all der flirtenden MĂ€dchen, der aggressiven halbstarken Jungen, des unglĂŒcklichen berauschten Oscar. Bei LĂ©onard ist die Hitze auch ganz deutlich an ein Empfinden der Enge, der BedrĂ€ngnis im Inneren gekoppelt, so dass er bisweilen mit einer scheinbar paradoxen GefĂŒhlskĂ€lte auf die Ă€ußere Überhitzung reagiert. Das schließt nicht aus, dass sich hinter einer solchen scheinbar emotionslosen Haltung ein sehr sensibler Junge verbirgt; seine innere Stimme, die das Geschehene, die den toten Oscar nicht aus dem GedĂ€chtnis vertreiben kann, spricht BĂ€nde, und man leidet beim Lesen mit, erlebt seine Ohnmacht, seine Hemmungen gegenĂŒber seinen Altersgenossen fast wie am eigenen Leib. Mit einfachen und doch immer wieder genau ins Herz treffenden Worten schildert Jestin die unbeholfenen Versuche eines introvertierten und zutiefst aufgewĂŒhlten Jungen, mit anderen in Kontakt zu treten, wie etwa mit Louis, einem anderen Teenager auf dem Campingplatz, zu dem sich eine flĂŒchtige Freundschaft anbahnt:

J’ai voulu lui [Louis] tapoter l’Ă©paule, lui dire un mot, faire quelque chose, mais rien n’est venu. J’ai tentĂ© d’imaginer ce que cela faisait d’ĂȘtre lui en permanence, mais je n’ai pas rĂ©ussi non plus.

Ich wollte ihm [Louis] auf die Schulter klopfen, ihm etwas sagen, irgendetwas tun, aber es kam nichts aus mir heraus. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie es wÀre, stÀndig in seiner Haut zu stecken, aber auch das habe ich nicht fertiggebracht.

Jestin, Chaleur, S. 67, Übersetzung der Rezensentin

Trotz der beklemmenden Hitze allerorten wird der Roman nicht gĂ€nzlich von einer dĂŒster-schweren AtmosphĂ€re erdrĂŒckt, denn Jestin gelingt es, ohne Stilbruch auch leichtere Szenen einzubauen, kurze Einblicke in den Familienalltag zu geben oder das zarte und zugleich herausfordernde Entstehen einer Freundschaft, einer Liebe zu schildern, die das Camp nicht ĂŒberdauern werden. Eine Melancholie der Zeitlichkeit liegt ĂŒber allem, das Leichte und das Schwere sind nicht voneinander zu trennen, sind eng verschlungen im so eindringlich erzĂ€hlten Kosmos einer jugendlichen Suche nach Liebe und Wahrheit. Victor Jestins Text ist vielleicht nicht unbedingt nur ein Jugendroman, sondern vor allem ein ĂŒberzeugendes psychologisches SommerstĂŒck, das einen Blick hinter die idyllischen Kulissen der SandstrĂ€nde wirft und in einer poetischen klaren Sprache die Desillusionierung eines schmerzhaft der Kindheit entwachsenen Teenagers erzĂ€hlt, die fast als Parabel fĂŒr die gegenwĂ€rtige Desillusionierung der Menschheit ĂŒber sich selbst gelesen werden könnte.

C’est beau les Landes, disaient les gens. L’air est pur, il fait chaud, on a l’ocĂ©an devant soi. Personne ne disait: C’est terrible, les Landes. C’est le faux calme des pins, le fracas des vagues dont on sait bien qu’elles on dĂ©jĂ  tuĂ©, et tous ces rires et cris de jouissance mĂȘlĂ©s en un mĂȘme Ă©cho sourd […].

Wie schön die Landes sind, sagten die Leute. Die Luft dort ist klar, es ist warm, der Ozean liegt vor einem. Niemand sagte: Wie schrecklich die Landes sind. Die trĂŒgerische Ruhe der Pinien, der LĂ€rm der Wellen, die, wie man genau weiß, schon den Tod gebracht haben, und all das GelĂ€chter und die Schreie der Lust, die sich im selben dumpfen Echo miteinander vermengen […].

Jestin, Chaleur, S. 47, Übersetzung der Rezensentin

Bibliographische Angaben
Victor Jestin: La chaleur, Flammarion 2019
ISBN: 9782081478961
In deutscher Übersetzung von Sina de Malafosse ist Victor Jestin: Hitze 2021 bei Kein & Aber erschienen.

Bildquelle
Victor Jestin, La chaleur
© Éditions Flammarion SA, Paris



bookmark_borderDrago Jančar: Als die Welt enstand

Drago Jančar erdichtet in einem mythisch aufgeladenen und doch sehr diesseitigen und geschichtsbewussten Buch den biblischen Mythos von David neu, bringt ihn variantenreich und getragen von einer kraftvollen poetischen Stimme im Jugoslawien der Nachkriegszeit zur erzĂ€hlerischen Entfaltung. In der so unscheinbaren wie traurigen und zeitlosen Geschichte der schönen jungen Helena, genannt Lena oder Lenca, die ins Haus gegenĂŒber von Danijel einzieht, dem zum Zeitpunkt der Geschichte jugendlichen ErzĂ€hler, die sich zuerst in den etwas grobschlĂ€chtig und einfĂ€ltig wirkenden, aber handwerklich begabten Pepi verliebt, dann in den vagabundierenden Frauenhelden Ljubo, sowie in den diese Liebesintrige umwirkenden Geschichten ihrer Nachbarn verwirklicht sich zum wohl xten Mal seit der Entstehung der Welt die Geschichte von David und Goliath, die auch die von David und Batseba ist. Es geht um Gewalt und Begehren, um Gut und Böse, um Ressentiment und Zugehörigkeit, um Kindheit und verlorene Illusionen, um NeuanfĂ€nge und alte Wunden.

Der ErzĂ€hler Danijel, am Ende des zweiten Weltkriegs geboren, kennt den Krieg nur aus den ErzĂ€hlungen der Erwachsenen, liest aber ĂŒberall in Maribor seine Spuren, die sich tief in die Stadt und ihre Bewohner eingegraben haben. Auch wenn die ehemaligen Partisanen mit ihrem Helden Tito die Nazis aus dem jetzt Jugoslawien genannten Land verjagt haben, was die MĂ€nner, die aus dem Krieg zurĂŒckgekehrt sind, in vielen trunkenen und immer wieder ausartenden NĂ€chten zu feiern versuchen, ist kein Frieden eingekehrt. Die Gewalt des Krieges dauert fort, unverarbeitete Traumata und Ressentiments, zum Beispiel gegen die deutschslowenischen Bewohner der Stadt, kochen immer wieder hoch, es brodeln die Konflikte zwischen Nachbarn, zwischen denen, die an Gott und jenen, die an den Kommunismus glauben, zwischen und innerhalb der Familien. Auch in Danijels Familie gibt es solche explosiven Stellen, die immer dann nach außen sichtbar werden, wenn der Vater wieder zu viel Wein trinkt und die Mutter erwĂ€gt, ob sie mit dem Sohn besser ĂŒber Nacht zu ihrer Schwester flĂŒchten soll.

AuffĂ€llig ist an Danijels ErzĂ€hlung, dass sie doppelt indirekt und zugleich stark ich-aufgeladen ist, die ErzĂ€hlperspektive ist gewissermaßen gebrochen und hĂ€lt noch einen zweiten, versteckten, erst ganz am Ende kurz auftretenden oder besser aufblitzenden ErzĂ€hler im Hintergrund bereit; oft wird die EzĂ€hlung eingeleitet mit „Danijel erzĂ€hlte,…“, worauf lange Passagen in der Ich-Form folgen. Zwischendurch spricht jedoch auch der versteckte ErzĂ€hler, ĂŒber den man nur mutmaßen kann, dass er ein Freund oder SchĂŒler — oder Chronist — Danijels ist, der dessen Erinnerungen Jahrzehnte spĂ€ter zur Aufzeichnung bringt. Mit Danijel als ErzĂ€hler hat es nĂ€mlich noch eine weitere Bewandtnis. Sein Name verweist auch auf eine Figur und ein Buch der Bibel, auf den apokalyptischen Seher und Traumdeuter Daniel, als welcher auch Jančars Danijel auftritt, mit einem kindlichen, aber dadurch auch unvoreingenommeneren Blick. Dieser Bezug fĂŒgt sich gut in die ohnehin stark biblisch aufgeladene AtmosphĂ€re des Romans. Auch der titelgebende Satz „Als die Welt entstand“ lĂ€sst sich lesen als Verweis auf das zyklisch sich wiederholende mythische Geschehen auf Erden, auf das Schicksalhafte, Unausweichliche, auf den Tod und auch die Gewalt, die sich immer wieder wie eine unheimliche Energie entlĂ€dt. Alles Religiöse ist in Titos Jugoslawien zwar verpönt, aber doch nicht vollkommen aus dem Leben zu tilgen. Auch fĂŒr Danijel, den seine Mutter gegen den Willen des Vaters hat taufen lassen und als Jugendlichen weiter heimlich zu den Kapuzinern schickt, ist Pater Aloisius mit seinen Geschichten aus der Bibel eine wichtige, wenn auch ambivalente Bezugsperson.

Einen noch grĂ¶ĂŸeren Einfluss hat vielleicht die zweite Bezugsperson Danijels außerhalb der Familie, nĂ€mlich Professor Fabjan, der dem neugierigen Jungen mit seinem Globus die Welt erklĂ€rt und ihm auch vom Himmlischen das Sichtbare und gleichermaßen Faszinierende begreiflich macht, die Wolkenformationen, in deren Anblick sich Danijel so gerne versenkt, allein in Gedanken fĂŒr sich oder in Gesellschaft seiner Freundin Vasilka. Denn Danijel möchte die Welt um ihn herum begreifen, die ihm immer wieder so unverstĂ€ndlich erscheint, so seltsam und widersprĂŒchlich, wie im Verhalten der Erwachsenen, so faszinierend und auch grausam, wie in seinen TrĂ€umen. In Danijels ĂŒberwĂ€ltigter Kinderseele spiegelt sich der Zustand der Welt nach dem Krieg, so dass seine eigene Suche nach einem moralischen Kompass fantastisch apokalyptische ZĂŒge annimmt. „Als die Welt entstand“ verweist nĂ€mlich auch auf das, das was jeder Mensch erlebt, auf das millionen- und milliardenfach sich wiederholende Entstehen und Reifen und Begreifen des Schmerzlichen und des Schönen in der Welt, das mit dem Zeitpunkt der Geburt beginnt und sich bis zum Tod nicht aufhalten lĂ€sst. So beginnt Danijel in der Bewegung zwischen Höllenfahrt und Himmelsflug, die Ewigkeit und Endlichkeit des Lebens spĂŒren.

Schließlich erzĂ€hlt der Autor in diesem Buch auch eine Geschichte des Verschwindens, das verschiedene Formen annehmen kann. So viele Figuren aus dem Text, die fĂŒr Danijels Welt der Kindheit und Jugend bedeutsam sind, verschwinden nach und nach: Professor Fabjan, der vielleicht nach Patagonien ausgewandert ist oder doch eher nach Sibirien verbannt oder inhaftiert wurde, wie der Autor selbst es war, der Bruder, der sich in eine weitere Davidsfigur verwandelt und sich als solche nach kurzem Auftritt wieder verliert, Lena, die ins GefĂ€ngnis geht und danach nicht mehr dieselbe ist; auch der invalide deutsche Nachbar verschwindet eines Tages von heute auf morgen mit seiner ganzer Familie, auch Vasilka und mit ihr ein erstes zartes, im Entstehen befindliches LiebesgefĂŒhl, und auch der Vater, der, durch einen Schlaganfall nun auch körperlich versehrt, aus Danijels Leben und ins ferne Kurhaus verschwindet.

Drago Jančar hat ein eindringliches Buch geschrieben, dessen poetisch-realistischer Ton bisweilen an Robert Seethalers Romane ĂŒber einfache und gebeutelte Lebensschicksale erinnert, um dann fĂŒr Momente in einer traumgleichen Opulenz apokalyptischer Visionen aufzubranden.

Bibliographische Angaben
Drago Jančar: Als die Welt entstand, Zsolnay 2023
ISBN: 9783552073586

Bildquelle

Drago Jančar, Als die Welt enstand
© 2023 Carl Hanser Verlag, MĂŒnchen

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