Dass ein Eintauchen in die Geschichte der Botanik alles andere als eine weltabgewandte, trockene NischenbeschĂ€ftigung fĂŒr Spezialisten ist, wird einem schnell klar, wenn man in dem wunderbaren Sachbuch zu lesen beginnt, das die Journalistin Charlotte Fauve und der Botaniker Marc Jeanson gemeinsam geschrieben haben. Die stilsichere Feder der Journalistin und der groĂe Erfahrungsschatz des Botanikers gehen eine gelungene Symbiose ein, aus der ein ĂŒberaus lebendiger und anschaulicher Ăberblick ĂŒber die Geschichte der Botanik hervorgegangen ist, in der Naturgeschichte und Kulturgeschichte kenntnis- und fĂŒr den Leser erkenntnisreich miteinander verknĂŒpft sind.
Das GedĂ€chtnis der Welt ist eine charmante Mischung aus Erfahrungsbericht, Autobiographie und Biographie der Botanik, dessen erzĂ€hlerisches Prinzip sich die Vorgehensweise der Botanik zunutze macht. So wie der Botaniker den Mikrokosmos der Pflanze studiert, um daraus Erkenntnisse ĂŒber den komplexen Kosmos des Pflanzenreiches zu gewinnen, wĂ€hlt auch der Text immer wieder das Anekdotische als Ausgangspunkt, von dem aus sich RĂŒckschlĂŒsse auf die Natur, auf die Geschichte der Menschheit, das Dasein des Lebendigen insgesamt ziehen lassen. Es ist, philosophisch gesprochen, ein sich öffnender Blick, der sich aufs Kleinste konzentriert, um offen fĂŒr groĂe ZusammenhĂ€nge zu sein. Und so erfĂ€hrt man bei der LektĂŒre eine Menge an Kuriosem, an Staunens- und Wissenswertem, erhĂ€lt Einblick in viele spannende ZusammenhĂ€nge zwischen Pflanzenleben und menschlicher Kulturgeschichte, und natĂŒrlich auch in die dem Wandel der Zeit unterworfene Arbeit des Botanikers.
Diese Arbeit, die Praxis der Botanik, schildert Marc Jeanson mit liebevollem Blick als eine zugleich bescheidene und doch so nĂŒtzliche; er erzĂ€hlt, wie er selbst als junger Mann das Herbarium in Paris kennenlernte, wo er sich erst einmal zurechtfinden musste:
Plötzlich war da diese wirre Ansammlung aus Papier und Pflanzen, die mir anfangs so zeitlos vorkam, fest in der Geschichte verankert, und das auch noch mit einer auĂerordentlichen PrĂ€zision. Das GedĂ€chtnis der Welt bestand auch in diesen Tausend getrockneten Pflanzen, und jedes duftende Kron- oder Nebenblatt zeugte vom Fortschritt der Wissenschaft oder vom ersten Kontakt zwischen fremden Kulturen, auf Gedeih und Verderb. Mit diesen bescheidenen Gesten des jahrhundertelangen Sammelns und Pressens wurde das Herbarium zur Zeitmaschine.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
Eine Zeitmaschine ist auch der Text, der der Geschichte der Botanik in mehreren Jahrhunderten nachspĂŒrt, von Forscherdrang, Ausdauer, Neugier erzĂ€hlt, die leider auch immer wieder in Hybris und Ausbeutung umschlug. Der Kolonialismus war ein maĂgeblicher Kontext der Entstehungsgeschichte der Botanik, die Naturforscher, die ihre gefĂ€hrlichen Expeditionen nicht selten selbst mit dem Leben bezahlten, und ihre Geld und Logistik bereitstellenden Auftraggeber verfolgten sehr unterschiedliche Ziele mit der Erforschung oder aber Eroberung neuer (Pflanzen-)Welten. Michel Adanson (1727-1828) etwa, einer der berĂŒhmten und teilweise in Vergessenheit geratenen Pioniere der Botanik, arrangierte sich mit seinen Auftraggebern:
Adanson, der Diener der Wissenschaft, sitzt in der Falle: Denn denen, die die Welt erweitern wollen, dient der Universalismus nur als Vorwand und die Erfassung der Lebewesen allein dazu, die neuen Gebiete ökonomisch und symbolisch zu unterwerfen. Die Gelehrten machen gemeinsame Sache mit den Kaufleuten, und die Kaufleute mit dem Staat.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
An dieser Instrumentalisierung der Botanik zu Herrschaftszwecken ĂŒbte Adanson, der selbst bei den Eingeborenen lebte und ihre Sprache lernte, keine offene Kritik; er schlug aber eine bessere Behandlung der Sklaven auf den Plantagen vor und erkĂ€mpfte zumindest mit den impliziten Waffen des Gelehrten eine gewisse Offenheit fĂŒr das nicht Vetraute, das Andere:
Eine andere seiner vielen Eigenarten besteht darin, dass er die lokalen Namen der von ihm entdeckten Pflanzen beibehÀlt. Adanson hört den Schwarzen zu und besteht darauf, die BÀume nach ihren Worten zu taufen, spricht bei PapageienblÀttern lieber von Cadelari als von Alternanthera und bringt damit nicht wenige seiner Korrespondenten im Jardin du Roi aus der Fassung. Die kehligen Laute seiner Artennamen sind sperriger als die des Lateinischen, der Weltsprache seiner Zeit, und tragen die Fremdartigkeit bis in die Worte hinein.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
Joseph Pitton de Tournefort (1656-1708) unternahm in seinem ElĂ©ment de botanique eine der ersten umfangreichen Klassifizierungen der Pflanzenwelt: 10.146 Arten, sortiert nach BlĂŒtenform. Pierre Magnol (1638-1715), Intendant des Botanischen Gartens von Montpellier, war der erste, der Verwandtschaften unter den Pflanzen vermutete und den Begriff der Familie fĂŒr Pflanzen mit Ă€hnlichen Merkmalen einfĂŒhrte; ihm ist ĂŒbrigens die Magnolie gewidmet. Carl von LinnĂ© (1707-1778) leitete mit seiner bis heute gĂŒltigen binĂ€ren Nomenklatur einen Wendepunkt in der Naturgeschichte ein; von nun an bestand eine korrekte wissenschaftliche Bestimmung aus dem ĂŒbergeordneten Gattungsnamen und dem Epitheton fĂŒr die Art und ihre Besonderheiten. Auch seine Vorgehensweise gibt Aufschluss ĂŒber das NaturverstĂ€ndnis der Zeit, das von einer geheimen, göttlichen Ordnung ausging, die sichtbar gemacht werden konnte, wenn man die Pflanzen als die Geschöpfe Gottes benannte und sie âin die Harmonie eines immergrĂŒnen Horts“ einordnete. Rudolf Jakob Camerarius (1665-1721) erforschte die SexualitĂ€t der Pflanzen, Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) entwickelte in seiner Flore française den BestimmungsschlĂŒssel, mit dem er die Botanik laientauglich machte, und begleitete die im Zuge der Revolution einsetzende Verwandlung des Pariser Jardin du Roi zum MusĂ©um national d’histoire naturelle.
Dieser Ort der Erforschung der Pflanzenwelt in Paris hatte eine entscheidende Bedeutung in der Geschichte der Botanik schon allein dadurch, dass er eine âunausweichliche Etappe fĂŒr Samen und Stecklinge [war], […] das Eingangstor, durch das all diese Arten gingen“, wie es in Das GedĂ€chtnis der Welt heiĂt. âDie BlĂŒten in unseren GĂ€rten sind wohl das sichtbarste Erbe der botanischen Expeditionen.“ schreiben Fauve und Jeanson; in den vielen Jahrzehnten vom 16. bis ins 19. Jahrhundert gelangten von Tulpen bis zu MammutbĂ€umen vielfĂ€ltigste GewĂ€chse aus der ganzen Welt nach Paris und von da in die GĂ€rtnereien und zu reichen Besitzern privater GĂ€rten, die immer wieder auf Neuheiten erpicht waren.
Manchmal wird es im Text auch geradezu poetisch-philosophisch; es ist nicht zu ĂŒberlesen, dass Jeanson seinen Beruf als Berufung versteht, und diese Begeisterung teilt er mit seinen Lesern:
Schreiben, beschreiben heiĂt, in das Geheimnis der Pflanze vorzudringen, den Saft zu schildern, der durch den Stiel nĂ€sst, den Nektar, der vom Stempel tropft, den Duft aufzufangen, der aus einer BlĂŒtenkrone dringt, den Schatten nachzuzeichnen, der unter der Pflanze liegt — und den Stift erst niederzulegen, wenn vor den geschlossenen Augen die Pflanze naturgetreu dasteht, ein identisches Abbild.
Wenn ein Botaniker eine BlĂŒte schneidet, erfasst er den Moment und zugleich die KomplexitĂ€t des Lebendigen.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
An einer anderen Stelle wird der Vergleich von GĂ€rtner und Botaniker zur Metapher erhoben:
Der GÀrtner begleitet die Entwicklung der Pflanzen, er umhegt sie, er erhÀlt sie am Leben. Der Botaniker dagegen schneidet die Pflanzen ab, er beobachtet sie im Tod, um sie besser im Leben situieren zu können.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
Aus seinem NaturverstĂ€ndnis bildet der Botaniker sein WeltverstĂ€ndnis, was sich an den verschiedenen aufblĂŒhenden und wieder in der Versenkung verschwindenden Klassifizierungssystemen der Pflanzenreichs gut ablesen lĂ€sst:
Mit der Zeit hatten sich die Aufgaben der Sammlung verÀndert. Sie war nicht mehr nur eine pflanzliche Arche Noah, die sich mit der Beschreibung der Arten beschÀftigte, sondern auch ein Ort zur Erforschung ihrer Evolution und der Mechanismen, nach denen sie sich auf der ErdoberflÀche verteilten.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
Zur morphologischen Analyse tritt in der Gegenwart eine weitere Informationsquelle, die DNA, mit der ganz neue Prozesse erforscht werden können. Und doch bleibt die Dokumentation als zentrale Aufgabe bestehen, ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und eine essentielle Voraussetzung fĂŒr die Zukunft nicht nur der Botanik:
Seit 350 Jahren verzeichnet das Herbarium alles. Die Arten, ihre Sammler, aber auch Datum und Fundort. Mit dem Erhalt der banalsten Belege und ihrer Wiederholung verhinderten wir, dass das Zeitband riss, das sich von Fund zu Fund zieht; und nur dieses Band kann heute zuverlÀssig die Verwerfungen der Floren und Landschaften dokumentieren.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
Und doch ist Jeansons Blick nicht frei von einer gewissen Nostalgie, einer Wehmut, die sich mit einem leisen Unbehagen vermischt:
Im 16. Jahrhundert war die Natur so beÀngstigend wie faszinierend, bevölkert von Ungeheuern und ChimÀren, denen die Herrscher dieser Welt in der Abgeschiedenheit ihrer KuriositÀtenkabinette bei ihrem Kampf zusahen. Im 21. Jahrhundert ist die Wildnis bestens dokumentiert und mit einem Mausklick jederzeit zugÀnglich; das Mysterium ist dahin, höchstens bleibt uns noch eine Ahnung davon.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
Die Ambivalenz des Fortschritts macht sich Jeanson zufolge auch in der Botanik bemerkbar, die zwar ĂŒber reich ausgestattete Museumssammlungen verfĂŒge, wĂ€hrend die Wildnis selbst als Lebensraum der Pflanzenvielfalt, durch Urbanisierung, Entwaldung, immer weiter zurĂŒckgedrĂ€ngt werde. So gehe auch der neugierige, offene Blick fĂŒr das Lebendige in seiner Gesamtheit verloren:
Die Globalisierung der Pflanzen hat zu einer Art Uniformisierung der Gartenflora gefĂŒhrt. Es gibt keine Wildpflanzen mehr, nur durch menschliche Selektion kĂŒnstlich aufgeblĂ€hte BlĂŒten, die den ahnungslosen SpaziergĂ€nger an der Nase herumfĂŒhrten, ihm weismachten, ihre breiten BlĂŒtenblĂ€tter verkörperten den Gipfel der NatĂŒrlichkeit.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
Natur versus technische ZĂŒchtung, NatĂŒrlichkeit versus ArtifizialitĂ€t, die Nostalgie von Fauve und Jeanson wirkt dennoch an keiner Stelle naiv. Der Botaniker erscheint in ihrem Buch ein wenig selbstironisch als eine aus der Zeit gefallene Spezies, deren Akribie und Selbstvergessenheit bisweilen zum Schmunzeln anregt. Wie in der Schilderung eines Forschungsaufenthaltes von Jeanson in New York, wo er seine nach SĂŒden ausgerichtete Hochhauswohnung, einem geradezu idealen Standort fĂŒr tropische Pflanzen, mit eben solchen bevölkerte:
Byron [sein New Yorker Mitbewohner] zĂ€hlte eines Tages nach und kam auf 180 Arten, Unterarten und VarietĂ€ten, jede mit ihrer kleinen Gebrauchsanweisung, damit er keine Angst vor dem GieĂen haben musste, wenn er das fĂŒr mich ĂŒbernahm. Ich fand daran nichts Besonderes, aber er wĂŒrde sagen, dass es schon an Selbstverleugnung braucht, um mit einem Botaniker zusammenzuleben.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
Zugleich deuten die Autoren immer wieder an, dass man sich, so altmodisch und exotisch der Botaniker auch bisweilen wirken mag, von ihm doch auch etwas abschauen kann, einen bestimmten Blick auf die Welt, auf die Natur, die zu bewahren allemal erstrebenswert ist. So ist das prĂ€zise Hinschauen auf das kleineste Detail, das fĂŒr den Botaniker zum Beruf gehört, vielleicht genau das, was sich in unserer beschleunigten Welt wiederzuentdecken lohnt: das Hinschauen auf die ökologische Vielfalt, auf den ganzen Makro- und Mikrokosmos der Natur, der nicht nur medienwirksame Koalas oder EisbĂ€ren bereithĂ€lt, sondern aus einem ganzen Geflecht an Lebendigem besteht, das sich auch gegenseitig beeinflusst.
Die wenigsten Botaniker werden als Botaniker geboren. Erst mit der Zeit lernen sie, das Unsichtbare zu sehen. Die Tiere lenken mit ihrer Possierlichkeit die Blicke auf sich. Die Pflanzen dagegen bleiben reglos und schweigen. Dass sie so gar keine Reaktion zeigen, verweist sie auf die hinteren PlÀtze einer Welt, die stÀndig in Bewegung ist.
Fauve & Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
Auch der Antrieb und die Besessenheit des Botanikers, zu sammeln, zu systematisieren, zu erfassen, seine âAngst — vielleicht ja gar nicht zu Unrecht –, die Zwiebel könnte eines Tages verschwinden und Gott oder die Wissenschaft könnte sie dann nach seinen Aufzeichnungen rekonstruieren“, sind altbewĂ€hrte soft skills, die wir fĂŒr die Zukunft wieder brauchen können. Wenn, wie es bei Fauve und Jeanson heiĂt, âNaturforscher der alten Schule, die eine Pflanze erkennen, aber auch in ihrer Ăkologie und ihrem Lebenszyklus erklĂ€ren können, zunehmend zur bedrohten Art“ werden, so tragen sie mit ihrem Text ein StĂŒck dazu bei, ihre Leser anzuhalten, ihren Blick auf das uns umgebende Lebendige zu schulen und den Wert der innehaltenden, genauen Beobachtung zu erkennen.
Bibliographische Angaben
Charlotte Fauve und Marc Jeanson: Das GedĂ€chtnis der Welt — Vom Finden und Ordnen der Pflanzen, Aufbau 2020
Mit Illustrationen von Nils Hoff und aus dem Französischen ĂŒbersetzt von Elsbeth Ranke
ISBN: 9783351034627
Bildquelle
Charlotte Fauve und Marc Jeanson, Das GedÀchtnis der Welt
© 2020 Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin